Wird aus Strukturwandel wirklich Wertschöpfung?
WRL-Geschäftsführer Heiko Jahn im Interview mit FORUM zum Werkstattprozess und der Unternehmensbeteiligung.
Laut Heiko Jahn braucht Strukturwandel nicht nur Zeit, sondern auch Beteiligung.
FORUM: Wenn Sie den bisherigen Strukturwandelprozess insgesamt bewerten: Wo stehen wir heute – und wo ist konkretes Verbesserungspotenzial?
HEIKO JAHN: Ich würde die Antwort bewusst zweigeteilt geben. Wenn wir über den Werkstattprozess sprechen, dann ist Verbesserungspotenzial kein einmaliger Punkt, sondern ein permanenter Auftrag. Dieser Prozess ist genauso neu wie der Kohleausstieg selbst. Es gibt keine Blaupause, an der man sich orientieren könnte. Der Werkstattprozess muss sich selbst ständig überprüfen und weiterentwickeln.
Wenn in den Werkstätten Vorschläge kommen, wie Abläufe, Beteiligung oder Entscheidungswege verbessert werden können, dann greifen wir das auf. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Lernfähigkeit. Strukturwandel funktioniert nicht nach Schema F.
Der zweite Teil betrifft den Gesamtprozess der Strukturentwicklung. Die ersten fünf Jahre waren geprägt von einer extremen Dynamik. In den ersten drei Jahren hatten wir rund 600 Projektanträge – vor allem aus den Kommunen. Heute sind wir bei exakt 90 investiven Projekten aus dem Landesarm, die bewilligt sind und umgesetzt werden oder kurz davorstehen. Dazu kommen viele weitere Projekte aus dem Bundesarm sowie den Strukturwandel-Förderprogrammen STARK, dem Teilhabefonds, Unternehmen Revier etc. – insgesamt mehr als 350. Hier beginnt jetzt eine neue Phase.
Der zweite Teil betrifft den Gesamtprozess der Strukturentwicklung. Die ersten fünf Jahre waren geprägt von einer extremen Dynamik. In den ersten drei Jahren hatten wir rund 600 Projektanträge – vor allem aus den Kommunen. Heute sind wir bei exakt 90 investiven Projekten aus dem Landesarm, die bewilligt sind und umgesetzt werden oder kurz davorstehen. Dazu kommen viele weitere Projekte aus dem Bundesarm sowie den Strukturwandel-Förderprogrammen STARK, dem Teilhabefonds, Unternehmen Revier etc. – insgesamt mehr als 350. Hier beginnt jetzt eine neue Phase.
FORUM: Wie unterscheidet sich die neue Phase von den Anfangsjahren?
HEIKO JAHN: Am Anfang ging es stark um Sammeln, Prüfen, Bewerten und Entscheiden. Jetzt geht es um Wirkung. Wir investieren hohe Summen öffentlichen Geldes, um neue wirtschaftliche Strukturen zu schaffen. Dafür müssen diese Projekte am Ende auch funktionieren – wirtschaftlich, strukturell und perspektivisch.
Ein gutes Beispiel ist das Co-Working-Gebäude in Lübbenau. Wir investieren dort rund 25 Millionen Euro. Der Bau läuft planmäßig, 2027 soll das Gebäude fertig sein. Aber das ist nicht das Ziel an sich. Entscheidend ist: Wer kommt dorthin? Welche Unternehmen, welche Gründer, welche kreativen Akteure? Wie entsteht dort ein Nukleus für Innovation, für neue Geschäftsmodelle, für Ausgründungen?
Wenn wir feststellen, dass Interesse da ist, aber bestimmte Voraussetzungen fehlen – etwa Kinderbetreuung, ergänzende Infrastruktur oder weitere Angebote –, dann müssen wir nachsteuern. Genau dafür haben wir noch finanzielle Spielräume. Unser Ziel ist nicht ein betriebswirtschaftlich „volles Haus“ mit beliebigen Mietern, sondern ein Ort, an dem neue wirtschaftliche Dynamik entsteht.
FORUM: Kritikpunkt war lange Zeit, dass KMU zu wenig einbezogen würden. Wie bewerten Sie das heute?
HEIKO JAHN: Wir investieren gezielt in Wissenschaft, Forschung und Technologiezentren, von denen gerade auch KMU dauerhaft profitieren, die über keine eigene Forschungsabteilung verfügen. Wir müssen dafür sorgen, dass das Wissen in verwertbarer Weise bei den Unternehmen ankommt. Strukturwandel bedeutet schließlich auch ein Auftragsvolumen in Höhe von zehn Milliarden Euro! Wir haben mit den Kammern HWK und IHK besprochen, wie möglichst viele regionale Unternehmen an diesem Auftragsvolumen teilhaben können. Dazu gibt es den JTF als Direktförderung und das Programm Unternehmen Revier (RIK). Der JTF erreicht viele Unternehmen, die vorher kaum Zugang zu Förderprogrammen hatten. Und dieses Instrument funktioniert.
FORUM: Welche Projekte sind für die wirtschaftliche Entwicklung besonders relevant – abseits bekannter Großvorhaben?
HEIKO JAHN: Zwei Projekte stehen für mich exemplarisch für unseren Ansatz: Die Fabric Lausitz in Forst und das Carbon-Lab-Factory Lausitz, beide Projekte bewegen sich in der Produktionskette Leichtbau. Die Fabric Lausitz bündelt alles, wofür der Strukturwandel stehen soll. Dort entsteht ein gemeinsamer Maschinenpark, der auf die Bedarfe regionaler Unternehmen abgestimmt ist. Die Nutzung ist kostenpflichtig – es geht nicht um Subventionierung –, der eigentliche Mehrwert entsteht durch die Zusammenarbeit. Viele Unternehmen haben keine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung. In solchen Strukturen können sie trotzdem innovativ sein.
Die Carbon Lab Factory Lausitz ergänzt das auf technologischer Ebene. Carbonfasern sind ein Schlüsselmaterial der Zukunft – leichter als Stahl, vielseitig einsetzbar, hoch relevant für Leichtbau, Mobilität und Wasserstofftechnologien. Hier bündeln wir Forschungsergebnisse, setzen sie prototypisch um und entwickeln sie kontinuierlich weiter. Das schafft eine technologische Grundlage, die wiederum Unternehmen in der Region nutzen können.
Die Carbon Lab Factory Lausitz ergänzt das auf technologischer Ebene. Carbonfasern sind ein Schlüsselmaterial der Zukunft – leichter als Stahl, vielseitig einsetzbar, hoch relevant für Leichtbau, Mobilität und Wasserstofftechnologien. Hier bündeln wir Forschungsergebnisse, setzen sie prototypisch um und entwickeln sie kontinuierlich weiter. Das schafft eine technologische Grundlage, die wiederum Unternehmen in der Region nutzen können.
FORUM: Was waren die wichtigsten Meilensteine im gesamten Prozess?
HEIKO JAHN: Ein zentraler Meilenstein war das Strukturstärkungsgesetz 2020 – und vor allem die Akzeptanz, die wir durch den Werkstattprozess erreicht haben. Dass Ministeriumsvertreter dauerhaft in den Werkstätten mitarbeiten und auch jedes seitens des Landes eingebrachte Projekt selbst diesen Prozess durchlaufen muss, ist bundesweit nahezu einzigartig. Ein weiterer Meilenstein war, dass trotz aller Hürden kein einziges der großen Schlüsselprojekte gescheitert ist. Viele standen zeitweise auf der Kippe – durch Genehmigungsfragen, Planungsprobleme oder organisatorische Herausforderungen. Dass wir diese Projekte gemeinsam mit Kommunen und Partnern stabilisieren konnten, ist alles andere als selbstverständlich.
FORUM: Gab es Entwicklungen, die Sie persönlich überrascht haben?
HEIKO JAHN: Mich hat positiv überrascht, wie tragfähig der regionale Konsens ist – auch dort, wo Kommunen bislang kein großes investives Projekt erhalten haben. Das erfordert Geduld, und es war nicht immer konfliktfrei. Aber am Ende wurde der Prozess akzeptiert.
Überrascht hat mich allerdings auch, wie komplex selbst scheinbar einfache Dinge werden können. Allein schon das Finden der richtigen Zuständigkeiten kostet Zeit und manchmal Nerven, auch bei uns. Gerade bei großen Projekten zeigt sich, wie wichtig Beharrlichkeit und persönlicher Dialog sind.
Überrascht hat mich allerdings auch, wie komplex selbst scheinbar einfache Dinge werden können. Allein schon das Finden der richtigen Zuständigkeiten kostet Zeit und manchmal Nerven, auch bei uns. Gerade bei großen Projekten zeigt sich, wie wichtig Beharrlichkeit und persönlicher Dialog sind.
FORUM: Was können andere Regionen von der Lausitz lernen?
HEIKO JAHN: Dass Strukturwandel Zeit braucht – und Beteiligung. Der Werkstattprozess war aufwendig, manchmal mühsam, aber er hat Akzeptanz geschaffen, die heute ein echter Standortvorteil ist.
FORUM: Welchen Fokus setzen Sie für die Kampagne #KrasseLausitz in 2026?
HEIKO JAHN: Die Kampagne hat Aufmerksamkeit erzeugt, Identifikation gestärkt und den Strukturwandel sichtbar gemacht. Nach zweieinhalb Jahren mit starkem Fokus auf regionale Sichtbarkeit wollen wir die Kampagne national und perspektivisch international ausrichten. Viele potenzielle Investoren oder Fachkräfte wissen schlicht nach wie vor nicht, wo die Lausitz liegt oder wofür sie steht.
FORUM: Wie können sich regionale Unternehmen konkret beteiligen?
HEIKO JAHN: Indem sie die Lausitz sichtbar machen – in ihrer Kommunikation, auf Messen, in internationalen Kontakten oder sogar buchstäblich auf der Straße, etwa auf Lkw-Planen. Die Kampagne ist ein gemeinsamer Rahmen. Je mehr Akteure ihn nutzen, desto stärker wird die Wirkung.
Hintergrund:
Die Wirtschaftsregion Lausitz GmbH (WRL) ist seit 2020 die zentrale Landesstrukturentwicklungsgesellschaft für den brandenburgischen Teil der Lausitz und steuert dort den Werkstattprozess in fünf Themenwerkstätten zu Feldern von Wirtschaft und Digitalisierung bis hin zu Lebensqualität und Fachkräfteentwicklung.
Jede Werkstatt hat eine Sprecherperson aus der Region und bindet weitere Akteure aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kommunen und Zivilgesellschaft ein. Projektideen kommen nach dem Bottom-up-Prinzip aus der Region und werden im „Haus des Strukturwandels“ von WRL, Lausitz-Beauftragtem, ILB und regionalen Wirtschaftsförderungen nach Kriterien wie Wettbewerbsfähigkeit, Bildung/Fachkräfte und Lebensqualität geprüft und qualifiziert; es geht um konsensuale Voten statt Kampfabstimmungen. Werkstattübergreifende Sitzungen bündeln die Perspektiven mehrerer Werkstätten, bevor Projekte mit positivem Votum in die Interministerielle Arbeitsgruppe Lausitz und dann in die Umsetzung gehen.
Das Gespräch führte Jörg Tudyka. Es ist nachzulesen im FORUM 1-2|2026