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„Wir müssen uns um unsere Innenstädte kümmern.“
Deutsche Innenstädte befinden sich seit Langem in einem massiven Transformationsprozess. Und während kleinere Kommunen in Ostthüringen vor allem mit bürokratischen Hürden kämpfen, um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, geht die Stadt Jena ihren ganz eigenen Weg.
„Wir müssen uns um unsere Innenstädte kümmern“, sagt Grit Sachse – während sie aus einer Thermoskanne Kaffee einschenkt. Sie ist Projektmanagerin des Jenaer StadtLab. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Erza Plava hat sie im September 2025 das neue Pop-Up-Büro des Jenaer StadtLab in der Ratszeise bezogen. Ein wenig provisorisch – aber ganz so, wie man sich Pop-up eben vorstellt. Seitdem öffnet sie jeden Tag in den frühen Morgenstunden die schweren Eisentüren zum Jenaer Markt.
„Unsere Türen sind immer offen. Denn wir wollen Gäste empfangen – auch unangemeldet“, sagt Grit Sachse weiter, als eine Mitarbeiterin des Eine-Welt-Haus e.V. beladen mit Veranstaltungstechnik die Ratszeise betritt. „Bedarfe erfragen, Ideen diskutieren, Austausch fördern, Netzwerke schaffen – das ist unsere Aufgabe“, erklärt sie und springt auf, um zu helfen.
Das StadtLab hat sich zu einem Knotenpunkt der Stadt entwickelt, in dem viele Fäden zusammenlaufen. „Wir bringen die Expertise für die kleinen Fragestellungen mit, um auf die Akteure zu verweisen, die dabei unterstützen, damit eine Geschäftsidee auch durchführbar wird“, erklärt sie weiter.
Jenaer Kultladen „Lebeschön“ und Second-Hand-Store „Alte Liebe Vintage“ kommen im StadtLab zusammen und locken mit exklusiven Sale-Aktionen.
Das StadtLab Jena ist ein zentraler Experimentier- und Begegnungsraum in der Jenaer Innenstadt. Es ermöglicht Gründern, Kreativschaffenden und Vereinen, innovative Ideen für Stadtleben und Einzelhandel befristet und zu günstigen Konditionen direkt vor Ort zu testen. „Die Flächen werden vielseitig als Pop-up-Stores, Galerien, Verkaufsräume oder für Workshops genutzt“, sagt Erza Plava. Innenstadtrelevante, kreative Konzepte, die die Innenstadt beleben und die Bürger, die Wirtschaft und die Stadtverwaltung vernetzen wie der „StadtLab Dialog“ wollen sie im StadtLab gezielt fördern, fügt sie hinzu.
Das Projekt ist im Sommer 2023 an den Start gegangen. Bis Ende November 2025 wurde es im Rahmen des Bundesprogrammes „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ gefördert. Aufgrund der guten Resonanz haben JenaWirtschaft und der Fachdienst Stadtentwicklung der Stadt Jena beschlossen das Projekt fortzusetzen – gesichert finanziert vorerst bis Ende des Jahres.
Thüringer Ladenöffnungsgesetz: Wettbewerbsnachteil für stationären Einzelhandel
So unkonventionell und experimentell dieses Innenstadtprojekt für manchen auch daherkommen mag, so ernst ist der Hintergrund: unsere Ostthüringer Innenstadtinitiativen, Händler und Gastronomen kämpfen ums nackte Überleben. Deutlich wurde dies zur Round Table-Diskussion „Bürokratieabbau“, die Anfang März in der IHK Ostthüringen stattfand. Hier zeigten sich Ostthüringer Einzelhändler in Gegenwart der Thüringer Staatssekretäre Mario Suckert und Stephan König besorgt.
Größter Kritikpunkt: Das Thüringer Ladenöffnungsgesetz gerät zunehmend zu einem Wettbewerbsnachteil für den stationären Einzelhandel im Freistaat. Die Antragsverfahren für verkaufsoffene Sonn- und Feiertage führen die Idee selbst, nämlich die Innenstädte am Wochenende zu beleben, zunehmend ad absurdum.
„Wir hatten die Hoffnung, dass wir künftig verkaufsoffene Sonn- und Feiertage beim städtischen Ordnungsamt anzeigen können. Aber da ist beim Land wieder nichts passiert. Wir in den Kleinstädten und auf dem Land finden keine Beachtung. In Erfurt und Jena können Einkaufszentren gefühlt ganz ohne Zusatzveranstaltung öffnen. Wir hingegen erleben eine Ablehnung nach der anderen“, klagt Holger Günthel, Geschäftsinhaber aus Hermsdorf. Laut Thüringer Ladenöffnungsgesetz müssen für die Beantragung von verkaufsoffenen Sonn- und Feiertagen besondere Anlässe vorliegen wie bsp. Märkte, Messen oder feste Veranstaltungen.
René Scholz, Geschäftsführer von Rewe Scholz (rechts) im Interview zu drängenden Themen beim Bürokratieabbau.
Dabei seien es doch gerade die Sonn- und Feiertage, an denen die Menschen Zeit hätten, in die Innenstädte zu gehen. Dazu komme die bundesweit nur in Thüringen geltende Regelung: Beschäftigungsverbot für Angestellte des Einzelhandels an mindestens zwei Samstagen im Monat. „Das ist für uns ein klarer Wettbewerbsnachteil gegenüber Online-Handel und Konkurrenz in angrenzenden Bundesländern“, fügt Rewe-Geschäftsführer René Scholz aus Gera hinzu.
Massiver Transformationsprozess
Es besteht dringender Handlungsbedarf. Immerhin darin sind sich alle Akteure einig. Denn: die Innenstädte befinden sich seit langem in einem massiven Transformationsprozess, der begleitet werden muss. „Innenstadtentwicklung ist eine Gemeinschaftsaufgabe“, sagt Markus Henkenmeier, Projektleiter des StadtLab Jena. So habe die Saalestadt zwar noch eine „ganz gute Grundstruktur“. Aber auch in Jena merken sie, leere Flächen stehen länger leer. Wiedervermietung dauert. „Auf diese Situation wollen wir ein Auge haben – und das ist genau das, was wir hier mit dem StadtLab versuchen. Das Ganze hat einen präventiven Charakter“, fügt er hinzu.
Das Team des StadtLabs: Erza Plava, Grit Sachse und Markus Henkenmeier (v.l.) mit Jenas Fachdienstleiter Stadtentwicklung Lars Liebe.
Innenstädte brauchen mehr als Einzelhandel, müssen um multifunktionale Angebote ergänzt werden, um neue Zielgruppen zu erschließen. Jena sei da auf einem guten Weg. „Das war ein wichtiges Commitment der Stadt, hier im Zentrum eine moderne Stadtbibliothek zu bauen. Innerstädtische Kongresse und Tagungen zu etablieren. Das Volkshaus und das Volksbad bringen eine eigene Identität mit – das ist schon außergewöhnlich. Dazu kommt künftig das Optische Museum als internationales Leitmuseum. All das sind Funktionen, die unsere Innenstadt ergänzen und beleben“, führt Henkenmeier aus.
Und das StadtLab? Es ist eines dieser Rädchen, das zum Gelingen dieses Transformationsprozesses beitragen soll. „Es ist ein Reallabor, in dem es vor allem um Ideen geht, die Support und ein Netzwerk brauchen. Ideen, die einen Ort brauchen, um sich zu entwickeln. Wir gehen dazu super gern in den Austausch – auch mit anderen Kommunen“, sagt Projektmanagerin Erza Plava. Sie hofft, dass das StadtLab-Projekt mit seinen zahlreichen Ideen Nachahmer in weiteren Thüringer Innenstädten findet. „Und wenn es nur eine einzige Idee ist…“
StadtLAB Jena
Egal ob Business Idee oder Vereins-Workshop, temporäre Ausstellung oder urbane Produktion: Das StadtLab Jena bietet mit seiner Fläche vielfältigste Möglichkeiten für kommerzielle und nicht-kommerzielle Nutzungen. Das Ziel ist es, gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern die Jenaer Innenstadt zu einem Ort zu machen, an dem sich alle wohlfühlen und kreative Ideen eine Heimat finden.
stadtlab-jena.de
Egal ob Business Idee oder Vereins-Workshop, temporäre Ausstellung oder urbane Produktion: Das StadtLab Jena bietet mit seiner Fläche vielfältigste Möglichkeiten für kommerzielle und nicht-kommerzielle Nutzungen. Das Ziel ist es, gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern die Jenaer Innenstadt zu einem Ort zu machen, an dem sich alle wohlfühlen und kreative Ideen eine Heimat finden.
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