Strukturwandelprojekt Schienenausbau

Der Flaschenhals wird zum Taktgeber

Der Bahnhof Königs Wusterhausen wird bis etwa 2028 schrittweise zu einem leistungsfähigeren Knoten im Korridor Berlin–Königs Wusterhausen–Cottbus–Görlitz ausgebaut. Ziel ist es, ein zentrales Nadelöhr für den Verkehr in der Lausitz zu beseitigen und zugleich die Voraussetzungen für einen stabilen Deutschlandtakt zu schaffen.
Das Projekt ist eingebettet in das Programm „Netz Elbe-Spree“, die Planungen von i2030 sowie in die Mittel des Investitionsgesetzes Kohleregionen. Letzteres bildet seit 2020 das zentrale Finanzierungsinstrument für den Strukturwandel in den Braunkohleregionen. Bundesweit stehen bis 2038 rund 41 Milliarden Euro bereit, davon 10,32 Milliarden Euro für Brandenburg. Für die Lausitz wurden bislang 15 Bahnmaßnahmen bestätigt – Königs Wusterhausen gehört zu den ersten sichtbaren Umsetzungen im nördlichen Zulauf der Region.

Engpass im Nordzulauf der Lausitz

Heute ist der Bahnhof einer der entscheidenden Flaschenhälse auf der Schienenachse zwischen Berlin und der Lausitz. Zwischen Berlin-Grünau und Cottbus treffen S-Bahn, Regional-, Fern- und Güterverkehr aufeinander – teilweise über eingleisige Abschnitte.

Diese Konstellation bremst nicht nur Angebotsausweitungen im Netz Elbe-Spree, sondern erhöht auch die Störanfälligkeit im Gesamtsystem. Wer Taktverdichtung will, braucht Kapazität. Wer Industrieansiedlungen will, braucht verlässliche Güterkorridore. Wer Strukturwandel ernst nimmt, muss den Engpass beseitigen.

Ohne Schiene kein Hafen

Der Hafen Königs Wusterhausen ist als trimodaler Standort in der Strukturwandelregion gesetzt. Doch Hafen allein reicht nicht. Ohne leistungsfähige Schienenanbindung bleibt jede Logistikstrategie unvollständig. Mit dem Ausbau des Bahnhofs entsteht die infrastrukturelle Grundlage, um die wachsenden Güterströme aus und in die Lausitz stabil abzuwickeln – vom kombinierten Verkehr bis zu industriegetriebenen Mehrverkehren im entstehenden Net Zero Valley Lausitz.

Strategische Einordnung

In der integrierten Verkehrsstudie Lausitz und in den Werkstattprozessen der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH wird die Achse Berlin–Cottbus ausdrücklich als Rückgrat des Strukturwandels definiert.
  • Sie sichert die Pendlerverbindungen zwischen Metropole und Transformationsregion.
  • Sie ermöglicht Fachkräftebindung.
  • Sie öffnet Güterkorridore für neue Industrie- und Energiestandorte.
  • Sie trägt zur klimafreundlichen Verkehrsverlagerung bei.
Die Maßnahmen in Königs Wusterhausen dienen unmittelbar der Umsetzung des Deutschlandtakts sowie der Angebotsausweitung in den Netzen Elbe-Spree und Lausitz. Gleichzeitig fügen sie sich in ein größeres Infrastrukturpaket von rund 750 Millionen Euro für Schienen- und Straßenmaßnahmen in der Lausitz ein – unter anderem an Standorten wie Cottbus, Eisenhüttenstadt oder entlang der Achsen Leipzig– Falkenberg–Cottbus und Cottbus–Forst. Für energieintensive Zukunftscluster – Wasserstoffwirtschaft, Batterietechnologie, erneuerbare Energien oder Rechenzentren – ist die verbesserte Anbindung Richtung Berlin und zu internationalen Märkten ein echter Standortvorteil.
Karte der geplanten Maßnahmen des Investitionsgesetzes Kohleregionen bei der DB InfraGO

Fünf Bausteine für mehr Systemstabilität

Am Standort selbst laufen mehrere Teilprojekte:
  1. Eisenbahnüberführung Storkower Straße
    Neubau der Brücke (außerhalb InvKG), bereits fertiggestellt Ende 2025.
  2. Nordkopf – Zweigleisigkeit als Schlüssel
    Die bislang eingleisige Engstelle wird durch ein zusätzliches Gleis beseitigt. Die Brücke über den Nottekanal wird erweitert. Künftig können Züge gleichzeitig ein- und ausfahren. Investitionsvolumen: unterer zweistelliger Millionenbereich. Geplante Fertigstellung: 2027.
  3. Südkopf – 740-Meter-Gleis für den Güterverkehr
    Einbau von drei neuen Weichen und Bau eines 740 Meter langen Gleises und Neubau eines elektronischen Stellwerks. Damit können lange Güterzüge flexibel behandelt und konfliktfrei überholt werden – ein entscheidender Schritt für kombinierten Verkehr und Hafenanbindung.
  4. Perspektivischer Umbau des Bahnhofs
    Erweiterung um ein weiteres Regionalbahngleis sowie langfristige Trennung von S-Bahn-, Regional- und Güterverkehr.
  5. Entflechtung Grünau – Königs Wusterhausen
    Langfristig sollen S-Bahn- und Fernbahntrassen betrieblich getrennt werden. Die Maßnahme befindet sich in der Grundlagenphase und ist eng mit i2030 verknüpft.

Warum das mehr ist als ein Bahnhofsausbau

Mit dem 740-Meter-Gleis wird der Hafen direkt gestärkt. Gleichzeitig wird der gesamte Nordzulauf der Lausitz robuster. Die WRL-Werkstätten haben die Strecke Berlin–Cottbus klar als Systemachse beschrieben. Pendlerströme, Industrieansiedlungen, Güterverlagerung auf die Schiene – all das hängt an stabilen Betriebsabläufen. Geschwindigkeit ist wichtig. Aber entscheidend ist Zuverlässigkeit.

DiSTILL: Digitale Intelligenz für die Logistik

Parallel zum Infrastrukturausbau läuft am Hafen das Projekt DiSTILL – Digitales Simulations-Tool zur Weiterentwicklung des Lausitzer Reviers zur Internationalen Logistikdrehscheibe Lausitz. Gefördert mit rund zwei Millionen Euro durch das Bundesministerium für Digitales und Verkehr im mFUND-Programm (Laufzeit: Juni 2023 bis Februar 2026), entwickelt das Projekt ein digitales Simulationsinstrument zur Optimierung von Logistikströmen und Investitionsentscheidungen. (Siehe Seite 20 ff.)
Wichtig ist die Einordnung: DiSTILL ist kein klassisches Werkstattprojekt der Wirtschaftsregion Lausitz, sondern ein eigenständiges Fördervorhaben.
Die IHK Cottbus übernimmt im Konsortium eine führende Rolle: Analyse regionaler Akteure, Datenerhebung, Vernetzung von Unternehmen und Transfer in die Praxis.
Ohne diese wirtschaftliche Koordination bliebe das Tool akademisch. So wird es strategisches Instrument für reale Investitionen – insbesondere in Verbindung mit dem neuen Ladegleis am Hafen (12 Millionen Euro, davon 10,3 Millionen Strukturwandelmittel). Infrastruktur und digitale Steuerung greifen damit ineinander.

Interview mit Corwin Schutz: Ohne Zweigleisigkeit bleibt ein Risiko im System

Corwyn Schutz, Projektleiter DB InfraGO AG, im Gespräch
FORUM: Herr Schutz, warum ist der Bahnhof Königs Wusterhausen ein Schlüsselprojekt im Korridor Berlin–Cottbus–Görlitz?
CORWYN SCHUTZ: Königs Wusterhausen ist auf diesem Abschnitt heute ein Nadelöhr. Die Eingleisigkeit im Bereich der Fernbahn führt dazu, dass Züge aufeinander warten müssen. Das bedeutet immer ein betriebliches Risiko. Mit dem zweigleisigen Ausbau reduzieren wir dieses Risiko deutlich. Künftig können Züge gleichzeitig ein- und ausfahren – das stabilisiert den gesamten Ablauf auf der Achse Berlin–Cottbus.
FORUM: Wäre der Deutschlandtakt ohne den Ausbau stabil darstellbar?
CORWYN SCHUTZ: Durch die Eingleisigkeit besteht immer die Gefahr von Verzögerungen. Erst durch die Zweigleisigkeit schaffen wir die Voraussetzung für einen verlässlicheren Betrieb. Das ist eine zentrale Grundlage für künftige Taktverdichtungen
FORUM: Welche Maßnahme bringt den größten unmittelbaren Effekt?
CORWYN SCHUTZ: Der Nordkopf. Durch das zusätzliche Gleis können wir gleichzeitige Ein- und Ausfahrten ermöglichen. Das verhindert Wartezeiten und erhöht die Betriebsstabilität deutlich.
FORUM: Zeitgewinn oder Systemstabilität?
CORWYN SCHUTZ: In erster Linie Systemstabilität. Geschwindigkeit hängt vom Fahrplan ab. Aber wir reduzieren Konflikte im Betrieb. Das wirkt sich unmittelbar auf die Zuverlässigkeit aus.
FORUM: Welche Rolle spielt der Südkopf?
CORWYN SCHUTZ: Er ist besonders für den Güterverkehr wichtig. Mit dem Ausbau können 740 Meter lange Güterzüge verkehren und sich konfliktfrei begegnen. Das verbessert die betriebliche Qualität erheblich.
FORUM: Rechnen Sie mit mehr Güterverkehr?
CORWYN SCHUTZ: Ich gehe davon aus. Parallel planen Hafenbetreiber und Partner ein Containerterminal. Solche Vorhaben setzen leistungsfähige Schieneninfrastruktur voraus. Mit dem Südkopf schaffen wir die notwendigen Voraussetzungen.
FORUM: Sind die Finanzmittel gesichert?
CORWYN SCHUTZ: Für Nordkopf und Südkopf sind die nächsten Schritte finanziell abgesichert. Auch die notwendige Stellwerksanpassung ist genehmigt.
FORUM: Wird die Verbindung Berlin–Cottbus schneller oder vor allem zuverlässiger?
CORWYN SCHUTZ: In erster Linie zuverlässiger. Wir schaffen die Grundlage für einen stabileren Betrieb. Darauf baut alles Weitere auf.
FORUM: Ohne leistungsfähige Schiene kein erfolgreicher Strukturwandel?
CORWYN SCHUTZ: (Schmunzelt) Ich bin Eisenbahner. Natürlich ist die Schiene ein entscheidender Faktor – gerade für Pendler und für größere Güterströme.
Fazit: Der Ausbau des Bahnhofs Königs Wusterhausen ist kein technisches Detailprojekt, sondern ein infrastruktureller Schlüssel für den Strukturwandel in der Lausitz. Er verbindet den Hafen mit leistungsfähigen Güterkorridoren, stabilisiert den Personenverkehr zwischen Berlin und der Region und schafft die Grundlage für neue Industrieansiedlungen.
Wo bislang ein Engpass den Takt bestimmte, entsteht nun ein robuster Knoten. Und genau daran entscheidet sich, ob Transformation planbar und verlässlich wird – nicht in Strategiepapieren, sondern im funktionierenden System.