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EUROPAS INDUSTRIE

Tiefel: „Aktuell ist unser Freihandel unfair!“

Der Chef der Silbitz Group, Dr. Torsten Tiefel, sieht Europas Wertschöpfung unter Druck: Dumpingpreise aus Fernost, lange Genehmigungen und hohe Strompreise. Jetzt bekommt er Rückenwind aus Brüssel – mit „Made in Europe“. Eine Idee, die polarisiert.
Dr. Torsten Tiefel hat eine sorgenvolle Miene aufgesetzt. Der Geschäftsführer der Silbitz Group GmbH macht sich Gedanken über die Zukunft der deutschen Wirtschaft. Dumpingpreise und Zölle – die Unsicherheit in der Branche sei groß. „Wir rüsten unsere Industrie gerade ab. Fertig produzierte Waren aus Fernost schwemmen den Markt, und die europäische Wertschöpfung sinkt“, sagt Tiefel.
Die Silbitz Group mit Wurzeln in Ostthüringen ist eine der führenden Gießereien-Gruppen in Europa und hat sich auf die Herstellung von hochbelastbaren Gussteilen für Windräder in Nord- und Ostsee spezialisiert.

Faire Voraussetzungen gesucht

Wirtschaftspolitik als geopolitische Strategie zu denken, war lange Zeit ein Tabuthema. Doch durch den amerikanischen Protektionismus und den chinesischen Exportüberschuss rückt das Thema auch für Europa deutlich stärker in den Fokus. Es sind vor allem die unfairen Wettbewerbsbedingungen, die Torsten Tiefel stören: „In China finden versteckte staatliche Subventionen statt. Das ist vollkommen ersichtlich.“

Im Westen treibt zusätzlich die US-Zollpolitik europäischen Firmen Sorgenfalten auf die Stirn. Laut der Supply-Chain-Analyse des Bundesverbandes der Deutschen Industrie wollen in den kommenden zwei bis drei Jahren fast 70 Prozent der befragten Unternehmen Teile ihrer Produktion ins Ausland verlagern. Ein Viertel davon möchte mehr in den USA produzieren, knapp ein Fünftel in China.
Speziell die europäische Windindustrie steht durch die billige chinesische Konkurrenz unter Druck. „Nahezu alle Turbinen für Windräder an Land kommen mittlerweile aus Fernost“, so Tiefel. Und auch im Offshore-Bereich drängen chinesische Anbieter auf den Markt. Das trifft Zulieferer wie die Silbitz Group.

Europäische Wirtschaft in Bedrängnis

Gemeinsam mit mehr als 1.100 Unternehmern hat sich Torsten Tiefel deshalb dem Appell des EU-Kommissars Stéphane Séjourné angeschlossen. Der französische Politiker aus der Partei von Emmanuel Macron ist in Brüssel für Wohlstand und Industriestrategie verantwortlich. In zahlreichen europäischen Zeitungen spricht er Anfang Februar von einer „Gefährdung unserer Vorzeigeindustrien“ und warnt vor einer „Schrumpfung der globalen industriellen Präsenz Europas“. Die EU müsse „mehr und strategischer produzieren“ und dürfe nicht zu einer „bloßen Produktionsstätte für externe Mächte“ verkommen, so der 40-jährige Politiker weiter.
Er fordert, öffentliche Gelder der EU nur dann einzusetzen, wenn sie Produktion und Arbeitsplätze direkt in Europa sichern. Séjournés Vision heißt „Made in Europe“ – Produkte aus Europa für Europa.

Industrie schützen – Wettbewerb ermöglichen

Dass Europa eine aktive Industriepolitik gestaltet, ist aus Sicht von Torsten Tiefel längst überfällig: „Die Zeit ist mehr als überreif, faire Wettbewerbsbedingungen global herzustellen.“ Dazu zähle neben der Prämisse „EU-Aufträge nur an EU-Betriebe“ notfalls auch, Zölle bei Dumpingpreisen zu erheben.
Als weiteren Hebel wünscht sich Tiefel eine faire CO₂‑Bepreisung. „Die Lieferkette mit zehntausenden Kilometern Schiffstransport hat einen höheren CO₂‑Verbrauch als eine Lkw-Fahrt von ein paar hundert Kilometern – das muss verpflichtend berücksichtigt werden.“ Nur so könne die EU global und länderunabhängig für die gleiche Regulatorik sorgen.

Nachhaltig denken – nicht nur beim Klima

Momentan beschränken sich die Regeln der europäischen Klimapolitik primär auf den eigenen Binnenmarkt. Europäische Unternehmen werden bei der Transformation von der Politik in die Pflicht genommen. Das verursache Kosten, mache den Standort teuer und lokale Zulieferer hätten Probleme, Abnehmer für ihre Produkte zu finden, beklagt Tiefel.
Wir sind mittlerweile an einem Punkt angekommen, wo Schiffsfrachten aus Fernost günstiger sind als Transporte innerhalb Europas.
Für Tiefel ist die aktuelle Industriepolitik zu kurzsichtig gedacht. Klimaschutz sei zwar ein entscheidender Zukunftsfaktor für die Wirtschaft, aber es brauche einen fairen und vergleichbaren Rahmen für alle Wettbewerber. „Wenn wir stolz darauf sind, alle Produkte in China zu kaufen und die heimische Industrie samt der Beschäftigten vor die Wand fährt, dann ist das nicht meine Vorstellung von Nachhaltigkeit“, so der Geschäftsführer weiter.

Europäischer Protektionismus?

Von „Made in Europe“ oder „Buy European“ sind nicht alle begeistert. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) etwa warnt vor einer Einschränkung der unternehmerischen Freiheit. Sie befürchtet steigende Kosten, zusätzliche Bürokratie und einen Glaubwürdigkeitsverlust beim Einsatz für einen offenen Handel. „Europa muss wieder ein attraktiver Standort für Investoren werden. Zusätzliche Regulierung oder protektionistische Reflexe wären das falsche Signal“, meint DIHK-Präsident Peter Adrian.
Torsten Tiefel kann diese Bedenken nicht nachvollziehen: „Mit dem Appell geht es uns schlicht um Fairness. Die Dumpingpreise aus Fernost sind das genaue Gegenteil. Wir setzen uns für eine nachhaltige Wirtschaftspolitik ein. Das hat nichts mit stumpfem Protektionismus zu tun.“

Zu lang und zu teuer

Einigkeit herrscht dagegen beim Thema Bürokratierückbau. Die Silbitz Group stört sich etwa an langen Genehmigungsverfahren beim Transport von Produkten über Ländergrenzen hinweg. „Wenn der Kunde seine Bestellung am nächsten Montag braucht, aber die Transporterlaubnis sechs Wochen auf sich warten lässt, ist das schädlich für den Wirtschaftsstandort“, erläutert Torsten Tiefel.
Die Bundesregierung tue zu wenig. Auch beim Strompreis seien die Entlastungen allenfalls homöopathisch: „Der geplante Industriestrompreis bringt bei unserer Unternehmensgruppe eine Entlastung von einem Prozent. Das ist gar nichts“, meint der Geschäftsführer. Klar ist: Bundesregierung und EU müssen handeln. Es stehen Zukunftsbranchen mit zehntausenden Arbeitsplätzen auf dem Spiel.
Silbitz Group GmbH

Die Silbitz Group ist ein ehrwürdiges Industrieunternehmen. 1938 wird die Gießerei unter dem heutigen Namen in Silbitz im Saale-Holzland-Kreis gegründet. Heute arbeitet die Gießerei-Gruppe an fünf Standorten in Deutschland und der Slowakei. Die Firma sei stolz auf ihre Arbeitsplatzsicherheit und bezahle die Mitarbeiter nach Tarif, heißt es aus dem Unternehmen. Neben der Windkrafttechnik fertigt die Silbitz Group auch Produkte, zum Beispiel für den Maschinenbau, die Bahn oder für Motoren. Die Unternehmensgruppe hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu wirtschaften.

silbitz-group.com
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