9 min
Lesezeit
Windows, Cloud, KI: Mittelstand in gefährlicher Abhängigkeit
Wenn Software, Cloud und Betriebssysteme kaum austauschbar sind, wird digitale Infrastruktur zum Wirtschaftsrisiko. Abhängigkeiten abzubauen, klingt einfach, ist es aber nicht. Das erklären die DIHK-Experten Dr. Katrin Sobania und Arian Siefert.
Windows, Outlook und ChatGPT: In vielen Unternehmen gehören diese Anwendungen längst zur Standardausstattung und sind fest in den Betriebsalltag integriert. Doch genau darin sehen viele Unternehmen auch ein Risiko. Denn ein großer Teil der Betriebssysteme, Bürosoftware und digitalen Infrastrukturen stammt von Anbietern außerhalb Europas. In der im November 2025 durchgeführten Digitalisierungsumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) bewerteten die befragten Firmen die digitale Souveränität als kritisch. Deutschlandweit gaben 46 Prozent der Unternehmen an, bei Hardware und Betriebssystemen vollständig von Nicht-EU-Anbietern abhängig zu sein. Diese Abhängigkeiten, insbesondere von großen US-Tech-Konzernen, stelle ein „erhebliches Standortrisiko“ dar, erklären die Thüringer IHKs nach Auswertung der Umfrage.
Im Interview erklären Dr. Katrin Sobania, Referatsleiterin für Informations- und Kommunikationstechnologie bei der DIHK, und Arian Siefert, DIHK-Referatsleiter „Wirtschaft digital“, was diese Abhängigkeiten konkret für den Wirtschaftsstandort bedeuten – und wie Unternehmen sowie Politik gegensteuern können.
IHK: Die Digitalisierungsumfrage zeigt: Viele Unternehmen fühlen sich bei Hard- und Software stark von Nicht-EU-Anbietern abhängig. Woran zeigt sich diese Abhängigkeit konkret?
Arian Siefert: Das zeigt sich ganz unterschiedlich. Man kann es sich ein bisschen wie eine Steckdose ohne passenden Adapter vorstellen: Solange alles im gleichen System bleibt, funktioniert es meist problemlos. Sobald aber ein Wechsel ansteht, merkt man, dass vieles nicht mehr ohne Weiteres zusammenpasst. Übertragen auf die digitale Welt können zum Beispiel Schnittstellen oder Dateiformate nur mit Software eines Anbieters richtig funktionieren. Ganz praktisch kann das bedeuten, dass bei einem Wechsel von Projekttools Aufgaben, Zeitpläne und Kommentare als Informationen verloren gehen.
Ein anderes Beispiel können ineinandergreifende Systeme sein: Wenn Software, Wartung und Ersatzteile aus einer Hand kommen, lassen sich Teile oder auch Bausteine von anderen Anbietern oftmals nicht integrieren. Denken wir an ein Office-Ökosystem, in dem E-Mails, Dokumente, Kalender und Videokonferenzen perfekt zusammenspielen. Da reicht oft der Austausch eines Bausteins, und das gesamte System wird holprig. Im Kern geht es also darum: Daten und Systeme sind so aufeinander abgestimmt, dass sie nur innerhalb eines Anbieters wirklich reibungslos funktionieren. Ein Wechsel des Anbieters ist daher oft problematisch, kompliziert oder auch teuer. Das erhöht die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern.
IHK: Was würden Sie denn sagen: Wie groß ist diese Abhängigkeit von Hard- und Software aus Nicht-EU-Ländern? Wie schätzen Sie das ein?
Dr. Katrin Sobania: Die Digitalisierungsumfrage der DIHK wurde ja bereits angesprochen. Die Ergebnisse zeigen sehr deutlich, dass die Unternehmen die Abhängigkeiten – bis auf das Thema Maschinensoftware, wo wir im industriellen Bereich ja sowieso stark sind – als sehr hoch einschätzen. Das gilt für alle Digitalbereiche – von der Hardware über die Cloud bis hin zu KI-Plattformen, Betriebssystemen und Office-Software.
Die Cloud ist in diesem Kontext schon ein sehr großes Thema. Aktuell hat die EU ein neues Souveränitätspaket vorgelegt. Da geht es unter anderem auch darum, wie wir uns unabhängiger von Cloud-Anbietern außerhalb der EU aufstellen. Die EU hat ausgerechnet, dass ungefähr 264 Milliarden Euro jährlich aus Europa für Cloud-Dienstleistungen an Anbieter außerhalb der EU abfließen. Das entspricht der Wirtschaftsleistung eines mittleren europäischen Landes und hat natürlich auch Auswirkungen auf Steuereinnahmen oder auf unser Bruttoinlandsprodukt.
Digitale Souveränität hat nicht nur eine einzelbetriebliche, sondern eine gesamtwirtschaftliche Dimension.Dr. Katrin Sobania, DIHK-Referatsleiterin für Informations- und Kommunikationstechnologie
IHK: Unsere Unternehmen sehen also dringenden politischen Handlungsbedarf beim Thema digitale Souveränität. Aber, was ist das eigentlich genau – digitale Souveränität?
Arian Siefert: Auf jeden Fall keine Autarkie. Es geht nicht darum, dass jedes Unternehmen plötzlich eigene Software programmiert oder komplett auf Technologie aus dem Ausland verzichtet. Das wäre in der Praxis recht schwer umzusetzen. Unternehmen, aber auch staatliche Stellen oder Forschungseinrichtungen, sollten ihre digitalen Technologien, Daten und Infrastrukturen so nutzen können, dass keine einseitigen, kritischen Abhängigkeiten entstehen. Sie müssen handlungsfähig bleiben.
Ganz praktisch heißt das: Ein Unternehmen sollte seine Software wechseln können, ohne dass ganze Prozesse zusammenbrechen oder wichtige Daten verloren gehen. Dazu gehören Kostenkontrolle, echte Vertragsfreiheit, Datenportabilität und faire Wettbewerbsbedingungen. Für Unternehmen ist digitale Souveränität deshalb vor allem eine Frage des Risikomanagements. Sie sollen besser einschätzen und steuern können, welche Abhängigkeiten sie eingehen – und welche Alternativen sie haben. Genau das stärkt am Ende auch die Wettbewerbsfähigkeit und die Resilienz. Zusammengefasst: Digitale Souveränität bedeutet nicht, alles selbst zu machen, sondern die Möglichkeit, die Kontrolle zu behalten und dadurch handlungsfähig zu sein.
IHK: Wo muss die Politik ansetzen, damit Unternehmen digital souveräner werden?
Dr. Katrin Sobania: Das Thema ist auf politischer Ebene ein großes, und die Politik kann da schon an sehr vielen Stellen einen Beitrag leisten. Vorab muss jedoch gesagt werden: Wir sollten da unser Licht nicht unter den Scheffel stellen. Wir sind eine Industrienation, die in vielen Bereichen ziemlich gut aufgestellt ist. Wir sind sehr stark bei der Grundlagenforschung. Die Zahl der Patentanmeldungen, auch im Bereich der digitalen Schlüsseltechnologien, ist zuletzt deutlich gestiegen. Und auch bei der Nutzung von KI geben die Unternehmen deutlich Gas, wie die Digitalisierungsumfrage gezeigt hat. Wir haben also Kompetenzen, wir haben die Innovationskraft und die industrielle Stärke. Das müssen wir noch viel stärker ausspielen. Daran kann die Politik anknüpfen.
Zunächst ist natürlich die Grundlage, dass wir einen klaren, schlanken und technologieoffenen Rechtsrahmen haben. Wir brauchen gerade im IT-Bereich bessere Skalierungsmöglichkeiten für innovative Start-ups und kleine sowie mittelständische Unternehmen. Da geht es vor allem ums Wachstumskapital. Wir brauchen die digitale Infrastruktur und auch Cloud-Kapazitäten. Um dort nachzuziehen, müssen Rechenzentren gebaut werden, die auch hier vor Ort sind und dem europäischen Recht unterliegen. Dafür bedarf es schnellerer Planungs- und Genehmigungsverfahren. Das Thema Flächenverfügbarkeit spielt ebenfalls eine große Rolle, wenn Rechenzentren gebaut werden sollen. Und nicht zuletzt brauchen wir für diese Rechenzentren dann auch wettbewerbsfähige Energiepreise.
Arian Siefert: Ich möchte zu den rechtlichen Rahmenbedingungen für KI noch ergänzen: Wir fragen in unserer Umfrage auch ab, was Hemmnisse der Unternehmen beim Thema Digitalisierung sind. Eine Konstante dabei sind die rechtlichen Unsicherheiten. Vor sechs oder sieben Jahren gab es die ersten Gedanken zur KI-Verordnung. Teilweise ist sie jetzt auch in Kraft getreten. Schwierig wird es jedoch, wenn die Europäische Kommission selbst Fristen nicht einhält. Zum Beispiel, wenn es um Normen und Standards geht, die notwendig sind, damit Unternehmen bei Hochrisiko-KI vorsorgen können. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen kann es recht schwierig werden, sich darauf vorzubereiten. Es ist wichtig, dass wir einen Rechtsrahmen haben, der innovationsfreundlich ist, da KI enormes Potenzial im Unternehmensalltag hat.
IHK: Ein Stichwort, das man beim Thema digitale Souveränität immer wieder hört, ist Open Source. Vielleicht auch da noch einmal die Frage, damit wir wissen, wovon wir sprechen: Was genau ist Open Source und warum ist das so wichtig für die digitale Souveränität?
Arian Siefert: Open Source bedeutet im Endeffekt, dass Software offen zugänglich ist. Der Quellcode kann eingesehen, genutzt und teilweise auch verändert sowie weitergegeben werden. Bildlich gesprochen bedeutet Open Source: Man kann unter die Motorhaube schauen und den Motor bei Bedarf reparieren und austauschen. Das heißt nicht, dass jeder deswegen von Natur aus selbst Hand anlegen kann. Mir würde das schwerfallen. Die meisten Unternehmen brauchen selbst, wie auch beim Auto, eine Werkstatt. Also einen Dienstleister, der die Software betreibt, weiterentwickelt und eventuell auch wartet.
Wichtig ist: Die Open-Source-Werkstatt kann frei ausgesucht werden.Arian Siefert, DIHK-Referatsleiter „Wirtschaft Digital“
Und hier liegen wichtige Vorteile von Open Source: Ich habe die Wahlfreiheit. Wenn der Code offen ist, heißt das, dass ich leichter den Anbieter wechseln kann. Ich kann mir Unterstützung auch von anderen Dienstleistern holen und ich reduziere das Risiko, in einem System gefangen zu sein. Aber Open Source ist auch nicht automatisch kostenlos oder muss immer günstiger sein.
IHK: Welche konkreten Tipps würden Sie den Unternehmen geben, die sich bereits jetzt auf den Weg gemacht haben oder machen wollen, digital souveräner zu werden?
Dr. Katrin Sobania: Wir selbst sind ja eher im politischen Kontext unterwegs, aber wir sprechen natürlich häufig mit Menschen aus Unternehmen über dieses Thema. Was ich bislang aus unseren Gesprächen mitgenommen habe, ist, dass es eigentlich das ganz normale Vorgehen ist, eine klassische Risikoanalyse zu machen: Wo sind die Abhängigkeiten und wie kritisch sind sie für den Geschäftsbetrieb? Der Speiseplan der Betriebskantine ist weniger kritisch als die digital gespeicherten Entwicklungspläne. Wenn die Analysephase abgeschlossen ist, braucht es eine Strategie, um kritische Abhängigkeiten abzubauen. Es ist sicher ein sehr guter Tipp, sich hier einen guten Umsetzungspartner zu suchen. Wichtig ist außerdem, dass das Thema insgesamt auch von der Geschäftsleitung mitgetragen und kommunikativ unterstützt wird. Und dann würde ich sagen: Auf geht’s – nichts zu machen, ist jedenfalls nicht die beste Option.
IHK: Wir haben ja schon gehört: Die Abhängigkeit gerade von großen US-Tech-Konzernen ist sehr groß. Was würden Sie sagen: Was wäre ein realistisches Szenario, wo unsere Wirtschaft beim Thema digitale Souveränität in ein paar Jahren stehen kann?
Arian Siefert: Wir haben hochinnovative Unternehmen, gute Forschung und kluge Köpfe. Wir wissen, wo wir stehen, müssen dabei aber selbstkritisch bleiben. Wenn wir die Weichen richtig stellen, bin ich mir sicher, dass wir in Deutschland und Europa digital souveräner unterwegs sein werden.
Dr. Katrin Sobania: Aus meiner Perspektive hieße das zum Beispiel, dass Multi-Cloud-Strategien in den Unternehmen Standard sind. Dass sich die Unternehmen mehr mit Open Source auseinandergesetzt haben, dass mehr europäische Lösungen in die Firmen eingebracht wurden und dass wir auch das Thema Kompetenzen in den Betrieben verbessert haben. Digitale Souveränität heißt auch, Technologien besser zu verstehen, teilweise auch selbst zu betreiben oder zumindest strategisch steuern zu können. Bei diesen Kompetenzen haben wir sicherlich noch Nachholbedarf. Aber ich denke, da wird sich Europa in den nächsten Jahren verbessern.
IHK: Das Thema wird uns und die Unternehmen also weiterhin beschäftigen. Ich bedanke mich bei Ihnen beiden für das Gespräch und die wertvollen Einblicke.
Digitale Souveränität und Open Source
Die DIHK beleuchtet das Thema digitale Souveränität in einer Webinarreihe. Im Fokus der Online-Veranstaltungen stehen praktische Umsetzungsbeispiele und Rechtsfragen zu Open-Source-Software auf dem Programm. Auch souveräne Cloud-Lösungen, Software-Lieferketten und weitere Themen werden aufgegriffen.
Link zum Rückblick auf vergangene Webinare: dihk.de/themenfelder/innovation
Die DIHK beleuchtet das Thema digitale Souveränität in einer Webinarreihe. Im Fokus der Online-Veranstaltungen stehen praktische Umsetzungsbeispiele und Rechtsfragen zu Open-Source-Software auf dem Programm. Auch souveräne Cloud-Lösungen, Software-Lieferketten und weitere Themen werden aufgegriffen.
Link zum Rückblick auf vergangene Webinare: dihk.de/themenfelder/innovation
Kontakt
Immer aktuell über Neues im Onlinemagazin informiert sein? Abonnieren Sie unseren Newsletter „News Ostthüringer Wirtschaft“!
Jetzt hier anmelden
Jetzt hier anmelden
Sie haben Fragen, kritische Hinweise, Verbesserungsvorschläge oder eine Idee für einen Artikel? Schreiben Sie uns: magazin@gera.ihk.de.
Mit Namen oder Initialen gezeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der IHK wider.
Zur besseren Lesbarkeit verwenden wir Status- und Funktionsbezeichnungen in der Regel in der männlichen Form. Sie gelten jedoch für alle Geschlechter gleichermaßen.
