UNTERNEHMEN UND FORSCHUNG

Wenn Forschung zum Standortfaktor wird

In Herzberg untersucht ein Sanddornverarbeiter mit dem DLR seine künftige Energieversorgung. In Cottbus wächst eine Testinfrastruktur für neue Luftfahrtantriebe. Und in Lübbenau entsteht auf einem ehemaligen Kraftwerksgelände ein Rechenzentrum. Die drei Vorhaben haben unterschiedliche Ziele – und zeigen, woran sich der Strukturwandel für Unternehmen messen lassen muss.
Für die Sanddorn GmbH in Herzberg ist Energie keine abstrakte Zukunftsfrage. Wer Beeren zu Säften, Ölen und weiteren Rohstoffen verarbeitet, benötigt Wärme und Strom für konkrete Produktionsschritte. Ändert oder erweitert sich die Produktion, muss auch die Energieversorgung dazu passen. Gemeinsam mit dem DLR-Institut für CO₂-arme Industrieprozesse arbeitet das Unternehmen deshalb an einem Konzept für sein Energiesystem. Untersucht wird, wie sich verschiedene Energiequellen, Wärmeerzeuger und Speicher auf den Bedarf des Betriebs abstimmen lassen. Ziel sind geringere Kosten und Emissionen.

Ein Energiekonzept für die Praxis

Prof. Dr. André Thess, Direktor des DLR-Instituts, nennt die Zusammenarbeit ein „Schaufenster unserer energietechnischen Kompetenz“. Dass Sanddorn ein mittelständisches Unternehmen und kein internationaler Lebensmittelkonzern ist, sieht er als Vorteil: Der persönliche Kontakt, die unbürokratische Umsetzung und die Wirkung in der Region machten das Vorhaben für ihn zu einem „Kleinod“. Erfahrungen daraus könnten später auch für andere Lebensmittelhersteller nützlich sein.
Die Sanddorn GmbH verarbeitet in Herzberg (Landkreis Elbe-Elster) Sanddornbeeren unter anderem zu verschiedenen Säften und Sanddornöl. Auch weitere Bestandteile der Frucht werden genutzt. Das Unternehmen stellt vor allem Erzeugnisse her, die andere Betriebe weiterverarbeiten können – etwa in der Lebensmittel- oder Kosmetikbranche. Seine Produktionsweise zielt darauf, möglichst viel von der Beere zu verwerten.
Auch das gemeinsame Energieprojekt mit dem DLR betrachtet nicht bloß eine einzelne Maschine. Im Forschungsprojekt SINNOGENES entwickelt das Institut ein auf den Herzberger Standort zugeschnittenes Konzept. Dafür untersucht es unter anderem das Zusammenspiel von Photovoltaik, Wind- und Solarthermie, Wärmepumpen, Heizkesseln, Elektroheizungen sowie thermischen und elektrischen Speichern. Ein vom DLR entwickeltes Optimierungswerkzeug soll helfen, die Anlagen passend zum Energiebedarf auszulegen und zu betreiben. Die Planung berücksichtigt auch eine mögliche Erweiterung der Produktion.
Thess beschreibt die Aufgabe vereinfacht so: Das Institut analysiere das vorhandene Energieversorgungssystem und entwickle einen Vorschlag für dessen Umbau. Dieser solle Kosten sparen und Emissionen verringern. Entscheidend sei, nicht irgendeine technische Lösung auf einen Betrieb zu übertragen, sondern sie auf dessen Prozesse zuzuschneiden.

Forschung für Investitionsvorbereitung

Für die regionale Wirtschaft liegt darin eine wichtige Botschaft. Forschungstransfer muss nicht erst bei einer neuen Fabrik oder einer Ausgründung beginnen. Er kann auch einem bestehenden Unternehmen helfen, Investitionen in seine künftige Produktion besser vorzubereiten. Der Fall Sanddorn zeigt diesen Ansatz. Welche Einsparungen nach einer Umsetzung tatsächlich erzielt werden, lässt sich bislang nicht beziffern.
André Thess sieht darin keinen Einzelfall. Sein Institut arbeite international vor allem in größeren Projekten, übernehme für Partner aus der Lausitz aber auch Direktaufträge, etwa zur Verringerung des Energieverbrauchs oder der Emissionen. Als weitere regionale Unternehmenspartner nennt er die LEAG und SIK Peitz. Die Zusammenarbeit mit Sanddorn hebt er hervor, weil sie anschaulich macht, wie sich energietechnische Forschung auf die Anforderungen eines mittelständischen Betriebs beziehen lässt.

Forschung für energieintensive Prozesse

Thess leitet das DLR-Institut für CO₂-arme Industrieprozesse an den Standorten Cottbus und Zittau. Das Ziel seiner Forschung beschreibt er so: Technologien für Industrieprozesse entwickeln und demonstrieren, die zuverlässig, bezahlbar und umweltverträglich sind.
Ein Forschungsschwerpunkt sind Hochtemperaturwärmepumpen. Sie sollen Wärme für Produktionsprozesse auf einem weit höheren Temperaturniveau bereitstellen als Wärmepumpen in Wohnhäusern. Thess nennt für die Technologien seines Instituts 150 bis 300 Grad Celsius und Leistungen ab einem Megawatt. In der Lebensmittelindustrie sieht er mögliche Anwendungen beispielsweise beim Backen, Bierbrauen oder bei der Saftherstellung. Ob eine solche Anlage für einen bestimmten Betrieb geeignet ist, hängt allerdings von dessen Wärmebedarf und Produktionsabläufen ab. Der Institutsdirektor verbindet seine Arbeit mit einer größeren wirtschaftlichen Frage: Wie können industrielle Prozesse so weiterentwickelt werden, dass Unternehmen trotz hoher Anforderungen an Energieversorgung und Klimaschutz wettbewerbsfähig bleiben? Der unmittelbare Lausitzer Nutzen liege darin, dass Betriebe für thermische Energietechnologien einen fachlichen Ansprechpartner vor Ort hätten. Nach seiner Einschätzung kennen jedoch noch zu wenige kleine und mittlere Unternehmen dieses Angebot. Die geringe Bekanntheit des Instituts sei eines seiner größten ungenutzten regionalen Potenziale.
Zugleich möchte er Beschäftigte ermutigen, aus Forschungsergebnissen eigene Unternehmen zu entwickeln. Auch dafür braucht es mehr als eine gute Idee: Kontakte zu Betrieben, Räume zum Erproben und Menschen, die eine Entwicklung in die Anwendung tragen.
Eine wichtige Rolle spielen für die Forschungseinrichtung die BTU Cottbus-Senftenberg und die Hochschule Zittau-Görlitz. Gemeinsame Berufungen und Projekte verbinden die Einrichtungen; Studierende können am Institut Masterarbeiten schreiben, Forschende promovieren und neue Vorhaben entwickeln. Industriekooperationen geben dieser Ausbildung einen Praxisbezug und können berufliche Perspektiven in der Region eröffnen.
Prof. Dr. André Thess, Direktor des DLR-Instituts für CO₂-arme Industrieprozesse: „Das DLR verkörpert – in aller Bescheidenheit – die optimale Mischung aus Technologietransfer und anwendungsgetriebener Grundlagenforschung und wird die BTU in ihrem Streben nach weltweiter Bekanntheit unterstützen. Konkret kann das DLR dazu beitragen, dass die BTU die kritische Masse für große koordinierte Forschungsprogramme der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) entwickelt, die als so etwas wie die Bundesliga der Wissenschaft gelten.“


Prüfstände als Standortangebot

Einen anderen Ausgangspunkt hat Prof. Dr. Lars Enghardt. Den Direktor des DLR-Instituts für Elektrifizierte Luftfahrtantriebe reizte nach eigenen Worten die Möglichkeit, ein Institut an einem neuen Standort „von der Pike auf“ aufzubauen. Sein Fachgebiet ist stärker überregional und international vernetzt als die Zusammenarbeit mit einem einzelnen lokalen Produktionsbetrieb. Entsprechend sieht Enghardt einen wesentlichen Beitrag seines Instituts darin, Unternehmen von außerhalb für Tests, Entwicklungen oder eine Ansiedlung in Cottbus zu gewinnen.
Schon der Aufbau des Instituts schafft nach seiner Darstellung hochwertige Arbeitsplätze und Möglichkeiten zur Ausbildung qualifizierter Fachkräfte. Gemeinsam mit der BTU Cottbus-Senftenberg und CHESCO soll ein luftfahrttechnisches Kompetenzzentrum entstehen. Dessen besonderes Angebot werden Prüfstände sein, an denen Unternehmen neuartige Komponenten und ganze Antriebskonzepte untersuchen können. Enghardt erwartet, dass die Prüfstandslandschaft um das Jahr 2030 herum vollständig einsatzfähig sein wird.
Das DLR sieht für seine Forschungsinfrastruktur eine 13.300 Quadratmeter große Halle im Technologie- und Innovationspark Cottbus vor. Die Testmöglichkeiten am Standort sollen unterschiedliche Entwicklungsstufen abdecken – von einzelnen Komponenten bis zu komplexeren Antriebssystemen. Für Luftfahrtfirmen könnte das ein Grund sein, zu wiederkehrenden Testkampagnen nach Cottbus zu kommen oder längerfristig mit einem eigenen Standort präsent zu sein.
Enghardt nennt Kooperationen mit der BTU, CHESCO und Rolls-Royce. Kontakte zu Elfin.Aero und FTI seien in Anbahnung. Eine Grenze des bisher Erreichten spricht er aber ebenso klar an: Ein laufendes Transferprojekt mit einem Luftfahrtunternehmen aus der Lausitz könne er derzeit nicht als Beispiel nennen. Die Branche sei global organisiert; entsprechende Unternehmenspartner fehlten in der Region bislang.
Der wirtschaftliche Beitrag des Instituts unterscheidet sich damit von dem in Herzberg. Bei Sanddorn beginnt die Zusammenarbeit mit einem vorhandenen regionalen Betrieb und seiner Energieversorgung. Bei Enghardt entsteht zunächst eine Forschungs- und Testinfrastruktur. Ihr längerfristiger Nutzen für den Standort hängt auch davon ab, ob Unternehmen sie in Anspruch nehmen, Beschäftigte gewinnen und sich möglicherweise in der Lausitz niederlassen.
In drei bis fünf Jahren möchte Enghardt als etablierter Partner der deutschen und europäischen Triebwerksindustrie für Tests, Forschung und Entwicklung gelten. Weitere Anknüpfungspunkte sieht er in zusätzlichen DLR-Kompetenzen am Standort, etwa bei gasturbinenbasierten Antrieben, sowie in der Zusammenarbeit zu Wärmetauschern und Mess- und Regelungstechnik. Der Lausitz Science Park könnte aus seiner Sicht Unternehmen, Start-ups und Ausgründungen Platz bieten.
Digitale Infrastruktur auf ehemaligem Kraftwerksgelände
Ein dritter Schauplatz des Lausitzer Strukturwandels liegt in Lübbenau. Auf einem früheren Kraftwerksgelände baut Schwarz Digits, die IT- und Digitalsparte der Schwarz-Gruppe, ein großes Rechenzentrum. Das Unternehmen will dort Kapazitäten für Cloud- und KI-Anwendungen schaffen – für seine eigenen Aktivitäten ebenso wie für externe Kunden. Über STACKIT bietet Schwarz Digits Cloud-Dienstleistungen für Unternehmen und den öffentlichen Sektor an.
Schwarz Digits beziffert die Gesamtinvestition am Standort auf 11 Milliarden Euro und bezeichnet sie als größte Einzelinvestition seiner Unternehmensgeschichte. Der erste Bauabschnitt mit drei Modulen soll bis Ende 2027 fertiggestellt werden. Auf dem mehr als 13 Hektar großen Gelände ist nach Unternehmensangaben eine Anschlussleistung von bis zu 200 Megawatt vorgesehen.
Warum fiel die Wahl auf Lübbenau? „Bei der Auswahl von Standorten für Rechenzentren ist für uns vor allem die Energieversorgung entscheidend“, sagt Stefan Hees, Bereichsleiter Data Center und Compute Services bei Schwarz Digits.
Das Unternehmen wolle seinen Strombedarf klimaneutral decken und benötige Zugang zu ausreichend Energie aus erneuerbaren Quellen. Hinzu kämen Anforderungen an Sicherheit, Erweiterungsflächen, Verkehrsanbindung und verfügbares Fachpersonal. Als weiteren Vorteil nennt Hees die Entfernung zu bestehenden Rechenzentren: Sie ermögliche eine räumliche Trennung der Standorte und damit zusätzliche Ausfallsicherheit.
Der Bau ist nach Angaben des Unternehmens bereits weit fortgeschritten. Nach dem von Schwarz Digits übermittelten Projektstand stehen die Rohbauarbeiten am zentralen Umspannwerk, am Verwaltungsgebäude und am ersten Rechenzentrumsgebäude unmittelbar vor dem Abschluss. Im ersten Gebäude hat der Innenausbau begonnen; zwei weitere Gebäude befinden sich im Rohbau. Auf der Baustelle arbeiten laut Hees derzeit rund 700 Menschen verschiedener Gewerke. Für den späteren Betrieb rechnet Schwarz Digits mit zunächst rund 60 Arbeitsplätzen im ersten Bauabschnitt und insgesamt rund 120 neuen Stellen.
Ein weiterer Baustein ist die geplante Nutzung der Serverabwärme. Schwarz Digits hat nach eigenen Angaben mit der Stadt Lübbenau/Spreewald und der Stadt- und Überlandwerke GmbH Luckau-Lübbenau einen Vertrag darüber geschlossen. Die erste Einspeisung in die Fernwärmeversorgung soll ab 2028 erfolgen. Für die Kühlung der Servertechnik setzt das Unternehmen auf Direct Liquid Cooling, also Flüssigkeitskühlung.
„Wir denken Rechenzentren daher ganzheitlich: vom Rückbau des früheren Kraftwerksgeländes über die Nutzung von Strom aus erneuerbaren Quellen bis hin zum innovativen Direct Liquid Cooling, um die hochwertige Abwärme der Stadt Lübbenau/Spreewald zur Verfügung zu stellen.“
Stefan Hees, Bereichsleiter Data Center und Compute Services bei Schwarz Digits
Schwarz Digits steht aktuell nicht in Zusammenarbeit mit dem DLR. Zu möglichen Kooperationen vor Ort könne das Unternehmen während der Bauphase noch keine konkreten Angaben machen. Das Rechenzentrum ist ein eigenständiges Investitionsvorhaben, allerdings im selben regionalen Wandel.

Drei Wege, eine Standortfrage

Herzberg, Cottbus und Lübbenau stehen für unterschiedliche Formen wirtschaftlicher Veränderung. Bei Sanddorn arbeitet Forschung an der Energiefrage eines bestehenden Unternehmens. Das Institut für elektrifizierte Luftfahrtantriebe baut Fähigkeiten und Prüfstände auf, die Unternehmen erst noch stärker an den Standort ziehen sollen. Schwarz Digits nutzt eine frühere Kraftwerksfläche für digitale Infrastruktur und plant Arbeitsplätze sowie die Einspeisung von Abwärme.
Ihre Gemeinsamkeit liegt in einer Frage, die für die Lausitz entscheidend ist: Was kommt bei Unternehmen und Menschen vor Ort an? In Herzberg wird sich das am Nutzen eines Energiekonzepts für die Produktion zeigen. In Cottbus daran, ob aus Forschungsinfrastruktur Aufträge, Ansiedlungen und Beschäftigung erwachsen. Und in Lübbenau daran, welche Arbeitsplätze, regionalen Aufträge und Wärmeeffekte das Rechenzentrum nach seiner Inbetriebnahme tatsächlich ermöglicht.
Der Wandel ist damit nicht erst dann sichtbar, wenn alle Gebäude fertig sind. Er beginnt dort, wo ein Betrieb seine Energieversorgung mit Forschenden neu durchdenkt, wo ein Prüfstand für künftige Industriepartner entsteht und wo ein früherer Kraftwerksstandort eine neue Aufgabe erhält. Entscheidend bleibt, aus diesen Möglichkeiten belastbare wirtschaftliche Beziehungen in der Region zu machen.
Der Artikel von Jörg Tudyka erscheint im FORUM 11/2026