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KRIEG UND WIRTSCHAFT

„Der Persische Golf ist und bleibt Wachstumsregion“

Der Nahost-Konflikt erhöht Risiken für deutsche Unternehmen. Energiepreise, Lieferengpässe und Sanktionen erschweren Geschäfte in der Golfregion. Experte Christoph Keimer erklärt, warum Rückzug dennoch nicht immer die beste Strategie ist.
Der aktuelle Konflikt im Nahen Osten sorgt für erhebliche wirtschaftliche Unsicherheiten – auch für deutsche Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen in der Region. Steigende Energiepreise, gestörte Lieferketten, erhöhte Sicherheitsanforderungen sowie komplexer werdende Sanktionsregime stellen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen vor neue Herausforderungen. Welche Auswirkungen dies konkret für das unternehmerische Engagement am Persischen Golf bedeutet und wie Unternehmen jetzt sinnvoll reagieren können, erläutert der Rechtsanwalt und Nahost‑Experte Christoph Keimer im folgenden Interview.
IHK: Herr Keimer, wird durch die aktuelle Entwicklung im Nahen Osten das wirtschaftliche Engagement für deutsche Unternehmen in dieser Region riskanter – oder womöglich sogar strategisch wichtiger?
Christoph Keimer: Diese Region war schon immer eine Krisenregion – was nicht zuletzt auch an der weiterhin ungelösten Palästina-Israel-Frage liegt. Der derzeitige Krieg hat allerdings eine Dimension angenommen, die so niemand auf dem Zettel hatte. Persönlich glaube ich aber, dass auch diese Krise vorübergeht (wie viele andere zuvor auch) und dass die Region deshalb weiterhin sehr interessant bleibt für deutsche Unternehmen.
Viel wird davon abhängen, wie ein Frieden konkret ausgestaltet sein wird und ob damit möglicherweise auch eine Öffnung des iranischen Marktes einhergeht, auf die viele gerade in den Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ansässige Unternehmen schon seit vielen Jahren fast sehnsüchtig warten. Auch nach dem Krieg werden die Golfstaaten aber sowohl wegen ihrer geografischen Lage in der Mitte zwischen Europa/USA einerseits und Indien/Asien andererseits als auch wegen der weiter andauernden Abhängigkeit der Welt von fossilen Brennstoffen in den nächsten Jahrzehnten ihre strategische Bedeutung nicht verlieren. Das gilt auch und gerade mit Blick auf den deutschen Mittelstand.
IHK: Welche sind derzeit die größten Risiken – jenseits der militärischen Dimension – und welches davon wird am ehesten unterschätzt?
Christoph Keimer: Vor allem eines fällt derzeit auf: Es fehlen die Touristen – gerade in den VAE ein wichtiger Faktor! Zudem ist fraglich, ob und wie es zumindest kurzfristig mit den großen Messeveranstaltungen sowie anderen Mega-Events weitergehen wird, auch in Saudi-Arabien. Mal abwarten, ob sich diese Sektoren wirklich wieder auf dem Vorkriegsniveau einpendeln werden. Meine über 30-jährige Erfahrung in diesem Teil der Welt sagt mir aber, dass das der Fall sein wird. Denn die arabischen Golfanrainerstaaten sind attraktiv.
Kurzfristig dürfte auch der Immobilien- und Bausektor betroffen sein, schon aufgrund der zurückhaltenden Investitionsbereitschaft in- und ausländischer Investoren. Aufgrund der Lieferengpässe, erheblich gestiegener Transportkosten, längerer und unzuverlässiger Lieferzeiten sowie der massiv eingeschränkten Seefrachtkapazitäten sind gerade die Energie- und Industriesektoren ebenfalls stark betroffen und entsprechenden wirtschaftlichen Risiken ausgesetzt. Abschließend ein Hinweis des Arbeitsrechtlers für Arbeitgeber: Nehmen Sie Ihre Fürsorgepflichten ernst! Überdenken Sie die Entsendung von Mitarbeitern in die Golfstaaten, nehmen Sie Reisewarnungen ernst, und prüfen Sie gegebenenfalls Rückholoptionen beziehungsweise -pflichten (auch für Familien) sowie Home-Office-Konstellationen für Ihre Mitarbeiter, Ihre wertvollste Ressource!
IHK: Wie groß ist die Gefahr, über Drittstaaten wie die VAE unbeabsichtigt gegen Iran-Sanktionen zu verstoßen – und wo liegen typische Fallstricke?
Christoph Keimer: Die Gefahr ist derzeit hoch. Nicht unbedingt, weil Unternehmen bewusst gegen Sanktionen verstoßen, sondern weil die Transparenz entlang der Liefer- und Zahlungsströme oft nicht ausreicht. Durch den andauernden bewaffneten Konflikt zwischen dem Iran und den USA haben sich zudem die regulatorischen Kontrollen für Unternehmen vor Ort und in Deutschland verschärft. Aber auch die Finanzaufsicht BaFin hat schon Ende März darauf hingewiesen, dass selbst unbedachte Umgehungsgeschäfte erhebliche Risiken im Hinblick auf Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung für Verpflichtete mit sich bringen können. Wichtig zu wissen ist, dass die EU, UN und USA die Iran-Sanktionen wieder ausgeweitet beziehungsweise reaktiviert haben. Dabei stehen gerade Drittstaaten wie die VAE im Fokus der Behörden.
US-Behörden warnen explizit vor Sanktionsumgehungen über VAE-Finanzsysteme und Free Zones. Dabei erfolgt häufig eine indirekte Einbindung ohne Wissen, zum Beispiel über Frontfirmen, Zwischenhändler, komplexe Zahlungsstrukturen. Klassiker sind Fallgestaltungen wie „Kunde in den VAE, aber Re-Export in den Iran“ oder „Handel mit Dual-Use Gütern“. Dazu kommen Dokumentations- und Compliance-Lücken, was gerade bei sich schnell ändernden Sanktionen risikoreich sein kann. Partner in der Region – sowie Sanktionslisten – sollten deshalb unbedingt sauber und intensiv vor Geschäftsdurchführung „gescreent“ und auf eine Vielzahl von Zwischenhändlern eher verzichtet werden.
IHK: Sollten Unternehmen ihre Lieferketten im Nahen Osten jetzt strukturell neu aufstellen?
Christoph Keimer: Nicht unbedingt; wie immer kommt es auf den Einzelfall an. In jedem Fall ist aber eine aktuelle und ständige Überprüfung und Risikobewertung anhand der eigenen Produkte, Lieferketten und Kunden sinnvoll, gerade auch im Lichte der vorgenannten Sanktionsrisiken. Hier kann zum Beispiel mehr direkte Kontrolle – oder eine direkte Kundenbeziehung statt indirekten Vertriebs über eine Vielzahl von Händlern – sinnvoll sein.
Alternative Distributions- und Lieferwege sowie die Gründung eigener Niederlassungen vor Ort können zudem helfen, was neue Möglichkeiten eröffnet und gleichzeitig Sanktionsrisiken reduziert. Daneben gehören die Anpassung von Verträgen, vermehrte Absicherungen über Exportkreditgarantien sowie ein kontinuierliches Screening der Lieferketten zum Portfolio eines verantwortungsbewussten Unternehmers. Negative Erfahrungen mit Transporteuren, Versicherungen und Kunden im Krisenfall sollten zudem ausgewertet und für die Zukunft berücksichtigt werden.
IHK: Blick in die Zukunft: Bleiben die Golfstaaten – insbesondere die VAE und Saudi-Arabien – langfristig weiterhin sichere Partner für deutsche Unternehmen?
Christoph Keimer: Davon bin ich fest überzeugt. Die VAE und Saudi-Arabien waren, sind und bleiben die wichtigsten Handelspartner Deutschlands in der Region. Der Krieg wird nicht ewig währen, und der Frieden wird zurückkehren mit all den wirtschaftlichen Vorteilen für deutsche Unternehmen, die „Nachkriegsszenarien“ mit sich bringen, darunter Wiederaufbau und Reaktivierung ruhend gestellter Projekte.
Die Golfregion ist und bleibt ein wachsender Absatzmarkt für die deutsche Industrie insbesondere im Bereich Maschinenbau, Energie und Infrastruktur. Gleichwohl verbleiben natürlich zumindest kurzfristig real existierende Sicherheitsrisken, die gerade Auswirkungen auf Sektoren wie Tourismus, Logistik und Investitionen haben und unter anderem Projektverzögerungen, Zahlungsausfälle, Neuverhandlungen, erhöhte Versicherungskosten und Sicherheitsauflagen nach sich ziehen können. Mittelfristig bleiben die Golf-Staaten aber sehr stabil, meiner Einschätzung nach wird die Kooperation mit Europa weiter zunehmen und neue Chancen gerade auch für deutsche Unternehmen eröffnen.
IHK: Ihr persönlicher Rat: Was sollten gerade mittelständische Betriebe jetzt konkret tun?
Christoph Keimer: Die Nerven nicht verlieren und Ruhe bewahren. Existierende Beziehungen pflegen, nicht vorschnell qualifiziertes Personal vor Ort abbauen und sich aus dem Markt zurückziehen, aber gegebenenfalls in bestimmten Bereichen der Marktbearbeitung die eigene Strategie anpassen, um auf geänderte wirtschaftliche, regulatorische und politische Anforderungen flexibler reagieren zu können. Bei überstürztem Rückzug aus dem Markt daran denken, dass lokale Partner in Bezug darauf ein „Elefantengedächtnis“ haben können. Nach Wiederherstellung der Sicherheit und des Friedens vor allem den Ausbau der eigenen lokalen Präsenz priorisieren. Die Golfregion ist und bleibt Wachstumsregion, trotz aller Krisen.
Der Artikel erschien zuerst im Magazin „Ruhr Wirtschaft“ der IHK zu Dortmund. Die vollständige Fassung ist im Internet unter www.ihk.de/dortmund abrufbar.
Zur Person:

Fachanwalt Christoph Keimer ist Partner, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht in der Dortmunder Kanzlei SCHLÜTER GRAF Rechtsanwälte und gilt als ausgewiesener Nahost-Experte. Von 1996 bis 2001 war er Leiter des Kanzleibüros in Dubai und ist zudem Managing Partner Middle East sowie Mitglied im Außenwirtschaftsausschuss der IHK zu Dortmund.
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