Einzelhandel
Stadtmacher: Interview mit Felix Heutelbeck
„Zukunft Innenstadt: Warum Engagement vor Ort entscheidend ist“
Herr Heutelbeck steht wie kaum ein anderer für unternehmerisches Engagement in der Iserlohner Innenstadt. Mit dem traditionsreichen Modehaus B&U und seinem Einsatz als Immobilieneigentümer vereint er stationären Handel und Stadtentwicklung. Im Interview spricht er über Verantwortung, Chancen und seine Vision für eine lebendige Innenstadt.
Tobias Prinz: Die SIHK zu Hagen misst seit November 2023 dauerhaft die Passantenfrequenzen in den Innenstädten der Region. In Iserlohn haben wir im Vergleich von 2024 zu 2025 an allen drei Messstandorten einen deutlichen Anstieg festgestellt. Deckt sich diese Entwicklung mit Ihren eigenen Beobachtungen und worauf führen Sie diese positive Tendenz zurück?
Felix Heutelbeck: Ja, diese Entwicklung deckt sich tatsächlich mit meinen eigenen Beobachtungen. Grundsätzlich ist der Anstieg der Passantenfrequenzen sehr positiv zu bewerten. Das Modehaus B&U haben in Iserlohn insgesamt ein gutes Jahr 2025 erleben dürfen – auch wenn wir gleichzeitig vor großen Herausforderungen standen und weiterhin stehen werden. Ein möglicher Erklärungsansatz für die positive Tendenz liegt darin, dass größere Städte derzeit überproportional an Attraktivität verlieren. Die Fallhöhe ist bei mittelgroßen und kleineren Städten wie Iserlohn geringer, sodass solche Orte von einer gewissen Rückbesinnung auf regionale und überschaubare Innenstädte profitieren. Diese strukturellen Veränderungen eröffnen uns Chancen, die wir auch in Zukunft aktiv nutzen sollten.
Tobias Prinz: B&U ist seit über 150 Jahren Teil der Iserlohner Innenstadt. Welche Rolle nimmt das Modehaus heute für die Stadt ein und was bedeutet der stationäre Handel für Sie persönlich im 21. Jahrhundert?
Felix Heutelbeck: Der stationäre Handel, die Gastronomie, die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum – all das ist untrennbar mit einer funktionierenden Innenstadt verbunden. Und umgekehrt gilt für mich ganz klar: Stirbt die Innenstadt, stirbt auch die Stadt. Als Modehaus, das seit über 150 Jahren Teil der Iserlohner Innenstadt ist, sehen wir uns daher nicht nur als Händler, sondern als aktiven Mitgestalter dieses urbanen Lebensraums.
Denn eine Stadt lebt davon, dass Menschen gerne in ihr leben möchten. Dazu gehören viele Faktoren die in Iserlohn positiv zu bewerten sind: Natur und Freizeitmöglichkeiten, Sportangebote, attraktive Arbeitgeber, ein passendes Immobilien- und Wohnungsangebot, aber auch ein Tourismuserlebnis, das Besucher anzieht. Nur dort, wo Menschen sich wirklich wohlfühlen, werden sie langfristig bleiben – und genau hier spielt der stationäre Handel eine zentrale Rolle.
Für mich persönlich bedeutet stationärer Handel im 21. Jahrhundert deshalb weit mehr als das Angebot von Produkten. Es geht um Begegnung, Atmosphäre und Identität. Unsere Aufgabe ist es, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen sich wohlfühlen und gerne Zeit verbringen. Und je besser das gelingt, desto stabiler und lebendiger bleibt das Herz unserer Stadt.
Tobias Prinz: Sie engagieren sich nicht nur als Einzelhändler, sondern auch als Immobilieneigentümer in der Innenstadt. Was motiviert Sie zu dieser Doppelrolle – und welchen Einfluss hat sie auf Ihre Sicht auf die Entwicklung der City?
Felix Heutelbeck: Auf den ersten Blick wirkt es tatsächlich wie eine klassische Doppelrolle – als Einzelhändler auf der einen und als Immobilieneigentümer auf der anderen Seite. Und natürlich ist es das auch. Aber wenn man genauer hinschaut, verfolgen beide Rollen ein identisches Ziel: die Attraktivität unserer Innenstadt zu stärken. Sowohl aus Sicht des Handels als auch aus Sicht eines Immobilienbesitzers geht es darum, das Stadtbild zu prägen, Frequenzen zu erhöhen und die Aufenthaltsqualität kontinuierlich zu verbessern. Eine funktionierende Innenstadt ist für den stationären Handel unverzichtbar – genauso wie für Immobilieneigentümer, denn sie beeinflusst maßgeblich den Vermögenswert der Immobilie. Deshalb sehe ich diese Doppelrolle weniger als zwei getrennte Perspektiven, sondern vielmehr als eine gemeinsame Verantwortung. Beide Bereiche profitieren von einer lebendigen City – und beide können aktiv dazu beitragen, diese positive Entwicklung zu gestalten.
Tobias Prinz: Die Stadt Iserlohn setzt mit Projekten wie „Wald | Stadt | City“ auf eine multifunktionale Innenstadt. Wie nehmen Sie diese Initiativen als Unternehmer wahr und wo sehen Sie aktuell die größten Chancen für den Standort?
Felix Heutelbeck: Eine multifunktionale Innenstadt ist aus meiner Sicht der absolut richtige Ansatz. Aber klar ist auch: Eine Idee allein reicht nicht – sie muss mit Leben gefüllt werden. Projekte wie ‚Wald | Stadt | City‘ gehen in die richtige Richtung, weil sie den Anspruch formulieren, die Innenstadt ganzheitlich neu zu denken.
Iserlohn bringt dafür grundsätzlich hervorragende Voraussetzungen mit. Wir haben eine einzigartige Nähe zur Natur, starke Sport- und Freizeitangebote, attraktive Arbeitgeber, ein vielfältiges Immobilien- und Wohnungsangebot und durchaus Potenzial im Tourismus. All diese Bausteine können sich gegenseitig verstärken – vorausgesetzt, sie werden in ein durchdachtes, ganzheitliches Konzept eingebettet. Dazu gehört auch eine moderne Verwaltung, die digitale Angebote für die Bürger anbietet und gleichzeitig eine zentrale, gut angebundenen Anlaufstelle vor Ort ist.
Die größten Chancen für den Standort liegen deshalb genau darin verschiedene Lebensbereiche miteinander zu verzahnen und die Innenstadt zu einem Ort zu machen, an dem Menschen nicht nur einkaufen, sondern leben, arbeiten, sich erholen und Begegnung erleben. Wenn es gelingt, dieses Zusammenspiel konsequent weiterzuentwickeln, hat Iserlohn beste Chancen, seine Innenstadt langfristig zu stärken.
Tobias Prinz: Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht der richtige Nutzungsmix aus Handel, Gastronomie, Kultur und anderen Angeboten, damit Innenstädte wirtschaftlich tragfähig und lebendig bleiben?
Felix Heutelbeck: Der richtige Nutzungsmix ist für mich kein starres Prozentmodell, das man einmal definiert und dann für alle Innenstädte anwenden kann. Der optimale Mix ergibt sich immer aus einer fundierten Analyse der Menschen, die wir in die Innenstadt holen wollen: Welche Bedürfnisse haben sie? Was erwarten sie? Und was brauchen insbesondere die Menschen, die wir als Mitarbeitende oder neue Bewohner für unsere Stadt gewinnen möchten?
Entscheidend ist, dass die Innenstadt wieder zu einem attraktiven Treffpunkt wird. Ein Ort, an dem man gerne Zeit verbringt – nicht nur zum Einkaufen, sondern zum Essen, Erleben, Entspannen und Begegnen. Gerade in einer Zeit, in der die Vereinsamung zunimmt, liegt hier eine große Chance: Innenstädte können Räume sein, in denen man unkompliziert nette Menschen trifft und eine schöne Zeit hat.
Wenn Handel, Gastronomie, Kultur und weitere Angebote harmonisch zusammenspielen und sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, dann entsteht genau diese Lebendigkeit, die eine Innenstadt wirtschaftlich tragfähig und zukunftsfähig macht.
Tobias Prinz: Wenn Sie an das Jahr 2030 denken: Wie wünschen Sie sich die Iserlohner Innenstadt und welche Rolle sollte der Handel vor Ort dabei spielen?
Felix Heutelbeck: Ich bin überzeugt, dass der Handel auch im Jahr 2030 eine gewichtige Rolle in der Iserlohner Innenstadt spielen wird – auch wenn sich die Rahmenbedingungen weiter verändern. Digitalisierung wird dabei ein Schlüsselfaktor sein, allerdings anders, als man es vielleicht heute noch versteht. Ich glaube nicht an die Zukunft unzähliger einzelner Online-Shops, denn die nötigen Klickfrequenzen lassen sich für die meisten Unternehmen kaum erreichen. Wer online Produkte verkaufen will, muss über große Plattformen gehen – und dort ist das Machtgefälle enorm – oder vor allem auf etwas anderes setzen: eine starke, dauerhafte Verbindung zum Kunden. Für mich bedeutet Digitalisierung deshalb in erster Linie, Beziehungen zu pflegen, Nähe zu schaffen und Kundinnen und Kunden dort zu begleiten, wo sie sind. Das Leitmotiv ‚Einkaufen bei Freunden‘ wird 2030 hoffentlich noch stärker spürbar sein. Was häufig unterschätzt wird: Handel, Gastronomie, Dienstleister und Handwerksbetriebe in der Innenstadt sind nicht nur Anbieter, sondern auch Arbeitgeber. Hier werden Steuern gezahlt, hier werden Arbeitsplätze geschaffen, Löhne gezahlt und vieles für die Gemeinschaft geleistet. Das hat einen Wert, der weit über das reine Einkaufserlebnis hinausgeht – und es ist allemal sinnvoller, das Geld in der Region zu lassen, statt es zu Konzernen zu tragen, die weder Interesse an unserer Stadt haben noch hier Steuern zahlen. Für 2030 wünsche ich mir daher eine Innenstadt, die lebendig, persönlich und digital gut vernetzt ist. Eine City, in der Unternehmen und Menschen füreinander Verantwortung übernehmen und in der lokale Angebote wieder als echter Mehrwert wahrgenommen werden. Der Handel sollte dabei weiterhin eine zentrale Rolle spielen – als Gastgeber, Vernetzer und Identitätsstifter unserer Stadt.
Wir kommen am 23.4.2026 nach Iserlohn und helfen Händlern direkt vor Ort
Am Donnerstag, dem 23.04.2026, findet der „Digitaltag” in Iserlohn statt. An diesem Tag führt der Digitalcoach Simon Hecht (Handelsverband NRW - Südwestfalen e. V.) zusammen mit Tobias Prinz Handelsexperte der SIHK zu Hagen, einen Online-Sichtbarkeits-Check für Ihr Geschäft durch. Das Angebot ist für Händler*innen kostenlos. Sie müssen nichts vorbereiten.