Zahlen und Fakten zur Unternehmensnachfolge in Südbrandenburg

Unternehmensnachfolge wird zum Standortrisiko – jedes zweite Unternehmen in Berlin und Brandenburg betroffen
Berlin und Brandenburg stehen vor einer massiven Welle an Unternehmensübergaben. Nach aktuellen Erhebungen der Industrie- und Handelskammern beschäftigen sich 47 Prozent der Unternehmen in beiden Bundesländern derzeit mit der Unternehmensnachfolge – ein Viertel davon rechnet sogar mit einer Übergabe bis 2031. Besonders alarmierend: 26 Prozent der nachfolgebetroffenen Unternehmen erwägen mittlerweile eine Schließung. Die Situation verfestigt sich zu einem strukturellen Risiko für die Wirtschaft.

Altersstruktur der Mitgliedsunternehmen der IKHs und Handwerkskammern

Die Entwicklung und Verteilung der Altersstruktur zeigt, das die Regelung der Unternehmensnachfolge eine große Herausforderung für Südbrandenburg bleibt. Etwa jedes sechste IHK- und HWK-Mitgliedsunternehmen mit Unternehmensinhabern über 65 Jahren steht kurz vor der Unternehmensnachfolge. Die Planung der Unternehmensnachfolge ist aber ein längerfristiger Prozess. Daher sollten sich die 14.985 IHK- und 5.368 HWK zugehörigen InhaberInnen über 55 bereits frühzeitig mit der Frage der Unternehmensnachfolge befassen. Für beide Wirtschaftskammern bleibt deshalb die Sensibilisierung als auch die Nachfolgebegleitung und -beratung ein wesentlicher Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Genauer Zahlen für jeden Landkreis finden Sie im aktuellen Zahlenspiegel.
Bei 14.985 Unternehmen steht demnächst di Übergabe an.

Klassische Nachfolgemodelle verlieren an Tragfähigkeit

Die aktuellen Zahlen zeigen, dass traditionelle Nachfolgeformen an Stabilität verlieren. Die Übergabe an Familienmitglieder bleibt mit 29 Prozent zwar die häufigste Lösung, fällt aber im Vergleich zu 2022 zurück. Auch die Übergabe an Mitarbeitende (20 Prozent) sowie an externe Dritte (26 Prozent) wird zunehmend seltener erwogen. Parallel steigt die Zahl der Unternehmen, die statt einer Fortführung eine Schließung planen. Das ist ein deutliches Warnsignal für Beschäftigung, regionale Wertschöpfung und die wirtschaftliche Vielfalt im Metropolraum.
Die Umfrageergebnisse zeigen, dass klassische Nachfolgemodelle an Tragfähigkeit verlieren.

Steuerliche Hürden erschweren Übergaben, Bürokratie bleibt Bremsklotz

Ein zentrales Hemmnis bleibt die steuerliche Ausgestaltung, 31 Prozent der Unternehmen sehen die Besteuerung als größtes Problem bei der Unternehmensübergabe. Die Begünstigungsregelungen nach § 13a ErbStG sind für viele Betrieben zu komplex und zu bürokratisch. Unklare Bewertungsverfahren, hohe Nachweispflichten und die Lohnsummenregelung schaffen Unsicherheiten, besonders in konjunkturell schwierigen Zeiten.
Die IHKs fordern daher eine zehnjährige zinslose Stundung der Erbschaftsteuer auf Betriebsvermögen sowie einen jährlichen anteiligen Steuererlass, wenn das Unternehmen fortgeführt wird, Arbeitsplätze weitgehend erhalten bleiben und investiert wird. Für kleine und mittlere Familienunternehmen sollte bei nachweislich nachhaltiger Fortführung ein vollständiger Erlass möglich sein. Die Fortführung von Betrieben muss erleichtert und die Liquidität gesichert werden, anstatt die Unternehmenssubstanz durch steuerliche Vorgaben zusätzlich zu belasten.
Die Grafik zeigt, dass die Suche nach einem Nachfolger zu den größten Herausforderungen zählt
Ein weiteres gravierendes Problem ist und bleibt die Bürokratie. Sie ist für 26 Prozent das größte Problem. Viele Unternehmen sehen sich mit mehrfachen Antragstellungen, langen Bearbeitungszeiten und papierbasierten Verfahren konfrontiert. Fehlende Transparenz über Zuständigkeiten sowie Datenschutzanforderungen, die einen kompletten Neuaufbau des Kundenstamms notwendig machen, verschärfen die Lage zusätzlich. Die IHKs fordern daher ein zentrales digitales Unternehmensportal, über das sämtliche behördlichen Prozesse – von Gewerbeanmeldung über steuerliche Registrierung bis zum Förderantrag – gebündelt und medienbruchfrei abgewickelt werden können. Verbindliche Fristen und ein zentrales Unternehmenskonto sollen insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen Zeit, Kosten und Ressourcen sparen. Auch rechtliche Vorgaben erschweren die Übergabe: notarielle Anforderungen bei Gesellschaftsanteilen, Zustimmungspflichten von Mitgesellschaftern, arbeitsrechtliche Verpflichtungen sowie Haftungsfragen für Altverbindlichkeiten verlängern die Vorbereitungszeit erheblich. Vertragszustimmungen von Banken, Kunden oder Lieferanten – etwa aus Datenschutzgründen – erhöhen den Aufwand und führen zu hohen Beratungskosten.
Das größte Problem aber bleibt die Kandidatensuche: 57 Prozent der Unternehmen nennen die Suche nach einem geeigneten Nachfolger oder Käufer als größte Herausforderung. Der demografische Wandel und veränderte berufliche Erwartungen verschärfen diese Lücke zunehmend. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es wieder attraktiv machen, Unternehmerin oder Unternehmer zu sein.

Verlust von Arbeitsplätzen und Know-how muss verhindert werden

Insgesamt zeigt der aktuelle Zeitvergleich: Während der Nachfolgedruck hoch bleibt und klassische Modelle an Tragfähigkeit verlieren, verschärfen steigende steuerliche und bürokratische Belastungen die Situation weiter. Ohne entschlossenes politisches Handeln droht eine Schließungswelle – mit erheblichen Folgen für Beschäftigung und Innovationskraft in der Region. Die Unternehmensnachfolge wird zu einem strukturellen Standortproblem. Wir brauchen zielgerichtete Programme, verlässliche Finanzierungsgarantien und steuerliche Anreize durch die Länder, um die Übergabe von Betrieben im Metropolenraum zu erleichtern. Jede nicht gelungene Nachfolge bedeutet den Verlust von Know-how, Wertschöpfung und Arbeitsplätzen.

Wichtigste Forderungen zusammengefasst

  • Erbschaftsteuer reformieren: zehnjährige zinslose Stundung der Erbschaftsteuer auf Betriebsvermögen bzw. vollständiger Erlass
  • Steuerrecht vereinfachen: Weniger Bürokratie bei § 13a ErbStG, Lohnsummen‑ und Bewertungsregeln
  • Bürokratie abbauen: Zentrales digitales Unternehmensportal, Verbindliche Fristen, zentrales Unternehmenskonto
  • Rechtliche Hürden senken: Vereinfachung von Notar‑, Zustimmungs‑ und Haftungsregelungen
  • Nachfolgersuche stärken: Programme, Finanzierungssicherheit und Anreize für Unternehmertum schaffen