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DEINDUSTRIALISIERUNG VS. TRANSFORMATION

Weniger Industrie, weniger Jobs? „So einfach ist es nicht“

Rezessionsangst, Jobverluste, Rekordpreise – die Wirtschaft durchlebt schwere Zeiten. Was passiert da gerade? Steht die deutsche Industrie vor dem Aus oder macht sie eine grundlegende Veränderung durch? Fragen an den Ökonomen Prof. Dr. Matthias Menter.
In der Thüringer Industrie sind zwischen 2014 und 2025 über 11.000 Jobs verloren gegangen. Die Industrieproduktion im Land steht unter Druck. Bürokratie, hohe Kosten, Zölle und starke internationale Konkurrenz sind zu einer großen Herausforderung geworden. Dass sich die deutsche Wirtschaft im Umbruch befindet, ist unstrittig. Jedoch scheiden sich die Geister bei der Frage, was dieser Umbruch bedeutet – notwendige Transformation oder doch schmerzhafte Deindustrialisierung? Eine Suche nach Antworten mit dem Wirtschaftsexperten Prof. Dr. Matthias Menter von der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Interview.
IHK: Herr Professor Menter, Sie haben an der Uni Jena den Lehrstuhl für Unternehmensentwicklung, Innovation und wirtschaftlichen Wandel inne. Was steht im Mittelpunkt Ihrer Arbeit?
Matthias Menter: Im Kern beschäftige ich mich damit, wie Innovation funktioniert. Dabei schaue ich einerseits auf die Unternehmen selbst, andererseits untersuche ich, welche Rahmenbedingungen Innovationen fördern. Dazu gehören Fragen der Innovations- und Gründungspolitik sowie die Rolle des Wettbewerbs. Mit diesen Themen setze ich mich sowohl in der Forschung als auch in der Lehre auseinander.
IHK: Welche Ursachen sehen Sie für den Arbeitsplatzabbau in der Thüringer Industrie?
Matthias Menter: Aus meiner Sicht überlagern sich zwei Entwicklungen: konjunkturelle Belastungen und strukturelle Veränderungen. Nachfrageprobleme, schwankende Energie- und Rohstoffpreise sowie mangelnde Planungssicherheit treffen auch die Thüringer Industrie. Sie erschweren Investitionen der Unternehmen. Hinzu kommen strukturelle Veränderungen durch technologischen Wandel und die Verschiebung von Märkten und Wertschöpfungsketten. Das sind Gründe, warum am Ende mehr Stellen abgebaut als neue geschaffen werden.
IHK: In der Debatte ist von Deindustrialisierung die Rede, aber auch von notwendiger Transformation. Wie unterscheiden Sie diese Entwicklungen?
Matthias Menter: Zunächst muss man klären, was mit Deindustrialisierung gemeint ist. Der Begriff kann einen sinkenden Anteil der Industrie an der Gesamtbeschäftigung beschreiben. Daraus allein lässt sich aber noch nicht ableiten, dass auch weniger produziert wird. Ein Unternehmen kann produktiver werden und für die gleiche Produktionsmenge weniger Personal benötigen. Durch Automatisierung zum Beispiel kann die Produktion steigen, obwohl die Beschäftigung zurückgeht. Eine solche Produktivitätssteigerung ist etwas anderes als ein dauerhafter Rückgang der realen industriellen Produktion.
Deshalb sollten wir Beschäftigung, Wertschöpfung und Produktionskapazitäten auseinanderhalten. Ein sinkender Beschäftigungsanteil und ein Verlust industrieller Produktion sind nicht dasselbe.
IHK: Können Transformation und der Verlust industrieller Kapazitäten also gleichzeitig stattfinden?
Matthias Menter: Ja. Einzelne Unternehmen nutzen neue Technologien oder erschließen neue Märkte, während andere dauerhaft Produktionskapazitäten verlieren. Dabei gleichen sich Verluste an Wertschöpfung und Beschäftigung nicht automatisch durch neue Aktivitäten aus.
Beschäftigte, die an einer Stelle frei werden, gehen nicht zwangsläufig dorthin, wo Personal gebraucht wird. Das betrifft den Ort, aber ebenso die benötigten Kompetenzen und den Zeitpunkt.
Für Ostthüringen lässt sich die Entwicklung aus meiner Sicht nicht pauschal beurteilen. Es gibt Rückgänge in einigen Landkreisen, zugleich aber auch industrielles Wachstum, beispielsweise in Jena. Die Region ist zu heterogen, um ihr einen einheitlichen Deindustrialisierungstrend zuzuschreiben. So einfach ist es nicht.
IHK: Was bedeutet wirtschaftliche Transformation konkret für ein Unternehmen? Muss es sich dafür vollständig neu erfinden?
Matthias Menter: Es geht um Veränderungen von Prozessen und Angeboten, also auch von Produkten und Dienstleistungen. Bei der digitalen Transformation sind beispielsweise Daten, Automatisierung und künstliche Intelligenz Treiber der Veränderung. Die Herausforderung besteht darin, neue Technologien in die betrieblichen Abläufe und Entscheidungen zu integrieren.
Unternehmen müssen sich fragen: Welche neuen Geschäftsmöglichkeiten ergeben sich daraus? Welche Kompetenzen brauchen wir? Und welche Anwendungen schaffen tatsächlich einen Mehrwert? Denn dieser Mehrwert ist die Voraussetzung dafür, langfristig erfolgreich zu sein.
Das bedeutet nicht zwangsläufig eine 180-Grad-Wende mit völlig neuen Produkten in völlig neuen Märkten.
Transformation kann auch innerhalb einer bestehenden Branche stattfinden. Ein Maschinenbauer kann etwa durch zusätzliche Sensorik, digitale Wartung oder ressourcensparende Verfahren neue Leistungsangebote entwickeln und damit seine Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern.
IHK: In der öffentlichen Debatte entsteht mitunter der Eindruck, Deutschland tue sich mit der Transformation schwerer als beispielsweise die USA oder China. Teilen Sie diesen Eindruck? Welche Rahmenbedingungen brauchen Unternehmen, um in die Transformation zu investieren?
Matthias Menter: Ein pauschaler Vergleich ist schwierig, weil sich die wirtschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen stark unterscheiden. Entscheidend für Deutschland ist, dass Transformation Investitionen erfordert. Dafür brauchen Unternehmen verlässliche und wirtschaftlich nachvollziehbare Perspektiven. Planbarkeit und der Abbau politischer Unsicherheiten, etwa durch verlässliche Regulatorik, sind aus meiner Sicht grundlegende Voraussetzungen, um überhaupt ins Investieren zu kommen.
Die hohen Energiepreise und insbesondere die gestiegenen Kraftstoffkosten sind aktuell eine große Belastung für viele Unternehmen. Wir brauchen eine wettbewerbsfähige Energieversorgung und eine leistungsfähige Infrastruktur. Beim Bürokratieabbau geht es unter anderem um schnellere Verfahren und klarere Zuständigkeiten.
Außerdem benötigen Unternehmen qualifizierte Mitarbeitende. Berufliche Ausbildung, Weiterbildung und die Anerkennung ausländischer Qualifikationen spielen deshalb ebenfalls eine Rolle.
IHK: Welche Aufgaben sehen Sie dabei für die Politik, welche für die Unternehmen selbst?
Matthias Menter: Aus meiner Sicht greift es deutlich zu kurz, Transformation ausschließlich als Verantwortung der Politik zu betrachten. Politik sollte Erneuerung ermöglichen und die Rahmenbedingungen schaffen. Sie sollte dabei aber den Wettbewerb nicht durch dauerhafte staatliche Unterstützung verzerren, denn Wettbewerb ist ein wichtiger Innovationstreiber.
Unternehmen bleiben für ihre Strategie, ihre Investitionen, die Personalentwicklung und die Kundenorientierung verantwortlich. Das sind unternehmerische Aufgaben. Die notwendigen Rahmenbedingungen und die Entscheidungen im einzelnen Unternehmen müssen deshalb auseinandergehalten werden.
IHK: Unsere Welt ist seit ein paar Jahren geprägt von einer permanenten Krisenhaftigkeit. Wie sollten sich Unternehmen strategisch aufstellen? Womit beginnt die Suche nach einem tragfähigen Geschäftsmodell für die Zukunft, gerade auch mit Blick auf die globale Konkurrenzsituation?
Matthias Menter: Der Startpunkt muss aus meiner Sicht eine ehrliche Bestandsaufnahme sein. Worin sind wir gut und was können wir leisten? Welche Produkte und Dienstleistungen werden heute nachgefragt? Wie verändert sich diese Nachfrage? Welche Abhängigkeiten bestehen? In welchen Technologien und Märkten sind wir unterwegs und welche Kompetenzen werden künftig gebraucht? Erst auf dieser Grundlage lässt sich sinnvoll entscheiden, in welche Richtung sich ein Unternehmen weiterentwickeln sollte.
Dann geht es um zwei Aufgaben zugleich: das aktuelle Geschäft zu stabilisieren und sich für morgen weiterzuentwickeln. Firmen müssen herausfinden, mit welchen Produkten und Dienstleistungen sie sich künftig in bestehenden und neuen Märkten positionieren können. Zu einer solchen Strategie gehört auch die Frage, wie das Personal entsprechend qualifiziert werden kann.
IHK: Welche Rolle können Digitalisierung und künstliche Intelligenz dabei spielen?
Matthias Menter: Sie können unterstützen, etwa in der Qualitätskontrolle, der Produktionsplanung, bei Auswertungen oder in der technischen Dokumentation. Es gibt viele Ansatzpunkte. Aber Unternehmen sollten einen Plan haben, wofür sie diese Technologien nutzen.
KI nur deshalb möglichst breit einzusetzen, weil sie derzeit als zentrale neue Technologie gilt, halte ich ohne eine übergeordnete Strategie für wenig zielführend. Die Anwendung muss zu dem passen, was das Unternehmen erreichen will. Transformation ist eben nicht nur Technologie.
IHK: Wie finden Unternehmen heraus, welche Qualifikationen ihre Beschäftigten für veränderte Aufgaben brauchen?
Matthias Menter: Ausgangspunkt sollte die Transformationsstrategie des Unternehmens sein: Welche Aufgaben und Prozesse verändern sich, welche Kompetenzen sind dafür künftig erforderlich und welche davon sind bereits in der Belegschaft vorhanden? Daraus lässt sich der konkrete Qualifizierungsbedarf ableiten. Es geht darum, vorhandenes Know-how zu nutzen, neues aufzubauen und daraus neue Wertschöpfung zu entwickeln.
Weiterqualifizierung ist nicht immer einfach. Die Kompetenzen, die ein Unternehmen für seine Transformation benötigt, sind in der bestehenden Belegschaft nicht zwangsläufig vorhanden. Deshalb gibt es keine pauschale Antwort darauf, welche Qualifikation jedes Unternehmen braucht. Entscheidend ist die individuelle Betrachtung.
Um es mit einem Fußballbild zu sagen: Wir werden nicht alle so gut wie der FC Bayern, nur weil wir wie der FC Bayern trainieren.
Die Transformationsstrategie muss also zu den vorhandenen Stärken und den jeweiligen Voraussetzungen des Unternehmens passen. Am Ende geht es darum, Kompetenzen für höhere Produktivität zu entwickeln und Geschäftsmodelle aufzubauen oder zu erneuern, die die langfristige Wettbewerbsfähigkeit sichern.
IHK: Was können Unternehmen tun, wenn die benötigten Fachkräfte nicht verfügbar sind?
Matthias Menter: Neue Kompetenzen zu gewinnen, wird umso schwieriger, wenn das Arbeitskräfteangebot sinkt. Dann müssen Unternehmen auch überlegen, wie sich benötigte Kompetenzen auf anderem Weg organisieren lassen.
Ein Ansatz kann der Einsatz neuer Technologien sein. Ein weiterer ist, durch gezielte Zuwanderung Fachkräfte zu gewinnen. Welche Möglichkeiten passen, muss im Zusammenhang mit der jeweiligen Transformationsstrategie betrachtet werden.
IHK: Sie haben die hohen Kraftstoffkosten angesprochen. Die Belastungen für die Firmen sind groß. Wie sollen Unternehmen in dieser Situation zusätzlich eine Transformation bewältigen? Was ist jetzt wichtig – gerade für die Unternehmen in Ostthüringen?
Matthias Menter: Eine pauschale Antwort ist schwierig. Ostthüringen entwickelt sich nicht einheitlich, und wir haben eine sehr kleinteilige Unternehmensstruktur. Deshalb braucht es aus meiner Sicht unterschiedliche Instrumente, um Transformation zu gestalten. Jena ist ein wichtiger Anker mit forschungsstarken Einrichtungen und Hochschulen. Aber es ist kein Modell, das man einfach kopieren und an anderer Stelle einsetzen kann.
Auch hier beginnt es mit der Bestandsaufnahme: Welche Kompetenzen sind vor Ort vorhanden? In welchen Kompetenzfeldern kann und will man künftig agieren? Daran muss sich die weitere Entwicklung orientieren.
IHK: Kann dabei auch das Wissen aus Forschungseinrichtungen helfen, dass neue Wertschöpfung entsteht?
Matthias Menter: Die Verbindung von Wissenschaft und Industrie ist aus meiner Sicht ein großer Schlüsselfaktor. Es geht darum, das Wissen zu nutzen, das in wissenschaftlichen Einrichtungen entsteht, und es in neue Kompetenzen und Wertschöpfung zu überführen.
Dafür braucht es Akteure und Strukturen, die wissenschaftliche Erkenntnisse für wirtschaftliche Anwendungen nutzbar machen. Hier kann die Politik unterstützen, indem sie Kooperationen zwischen Wissenschaft und Industrie anregt und fördert.
IHK: Wie können auch ländliche Regionen vom Wissen der Forschungs- und Unternehmenscluster profitieren?
Matthias Menter: Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Räumen zeigen sich nicht nur bei der Transformation, sondern auch im Gründungs- und Innovationsgeschehen. Ein Ansatz besteht darin, Regionalpolitik nicht ausschließlich auf einzelne Leuchttürme auszurichten, sondern stärker in Netzwerken zu denken. Im Gründungskontext spricht man von Gründungsökosystemen. Dabei geht es nicht nur um einzelne Orte oder Akteure, sondern um deren Zusammenwirken. Diesen Systemgedanken sollten wir stärker berücksichtigen.
Gerade im ländlichen Raum sind zudem Fachkräftesicherung und Unternehmensnachfolge wichtige Themen. Es geht darum, die Abwanderung von Fachkräften zu verhindern, aber auch Gründungen als Teil der Transformation zu verstehen. Durch neue Unternehmen lassen sich neue Kompetenzfelder erschließen und technologisches oder industrielles Know-how aufbauen.
IHK: Was ist Ihnen mit Blick auf die regionale Zusammenarbeit noch wichtig?
Matthias Menter: Wir sollten Kooperationen und Netzwerke nicht nur innerhalb geographischer oder politischer Grenzen denken. Ein Fokus auf Ostthüringen ist nachvollziehbar, aber der Systemgedanke verlangt, auch darüber hinauszuschauen.
Ein Beispiel ist meine Zusammenarbeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit der Start-up Factory Mitteldeutschland, boOst. Dabei geht es darum, ein Gründungsökosystem in Jena und darüber hinaus in ganz Mitteldeutschland aufzubauen.
Aus meiner Sicht sollten wir uns davon lösen, nur die eigene Region im Blick zu haben und Entwicklungen jenseits der Landesgrenze auszublenden. Natürlich prägt Landespolitik solche Aktivitäten. Trotzdem erscheint mir das Denken über Landesgrenzen hinweg als ein wichtiger Ansatz.
IHK: Zum Abschluss: Welche Perspektive sehen Sie für den Wirtschaftsstandort Ostthüringen?
Matthias Menter: In die Glaskugel kann ich nicht schauen. Aber ich sehe für Ostthüringen kein grundsätzlich düsteres Bild. Es kommt jetzt darauf an, Potenziale weiter zu nutzen und sich stärker mit der Nachfrage von morgen zu beschäftigen. Daraus ergibt sich, welche Kompetenzen gezielt aufgebaut und welche neuen Wertschöpfungsfelder erschlossen werden sollten.
Das heißt: das bestehende Geschäft wettbewerbsfähig weiterentwickeln und frühzeitig neue Wertschöpfungsfelder erschließen. So transformieren Unternehmen ihre heutigen Stärken in nachhaltige Wettbewerbsvorteile für morgen.
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