Baustoff mit Geschichte

Ein Musterbeispiel für Recycling: In Embsen werden die Reste aus alter Industrieproduktion aufgearbeitet. Der Gipsputz kommt bei Bauprojekten in ganz Norddeutschland zum Einsatz.
Der Berg war einst riesig. „Hier lagerten mal zwei Millionen Tonnen Gips“, sagt Karl-Heinz Kamp­ner, während er am Rand der Halde auf die große Produktionshalle zusteuert. Die Beschäftigten im Gipswerk Embsen haben in den letzten Jahrzehnten ganze Arbeit geleistet: Aus dem gigantischen Gipsberg, wenige Kilometer südlich von Lüneburg gelegen, ist mittlerweile eher ein Gipsfeld geworden: „Fast 400.000 Tonnen liegen immer noch hier“, stellt der Geschäftsführer klar, „das reicht noch für etwa acht Jahre.“
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Karl-Heinz Kampner ist seit 40 Jahren Werksleiter im Gipswerk Embsen. Er hat die Geschichte des Betriebs, der heute zur Knauff-Gruppe gehört, miterlebt. © tonwert21
Bagger haben sich Wege geschaffen auf der 13 Hektar großen weißen Fläche. Sie schaufeln das Rohmaterial zur Halle, wo es zerkleinert, gemischt und über Förderbänder in das Herzstück der Produktion geleitet wird: Im Groß-Ofen wird dem Gips bei etwa 800 Grad Wasser entzogen, im Fachjargon „Kalzinieren“ genannt, um anschließend als gebrauchsfertiger Gipsputz das Werk zu verlassen. 150 bis 200 Tonnen am Tag.
„Was wir hier machen, ist ein schönes Beispiel für Recycling“, sagt Kampner. Er steht jetzt im Lager, wo sich die Paletten mit ordentlich gestapelten 30-Kilo-Säcken aneinanderreihen. Gips sei ein „tolles Material“, schwärmt er. „Das lässt sich immer wieder aufbereiten, ohne Einbußen in der Qualität.“
Die Halde in Embsen besteht nämlich nicht aus Naturgips, sondern aus Produktionsabfall, der sich über eine lange Zeit aufgetürmt hat: Im Zweiten Weltkrieg wurde hier Salpetersäure für die Rüstungsindustrie produziert, später Phosphorsäure für Düngemittel. Während die Fabriken längst geschlossen sind, wird der bei der Produktion angefallene Gips schon seit den Siebzigerjahren wieder aufbereitet. Heute gehört das Gipswerk Embsen zum Knauf-Konzern, einem der weltweit Größten der Gipsbranche.
„Unsere Aufgabe ist es, die Halde vollständig zu räumen, damit im Anschluss hier neues Gewerbe entwickelt werden kann“, sagt der Ingenieur. Ein Geschäftsmodell mit absehbarem Ende also, aber trotzdem mehr als die Abwicklung von Altlasten. „Der Markt für Gips ist riesengroß, der Konkurrenzdruck hoch.“ Nur mit stetig hoher Qualität und Verlässlichkeit könne man Erfolg haben. „Damit haben wir uns einen festen Kundenstamm aufgebaut, sodass es uns gelungen ist, immer schwarze Zahlen zu schreiben.“
Als Baustoff ist Gips heute so gefragt wie schon vor Jahrtausenden. Gipsfaserplatten ermöglichen einen schnellen Innenausbau, Gipsputz sorgt für ein gutes Raumklima. Dazu verfügt das Material über sehr gute Brandschutzeigenschaften und ist baubiologisch unbedenklich.
Um die gleichbleibende Qualität zu sichern, wird in Embsen der Haldengips mit einem Anteil Naturgips aus dem Harz und sogenanntem REA-Gips aus Kohlekraftwerken gemischt. Sollte deren Laufzeit wegen der Energiekrise verlängert werden, wäre das also gut für die Produktion mit 16 Angestellten in Embsen. Schlecht sind dagegen die steigenden Energiekosten. Der Ofen wird mit Braunkohlestaub beheizt. „Die Preise werden steigen. Das müssen wir weitergeben wie alle anderen auch.“
Nach über 40 Jahren im gleichen Job kann Kampner dabei so schnell nichts aus der Bahn werfen: „Wir haben immer gute Lösungen gefunden, sonst wären wir ja längst nicht mehr da.“ Seit 1979 hat der Werksleiter die wechselvolle Geschichte am Standort miterlebt. Längst hätte sich der 71-Jährige verabschieden können, aber die Ungewissheit hat ihm keine Ruhe gelassen. „Ich wollte nicht rausgehen und ein Vakuum hinterlassen. Ich wollte Klarheit, wie es hier weitergeht, wenn kein Rohstoff mehr da ist.“
Die Perspektive ist mittlerweile gut: Bei Knauf gibt es Pläne, den Standort zum Logistikzentrum auszubauen, der alte Gleisanschluss könnte reaktiviert werden. Kampner will seinen Nachfolger noch einarbeiten, bevor er sich 2023 verabschiedet. Und vorerst gibt es ja noch Gips – zum Glück: „Je länger die Produktion läuft, desto besser für unsere Mitarbeiter.“  
Ute Klingberg

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