Wirtschaft Region Fulda
Nr. 7177360
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Fuldaer WirtschafsTalk

Fachkräfte gesucht. Lösungen gefragt.

Rund 120 Unternehmerinnen und Unternehmer kamen Anfang September zum Fuldaer WirtschaftsTalk ins N4, um über eine der zentralen Zukunftsfragen der regionalen Wirtschaft zu diskutieren: den Fachkräftemangel. Professor Marcel Fratzscher, Präsident des Deutsches Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), setzte in seinem Vortrag wichtige Impulse, Katharina Henkel von der Agentur für Arbeit richtete den Blick auf die Situation in der Region. Eine Podiumsrunde mit ihr und drei Unternehmerinnen und Unternehmern brachte anschließend unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven zusammen.
Parallel zur Veranstaltung sprach WRF mit Professor Marcel Fratzscher darüber, warum der Fachkräftemangel zu einer der größten Herausforderungen für Deutschlands Wirtschaft wird, welche Potenziale noch ungenutzt sind und was Politik, Unternehmen und Gesellschaft jetzt tun können.
Herr Professor Fratzscher, wie würden Sie den Fachkräftemangel in Deutschland aktuell einordnen: Wo liegen aus Ihrer Sicht die zentralen Ursachen?
Deutschland hat einen erheblichen Fachkräftemangel, wir haben über eine Million offene Jobs, und viele kleine und mittelständische Unternehmen suchen händeringend nach Beschäftigten. Die größte Bedrohung kommt dabei von der Demografie: Wir werden in den kommenden zehn Jahren netto fünf Millionen mehr Beschäftigte aus dem Arbeitsmarkt verlieren, als junge Menschen nachkommen.
Aber auch der technologische Wandel trägt dazu bei, denn Beschäftigte benötigen heute ganz andere Qualifikationen als noch vor zehn oder 30 Jahren. Ich sehe den Fachkräftemangel als die größte wirtschaftliche Bedrohung für Deutschland, mehr noch als Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Denn wenn Unternehmen nicht die Menschen haben, um ihre Produkte zu entwickeln, zu produzieren und zu vertreiben, dann werden sie früher oder später schließen müssen.
Welche Rolle spielt Zuwanderung aus Ihrer Sicht bei der Lösung des Fachkräftemangels in Deutschland?
Viele sind sich nicht bewusst, dass ohne Zuwanderung die Zahl der Beschäftigten in Deutschland schon in den vergangenen zehn Jahren geschrumpft wäre. Mehr noch: Heute hat mehr als jeder vierte Mensch in unserem Land selbst eine Migrationsgeschichte. Der Wirtschaftsboom der 2010er-Jahre und der große wirtschaftliche Wohlstand, den wir heute in Deutschland genießen, wären ohne Zuwanderung undenkbar.
Daher ist es so wichtig, dass die Zuwanderung aus dem Ausland deutlich steigt. Wir werden sicherlich nicht jedes Jahr 500.000 Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutieren können, um die durch die Demografie entstehende Lücke zu schließen. Aber ohne Zuwanderung wird Deutschland viel Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit verlieren.
Sie schreiben, dass der Fachkräftemangel auch positive Effekte für Deutschland haben kann – können Sie uns kurz erklären, worin diese Chancen liegen?
Um das sehr klar zu unterstreichen: Natürlich benötigen wir vor allem auch hoch qualifizierte In genieurinnen und Ingenieure sowie medizinisches Personal aus dem Ausland. Aber wir benötigen ebenso Menschen mit geringeren Qualifikationen, auf dem Bau, im Einzelhandel oder in der Gastronomie. Jeder Mensch, der in unserem Land arbeitet, Steuern und Sozialbeiträge zahlt, leistet einen wertvollen Beitrag zu Wirtschaft und Gesellschaft. Als Unternehmen können Sie nicht nur mit Ihren bestbezahlten Beschäftigten erfolgreich sein. Sie brauchen alle im Unternehmen, sonst bleibt der wirtschaftliche Erfolg aus.
Es ist wie beim Fußball: Wenn Sie nur Ihre acht besten Spieler aufstellen, dann haben Sie im Durchschnitt eine höhere Qualität der Spieler auf dem Platz. Aber mit acht Spielern werden Sie gegen einen Gegner mit elf Spielern, die eine geringere durchschnittliche Qualität haben, trotzdem verlieren. Dieser Teamgedanke ist auch für Unternehmen und die gesamte Wirtschaft zentral: Wir müssen Kooperation und vor allem auch die Wertschätzung aller – egal, woher die Menschen kommen und wie viel sie verdienen – wieder stärker in den Mittelpunkt stellen.
Wo sehen Sie innerhalb Deutschlands noch ungenutzte Potenziale, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?
Wir haben vier große Potenziale im Arbeitsmarkt, die wir besser heben müssen. Das erste ist die Zuwanderung, auf die wir in Zukunft noch stärker angewiesen sein werden.
Das zweite ist die Erwerbstätigkeit von Frauen, denn in kaum einem Industrieland ist die Teilzeitquote unter Frauen so hoch wie in Deutschland. Und dies ist in vielen Fällen nicht frei gewählt, denn viele Frauen in Teilzeit sagen, sie würden gerne mehr arbeiten. Es fehlt ihnen jedoch an einer ausreichenden Infrastruktur bei Kitas und Schulen, sie werden noch zu häufig auf dem Arbeitsmarkt bei Karrierechancen und Bezahlung diskriminiert, und auch das Ehegattensplitting und die Mitversicherung setzen massive Fehlanreize.
Das dritte ist die Erwerbstätigkeit im Alter. Es muss uns als Gesellschaft gelingen, Menschen länger und gesünder im Arbeitsmarkt zu halten. Dabei geht es nicht nur um die Abschaffung der abschlagsfreien Rente und eine Erhöhung des Renteneintrittsalters, sondern auch darum, mehr Chancen und mehr Flexibilität für Beschäftigung im Alter zu schaffen. Das vierte Potenzial liegt bei den jungen Menschen, denn heute verlassen viel zu viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss, und viel zu viele machen keine Ausbildung und haben keine formale Qualifikation. Wenn es uns gelingt, jede dieser vier Stellschrauben ein Stück weit zu adressieren, dann ist viel gewonnen.
Wie verändert sich aus Ihrer Sicht die Arbeitswelt – auch mit Blick auf Erwartungen und Perspektiven der jüngeren Generation?
Ich verstehe die Sorgen und Ängste vieler junger Menschen gut. Denn während junge Menschen vor 30 oder 50 Jahren mit einer guten Qualifikation ziemlich sicher sein konnten, dass sie mit dem Erlernten ihr gesamtes Berufsleben bestreiten können, hat sich dies fundamental geändert. Heute muss ein junger Mensch damit rechnen, sich stetig weiter- oder neu qualifizieren zu müssen, regelmäßig den Arbeitgeber und möglicherweise auch das Berufsfeld zu wechseln.
Das ist für viele eine tolle Chance, weil es etwas Neues bringt und Chancen und Perspektiven eröffnet. Aber für viele ist es auch eine Bedrohung, weil sie Angst haben oder sich nicht in der Lage fühlen, diese Veränderungen stetig erfolgreich zu bewältigen. Hier müssen Politik und Unternehmen mehr tun, um jungen Menschen diese Ängste zu nehmen und ihnen Perspektiven aufzuzeigen.
Das ist eine gigantische Herausforderung. Dazu gehört insbesondere der Siegeszug der künstlichen Intelligenz. Sie schafft enorme Chancen und Potenziale, erfordert aber auch von uns allen, zu lernen und uns anzupassen.
Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die wichtigsten Ansatzpunkte, um den Fachkräftemangel nachhaltig zu entschärfen und wo sehen Sie dabei eine besondere Rolle für Unternehmen?
Der Schlüssel liegt in Bildung und Qualifizierung. Deutschland hat seinen Vorsprung bei beidem über die Jahrzehnte verloren. Bei vielen Vergleichen sind wir mittlerweile nur noch im hinteren Mittelfeld. Das ist nicht gut genug für ein Land, das hoch innovative und global führende Unternehmen hat und behalten möchte. Wir investieren viel zu wenig in Bildung und Qualifizierung. Und wir müssen natürlich auch für Unternehmen bessere Rahmenbedingungen schaffen, damit sie innovativ bleiben und in ihre eigenen Beschäftigten investieren können.