FORUM-Artikel

Studie "Kompass für Deutschland - Standortgemeinschaften der Zukunft"

Lebendige oder tote Innenstadt? Das hängt wesentlich davon ab, ob jemand die Ärmel hochkrempelt oder eben nicht. Bestenfalls in Standortgemeinschaften, das sind zum Beispiel Handels- und Gewerbevereine, Werbegemeinschaften oder City-Initiativen. Sie sind ein Schlüssel für eine funktionierende Innenstadt, besagt die Studie „Kompass für Deutschland: Standortgemeinschaften der Zukunft“.
Das Institut für Marketing und Kommunalentwicklung (imakomm AKADEMIE) mit Sitz in Stuttgart führte die Studie im vergangenen Jahr durch und veröffentlichte sie im Herbst 2025. Sie liefert erstmalig Messgrößen dafür, wie es um Gewerbevereine und Co. bestellt ist. Dr. Christian Eckert von der imakomm AKADEMIE initiierte die Studie und begleitete sie. Es beteiligten sich unter anderem 55 Industrie- und Handelskammern daran, auch die drei Brandenburger Kammern.
FORUM: Dr. Eckert, wann waren Sie das letzte Mal in einer Innenstadt einkaufen?
DR. CHRISTIAN ECKERT: Das war vor zwei Wochen in Erfurt im Rahmen einer Veranstaltung zum Thema Gewerbevereine. Ich reiste bewusst ein paar Stunden vorher an, um mir die Innenstadt anzusehen – Einkauf im stationären Handel inklusive.
FORUM: Wie hat sich Ihr eigenes Kaufverhalten in den vergangenen 20 Jahren verändert?
DR. CHRISTIAN ECKERT: Klar orientiert man sich auch mal online, zum Beispiel, was die Verfügbarkeit von Produkten betrifft. Genauso wie ich mich im stationären Handel umsehe. Ich komme aus einer Kleinstadt von 20.000 Einwohnern und bin insgesamt überzeugter Fan davon, Produkte zu kaufen, die es vor der Haustür gibt. Die Beratung und den Service bekommt man dort dazu; ein Pfund, das der stationäre Einzelhandel hat.
FORUM: Was heißt für Sie attraktive Innenstadt?
DR. CHRISTIAN ECKERT: Wir befinden uns bei dem Thema in einem sehr großen Transformationsprozess. Attraktiv bedeutete vor 15, 20 Jahren noch, ein ganz großes Kaufangebot zu haben, von A bis Z alles zu bekommen. Das änderte sich deutlich, die Zeiten für den Einzelhandel werden herausfordernder. Die Digitalisierung ist dabei ein großes Thema. Die Kaufmöglichkeiten sind nicht mehr das große Zugpferd. Die Attraktivität hängt längst von mehreren Faktoren, neuen Angeboten ab: Gastronomie, Gestaltung des öffentlichen Raumes, Begrünung, Wasser, Aufenthaltsqualität, Spielmöglichkeiten, Kultur – eine neue Art des Wohlfühlens. Wenn dieser Mix gut funktioniert, sind Innenstädte attraktiv. Es ist nicht mehr die klassische Handelsinnenstadt. Es geht darum, mehr Zielgruppen zu erreichen.
FORUM: In der Studie wird vom Stadtmarketingpaar Kommune/Gewerbeverein gesprochen. Trägt dieses Paar die alleinige Verantwortung, um die Innenstädte zu beleben?
DR. CHRISTIAN ECKERT: Auf den Schultern beider Partner lastet eine große Verantwortung, aber nicht die alleinige. Die Hauptverantwortung hat die Kommune. Sie ist die zentrale Steuerungsinstanz, die Gewerbevereine sind wichtige Partner für die Kommunen. Es kommen weitere Akteure dazu, zum Beispiel Immobilieneigentümer, die bei der Neuvermietung von Ladengeschäften Einfluss nehmen können. Die Kommune sollte im Rahmen ihrer Möglichkeiten steuern. Die Gewerbevereine können sich mit belebenden Elementen wie Veranstaltungen beteiligen.
FORUM: In der Studie tauchen sehr viele Zahlen auf, welche beunruhigen Sie?
DR. CHRISTIAN ECKERT: Nicht überraschend für uns ist, dass die Standortgemeinschaften mit einer großen Inaktivität ihrer Mitglieder zu kämpfen haben. Nur etwa 15 Prozent der Mitglieder bringen sich aktiv ein. Heißt: 85 Prozent der Mitglieder zahlen bestenfalls brav ihren Beitrag, aber sie sind inhaltlich überhaupt nicht in die Arbeit des Vereins involviert. Sie sehen beispielsweise den Mehrwert nicht oder sie sind soloselbstständig, haben einen kleinen Laden und wenig Zeit. Ein Drittel der befragten Standortgemeinschaften sagte, dass die eigentliche Arbeit ausnahmslos der Vorstand verrichtet. Das ist ein Alarmsignal. Und wenn sich der Vorstand aus Altersgründen verabschiedet, stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Die Herausforderung ist, aus dem Pool der Mitglieder mögliche Nachfolger zu finden.
FORUM: Gibt es gute Beispiele, in denen das gelungen ist?
DR. CHRISTIAN ECKERT: Ja, sonst hätten wir die Studie nicht gemacht und zugeschaut, wie nach und nach mehr Gewerbevereinigungen „wegsterben“. In den positiven Fällen war es in der Regel das Commitment des bisherigen Vorstandes, den Wechsel gleich dazu zu nutzen, um den Verein zukunftsorientiert neu zu strukturieren. Das funktioniert, wenn die Weichen rechtzeitig gestellt werden. Ein totes Pferd zum Leben zu erwecken, gelingt in den seltensten Fällen.
FORUM: Durchschnittlich hat jeder Verein 27.000 Euro im Jahr zur Verfügung. Ist dieses Budget auskömmlich?
DR. CHRISTIAN ECKERT: Es kommt darauf an, was der Verein inhaltlich konkret macht und wie er sich die Aufgaben mit der Kommune aufteilt. Für zum Beispiel kleinere Veranstaltungen kann dieses Budget reichen, für eine komplette Innenstadt-Möblierung nicht.
FORUM: Welchen Stellenwert hat die Netzwerkarbeit?
DR. CHRISTIAN ECKERT: Sie ist das A und O. Ein Gewerbeverein, der im stillen Kämmerlein arbeitet, wird keine Sichtbarkeit erzeugen für das, was er macht. Und er wird auch immer in seinem kleinen Kreis vor sich hinarbeiten. Das sagt zwar nichts über die inhaltliche Qualität, aber der Austausch ist essenziell – unabhängig davon, ob es der Austausch unter den Mitgliedern ist beziehungsweise mit Kommune, Verwaltung oder auch anderen Gewerbevereinen und Standortgemeinschaften.
FORUM: Ist es nicht schwieriger, sich fernab von Ballungszentren unterzuhaken?
DR. CHRISTIAN ECKERT: Je weiter man von den Großstädten wegkommt, umso wichtiger ist die Zusammenarbeit. Ob Vertreter von Kommune, Vereinen, der Gastronomie, Immobilienbesitzer, Unternehmer oder die Einwohner – sie sind dort noch mehr auf das Miteinander angewiesen.
FORUM: In der Studie wird davon gesprochen, dass Gewerbevereine fast unbemerkt krank geworden sind. Lässt sich eine Gesundung von außen beeinflussen oder muss jeder Verein selbst dafür sorgen?
DR. CHRISTIAN ECKERT: Verantwortlich sind die Gewerbevereine selbst, die Kommune kann aber sehr gut koordinieren beziehungsweise unterstützen. Die Gewerbevereine sind ein extrem wichtiger Partner für die Kommunen. Wenn es nicht läuft, muss man unbedingt nach Lösungen suchen, um die Zusammenarbeit zu beflügeln und Justierungen beziehungsweise auch die Neuausrichtung des Vereins in Angriff zu nehmen. Die Umsetzung muss letztlich der Gewerbeverein selbst bewerkstelligen. Je eher, umso besser.
FORUM: Die imakomm AKADEMIE beleuchtet mit der Studie die Situation der Standortgemeinschaften. Gibt es einen Hebel, den Sie pauschal ansetzen würden, um den Standortgemeinschaften wieder auf die Beine zu helfen?
DR. CHRISTIAN ECKERT: Nein, den gibt es nicht. Wir können nicht eine Blaupause hochhalten, die für alle gilt, weil die Gegebenheiten vor Ort immer speziell sind. Ich glaube, ein Gewerbeverein fährt gut damit, sich selbst diese Fragen zu stellen: Wo wollen wir hin? Was ist unsere Rolle? Wo sehen wir uns selbst? Was ist der Mehrwert, den wir für den Standort bringen? Wir haben bei unserer Arbeit oft festgestellt, dass die Gewerbevereine leider nicht selten aus dem Bauch heraus, ohne eine klare Strategie, ohne Ziel, ohne Mehrwert arbeiten. Das sauber zu definieren wäre ein erster Schritt. So hätte man eine gute Grundlagenstrategie, an die man sich inhaltlich binden kann.
FORUM: Würden Sie diesen Satz bitte vervollständigen? Ich bin optimistisch, dass die Standortgemeinschaften in Ländern wie Brandenburg sich stabilisieren und künftig eine tragende Rolle spielen, wenn sie …
DR. CHRISTIAN ECKERT: … sich ihrer strategischen Rolle am Standort bewusst werden. Sie sollten genau wissen, worauf sie hinauswollen und was ihr Beitrag zu einer erfolgreichen Standortentwicklung ist. Vor allem sollten sie sich als wichtiger Sparringspartner der Kommune verstehen, andererseits aber auch von der Kommune als Sparringspartner wahr- und ernst genommen werden.

Zahlen und Fakten aus der Studie

Unterstützt wurde die imakomm-Studie von 55 Industrie- und Handelskammern (darunter die drei Brandenburger Kammern), der Bundesvereinigung Cityund Stadtmarketing Deutschland und dem City-Management-Verband Ost e. V. Sie stellt erstmals systematisch die Strukturen und Akteure erfolgreicher Standortgemeinschaften in den Mittelpunkt.
  • 386 Datensätze wurden für die Studie berücksichtigt.
  • Hiermit befassen sich Standortgemeinschaften: Eventplanung (23,8 Prozent), Standortmarketing (14,7 Prozent), Netzwerkarbeit (11,4 Prozent), Standortentwicklung (8,2 Prozent), Interessenvertretung für Innenstadtakteure (5,6 Prozent), Belebung der Innenstadt (5,6 Prozent), Organisation verkaufsoffener Sonntage (4,1 Prozent), Vermarktung eines lokalen Gutscheinsystems (2,9 Prozent), Betreuung der Mitglieder (2,6 Prozent) und Kommunikationspflege (2,3 Prozent).
  • Der größte Nutzen von Standortgemeinschaften wird in der Möglichkeit gesehen, dadurch zu netzwerken (10,3).
  • 11,6 Prozent der Umfrageteilnehmer schauen optimistisch in die Zukunft, 0,6 Prozent nicht.
  • Eine Standortgemeinschaft hat durchschnittlich 80 Mitglieder.
  • Nur 15 Prozent der Beteiligten sind wirklich aktiv. Gründe für Passivität: keine Zeit, kein Nutzen. Bei rund 30 Prozent aller Standortgemeinschaften ist ausschließlich die Führungsriege aktiv.
  • Jedes Vorstandsmitglied leistet etwa 20 Stunden ehrenamtliche Arbeit im Monat.
  • Die Industrie- und Handelskammern sind die wichtigsten Partner der Standortgemeinschaften (Note eins); gefolgt von Wirtschaftsförderung/Stadtmarketing und Verwaltung (beide Note zwei).

Projekte die funktionieren - Lichtershopping in Senftenberg

Im Dezember steht in Senftenberg wieder das beliebte Lichtershopping an. Wenn die Innenstadt mit ihren Fassaden samt Schlossparkcenter zum Leuchten gebracht wird, Laternenzüge durch den Ort ziehen und viele Geschäfte und Händler bis in den späten Abend hinein ihre Pforten geöffnet halten.

Bereits im Sommer, am letzten Juliwochenende, hatten ebenso zahlreiche Läden in der Kreisstadt im Landkreis Oberspreewald-Lausitz ihre Türen für die Kundschaft zum „Nachtshopping“ bis 24 Uhr aufgemacht und ein kleines Stadtfest inszeniert. Neben Samba-Tänzerinnen, einer Sonnenkönigin auf Stelzen, Modenschauen, zahlreichen Illuminationen, Sommermärchen- und Autorenlesungen, Cocktailständen lockten Glücksräder, Verlosungen, Würfelaktionen und andere Gewinnspiele. Dabei wird wohl häufig der „Senftenberg Gutschein“ zum Zuge gekommen sein. Mit ihm bestreiten Tausende Kunden Teile ihres Einkaufs. Aktionen wie diese sind auf das Engagement des Gewerbevereins Senftenberg zurückzuführen, der sich schon seit Anfang der 1990er-Jahre für Händler, Dienstleister und Gastronomen der Stadt an der Schwarzen Elster einsetzt.

Mehrwert für Urlauber aus dem Kurbeitrag

Angefangen hatte es damals vor allem mit den verkaufsoffenen Sonntagen, erinnert sich Jan Przybilski, der erste Vorsitzende des Vereins, der heute 66 Mitglieder zählt. „Die in Senftenberg noch relativ zahlreich vertretenen Händler konnten damals erstmals frei agieren, und der Bedarf der Kunden war allgegenwärtig“, sagt der selbst als Dienstleister eines Gesundheitsclubs in der Stadt und im Medienbereich Tätige.
Aber es geht im Senftenberger Gewerbeverein nicht nur um die Interessen der beteiligten Unternehmen.
„Es geht um den Lokalpatriotismus, der gestärkt und in Senftenberg weiter von der Innenstadt heraus belebt wird“, drückt es Jan Przybilski aus. Dafür stehen die zahlreichen Aktivitäten – seit der Gründung schon mehr als 120 –, die der Verein angestoßen hat, zu denen auch ein „Urlauber-Shuttle“ gehört. „Wichtig ist uns, dass die Innenstadt belebt, Gastronomie und Einzelhandel gestärkt werden und Urlauber mit dem Service auch einen sichtbaren Mehrwert aus dem Kurbeitrag erleben.“
Ein Highlight der Gewerbeverein-Aktivitäten ist aber nach wie vor der im Frühjahr 2023 gestartete „Senftenberg Gutschein“ mit dem Stadthafen als Kartenmotiv. 90 Händler, Hotels und Gaststätten und auch einige Handwerker sind beteiligt. Den Senftenberg Gutschein gibt es als zu erwerbendes Geschenk in allen Beträgen zwischen 5 und 250 Euro. Arbeitgeber, die ihn ihren Beschäftigten zur Verfügung stellen, können frei zwischen einem und fünfzig Euro wählen. Der Durchschnittswert der ausgegebenen Karten, die von einem Backoffice gemanagt werden, liegt bei 36 Euro.

Erfolgreicher Senftenberg Gutschein

Die Stadt Senftenberg, die von dem Vorhaben von Anfang an begeistert war, hatte das Projekt mit 30.000 Euro gefördert, um es ins Rollen zu bringen.
„Der Gutschein soll die Kaufkraft in Senftenberg binden und der Zentralisierung von Warenverkäufen entgegenwirken“, sagt Jan Przybilski, der auch Stadtverordneter ist. Der Senftenberger Einzelhandel sei immer noch sehr gut aufgestellt, und „das soll auch in Zukunft so bleiben“.
In der Tat konnten die beteiligten Händler nach eigenen Angaben ihre Umsätze durch den Gutschein steigern und das nicht nur, weil auch „Big Player“ wie eine Tankstelle und verschiedene Einkaufsmärkte mitmachen.
Im Fokus des Gewerbevereins, der geografisch organisiert ist und Mitglieder aus unterschiedlichen Branchen hat, steht „als große Motivation und Weg zum gemeinsamen WIR“ auch die Netzwerkbildung, die ebenso durch den Gutschein gefördert wurde. Von Anfang an hat es eine Kooperation mit der IHK und auch mit anderen Gewerbevereinen gegeben. Die Zusammenarbeit habe sehr dabei unterstützen können, neue Händler zu finden, die etwa nach Schließung von Geschäften nachgerückt sind. Auch eine Kooperation mit einem Coworking-Space konnte etabliert werden, aus der dann weitere Projekte entstanden sind. Nicht zuletzt ist und bleibt der von fünf Vorständen gemanagte Verein natürlich auch Sprachrohr vor allem des kaufmännischen Mittelstandes unter anderem der Stadtverordnetenversammlung, aber auch zahlreichen anderen Institutionen gegenüber.
Mehr zu regionalen Stadtgutscheinen lesen Sie im Artikel “Lieblingsorte unterstützen”
Den Artikel für das FORUM 09|2026 schrieben Stefan Blumberg und Gerald Dietz / Brandenburg Media