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STARTUP-EXPERTE IM INTERVIEW

Enke: „Wir haben in Thüringen ein strukturelles Problem“

Kaum Großstädte, wenig Konzerne, Abwanderung von Talenten: Steuerberater Ronald Enke erklärt im Interview, warum der Startup-Standort Thüringen stagniert – und wie Hochschulen, Willkommenskultur und gezielte Förderung gegensteuern können.
Der Gründerstandort Deutschland boomt. Die Next Generation-Studie sieht die Gründungsdynamik im Jahr 2025 auf einem neuen Rekordniveau. Über 3.500 Startups konnte die Studie identifizieren. Ein Anstieg von fast 30 Prozent im Vergleich zu 2024. Treiber dieser Entwicklung seien vor allem die Großstädte, so die Studienmacher des Startup-Verbandes und Startup-Detectors.
In Thüringen tritt das Gründungsgeschehen hingegen auf der Stelle. Bei den Startup-Neugründungen pro Kopf lag das ostdeutsche Bundesland im vergangenen Jahr auf dem vorletzten Platz. Woran das liegt und wie das verändert werden kann, erklärt der Jenaer Steuerberater Ronald Enke im Gespräch. Seine Kanzlei betreut aktuell etwa 30 Startups in unterschiedlichen Branchen.
IHK: Die Next Generation-Studie spricht von einem Rekordjahr bei den Startup-Gründungen. Warum erlebt Deutschland gerade einen Startup-Boom?
Ronald Enke: Bevor ich auf die Zahlen eingehe, ist es wichtig, den Begriff „Startup“ zu definieren. In der Studie bezieht sich das Ganze auf Unternehmen mit einem maximalen Alter von zehn Jahren, die ein innovatives Produkt vertreiben und starkes Wachstumspotenzial haben. Das ist eine gängige Definition.
Die Entwicklung im Gründungsgeschehen wird derzeit maßgeblich von KI-Startups geprägt. Ich denke, das ist sogar erst der Anfang. Durch Künstliche Intelligenz wird das Gründungsgeschehen noch über Jahre ansteigen.
Die Bedeutung der KI für die Entstehung von Startups ist extrem hoch.
IHK: In Thüringen ist der Startup-Boom noch nicht angekommen. Woran liegt das?
Enke: Wir haben in Thüringen ein strukturelles Problem. Wir sind schlicht zu klein, haben wenig Einwohner und im Vergleich zu anderen Bundesländern keine große Stadt. Darüber hinaus ist die Thüringer Firmenstruktur mittelstandsgeprägt, ohne große Konzernzentren, wie sie zum Beispiel die Region München hat. Somit fehlen die großen Geschäftskunden für Startups, die als Abnehmer fungieren können. Das zieht dann weitere Konsequenzen nach sich. Talente wandern ab und gehen dahin, wo mehr Kapital, mehr Netzwerke und mehr Jobs sind.
IHK: Wie kann Thüringen seine Attraktivität für Gründungen erhöhen?
Enke: Die Politik hat das Thema schon seit vielen Jahren erkannt. Die Struktur- und Fördermittelpolitik etwa durch die Thüringer Beteiligungsgesellschaften bm-t und MBG oder die Aufbaubank bewerte ich als positiv. Das sind wirklich starke Partner, die teilweise das fehlende Venture-Capital kompensieren können.
Die strukturellen Probleme lassen sich schlicht und einfach nicht ändern. Wir können über Nacht leider keine Einwohner herzaubern. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, den demografischen Effekt zu minimieren: Wir müssen die Gründerzentren an den Hochschulen vorantreiben, die ganz aktiv junge, innovative Menschen auf dem Weg vom Forscher zum Unternehmer begleiten. Wir brauchen eine attraktive Willkommenskultur für ausländische Studenten und Fachkräfte, sodass mehr Know-how in unsere Region kommt. Damit verbunden sind natürlich bezahlbarer Wohnraum, digitale Infrastruktur und ein familienfreundliches Umfeld.
IHK: Im Gegensatz zu Thüringen sind die sächsischen Nachbarn Treiber der Gründungsdynamik in Deutschland. Dort hat sich die Anzahl der Startups 2025 mehr als verdoppelt. Was machen die Sachsen denn besser?
Enke: Sachsen hat das geringste Problem von allen mitteldeutschen Bundesländern, weil sie die meisten Einwohner haben. Dazu nicht nur eine, sondern mit Leipzig und Dresden gleich zwei große Zentren. Die Städte laufen beide gut und stehen sogar noch in Konkurrenz zueinander, was den Wettbewerb anheizt. Das steigert die Attraktivität des Standortes.
Dieses Potenzial könnte eigentlich für den gesamten mitteldeutschen Raum genutzt werden. Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen bräuchten eine gemeinsame Förderstruktur. Die Probleme sind in diesen drei Bundesländern trotz der leicht abweichenden Zahlen ähnlich. Das föderale System ist an dieser Stelle eher ineffektiv.
Wir müssen versuchen, aus unseren Möglichkeiten das Optimum herauszuholen.
IHK: Startups sind junge Unternehmen. Deshalb können sie potenziell auch schneller insolvent gehen. Ist eine hohe Gründungsrate also generell etwas Gutes?
Enke: Ich denke, eine steigende Menge an Startups ist positiv. Wichtig ist, dass eine aktive Gründerszene keine Eintagsfliege ist. Natürlich werden es nicht alle Startups schaffen, am Markt erfolgreich zu sein. Aber je mehr innovative Ideen wir haben, desto mehr Kapital fließt in die Projekte und es gibt einen größeren Wettbewerb, was dann wiederum zu innovativeren Produkten führt.
Ich glaube aber, wir müssen insgesamt viel weiter vorne ansetzen. Wir müssen in unserer Gesellschaft ein viel positiveres Bild des Unternehmertums etablieren.
IHK: Was meinen Sie damit konkret?
Enke: Es ist vor allem eine Mentalitätsfrage. Unternehmertum bedeutet immer ein Stück weit Risiko und das ist sehr negativ behaftet. Ein Unternehmen in die Insolvenz gehen zu lassen, dessen Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, ist eigentlich wirtschaftlich sogar sinnvoll. Es ist sicher bedauerlich, aber kein Weltuntergang. Genau dafür gibt es Insolvenzverfahren. Als Gründer musst du auch den Mut haben, zu scheitern. Das muss von der Gesellschaft honoriert werden, auch wenn die Unternehmensidee nicht erfolgreich ist.
Insolvenz setzen viele Menschen ja fast schon mit einer Straftat gleich. Das ist totaler Nonsens.
IHK: Welche Tipps würden Sie Menschen geben, die ein Unternehmen gründen wollen?
Enke: Viele potenzielle Gründer sind meist von ihrer eigenen Idee überzeugt. Das ist auch gut so, trotzdem ist Feedback das A und O. Gründer sollten sich immer eine Frage stellen: Ist meine Idee so innovativ, dass sie etwas verändert?
Dann muss das Produkt zunächst vollständig marktreif gemacht werden. Das heißt vereinfacht gesagt: Es muss funktionieren. Ein Phänomen tritt dabei sehr häufig auf: Bereits in einer frühen Phase entsteht Druck, schnell erste Umsätze zu erzielen. In der Folge wird das Produkt auf den Markt gebracht, obwohl es noch nicht ausgereift ist und entsprechende Mängel aufweist. Das wirft das Startup natürlich extrem zurück.
Gründer sollten sich vor allem Zeit nehmen, ihr Vorhaben reifen zu lassen und Pläne selbstkritisch zu überdenken. Meine Erfahrung zeigt: Wenn die Idee gut ist und der Mensch dahinter etwas kann, dann werden sich immer Möglichkeiten zur Finanzierung finden.
IHK: Was würden Sie sich für die Zukunft der Startup-Szene in Thüringen wünschen?
Enke: Die Gründungen, die wir als Steuerkanzlei in den letzten zehn Jahren betreut haben, das hätte ich mir in den 90er-Jahren noch nicht vorstellen können. Jena hat sich als Technologiestandort sehr positiv entwickelt. Wir müssen es auf jeden Fall schaffen, internationaler und großräumiger zu denken. Wenn wir föderale Strukturen verbinden, dann hat der Staat einen deutlich verbesserten finanziellen Spielraum und kann schlagkräftiger unterstützen. Die Förderlandschaft dafür ist erprobt und vorhanden. Mit Geld und dem passenden Rahmen entsteht dann ein besseres Spielfeld für Gründer. Investoren und Netzwerke folgen dann ganz automatisch.
Gründerinformationen der IHK Ostthüringen

Die IHK Ostthüringen zu Gera unterstützt Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Bei den Gründersprechtagen können sich Interessierte von Experten beraten lassen. Alle weiteren Infos finden Sie hier:

ihk.de/gera/basisinformation-gruendung
 Frank Lenz
Wirtschaft und Technologie
Existenzgründung und Unternehmensförderung