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Nr. 7094474
IHK-Vereinbarkeitsmonitor

Herausforderungen bei Kinderbetreuung und Pflege in Südhessen

Rund 8.700 fehlende Betreuungsplätze in Krippen und Kindergärten, steigender Personalbedarf in der Pflege: Der „Vereinbarkeitsmonitor Kindertagesbetreuung und Pflege in Südhessen“ der IHK Darmstadt zeigt auf, vor welchen Herausforderungen Beschäftigte mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen stehen. Der erstmals veröffentlichte Bericht analysiert die Betreuungssituation in der Region und bewertet die Auswirkungen auf das Arbeitskräftepotenzial.
Wie viele Betreuungsplätze fehlen in Krippe und Kindergarten? Wie steht es um den Personalschlüssel? Wie viele stationäre Pflegeplätze sind vorhanden? Anhand von 19 Indikatoren untersucht und vergleicht der Vereinbarkeitsmonitor der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt Rhein Main Neckar die Betreuungsstrukturen in der Stadt Darmstadt sowie in den Landkreisen Bergstraße, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau und im Odenwaldkreis. Ergänzt werden die regionalen Daten um sieben Indikatoren auf Landes- und Bundesebene.
„Wenn Menschen keinen Kitaplatz für ihr Kind erhalten oder alleine die Pflege eines Angehörigen stemmen, können sie nicht ohne Weiteres ihrem Beruf nachgehen – auch wenn sie gerne arbeiten würden“
Dr. Marcel Walter, Geschäftsbereichsleiter Aus- und Weiterbildung
„Wenn Menschen keinen Kitaplatz für ihr Kind erhalten oder alleine die Pflege eines Angehörigen stemmen, können sie nicht ohne Weiteres ihrem Beruf nachgehen – auch wenn sie gerne arbeiten würden“, sagt Dr. Marcel Walter, Geschäftsbereichsleiter Aus- und Weiterbildung der IHK Darmstadt. „Das bedeutet nicht nur Gehaltseinbußen für Arbeitnehmende, sondern führt auch zu einem Verlust von Fachkräften. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt daher auch aus Wirtschaftssicht eine wichtige Rolle: Sie trägt zur Fachkräftesicherung und damit zur Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen bei.“

Rund 8.700 Krippen- und Kindergartenplätze fehlen

In Südhessen werden rund 39.300 Kinder unter sechs Jahren in Kindertageseinrichtungen betreut, davon gut 9.000 Kinder in Krippen (U3) und knapp 30.300 in Kindergärten. Demgegenüber stehen rund 8.700 fehlende Betreuungsplätze in diesen Altersgruppen, die meisten davon (rund 6.400) in Krippen. Je nach Region erhalten rund ein Viertel (in Darmstadt) bis die Hälfte (im Landkreis Groß-Gerau) aller Eltern, die ihr Kind in der Krippe betreuen lassen wollen, keinen Platz. Ab dem Kindergartenalter bessert sich die Situation deutlich, wenngleich auch hier bis zu elf Prozent leer ausgehen.
Zwischen den Betreuungsstrukturen und der Erwerbstätigkeit von Frauen zeigen sich Parallelen. So waren im Jahr 2024 hessenweit 88 Prozent der Väter mit Kindern unter drei Jahren erwerbstätig, aber nur 37 Prozent der Mütter. Bei Kindern ab drei Jahren – die häufig einen Kindergartenplatz erhalten – steigt die Erwerbstätigenquote von Müttern deutlich auf 72 Prozent.
Neben Lücken in der Kindertagesbetreuung zeigt der Vereinbarkeitsmonitor auch Engpässe in der Pflege auf. So wird in Südhessen bis 2035 ein zusätzlicher Bedarf von rund 9.800 Pflegefachkräften erwartet. Im Landkreis Groß-Gerau ist der prognostizierte zusätzliche Bedarf prozentual gesehen am höchsten – die Zahl der Pflegefachkräfte müsste um 84 Prozent steigen.
Porträt der IHK-Vizepräsidentin Ulrike Jakobi
In der heutigen Arbeitsmarktsituation der fehlenden Führungs- und Fachkräfte benötigen wir dringend funktionierende Betreuungskonzepte.
Ulrike Jakobi, Vizepräsidentin der IHK Darmstadt
„In der heutigen Arbeitsmarktsituation der fehlenden Führungs- und Fachkräfte benötigen wir dringend funktionierende Betreuungskonzepte”, sagt IHK-Vizepräsidentin Ulrike Jakobi, die drei Edeka-Märkte in Bensheim, Lautertal und Worms betreibt. „Diese ermöglichen es Menschen – meist Frauen –, erwerbstätig zu sein.“ Die positiven Auswirkungen spürten die Unternehmerin und ihre Mitarbeitenden täglich: „Mehr Betreuungsangebote bedeuten mehr qualifizierte Mitarbeitende. Das wiederum bedeutet eine Entlastung der Teams und damit mehr Service für unsere Kunden.”

IHK Darmstadt fordert, Rechtsanspruch einzulösen

Mit dem Vereinbarkeitsmonitor will die IHK Darmstadt Transparenz schaffen und den Landkreisen sowie der Stadt Darmstadt eine Grundlage für die Standortbestimmung in puncto Betreuungsstrukturen bieten. Daneben enthält der Bericht konkrete Verbesserungsvorschläge und stellt Forderungen an die Politik. „An allererster Stelle steht die Verpflichtung, den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab einem Jahr einzulösen“, sagt Walter. „Das Land Hessen und die Kommunen müssen erkennbar mehr Anstrengungen unternehmen, eine flächendeckende Kindertagesbetreuung sicherzustellen.“
Es darf kein Neubaugebiet ohne Betreuungskonzept geben.
Grundsätzlich sieht die IHK Darmstadt die Fachkräftegewinnung als Schlüssel. „Ausländische Abschlüsse von Pflegekräften müssen sich leichter anerkennen lassen“, fordert Walter. Daneben nennt er eine attraktive Vergütung für Auszubildende in Erziehungsberufen sowie eine stärkere Berufsorientierung an Schulen als wichtige Hebel. Auch die Stadtplanung sei gefordert: „Es darf kein Neubaugebiet ohne Betreuungskonzept geben“, so der Geschäftsbereichsleiter. Durch kurze Wege könnten Familien entlastet werden.
„Je besser es gelingt, berufliche Anforderungen mit familiären Verpflichtungen zu vereinbaren, umso größer ist das vorhandene Arbeitskräftepotenzial in unserer Region“, fasst IHK-Vizepräsidentin Ulrike Jakobi zusammen.
Julia van Lottum
Bereich: Kommunikation und Marketing
Themen: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit