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Nr. 7162962
Robert Lippmann und Christian Jöst
Gemeinsames Statement

Wirtschaftliche Realität lässt sich nicht wegwählen

Angesichts der aktuellen öffentlichen Debatte beziehen IHK-Präsident Christian Jöst und IHK-Hauptgeschäftsführer Robert Lippmann Stellung:
Robert Lippmann und Christian Jöst
Robert Lippmann, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt Rhein Main Neckar und Christian Jöst, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt Rhein Main Neckar © IHK Darmstadt / Dennis Möbus
„Die politischen Kräfteverhältnisse in Deutschland sind in Bewegung. Damit gewinnen Forderungen an Gewicht, die tief in die wirtschaftlichen Grundlagen unseres Landes eingreifen würden: ein Austritt Deutschlands aus dem Euro-System und dem Schengenraum und eine deutliche Begrenzung regulärer Zuwanderung.
Die wirtschaftlichen Konsequenzen wären erheblich.
Mehr als die Hälfte der deutschen Warenausfuhren geht in die Europäische Union – den größten gemeinsamen Binnenmarkt der Welt. In Südhessen erwirtschaftet das verarbeitende Gewerbe mehr als sechs von zehn Euro seines Umsatzes im Ausland. Der Euro beseitigt Wechselkursrisiken innerhalb des gemeinsamen Währungsraums und macht grenzüberschreitende Geschäfte kalkulierbarer.
Eine Aufwertung einer neuen deutschen Währung würde Exporte verteuern.
Durch einen Austritt aus dem Euro würden Wechselkursrisiken zurückkehren, Verträge und Kredite müssten in eine neue Währungsordnung überführt werden. Eine Aufwertung einer neuen deutschen Währung würde Exporte verteuern.
Ausgerechnet eine Exportnation würde damit einen zentralen Vorteil ihres Geschäftsmodells aufs Spiel setzen.
Dasselbe gilt für Schengen. Offene Grenzen sind Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur. Waren passieren Grenzen, Beschäftigte pendeln, Produktionsprozesse und Lieferketten sind europaweit organisiert.
Mehr Grenzen bedeuten mehr Kosten.
Dauerhafte Grenzkontrollen bedeuten Wartezeiten, zusätzlichen Aufwand und höhere Kosten. Eine ifo-Modellrechnung hat die Belastungen durch eine vollständige Wiedereinführung von Grenzkontrollen bereits 2016 auf Milliardenbeträge geschätzt. Die aktuelle Abschätzung mag anders ausfallen, der Zusammenhang aber bleibt: Mehr Grenzen bedeuten mehr Kosten.
Noch eindeutiger sind die Zahlen beim Arbeitsmarkt.
Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes würde die Zahl der 20- bis 66-Jährigen ohne Nettozuwanderung allein bis 2035 um rund 6,2 Millionen sinken. In Hessen erreichen in den kommenden sieben Jahren rund 295.000 Menschen das Rentenalter.
Natürlich müssen wir heimische Potenziale besser ausschöpfen, Erwerbsbeteiligung erhöhen, qualifizieren, digitalisieren und produktiver werden. Aber das allein wird nicht reichen.
Wer auch reguläre Zuwanderung deutlich begrenzen will, muss deshalb beantworten: Wer soll künftig die Arbeit machen?
Das betrifft alle Branchen: Industrie und Handwerk, Logistik, Gastronomie, Handel und Dienstleistungen.
Fehlende Arbeitskräfte bedeuten weniger Produktion, weniger Investitionen und weniger Wohlstand.
Besonders riskant sind solche Forderungen, weil Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit schon heute unter erheblichem Druck steht. Unternehmen kämpfen mit hohen Kosten, Fachkräftemangel, schwachen Investitionen und regulatorischer Belastung. Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck aus den USA und China.
In dieser Lage Wechselkursrisiken zurückzuholen, Lieferketten durch neue Grenzen zu verteuern und das Arbeitskräfteangebot zusätzlich zu verknappen, wäre ein Angriff auf wesentliche Grundlagen unseres Wohlstands.
Offenheit ist für unsere Region kein abstraktes Ideal. Sie ist Teil ihres Geschäftsmodells.
Gerade die Region Rhein-Main-Neckar lebt von internationaler Industrie, Forschung und Technologie, vom Frankfurter Flughafen, von europäischen Wertschöpfungsketten und von Unternehmen, die Fachkräfte aus aller Welt beschäftigen. Offenheit ist für unsere Region kein abstraktes Ideal. Sie ist Teil ihres Geschäftsmodells.
Weniger Arbeitskräfte machen ein Land nicht leistungsfähiger. Neue Grenzen machen Lieferketten nicht effizienter. Zusätzliche Wechselkursrisiken stärken keine Exportnation.
Wer solche Forderungen annimmt, sollte deshalb wissen, was wirtschaftlich auf dem Spiel steht. Über Politik kann man abstimmen. Aber wirtschaftliche Realität lässt sich nicht wegwählen. Eine leistungsfähige Wirtschaft ist die Grundlage für Arbeitsplätze, Wohlstand und unseren gesellschaftlichen Handlungsspielraum.”
Julia van Lottum
Bereich: Kommunikation und Marketing
Themen: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit