Freihandel mit Südamerika: EU sagt Ja zu Mercosur
Es ist das größte Handelsabkommen, das die Europäische Union je geschlossen hat und wird die bisher größte Freihandelszone der Welt schaffen: Nach über 25 Jahren Verhandlungen konnte am Freitag, 9. Januar 2026, in Brüssel unter den EU-Mitgliedsstaaten eine Mehrheit für das Mercosur-Abkommen erreicht werden. Einundzwanzig der 27 Mitgliedsstaaten stimmten für das Freihandelsabkommen. Frankreich, Polen, Ungarn, Österreich und Irland votierten dagegen, Belgien enthielt sich. Schon in dieser Woche könnte das Abkommen durch Kommissionspräsidentin von der Leyen und Ratspräsident Costa in Ansunción unterzeichnet werden. Damit das Abkommen in Kraft tritt, ist allerdings noch die Zustimmung des Europäischen Parlaments nötig. Seine Entscheidung wird in den nächsten Monaten erwartet.
Was lange währt, wird endlich gut.
Selten hat die Europäische Union sich so langsam einer Ziellinie genähert, wie im Fall des Mercosur-Abkommens. Rund 26 Jahre hat sie mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay verhandelt. So oft stand der Abschluss zum Greifen nah und wurde dann doch wieder verschoben. Zuletzt kurz vor Weihnachten des letzten Jahres. Nun wurde eilig noch einmal nachgebessert, weitere Zugeständnisse beim Thema Landwirtschaft gemacht und Italien damit offenbar wieder ins Boot geholt. Das war nötig, um die qualifizierte Mehrheit von mindestens 15 Mitgliedsstaaten, die mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung präsentieren, zu erreichen. Damit ist der Weg für die Vertragsunterzeichnung und finale Zustimmung des Europäischen Parlaments nun frei und schon in ein paar Monaten könnte die größte Freihandelszone der Welt mit 32 Ländern und einem Binnenmarkt mit mehr als 700 Millionen Konsumenten Realität sein. Das würde gut 17 Prozent der Weltwirtschaftsleistung und 31 Prozent der globalen Exporte bedeuten. Und es würde nicht zuletzt ein klares Signal in die Welt senden: Globaler Handel erfolgt durch Marktöffnung und nicht durch Protektion.
Warum der Mercosur für die Europäische Union so interessant und wichtig ist.
Der Mercado Común del Sur (Mercosur) wurde 1991 nach dem Vorbild der Europäischen Union zwischen Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay gegründet, um als Zollunion die wirtschaftliche Entwicklung und Integration des südamerikanischen Kontinents zu fördern. Seit 2024 gehört auch Bolivien formal dazu, ist aber nicht Teil des Handelsabkommens mit der Europäischen Union. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt von mehr als zwei Billionen Euro bildet er der Mercosur die fünftgrößte Wirtschaftsregion der Welt. Das wirtschaftliche Interesse der Europäischen Union am Mercosur kommt also nicht von ungefähr – eine gemeinsame Freihandelszone würde für die europäische Industrie, verbundenen Dienstleistungsbranchen, dem Handel sowie investierenden Unternehmen ein riesiger Gewinn sein.
Derzeit exportieren etwa 60 000 europäische Unternehmen in den Mercosur, zur Hälfte kleine und mittlere Unternehmen. In Anbetracht der Chancen, die sich für deutsche Unternehmen in der Mercosur-Region ergeben, könnten es allerdings erheblich mehr sein. Wenn Markteintritt und -Bearbeitung etwas einfacher wären. Und das werden sie: Für knapp 91 Prozent der gehandelten Güter sollen mit dem Inkrafttreten des Abkommens die bisher geltenden Zölle des Mercosur entfallen. Zwar nur sehr wenige sofort, sondern eher über einen Zeitraum von 15 und in Ausnahmen auch noch mehr Jahren – aber sie fallen. Nach Einschätzung der EU-Kommission werden europäische Unternehmen auf diese Weise Kosten im Wert von vier Milliarden Euro pro Jahr sparen. Die jährlichen Ausfuhren in die Mercosur-Staaten könnten um bis zu 39 Prozent wachsen und damit rund 440.000 Arbeitsplätze in der Europäischen Union schaffen.
Profiteure des Zollabbaus werde exportseitig vor allem europäische Unternehmen aus der Automobilindustrie, dem Maschinen- und Anlagenbau, der Chemie-, Pharmazie- und dem Textilsektor sowie der Lebensmittelindustrie sein. In diesen Branchen sind die Zölle, die der Mercosur derzeit erhebt, besonders hoch: Bis zu 35 Prozent auf Pkw und 14 bis 18 Prozent auf Kfz-Teile, 12 bis 20 Prozent auf Maschinen und Anlagen, bis zu 18 Prozent auf chemische Produkte, 14 Prozent auf pharmazeutische Produkte, bis zu 35 Prozent auf Textilien und Schuhe, 27 Prozent auf Wein, 20 Prozent auf Schokolade, 20 bis 35 Prozent auf Whiskey und andere Spirituosen, 16 bis 18 Prozent auf Kekse, 55 Prozent auf Pfirsichkonserven oder 20 bis 35 Prozent auf Softdrinks.
Umgekehrt wird die Europäische Union ihre Zölle für 92 Prozent aller Importe aus dem Mercosur abschaffen. Für Industriegüter soll das innerhalb von zehn Jahren passieren. Zum Schutz der europäischen Landwirtschaft wurden die Märkte bei bestimmten Agrarprodukten allerdings nicht vollständig geöffnet. Die vereinbarten Zollsenkungen gelten dort nur für eine bestimmte Liefermenge.
Nicht ganz so prominent diskutiert, aber dennoch sehr wichtig, sind jene Teil des EU-Mercosur-Freihandelsabkommens, die die Liberalisierung von Handel und Investitionen abzielen, einschließlich des Zugangs zu öffentlichen Aufträgen und der Reduzierung technischer Handelshemmnisse. Für den Handel mit Dienstleistungen wird insbesondere für Schlüsselbranchen wie Post- und Kurierdienstleistungen, Telekommunikation, Finanz-, Unternehmens- und Verkehrsdienstleistungen, IKT und maritime Dienstleistungen für europäische Unternehmen der Zugang Mercosur-Markt festgeschrieben. Auch im Bereich des öffentlichen Auftragswesens wird europäische Unternehmen ein erheblich verbesserter Zugang geboten. Einfacher soll es in Zukunft auch bei den technischen Handelshemmnissen werden, Zertifizierungen und Konformitätserklärungen zum Beispiel. Davon gibt es seitens der Mercosur Region eine Menge, da zahlreiche Vorschriften und Regelungen von den internationalen Standards und Gepflogenheiten abweichen.
Darüber hinaus stärkt das Abkommen die Versorgungssicherheit, indem es Lieferketten für Energie und den Zugang zu wichtigen Rohstoffen aus der Mercosur-Region absichert und zudem europäische Unternehmen interessante Investitionsstandorte in der Region präsentiert. Last but not least: Das Abkommen ist ein klares Signal an Wettbewerber wie die USA und insbesondere China: Nicht durch Abschottung sondern durch Offenheit und Partnerschaft behauptet Europa seine Rolle im Welthandel.
Es gibt auch ein Dagegen.
Nach 25 Jahren Verhandlungen überrascht es kaum, dass das Mercosur-Abkommen nicht nur Befürworter hat. Es sind insbesondere die Landwirte, die einen unfairen Wettbewerb durch günstigere südamerikanische Produkte, die unter weniger strengen Umwelt- und Arbeitsauflagen hergestellt werden, befürchten. Auch Umweltschutzorganisationen warnen vor möglichen Konsequenzen des Freihandels: Die Abholzung des Regenwaldes könnte insbesondere für die Produktion von Rindfleisch und Soja weiter angeheizt werden. Europäische Landwirte wiederum fürchten einen unfairen Wettbewerb durch günstigere südamerikanische Produkte, die unter weniger strengen Umwelt- und Arbeitsauflagen hergestellt werden.
Zum Nachlesen und Informieren:
Welche Bedeutung das Abkommen für Deutschland haben könnte, wird von der Europäischen Kommission in dem Factsheet „EU-Mercosur Partnership Agreement - Opening a wealth of opportunities for people in Germany“ dargestellt. Insbesondere für die Agrarindustrie wurde ein Informationsblatt unter dem Titel „Partnerschaftsabkommen EU-Mercosur - Neue Chancen für europäische Landwirte“ veröffentlicht.
Der englische Wortlaut des Handelsabkommens einschließlich aller Anhänge ist Stand 3. September auf den Webseiten der Europäischen Kommission veröffentlicht: EU-Mercosur: Text of the agreement. In den entsprechenden Anhängen finden sich auch die Details zum Zollabbau: Annex 2A – Tariff elimation schedule; Annex 2B Export Duties.
Workshop: Handschlag mit Herz – Interkulturelle Kompetenz für Geschäfte in Lateinamerika
Lateinamerika wird also in naher Zukunft zu einem wichtigeren Absatzmarkt für deutsche Unternehmen. Wer die kulturellen Spielregeln in der Geschäftswelt kennt, verschafft sich einen klaren Wettbewerbsvorteil. Ein Workshop am 27. Februar zeigt, worauf es ankommt. Details zum Programm und die Möglichkeit zur Anmeldung finden sich im Veranstaltungskalender der IHK Hannover.
Stand: 12.01.2026
