Rebellion gegen Fastfood

In Deutschland steigt die Nachfrage nach vegetarischen und veganen Lebensmitteln. Die sich verändernden Verbrauchergewohnheiten treiben Innovationen in der Ernährungswirtschaft voran. Das eröffnet Marktchancen und stärkt Wettbewerbsfähigkeit in einem stark umkämpften Markt. Davon will jetzt auch ein Gründerteam in Halle (Saale) profitieren.
Als UNICEF im September seinen neuen Ernährungsbericht veröffentlichte, erregte vor allem eine Nachricht großes öffentliches Interesse: Erstmals sind weltweit mehr Kinder adipös als untergewichtig. Deutschland reiht sich hier mit ein. Rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen ist übergewichtig, acht Prozent adipös.

Trend zu gesundem Lebensstil

Zum ganzen Bild hierzulande gehört aber auch der Gegentrend. Denn immer mehr Verbraucher verlassen traditionelle Ernährungsmuster und suchen nach einem bewussten und gesünderen Lebensstil. Der Konsum von Obst und Gemüse ist hoch, der Zuckerkonsum sinkt tendenziell.

Falafel – Bällchen süß oder herzhaft

Die Gründe, etwas in der eigenen Ernährung zu verändern, sind immer individuell, folgen oft aber ähnlichen Mustern oder Impulsen. Uwe Wilhelm und Christian Sommer sind das beste Beispiel dafür. Beide sind sich aufgrund ihrer Berufe in der Medienwirtschaft immer wieder begegnet. Irgendwann kam die Rede auf Essen. Filmautor Wilhelm hatte da seine Ernährung schon einige Jahre nach ärztlichem Anraten auf fleischlos umgestellt, nachdem er vorher viele Jahre Stammgast im Fast-Food-Restaurant um die Ecke war. Filmvermarkter Sommer war viel unterwegs und störte sich immer häufiger daran, dass er bei der Ankunft auf Bahnhöfen nirgends etwas Gesundes zu essen fand. Eine Geschäftsidee wurde daraus, als sie einem der innovativsten und bekanntesten Köche Deutschlands begegneten, Stefan Marquard: Stuffed Falafel. Gefüllte Falafel in verschiedenen Sorten und Geschmacksrichtungen. Süß und herzhaft, saisonal, appetitlich als Bällchen angerichtet. Dahinter eine Mission: Gesunde, leckere und nachhaltige Ernährung massentauglich machen und damit eine Alternative zu klassischem Fastfood anbieten.

Vernetzen als Wachstumsmodell

Inzwischen haben alle drei ihr eigenen Start-Up gegründet, die Stella Moses GmbH, und testen in einem Pop-Up-Store im Hallenser Hauptbahnhof, wie ihre Idee beim Verbraucher ankommt. Ein ideales Testfeld, immerhin frequentieren täglich 45.000 Menschen den Verkehrsknotenpunkt.
Funktioniert der Test, werden die Gründer ihre Falafel-Bällchen über unterschiedlichste Vertriebswege zum Verbraucher bringen. Die Tiefkühltheke im Handel gehört ebenso dazu, wie Lieferservice und Gastronomie oder Krankenhäuser und Schulen. Schrittweises Wachstum ermöglicht zunächst ein Lohnfertiger. Das ist aber nur ein Teil der „Fastfood-Revolution“, die Wilhelm, Sommer, Marquard und ihr Team „anzetteln“. Eine entstehende Community soll sich digital vernetzen können. Über eine App und Plattform, die zunächst bei Auswahl und Bestellung hilfreich und später ausgebaut werden soll, zu einem individuellen digitalen Marktbegleiter der Nutzer.

Gute Marktchancen

Die Chance, mit diesem Ansatz erfolgreich zu sein, ist gut. Der Markt für pflanzliche Alternativprodukte in Deutschland wächst rasant. 2023 erreichte er ein Rekordvolumen von 2,2 Milliarden Euro. Die jährlichen Wachstumsraten liegen konstant im hohen einstelligen oder sogar zweistelligen Bereich. Hinzu kommt wachsende Verbraucherakzeptanz. Über die Hälfte der Bevölkerung hat bereits pflanzliche Alternativprodukte gekauft. Wichtige Kaufgründe sind ethische und ökologischen Motive, die Neugier und der Wunsch, Neues auszuprobieren.

Willkommen in Halle

Mit all dem wollen die Gründer jetzt auch Investoren und Kapitalgeber von ihrer Idee überzeugen, die sie bis jetzt allein finanziert haben. Sie selbst sind überzeugt davon, das von Halle aus zu tun.
„Wir haben uns von anderen möglichen Unternehmensstandorten relativ schnell verabschiedet“, erinnert sich Christian Sommer, den es kurz vor Gründung schon privat in die Region verschlagen hatte. Nach einer Anfrage bei der Wirtschaftsförderung Halle (Saale) „ist uns nicht nur der rote Teppich ausgerollt worden, wir sind regelrecht an die Hand genommen worden, um den besten Platz für unseren Pop-up-Store zu finden.
Und Uwe Wilhelm ergänzt: „Gemeinsam mit der Beratung vom Gründerteam der IHK, der Nähe zu interessanten Hochschulen und einem Branchennetzwerk hat uns das davon überzeugt, dass auch andere an unser Konzept glauben. Wir haben hier in Halle das perfekte Ökosystem für unsere Idee gefunden.“

Verbraucher verändern Branchen

Der Wandel von Verbraucherbedürfnissen ist maßgeblich für Innovationen in der Lebensmittelindustrie. Der Wunsch nach gesunden und gleichzeitig bequemen Produkten treibt die Entwicklung aktuell maßgeblich voran. Insbesondere die Produktion von Fleisch- und Milchersatzprodukten verzeichnet ein starkes Wachstum, angetrieben von der steigenden Nachfrage nach veganen und vegetarischen Optionen. Daneben verändern auch technologische Fortschritte die Branche. Prozessübergreifende IT-Maßnahmen und Automatisierung steigern die Effizienz in der Herstellung und ermöglichen individuell angepasste Produkte. Auch KI ist auf dem Vormarsch. Davon gestützte Lösungen helfen beispielsweise in der Gastronomie, Lebensmittelverschwendung besser zu erkennen und zu vermeiden.

Gesund ankommen in Halle

Seit dem 5. November testet die Stella Moses GmbH im Eingangsbereich des Hauptbahnhofs in Halle (Saale) in einem Pop-up-Store für drei Monate, wie Verbraucher ihre „Stuffed Falafel“ annehmen. Probiert werden kann das gesamte Sortiment von süß bis herzhaft, immer auch saisonal angepasst.

Gründen und Wachsen mit der IHK Halle-Dessau

Die IHK Halle-Dessau begleitet Existenzgründerinnen und -gründer von der ersten Idee bis zum erfolgreichen Unternehmenswachstum mit einer Fülle von Services. Als Ansprechpartner in der Region bieten auch die IHK-Geschäftsstellen Beratung zu Existenzgründung, Finanzierung, Förderung, Nachfolge, Standortmarketing und Weiterbildung. Mit einem umfangreichen Veranstaltungsangebot für neue Unternehmer fördert die IHK darüber hinaus nachhaltige Netzwerke. Der „Begrüßungsabend für Existenzgründer und neue Mitglieder“ markiert den Start. Die „Regionale Gründertheke“ bietet praxisnahe Informationen in entspannter Atmosphäre und der „UnternehmerTreff“ schließlich verknüpft Erfahrungsaustausch und Mitgestaltung. Über die Initiative „Unternehmer machen Schule“ bringt die IHK zudem Gründungserfahrungen direkt in den Unterricht.

20 Jahre Netzwerk Ernährungswirtschaft Sachsen-Anhalt

Seit 20 Jahren stärkt das Netzwerk Ernährungswirtschaft Sachsen-Anhalt e. V. die regionale Lebensmittelbranche. Aktuell zählt das Netzwerk 49 Mitglieder. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit und Standortbedingungen der Ernährungswirtschaft im Dialog mit Landes- und Kommunalpolitik sowie Verwaltung nachhaltig zu stärken bzw. zu verbessern. Die Branche gehört mit einem Jahresumsatz von etwa 7,9 Milliarden Euro zu den umsatzstärksten des Bundeslandes. In Zusammenarbeit mit der IHK Halle-Dessau und der Agrarmarketinggesellschaft (AMG) Sachsen-Anhalt fördert das Netzwerk den Austausch zwischen Unternehmen, Hochschulen und Institutionen. Zusätzlich koordiniert es Kooperationen in Ausbildung, Marketing und Innovation.
Mehr Informationen und Kontakt: www.gutes-aus-sachsen-anhalt.de

Sterneküche für den Alltag

Stefan Marquard ist gelernter Koch und Metzger. Schon 1989 wurde die von ihm geleitete Küche in der „Taverna la Vigna“ in Wertheim-Bettingen als „beste italienische Küche“ in Deutschland ausgezeichnet. Im ersten eigenen Restaurant folgten bald ein Michelin-Stern und 18 Gault-Millan-Punkte. Heute ist Stefan Marquard als Caterer und Berater selbstständig. Als Mitgründer des Start-Ups „Stella Moses“ plant er eine „Fastfood-Revolution“ mit gesunden Alternativen. Ein weiteres Herzensprojekt ist die Initiative „Sterneküche macht Schule“, die sich für eine gesündere und schmackhafte Schulverpflegung engagiert.