AIR UNIQON startet mit Betriebs- und Kundencenter am Verkehrslandeplatz Welzow

Während vielerorts in der Lausitz Standortentwicklung nahezu ausschließlich über große Strukturwandelprogramme, Förderkulissen und politische Leuchttürme gedacht wird, verfolgt die Stadt Welzow bewusst einen anderen Ansatz. Bürgermeister Hilmar Mißbach setzt auf schrittweise, eigenständige Entwicklung – mit klarer kommunaler Steuerung, ohne Abhängigkeit von wechselnden Fördertöpfen und ohne die Erwartung, dass der Strukturwandel „von oben“ geregelt wird. Welzow gehört zwar nicht zu den offiziell ausgewiesenen Strukturwandel-Standorten, liegt aber mitten im Kerngebiet der Lausitz. Genau daraus leitet sich der Anspruch ab: nicht warten, sondern machen. Der Verkehrslandeplatz Welzow wird dabei zum zentralen Hebel einer langfristigen Standortstrategie.

Der Flugplatz als Anker – nicht als Anhängsel

Der Verkehrslandeplatz Welzow ist kein klassisches Infrastrukturprojekt, das verwaltet werden will, sondern ein Entwicklungsraum mit besonderen Eigenschaften. Mit einer rund zwei Kilometer langen Start- und Landebahn, Zulassung für Maschinen bis 14 Tonnen und einer Alleinstellung zwischen Berlin, Dresden und Leipzig bietet der Standort Voraussetzungen, die in der Region selten sind.
Frank Steckling, Geschäftsführer der Flugplatzbetriebsgesellschaft Welzow, bringt den Anspruch klar auf den Punkt: „Ein Flugplatz ist kein Selbstzweck. Er ist entweder ein aktiver Standortfaktor – oder er wird irgendwann nur noch verwaltet.“
Die Perspektive geht bewusst über den Flugbetrieb hinaus: luftfahrtaffine Dienstleistungen, Logistik, Sicherheitstechnologien, Drohnenanwendungen, Veranstaltungen und betriebliche Zentren. Entscheidend ist nicht der schnelle Effekt, sondern die dauerhafte Nutzbarkeit.
Jens Warnken, Präsident der IHK Cottbus: "Wir müssen bei der Entwicklung unserer Flugplätze genauer hinschauen und sauber unterscheiden. Es geht nicht darum, Schwerlasten oder Massengüter zu fliegen – das wäre der falsche Maßstab. Entscheidend sind Mobilität, Konnektivität und der Faktor Zeit. Für Unternehmer ist verlorene Zeit der größte Kostenblock. Der Standort Welzow zeigt, welches Potenzial entsteht, wenn man Luftverkehr nicht elitär denkt, sondern als wirtschaftliches Werkzeug. Hier geht es nicht nur um`s Fliegen, sondern um Steuerung, Vernetzung und neue Mobilitätsmodelle. Dass die operative Steuerzentrale ausgerechnet von Welzow aus arbeitet, ist ein starkes Signal für den Standort.
Solche unternehmerischen Initiativen erfordern Mut und Risiko – und genau das müssen wir anerkennen, unterstützen und aktiv promoten.
Das ist kein Zufall, sondern eine echte Chance für die Region, die wir jetzt konsequent weiterentwickeln müssen."

Kooperationsvereinbarung als strategischer Rahmen

Einen wichtigen Schritt markiert die Kooperationsvereinbarung zwischen der Stadt Welzow und der Wirtschaftsförderung des Landkreises Spree-Neiße, der CIT GmbH. Sie schafft kein neues Förderprogramm, sondern eine Arbeitsgrundlage: abgestimmte Projektentwicklung, Investorenansprache, Flächenfragen, Kommunikation und Vernetzung. Der Ansatz ist bewusst nüchtern. Es geht nicht um Versprechen, sondern um Vorbereitung: Eigentumsfragen klären, Machbarkeiten prüfen, Infrastruktur denken, Zeitachsen realistisch definieren. Die von der IPG erstellte und über das Bundesprogramm STARK geförderte Machbarkeitsstudie bestätigt, dass der Standort grundsätzlich entwicklungsfähig ist – bei Erhalt des Flugplatzes als funktionalem Kern.
Konkret sichtbar wird dieser Ansatz mit der Ansiedlung des Betriebs- und Kundencenters der Fluggesellschaft Air Uniqon in Welzow. Kein symbolisches Büro, sondern ein operatives Zentrum: Flugüberwachung, Buchungssteuerung, Kundenservice, Schnittstellen zu Flughäfen und Operatoren.
Steckling, auch Leiter Operativer Betrieb (Head of Operation) bei Air Uniqon, ordnet die Entscheidung bewusst pragmatisch ein: „Viele Strukturwandelprojekte sind theoretisch gut, brauchen aber extrem lange, bis sie wirklich wirken. Unser Ansatz ist pragmatischer: erst machen, dann wachsen.“
Air Uniqon arbeitet als virtuelle Airline. Das Unternehmen verantwortet Produkt, Markt und wirtschaftliches Risiko, während der Flugbetrieb von spezialisierten Charterpartnern durchgeführt wird. Dieses Modell erlaubt es, Strecken zu bedienen, die für klassische Airlines wirtschaftlich nicht mehr darstellbar sind.
Für Welzow ist entscheidend: Die Wertschöpfung entsteht nicht durch Subventionen, sondern durch laufenden Betrieb. Einnahmen werden überwiegend außerhalb Brandenburgs generiert und fließen in den Standort zurück.
Oder, wie Steckling es formuliert: „Das Betriebs- und Kundencenter ist kein Symbolprojekt. Hier wird täglich gearbeitet, gesteuert und entschieden – und genau daraus entsteht regionale Wertschöpfung.“

Stimme aus dem Betrieb

Der Verkehrslandeplatz wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern als Ausgangspunkt für weitere Entwicklungen.
Steckling beschreibt den Ansatz so: „Der Verkehrslandeplatz ist für uns weit mehr als eine Infrastruktur. Er ist Ausgangspunkt wirtschaftlicher Entwicklung. Schon heute entstehen hier Netzwerke, Projekte und Ideen, die weit über den Flugbetrieb hinausgehen. Unsere Aufgabe ist es, diese Ansätze nicht nur zuzulassen, sondern aktiv weiterzuentwickeln – Schritt für Schritt, mit einem klaren Blick auf das, was machbar ist.“

Akzeptanz, Lärm, Klima: nüchtern betrachtet

Mehr Luftfahrt bedeutet auch Diskussionen. In Welzow werden sie nicht ausgeblendet, sondern sachlich eingeordnet. Der Verkehrslandeplatz
arbeitet innerhalb klar definierter Lärmkorridore, die bislang bei Weitem nicht ausgeschöpft sind. Ein sprunghafter Anstieg des Flugverkehrs ist weder geplant noch realistisch. Auch die Klimadebatte wird nicht moralisch, sondern faktisch geführt. Gleichzeitig werden Maßnahmen geprüft, um den Standort selbst effizienter und nachhaltiger zu betreiben – von Energieversorgung bis zu Bodenfahrzeugen.
Welzow setzt nicht auf den großen Wurf, sondern auf belastbare Standortarbeit. Der Flugplatz wird nicht ideologisch aufgeladen, sondern funktional entwickelt.

Nächster Baustein: Drohnenkompetenz in Welzow

Dass der Standort auch für weitere Akteure interessant wird, zeigt das Interesse der Morpheus GmbH. Das Unternehmen prüft in Welzow den Aufbau eines Drohnenkompetenzzentrums – als Plattform für Entwicklung, Erprobung und vor allem Betrieb innovativer Anwendungen, unter anderem auch im Bereich medizinischer Versorgung.
Das Unternehmen stellte sich im Februar auf dem Flugplatz Welzow vor, ein fachlicher Austausch über Rahmenbedingungen, Entwicklungspotenziale
und mögliche Schnittstellen zur öffentlichen Hand fand statt.
Christopher Bergau, Leiter Strategie des Unternehmens, formuliert die Erwartungen aus Unternehmenssicht klar: „Für ein wachstumsorientiertes LogTech-Unternehmen sind regulatorische Klarheit, Geschwindigkeit in Verfahren und ein Standort, der Innovation aktiv ermöglicht, entscheidend. Genau das haben wir in Welzow erlebt.“
Gerade in jungen Technologiefeldern wie der Drohnenlogistik treffen neue Anwendungen häufig auf bestehende Regularien.
„Wenn Ansprechpartner gebündelt sind und Prozesse strukturiert begleitet werden, verkürzt das Wege und schafft Planungssicherheit“, so Bergau.

Ansiedlung kein Automatismus

Dass sich Unternehmen vorstellen dürfen, bedeutet jedoch keinen Automatismus. Die Entscheidungsvorbereitung folgt klaren Maßstäben, betont Henriette Klimke, Projektmanagerin bei der CIT GmbH: „Zuerst prüfen wir die fachliche Substanz: Ist die Technologie tragfähig? Gibt es regulatorische Grundlagen und Referenzen? Verfügt das Unternehmen über wirtschaftliche Stabilität und personelle Kompetenz?“
Darüber hinaus zählt der regionale Mehrwert: Arbeitsplätze, technologische Anschlussfähigkeit, Nachhaltigkeitseffekte und die strategische Weiterentwicklung des Flugplatzes. Ein mögliches Drohnen-Kompetenzzentrum könnte mehrere dieser Aspekte bündeln – unbemannte Luftfahrt als Zukunftsfeld, CO2- reduzierte Logistik, internationale Sichtbarkeit.
Ob daraus eine Ansiedlung wird, entscheiden die nächsten Schritte. Klar ist: Standortentwicklung in Welzow folgt keiner Zufälligkeit, sondern einer strukturierten, fachlich unterlegten Prüfung – offen für Innovation, aber mit klaren Kriterien.
Der Artikel von Jörg Tudyka erschien im FORUM 4/2026