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SICHERHEIT DES ENERGIESYSTEMS

Saboteure müssen nur googeln

Sabotage, Drohnen, Cyberangriffe: Die Bedrohungslage für die kritische Infrastruktur in Deutschland ist ernst. Aktuelle Fälle zeigen, wie verwundbar die Energieinfrastruktur ist – und welche Maßnahmen Politik und Wirtschaft nun umsetzen sollten.
Für viele Bewohner im Südwesten Berlins wurde Anfang des Jahres ein Horrorszenario Realität. Über vier Tage fiel der Strom aus. Der Grund: Sabotage. Am 3. Januar haben mutmaßlich linksextreme Täter einen gezielten Brandanschlag auf eine Kabelbrücke verübt. Die Fahndungen der Polizei dauern nach wie vor an.
Fast 50.000 Haushalte und mehr als 2.000 Unternehmen waren von dem Stromausfall betroffen. „Berlin zeigt, dass sich auch Unternehmen resilienter aufstellen müssen“, sagt Almut Weinert, Geschäftsbereichsleiterin Wirtschaft und Technologie bei der IHK Ostthüringen.

Energienetz im Fadenkreuz

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Claudia Budich ist Geschäftsführerin der Stadtwerke Energie Jena-Pößneck GmbH und IHK-Vizepräsidentin. © Stadtwerke Jena GmbH
Sabotage der kritischen Infrastruktur ist in Deutschland kein Einzelfall. Das Bundeskriminalamt (BKA) registrierte 2025 mehr als 300 Sabotage-Verdachtsfälle. Das berichten NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung nach Auswertung einer vertraulichen BKA-Analyse, die den Medien vorliegt. Zur kritischen Infrastruktur gehören etwa die Energieversorgung, die Telekommunikation oder das Gesundheitswesen. „Der Sicherheitsdruck auf unsere Anlagen nimmt zu. Wir erleben Cyberangriffe, illegale Drohnenüberflüge und Brandanschläge, auch in Ostthüringen“, berichtet Claudia Budich, Geschäftsführerin der Stadtwerke Energie Jena-Pößneck GmbH.
Die Stadtwerke arbeiten deshalb schon seit geraumer Zeit an der Erhöhung ihrer Sicherheitsmaßnahmen – von Objektschutz und Videoüberwachung über konsequente Cyber-Abwehr bis hin zu Krisenstäben sowie Notfallszenarien. Claudia Budich sieht den Energieversorger gut aufgestellt. Das belegen auch die Zahlen. Im Versorgungsgebiet der Stadtwerke Jena ist im Jahr 2024 pro Kunde durchschnittlich nur für 11,6 Minuten der Strom ausgefallen. Das ist weniger als im Bundesdurchschnitt, so eine Analyse der Stadtwerke.

Transparenzpflichten als Einfallstor für Saboteure

In Deutschland müssen Leistungs- und Standortinformationen zur kritischen Infrastruktur transparent veröffentlicht werden. „Wir sind leider zur Offenlegung sämtlicher Daten verpflichtet“, beklagt Claudia Budich. Ein Missstand für die Chefin der Jenaer Stadtwerke, denn Kriminelle hätten so leichtes Spiel, kritische Punkte im Netz ausfindig zu machen.
Eine EU-Verordnung aus dem Jahr 2013 zwingt Betreiber und Behörden, sensible Informationen offenzulegen. So kann online problemlos eingesehen werden, wo europaweit etwa Stromleitungen verlaufen oder Trafo-Stationen stehen. Kritische Daten frei zugänglich für jeden im Internet – das sei der Sicherheitslage nicht angemessen, meinen etwa der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft oder die Industrie- und Handelskammern. Sie fordern eine deutliche Reduktion der Transparenzpflichten.
In der Koalition in Berlin scheint diese Botschaft angekommen zu sein. In einem Ende Januar beschlossenen Antrag fordert der Deutsche Bundestag die Regierung auf, Transparenzpflichten zu überprüfen und anzupassen.

Sicherheit geht nur gemeinsam

Der Beginn des Krieges in der Ukraine markiert einen Einschnitt im europäischen Sicherheitsdenken. Eine lange vernachlässigte Bedrohungslage wurde plötzlich real. Eine Herausforderung für Deutschland, die Politik, Behörden und Unternehmen nur gemeinsam lösen können. „Wir brauchen klare Zuständigkeiten und ein abgestimmtes Konzept zwischen Kommunen, Einsatzkräften, Bundeswehr und Firmen“, fordert Budich. Die Beteiligten müssten lernen, sich zu vernetzen, ihr Agieren im Notfall proben und innovative Schutzsysteme entwickeln. „Wir als Energieversorger sind nicht dafür ausgestattet, Drohnen abzuschießen.“

Unternehmen für Resilienz sensibilisieren

Das Energiesystem in Thüringen ist gut aufgestellt. Fast zu jedem Verbraucher führen mindestens zwei Stromleitungen. Trotzdem könne auch im Freistaat ein tagelanger Stromausfall nicht vollständig ausgeschlossen werden, warnt die Stadtwerke-Chefin. Dass Firmen vorsorgen, sei deshalb das Gebot der Stunde.
Wir wollen keine Panik verbreiten, dennoch empfehlen wir Unternehmen, sich ganz nüchtern mit Krisenvorsorge zu beschäftigen.
Unternehmen sollten Sicherheitslücken identifizieren, Notfallpläne erarbeiten und Mitarbeiter schulen. „Im Ernstfall ist es wichtig, dass ein Rädchen in das andere greift. Jeder muss genau wissen, was zu tun ist“, sagt IHK-Expertin Almut Weinert.

Ohne Technik geht es nicht

Die IHK empfiehlt, darüber hinaus auch technische Aspekte bei der Krisenvorsorge zu berücksichtigen. Gerade IT-Systeme seien permanent unter Beschuss von Cyberkriminellen. 202 Milliarden Euro beträgt aktuell der jährliche finanzielle Schaden für deutsche Unternehmen durch Cyberangriffe, so die neueste Wirtschaftsschutz-Studie des Digitalverbandes „Bitkom“.
Auch für Stromausfälle sollten Firmen gewappnet sein und überprüfen, ob sich der Kauf von Notstromaggregaten lohnt. „Bei einem Stromausfall werden Kommunen und Energieversorger keine Netzersatzanlagen für Firmen zur Verfügung stellen können“, sagt Weinert. Sie ist sich sicher: Wer Vorsorge trifft, stärkt nicht nur die eigene Widerstandsfähigkeit, sondern kann im Ernstfall auch finanzielle Verluste verhindern.
Vorsorgeplan für Unternehmen

Die Handelskammer Hamburg hat einen Leitfaden für einen Vorsorgeplan für Firmen bei Krisen, Katastrophen und Konflikten entwickelt. Das Dokument enthält auch eine detaillierte Checkliste für die Selbstvorsorge.

ihk.de/leitfaden-vorsorgeplan
 Almut Weinert
Wirtschaft und Technologie
Leiterin Geschäftsbereich