Gemeinsam Fachkräfte sichern

Der Fachkräftemangel ist eines der größten Risiken für die Wirtschaft. Ausbildung, Talente aus dem Ausland und Investitionen in die Arbeitgeberattraktivität: Worauf es jetzt ankommt – ein Interview mit Sönke Feldhusen, stellvertretender IHKLW-Hauptgeschäftsführer.
Herr Feldhusen, immer wieder liest man vom Fachkräftemangel. Wie groß ist das Problem überhaupt?
Der Fachkräftemangel ist aktuell eines der größten Risiken für die regionale Wirtschaft. Konkret zeigt sich das daran, dass offene Stellen in Unternehmen oft lange unbesetzt bleiben, bundesweit sprechen wir zurzeit von 1,7 bis 1,8 Millionen offenen Stellen. Das allein mindert Schätzungen zufolge die Wirtschaftsleistung um rund 2,5 Prozent. Und mit dem Ausscheiden der Baby-Boomer aus dem Arbeitsmarkt ist bis 2030 mit einem demografisch bedingten Rückgang um bis zu fünf Millionen Arbeitskräften zu rechnen. Das heißt: Der Höhepunkt des Fachkräftemangels kommt erst noch.
Welche Branchen in der Region sind schon heute besonders betroffen?
Mitarbeitende fehlen vor allem in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik, in den Bereichen nichtmedizinische Gesundheits- und Körperpflege sowie medizinische Gesundheitsberufe, in der Lebensmittelherstellung und -verarbeitung. Darüber hinaus sind aber auch Fachkräfte in den Mechatronik-, Energie- und Elektroberufen sowie in den Bereichen IT, Verkehr und Logistik zunehmend knapp. Corona verschärft den Fachkräftemangel. Besonders stark zeigt sich das bei Veranstaltern, in der Gastronomie oder bei Reisebüros, die in den Lockdowns Mitarbeiter an andere Branchen verloren haben.
Vor allem suchen Unternehmen in unserer Region aber nach Menschen mit einer abgeschlossenen dualen Berufsausbildung oder darauf aufbauenden Fortbildungsabschlüssen.
Sind es vor allem Fachkräfte mit Hochschulabschluss, die gesucht werden?
Nein. Natürlich fehlt es auch an akademisch gebildeten Fachkräften, insbesondere im südlichen Teil des IHK-Bezirks. Vor allem suchen Unternehmen in unserer Region aber nach Menschen mit einer abgeschlossenen dualen Berufsausbildung oder darauf aufbauenden Fortbildungsabschlüssen. Das bestätigt auch der DIHK-Fachkräftereport, für den 2021 bundesweit 23.000 Unternehmen, darunter 400 aus unserem IHK-Bezirk, befragt wurden. Demnach bestehen die Schwierigkeiten, Kandidatinnen und Kandidaten mit beruflicher Qualifizierung zu gewinnen, in allen Wirtschaftszweigen. Besonders ausgeprägt sind sie im Kfz-Handel und -Reparatur, für Hersteller von Metallerzeugnissen, für das Gastgewerbe und im Maschinenbau. 
Zum IHKLW-Bezirk gehören sieben Landkreise und die Stadt Wolfsburg. Ist die Fachkräftesituation in den Teilregionen unterschiedlich?
Hauptursache für den Fachkräftemangel ist der demografische Wandel. Die Bevölkerung nimmt nicht nur ab, gleichzeitig nimmt auch das Durchschnittsalter zu. Es gibt also immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter. Das betrifft zwar grundsätzlich die gesamte Region, aber in peripher gelegenen Gebieten wie den Landkreisen Lüchow-Dannenberg, Uelzen und Gifhorn ist diese Veränderung stärker spürbar als in Zentren wie Lüneburg oder Wolfsburg, wo die Bevölkerung sogar wächst. Im Norden unseres IHKLW-Bezirks ist der Fachkräftemangel demografiebedingt und teils auch durch die Standortkonkurrenz zu Hamburg am größten.
Und im Süden des IHKLW-Bezirks?
Im Süden haben wir mit Wolfsburg eine Stadt, deren wirtschaftliche Entwicklung eng mit dem größten Arbeitgeber Volkswagen verknüpft ist. Außerdem wirkt sich die Strahlkraft zwei weiterer wirtschaftlicher Zentren aus: Braunschweig mit seiner breiten Forschungslandschaft und Salzgitter, das geprägt ist von der Großindustrie der Big Five – Salzgitter AG, Volkswagen AG, MAN Truck & Bus, Robert Bosch Elektronik sowie Alstrom Transport Deutschland. Diese Wirtschaftsstruktur führt zu einem besonders hohen Druck im Wettbewerb um Fachkräfte: Während es den Großbetrieben der Region zum Teil immer noch erfolgreich gelingt, gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte zu gewinnen, stößt der regionale Mittelstand häufig auf Schwierigkeiten.
Wie können Unternehmen da gegensteuern?
Der Fachkräftemangel hat zu einer Marktumkehr geführt: Während sich früher die Mitarbeiter bei den Unternehmen bewerben mussten, ist heute zunehmend das Gegenteil der Fall: Unternehmen müssen um Mitarbeitende werben. Kardinal wichtig ist es daher, sich als attraktiver Arbeitgeber aufzustellen.
Entscheidende Jobwahlkriterien für die jüngeren Generationen sind Work-Life-Balance, Freude an der Arbeit und Sinn.
Und was macht einen Arbeitgeber attraktiv?
Nach innen ist die leitende Frage, ob die Menschen gern in ihrem Unternehmen arbeiten und den Betrieb auch im Freundes- und Bekanntenkreis weiterempfehlen. Unternehmer sollten die Antwort mindestens ungefähr kennen und aktiv daran arbeiten, dass sie positiv ausfällt. Nach außen geht es darum, die Vorzüge und Werte des Betriebs zielgruppenorientiert und über die dafür jeweils geeigneten Kanäle zu kommunizieren. Bei der jungen Generation Z sind beispielsweise die Werte ganz besonders wichtig. Waren Gehalt und Status für die älteren Jahrgänge noch entscheidende Jobwahlkriterien, so sind es für die jüngeren Generationen Work-Life-Balance, Freude an der Arbeit, aber auch Sinn. Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf, flexible Arbeitszeiten, Unternehmenskultur, soziale Verantwortung des Arbeitgebers, aber auch Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten werden immer wichtiger. Und ein besonders wesentlicher Baustein ist natürlich, dass Unternehmen ihren Fachkräftenachwuchs selbst ausbilden. Denn wer ausbildet, bereitet die Fachkräfte von morgen sehr gezielt auf die Aufgaben im Unternehmen vor und bindet sie schon heute an das Unternehmen.
Aber auch Auszubildende sind heute schwerer zu finden.
Das stimmt. Deshalb geht es im Wettbewerb um Auszubildende nicht mehr darum, sich in erster Linie um die Notenbesten zu rangeln, sondern so viele junge Menschen wie möglich für die Berufsausbildung zu begeistern und – teils mit mehr Unterstützung als sonst – zum erfolgreichen Abschluss zu führen. Auch Zielgruppen wie Menschen mit Flucht- oder Mi­grationshintergrund rücken stärker ins Blickfeld. Grundsätzlich sollten Betriebe schon früh den Kontakt zu potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern suchen. Unsere IHKLW bietet dafür eine Reihe von Angeboten.
Oft raten Eltern ihren Kinder eher zu einem Studium. Sind die beruflichen Perspektiven damit denn wirklich besser?

Eben nicht. Ich hatte ja schon erwähnt, dass Unternehmen aktuell ganz besonders Mitarbeitende mit abgeschlossener dualer Berufsausbildung suchen. Und an der hohen Anzahl der Studienabbrecher sehen wir, dass ein Studium nicht jeden glücklich macht. Wer dicht an der Praxis lernen will, findet in den rund 300 dualen Ausbildungsberufen in Industrie, Handel, Dienstleistungen, Pflege und Handwerk eine Vielzahl von Möglichkeiten. Und danach bleibt alles offen: ob klassisches oder duales Studium oder auch das Erreichen von Bachelor- oder Masterniveau über berufsbegleitende IHK-Fortbildungen. Die Karriereoptionen sind quasi zeitlich und inhaltlich unbegrenzt.
Wie verändern sich Qualifikationsbedarfe durch Digitalisierung?

In einer zunehmend digitalen Arbeitswelt gewinnen lebenslanges Lernen, soziale Fähigkeiten und IT-Anwendungskompetenz an Bedeutung. Umfragen zufolge sehen 90 Prozent der Betriebe die Qualifizierung ihrer Mitarbeitenden als zentrale Antwort auf die digitale Transformation.
Welche Fähigkeiten sind heute besonders gefragt?

Die Zukunft ist heute nur sehr bedingt aus der Vergangenheit ableitbar, geschweige denn planbar. Deshalb braucht es branchenübergreifend Fähigkeiten, die schnelle Anpassungen ermöglichen. Das, was heute gern als „Future-Skills“ bezeichnet wird, sind eigentlich die – leicht geänderten – Schlüsselqualifikationen der Vergangenheit. Dazu zählen Dauerbrenner wie soziale Kompetenz, insbesondere Teamfähigkeit, der Umgang mit Menschen und Lernbereitschaft. Hinzu kommen Veränderungsflexibilität, die Fähigkeit zu eigenbestimmten Lernen, aber auch digitale Kompetenzen wie digitale Wissensbeschaffung, Kollaboration und auch Wissensvermittlung, effektives Arbeiten unter Nutzung digitaler Medien, Datenschutz und -sicherheit. Die gute Nachricht: Sie können durch berufliche Weiterbildung vermittelt werden.
Werden diese Future-Skills in der dualen Ausbildung bereits berücksichtigt?

Zu einem großen Teil geht es hier nicht um theoretisches Wissen, sondern um Fertigkeiten und Erfahrungswissen. Gerade bei deren Vermittlung hat die betriebliche Ausbildung gegenüber dem Studium einen ganz besonderen Vorteil. Azubis arbeiten von Anfang an in gemischten Teams in einer zunehmend digitalen Arbeitswelt, Sie lernen von Älteren, aber auch voneinander. Alles ist auf Handlungsfähigkeit ausgerichtet. Durch die vor einigen Jahren modernisierten Standardberufsbildpositionen gehen digitale Kompetenzen in jede aktualisierte Ausbildungsverordnung ein. Ausbildungsinhalte und Lehrpläne werden laufend angepasst. Dabei ist es insbesondere wichtig zu beschreiben, was diese Fähigkeiten in der Praxis bedeuten. Denn sie müssen später auch abgeprüft werden. Ich bin sicher, dass die betriebliche Ausbildung durch die wachsende Bedeutung der Future Skills an Bedeutung und Ansehen gewinnen kann und auch sollte.
Fachkräfteeinwanderungsgesetz: Die Zielgruppe muss breiter werden, gleichzeitig aber auch die Verfahren schneller.
Künftig werden in allen Qualifikationsgruppen auch Fachkräfte aus dem Ausland benötigt. Jetzt hat die Bundesregierung angekündigt, das Einwanderungsgesetz weiterzuentwickeln. Was ist dabei aus Sicht der Wirtschaft wichtig?
Das seit April 2020 geltende Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist schon eine echte Erleichterung und ermöglicht, bereits mit teilweiser Gleichwertigkeit des beruflichen Abschlusses zuzuwandern, um sich dann nachzuqualifizieren. Das ist wichtig, da das deutsche Ausbildungssystem international nahezu einzigartig ist. Bislang dürfen allerdings nur Praxiskompetenzen fehlen. Sinnvoll wäre es, diese Regelung auch auf fehlendes theoretisches Wissen zu erweitern. Denn auch dieses kann berufsbegleitend nachgeschult werden. Die Zielgruppe muss breiter werden, gleichzeitig aber auch die Verfahren schneller. Dafür ist es wichtig, dass die beteiligten Institutionen wie Auslandsvertretungen und Ausländerbehörden mit den nötigen Ressourcen ausgestattet werden. Schließlich sollen sie reibungslos zusammenarbeiten und dabei kompatible digitale Verfahren und Strukturen einsetzen. Elementar für eine gelingende Integration sind deutsche Sprachkenntnisse, deren Erwerb sowohl in Deutschland als auch im Ausland noch weiter gestärkt werden muss.
Das Matching zwischen Betrieb und Fachkraft im Ausland stellt gerade KMU vor Herausforderungen. Welche Angebote zur Unterstützung gibt es in der Region?
In der Allianz für Fachkräfte – ein vom Land Niedersachsen anerkanntes Fachkräftebündnis unter Trägerschaft unserer IHKLW – werden Hand in Hand mit den anderen Partnern Projekte zur Rekrutierung und Integration gestartet. Drei Beispiele: Beim mittlerweile ausgelaufenen Adelante-Projekt im Heidekreis ging es um die Ausbildung und Integration junger Spanier in regionalen Unternehmen. Die Welcome Center in Lüneburg und im Heidekreis unterstützen Unternehmen bei der Rekrutierung und Integration von ausländischen Fach- und Arbeitskräften und erleichtern internationalen Talenten das Ankommen. Für die Region Wolfsburg übernimmt diese Aufgaben das Welcome Center der Allianz für die Region GmbH, das übrigens ursprünglich auch als Projekt des Fachkräftebündnisses Südostniedersachsen gestartet ist. Weitere Unterstützungsangebote sind auf jeden Fall sinnvoll.
3,94 Millionen Euro können in regionale Projekte zur Fachkräftesicherung fließen.
Gerade erst hat das Land Niedersachsen die Anerkennung des Fachkräftebündnisses Südostniedersachsen und der Allianz für Fachkräfte Nordostniedersachsen bis 2024 verlängert. Was bedeutet das?
Das ist wirklich eine gute Nachricht für die regionale Wirtschaft, denn durch die Anerkennung können in den nächsten drei Jahren 3,94 Millionen Euro in regionale Projekte zur Fachkräftesicherung fließen. Projektträger sind also herzlich willkommen, sich mit Projektideen an die jeweiligen Bündniskoordinatoren der Allianz für Fachkräfte Nordostniedersachsen – also unsere IHKLW – und des Fachkräftebündnisses Südostniedersachsen, das die Allianz für die Region koordiniert, zu wenden. Diese stehen sowohl bei der Entwicklung des Projektvorhabens als auch bei der Antragstellung unterstützend zur Seite.
Wie unterstützt unsere IHKLW Unternehmen bei der Fachkräftesicherung?
Dass wir Betriebe mit dem Nachwuchs zusammenbringen, habe ich erwähnt. Außerdem bieten wir kostenfreie Netzwerke, in denen Unternehmer und Führungskräfte neue Impulse erhalten – etwa zu den Themen Ausbildung, Generationenmanagement und New Work. Wir unterstützen Unternehmen mit dem Siegel „TOP AUSBILDUNG“ dabei, ihre Ausbildungsqualität zu verbessern und bieten ein umfangreiches Weiterbildungsprogramm. Als Koordinatorin der Allianz für Fachkräfte Nordostniedersachsen und Mitglied im Fachkräftebündnis Südostniedersachsen arbeiten wir mit Partnern aus der gesamten Region daran, die Region mit Blick auf die Fachkräftesituation zukunftsfähig aufzustellen.
Sandra Bengsch

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