Unsere Wirtschaft
Nr. 7124022
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Eine offene Hand über der virtuell ein kreisartiger Pfeil mit dem Wort Risk Management in der Mitte erscheint.

Wie krisenfeste Führung gelingt

Unternehmen sind heute stärker vernetzt, digitalisiert und spezialisiert als je zuvor. Das erhöht ihre Leistungsfähigkeit, macht sie aber zugleich anfälliger für Störungen. Im Interview spricht Prof. Dr. André Röhl, Professor für Safety & Security Management an der NBS Northern Business School Hamburg und Leiter des Studiengangs Sicherheitsmanagement, über Resilienz, kritische Geschäftsprozesse und den richtigen Zeitpunkt für einen Plan B.
Herr Professor Röhl, warum ist Wirtschaftsschutz eine strategische Führungsaufgabe?
Prof. Dr. André Röhl: Eine Krise kann als Ereignis verstanden werden, das ein hohes Schadenspotenzial hat und durch die Alltagsprozesse und -strukturen nicht bewältigt werden kann. Umgekehrt gilt: Leistungsfähige Organisationen können im Zweifelsfall verhindern, dass es überhaupt zu einer Krise im Unternehmen kommt.
Wirtschaftsschutz liegt daher zunächst im Interesse der Unternehmen selbst. Unser Wirtschaftssystem ist in hohem Maße durch Spezialisierung und Vernetzung, aber auch durch Effizienzstreben geprägt. Ausfälle an einer Stelle des Systems können unmittelbare negative Folgen für andere haben. Daraus resultiert auch eine stärkere Bedeutung der Funktionsfähigkeit von Unternehmen für die Gesellschaft, was sich nicht zuletzt in einer zunehmenden Regulierung widerspiegelt.
Hinzu kommt eine faktische Zunahme von Bedrohungslagen für Unternehmen, zum Beispiel durch geopolitische Konflikte und deren Vermengung mit organisierter Kriminalität. Entscheidend ist, dass sich bestehende Gefahren infolge der Kombination von Globalisierung und Digitalisierung stärker auf Unternehmen auswirken können als in der Vergangenheit.
Zu guter Letzt gibt es mit der vor einigen Wochen veröffentlichten Nationalen Wirtschaftsschutzstrategie zusätzliche Angebote, die Unternehmen dabei unterstützen, diese Führungsaufgabe anzugehen. Der beste Zeitpunkt, sich mit Krisenfestigkeit zu beschäftigen, ist also jetzt.
Was haben Cyberangriffe, Sabotage, Naturkatastrophen und internationale Konflikte aus Sicht eines Unternehmens gemeinsam?
Röhl: Alle diese Szenarien sind hochaktuelle Herausforderungen für Unternehmen in Deutschland und haben in der jüngeren Vergangenheit zu Schäden geführt. Zugleich bilden sie keine abschließende Aufzählung dessen, worauf Unternehmen sich vorbereiten sollten.
Im Mittelpunkt sollte vielmehr ein All-Gefahren-Ansatz stehen, der konzeptionell auch nicht vorhersehbare Ereignisse berücksichtigt. Hier kommt der Begriff der Resilienz zum Tragen. Im Kontext des Wirtschaftsschutzes verbindet er die Widerstandsfähigkeit gegen Schadensereignisse mit der Fähigkeit, eingetretene Schäden zu bewältigen und sich an langfristige Veränderungen anzupassen.
Notwendig sind also nicht nur einzelne Maßnahmen gegen einzelne Risiken, sondern ein ganzheitlich ausgerichteter, regelmäßiger Prozess. Das ähnelt den Gefährdungsbeurteilungen im Arbeitsschutz. Auch dort müssen die Arbeitsbedingungen in regelmäßigen Abständen als Ganzes betrachtet werden.
Seminar: Wirtschaftsschutz für Führungskräfte
Wie gut sind Unternehmen auf Spionage, Sabotage, Cyberangriffe oder Know-how-Abfluss vorbereitet? In dem neuen Seminar „Wirtschaftsschutz kompakt: Fahrplan zum krisenfesten KMU“ am Donnerstag, 17. September, 9 Uhr bis 16.30 Uhr, im Zentralgebäude der Leuphana Universität Lüneburg, geben unsere IHK Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW) und das Leuphana Center for Cooperative Security (LCCS) einen praxisnahen Einstieg in den Wirtschaftsschutz. Prof. Dr. André Röhl, Professor für Safety & Security Management an der NBS Northern Business School Hamburg und Leiter des Studiengang Sicherheitsmanagement, ordnet die aktuelle Bedrohungslage ein, erläutert rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen und zeigt, welche Risiken für Unternehmen besonders relevant sind. Im Mittelpunkt stehen Schutzmaßnahmen, Verantwortlichkeiten und konkrete Ansätze, mit denen Führungskräfte Sicherheit im Betriebsalltag verankern können. Das Seminar richtet sich an Unternehmer*innen, Geschäftsführungen und Führungskräfte. Anmeldung unter www.leuphana-gmbh.de/sicherheit.
Welche Abhängigkeiten unterschätzen Unternehmen besonders häufig?
Röhl: Mein Eindruck ist, dass häufig sowohl die Vielfalt der eigenen Abhängigkeiten als auch die langfristigen Folgen einer Unterbrechung von Geschäftsprozessen unterschätzt werden. Das ist unternehmensspezifisch und muss daher aus der Perspektive des jeweiligen Betriebs analysiert werden.
Ein allgemein weit unterschätztes Risiko ist sicherlich die Wirtschaftsspionage. Unternehmen machen teilweise unbewusst Informationen öffentlich zugänglich, die bei einer systematischen Analyse gegen sie verwendet werden können.
Umgekehrt sind sich viele Unternehmen auch nicht ihrer eigenen Bedeutung für die örtliche Gemeinschaft oder des Potenzials einer gemeinsamen Krisenbewältigung bewusst.
Wie finden Betriebe heraus, was für sie wirklich kritisch ist?
Röhl: Im Mittelpunkt steht zunächst die Frage, mit welchen Produkten oder Dienstleistungen das Unternehmen Geld verdient und welche Prozesse dafür unmittelbar wichtig sind. Ebenso relevant kann sein, zu welchen Abläufen ein Unternehmen aufgrund regulatorischer oder vertraglicher Vorgaben verpflichtet ist.
Anschließend muss geklärt werden, wie lange diese Prozesse ausfallen könnten, ohne das Überleben des Unternehmens maßgeblich zu gefährden. Schließlich ist zu prüfen, welche Produktionsfaktoren dafür notwendig sind und wie sichergestellt werden kann, dass diese innerhalb des identifizierten Zeitfensters zur Verfügung stehen. Dafür sollten Konzepte, also ein sprichwörtlicher Plan B, entwickelt werden.
Was können kleine und mittlere Unternehmen konkret tun?
Röhl: Transparenz über die eigenen Abhängigkeiten sowie klar benannte Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten im Krisenfall sollten auf jeden Fall sichergestellt werden. Eine Krise zeichnet sich gerade dadurch aus, dass die üblichen Regeln und Entscheidungsstrukturen aufgrund eines drohenden oder bereits eingetretenen Schadens nicht mehr ausreichen.
Deshalb muss klar sein, wer in einer Krise Entscheidungen trifft und wer kommuniziert. Im besten Fall wird das auch einmal geübt.
Bei der Analyse möglicher Risiken lassen sich möglicherweise Synergien mit der methodisch ähnlichen Gefährdungsbeurteilung nutzen. Im Seminar werden wir außerdem Unterstützungsangebote und Arbeitshilfen vorstellen, die im Rahmen des staatlich koordinierten Wirtschaftsschutzes zur Verfügung stehen.
Ich hoffe zudem, dass wir mit dem Seminar einen Beitrag zur weiteren Vernetzung der Unternehmen in der Region leisten können. Gegenseitig voneinander zu lernen und sich zu unterstützen, ist ein wichtiges Element des Wirtschaftsschutzes – nicht nur, aber gerade für kleine und mittlere Unternehmen. Interview: Sandra Bengsch
IHK Lüneburg-Wolfsburg
Am Sande 1 | 21335 Lüneburg
Tel. 04131 742-0
Mail: service@ihklw.de