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„Wenn wir jetzt nicht reagieren, verblöden wir“
Was KI mit unserem Gehirn macht: Wirtschaftspsychologin Carolin Meyer erklärt, warum wir das Denken nicht ChatGPT überlassen und was wir Jugendlichen heute ganz besonders gut erklären sollten.
Frau Meyer, Sie beschäftigen sich mit der Wirkung von künstlicher Intelligenz auf die menschliche. Was passiert, wenn KI auf Gehirn trifft?
Unser Gehirn ist neuroplastisch, das heißt, je nachdem, wie wir es nutzen, werden bestehende neuronale Verbindungen gestärkt oder abgeschwächt oder neue Verbindungen gebildet. Der Input verändert also unser Gehirn. Wenn wir digitale Medien nutzen, hat das einen Effekt. Bei den Smartphones haben wir gesehen: Die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit reduziert sich. Da wäre es ein Wunder, wenn KI nichts mit uns machen würde.
Ist KI denn eher ein Sprungbrett oder eine Bremse für unser Gehirn?
Es kann beides sein. Wenn wir KI das Denken überlassen und gar nicht mehr versuchen, selbst auf die Lösung eines Problems zu kommen, dann verdummen wir. Wenn wir aber die freiwerdenden Ressourcen produktiv nutzen, zum Beispiel für die Entwicklung und Beantwortung weiterführender und höherwertigerer Fragen, kann KI der Hebel für eine nächste intellektuelle Stufe sein.
Was denken Sie, was zurzeit häufiger passiert?
Leider Ersteres. Ein Problem dabei ist unser Schulsystem. Es setzt auf die Belohnung für richtige Antworten. Und die liefert ChatGPT auf eine sehr bequeme Weise. Wer aber nicht selbst nach der Lösung sucht, der trainiert sein Gehirn nicht. Wir lernen dann, bessere Prompts zu setzen, um noch schnellere und präzisere Antworten zu bekommen. Aber nicht, selbst ein Problem zu lösen.
Warum nehmen so viele trotzdem lieber die Abkürzung?
Weil es natürlich einfacher und schneller ist. Sich die Lösung selbst zu erarbeiten, ist mühsam und anstrengend. Aber es lohnt sich! Das ist wie beim Sport. Eigentlich ist jedem klar, dass man trainieren muss, wenn man besser werden will. Das ist beim Denken genauso. Wenn wir jetzt nicht reagieren, verlernen wir das Denken und verblöden in kürzester Zeit.
Ist KI also das K.O. für unser Gehirn?
Das muss es nicht sein. Es gibt auch ganz große Chancen – wie bei allen technischen Hilfsmitteln. KI kann unsere Effizienz enorm steigern. Zum Beispiel wenn sie uns sehr schnell Faktenwissen liefert oder komplizierte Rechenroutinen abnimmt. Darin liegt ein großes Potenzial: dass wir an KI auslagern, was für uns Fleißarbeit wäre. Wenn wir auf Basis dessen, was uns KI liefert, kreativ weiterdenken und tiefer in die Materie eindringen, ist intellektuelles Wachstum auf einem neuen Niveau möglich, und dann ist KI ein echtes Sprungbrett.
Was bedeutet das für Schule und Ausbildung?
Wir müssen offenlegen, wie Lernen funktioniert und warum eine Lehrkraft eine bestimmte Frage stellt. Nämlich nicht, weil sie die Antwort hören will – die weiß sie ja selbst. Sondern weil sie bestimmte Prozesse im Gehirn anregen will. Die kognitiven, didaktischen und neuronalen Zusammenhänge dürfen nicht länger das Geheimnis von Pädagoginnen und Pädagogen bleiben. Wir brauchen hier echte Aufklärungsarbeit und eine Bedienungsanleitung für nachhaltiges Lernen.
Was muss sich dafür ändern?
Erstens das Belohnungssystem. Es darf nicht nur die richtige Antwort zählen, sondern auch Versuche und Irrtümer auf dem Weg dorthin. Der Fokus auf das Ergebnis verführt dazu, die Abkürzung über ChatGPT zu nehmen und dabei geistig abzubauen. Zweitens müssen wir wieder deutlich mehr Wert auf qualitativ hochwertige Sprache legen, denn das Denkvermögen koppelt sich an Sprache. Wir müssen trainieren, Gedanken scharfzustellen und präzise zu formulieren. Das ist richtig harte Arbeit, aber hocheffizient, um das Gehirn fit zu halten. Und drittens müssen wir mehr Wert auf Quellenkritik legen. Kann das, was die KI sagt, überhaupt stimmen? Wir brauchen mehr gesundes Misstrauen gegenüber KI und einen kritischen Blick auf die Quellen, auf die KI sich stützt.
Was können Betriebe ganz praktisch tun, damit Mitarbeitende das Denken nicht verlernen?
Ganz praktisch? Sie können den Mitarbeitenden nicht nur Sport für den Körper anbieten, sondern auch für das Gehirn. Kreative Gruppen, die eine Denkkultur ohne KI trainieren. Wenn ich meine Mitarbeitenden denkfähig halten will, muss ich sie dabei genauso unterstützen wie bei der körperlichen Fitness. Denn sie werden verführt, aktuell eher weniger selbst zu denken und schnell KI-generierte Ergebnisse abzuliefern. Als Arbeitgeber sollte ich den Maßstab setzen: Gut Ding braucht Weile. Denken braucht Zeit und dieses Zeitinvestment dient der geistigen Fitness.
Es hat sich bereits eine falsche Vorstellung eingeschlichen. Kürzlich habe ich einen Führungskräfteworkshop gehalten. Wir haben uns 45 Minuten einen wichtigen Fachbegriff anhand eines wissenschaftlichen Textes erarbeitet. Als eine Teilnehmerin anschließend ChatGPT dazu befragte und eine ganz ähnliche Antwort erhielt, sagte sie, wir hätten jetzt 45 Minuten unserer Zeit verschwendet. Genau das meine ich: Das war natürlich keine verschwendete Zeit. Sondern wir haben das Thema wirklich durchdrungen, unser Gehirn dabei intensiv trainiert und nachhaltig gelernt.
Es hat sich bereits eine falsche Vorstellung eingeschlichen. Kürzlich habe ich einen Führungskräfteworkshop gehalten. Wir haben uns 45 Minuten einen wichtigen Fachbegriff anhand eines wissenschaftlichen Textes erarbeitet. Als eine Teilnehmerin anschließend ChatGPT dazu befragte und eine ganz ähnliche Antwort erhielt, sagte sie, wir hätten jetzt 45 Minuten unserer Zeit verschwendet. Genau das meine ich: Das war natürlich keine verschwendete Zeit. Sondern wir haben das Thema wirklich durchdrungen, unser Gehirn dabei intensiv trainiert und nachhaltig gelernt.
Carolin Meyer ist Gast beim IHKLW-Netzwerk Ausbildung am 29. April, 14 bis 16.30 Uhr, in Wolfsburg sowie am 16. Juni, 14 bis 16.30 Uhr, in Vastorf, Landkreis Lüneburg. Im IHKLW-Netzwerk Ausbildung treffen sich Ausbilder*innen und Personalverantwortliche, um Impulse und Best Practices zur dualen Ausbildung zu diskutieren.
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