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Pharma im Wandel
Wer durch Gröditsch fährt, nimmt die Gebäude am Straßenrand kaum wahr. Doch hinter unscheinbaren Fassaden vollzieht das Pharmaunternehmen Spreewälder Arzneimittel einen bemerkenswerten Wandel. Neue Produkte, Märkte und Strukturen prägen den Standort in der Gemeinde Märkische Heide (Landkreis Dahme-Spreewald).
„Aktuell geht es uns erstaunlich gut“, sagt Betriebsleiter Tim Baranowski.
Ein Satz, der verständlich wird, wenn man die unter www.spreewaelder-arzneimittel.de grob nachvollziehbare Geschichte des Unternehmens kennt. Spreewälder Arzneimittel ist ein Firmenname, der vielen zu DDR-Zeiten vertraut war. Das bekannteste Produkt: Fagusan, ein hustendämpfender und schleimlösender Klassiker, der in zahlreichen Familienapotheken stand. Im Beratungsraum erinnert eine Vitrine an diese Zeit: Johanniskraut, Weißdorn, Hopfen – Pflanzen, die früher im Spreewald angebaut und verarbeitet wurden.
Kurswechsel für die Zukunft
Nach der Jahrtausendwende und mehreren Inhaberwechseln geriet das Geschäft ins Stocken. Die zwischenzeitlich lukrative dreischichtige Produktion von Pflanzenextrakten wurde eingestellt, rund 80 Mitarbeitende verloren ihre Arbeit, und der Standort fiel für Jahre in eine Phase des Stillstands. Medphano, ein familiengeführtes Pharmaunternehmen aus Rüdersdorf, übernahm 2014 den Betrieb und brachte die Produktion wieder in Gang.
Fünf Jahre später stieg der polnische Konzern Famina ein – mit klaren Ambitionen. Der deutsche Markt gilt in dem Krakauer Unternehmen als Schlüsselregion, von der aus weitere europäische Länder erschlossen werden sollen. Alles wurde auf den Prüfstand gestellt.
Fünf Jahre später stieg der polnische Konzern Famina ein – mit klaren Ambitionen. Der deutsche Markt gilt in dem Krakauer Unternehmen als Schlüsselregion, von der aus weitere europäische Länder erschlossen werden sollen. Alles wurde auf den Prüfstand gestellt.
„Für jeden alles anbieten zu wollen, ist unrealistisch“, erklärt Baranowski.
Stattdessen setzt Famina auf einen Portfoliofokus aus festen und flüssigen Arzneiformen, Cremes, Salben sowie Medizinprodukten, Kosmetika und Nahrungsergänzungsmitteln.
Aus Gröditsch in die Regale Europas
Erste Produkte in Spreewälder Aufmachung sind bereits bundesweit erhältlich. Die Mediderm-Serie, eine medizinische Pflegelinie zur Linderung von Neurodermitis und Psoriasis (chronische Schuppenflechte), hat sich schnell zum Bestseller entwickelt. Auch Retimax, eine stark rückfettende Creme zur Regeneration gereizter oder rissiger Haut, verzeichnet deutlich steigende Absätze. Und erstmals seit vielen Jahren sollen bald wieder Arzneimittel unter eigener Marke hergestellt werden.
Lohnproduktion spielt nur noch eine kleine Rolle, war früher jedoch breit aufgestellt: von Kurkuma-Kapseln bis zu verschreibungspflichtigen Herztabletten. Gefertigt wurde beispielsweise für Auftraggeber aus Vietnam, Bulgarien, Österreich, Tschechien und der Ukraine. Zahnputztabletten aus Gröditsch werden für den deutschen und britischen Markt produziert.
Verwurzelt in der Region
Die strategische Ausrichtung liegt bei den Geschäftsführern Adam Swiderski, Irmina Swiderska und Anna Opydo. Operativ unterstützt Tim Baranowski am Standort. Als Betriebsleiter bildet er die Schnittstelle zwischen Geschäftsführung, Produktion, Labor, Einkauf und Logistik.
Baranowski, zweifacher Vater aus Neu Lübbenau, hat als Einkaufsleiter begonnen, Rohstoffe und Packmittel beschafft und Modernisierungsprojekte begleitet. Er ist mit den technischen und organisatorischen Anforderungen gewachsen. Heute koordiniert der 36-Jährige Produktionsprozesse, steuert Personal- und Ressourcenplanung und sorgt dafür, dass strategische Vorgaben im Tagesgeschäft umgesetzt werden.
Baranowski, zweifacher Vater aus Neu Lübbenau, hat als Einkaufsleiter begonnen, Rohstoffe und Packmittel beschafft und Modernisierungsprojekte begleitet. Er ist mit den technischen und organisatorischen Anforderungen gewachsen. Heute koordiniert der 36-Jährige Produktionsprozesse, steuert Personal- und Ressourcenplanung und sorgt dafür, dass strategische Vorgaben im Tagesgeschäft umgesetzt werden.
Optimistisch: Betriebsleiter Tim Baranowski ist fest davon überzeugt, dass sich Gröditsch als Standort in der deutschen Pharmalandschaft etabliert.
„Wir sind hier so ein bisschen im Nirgendwo“, weiß Tim Baranowski.
Gröditsch liegt abseits der großen Verkehrsachsen. Doch genau das erweist sich zunehmend als Stärke. Viele Mitarbeitende kommen aus den umliegenden Dörfern – und bleiben. „Das gibt man nicht so leicht auf“, sagt der Betriebsleiter. Die regionale Bindung ist hoch, die Fluktuation gering. Diese Verwurzelung steht im deutlichen Gegensatz zur Wahrnehmung von außen. Das Firmengebäude wirkt unscheinbar, ein Zweckbau ohne große Geste. Wer vorbeifährt, ahnt kaum, dass hier moderne Pharma- und Kosmetikproduktion läuft, internationale Märkte bedient und im Labor täglich Dutzende Proben analysiert werden. Dabei zählt Spreewälder Arzneimittel zu den wenigen produzierenden Betrieben mit qualifizierten Arbeitsplätzen in der strukturschwachen Region.
Standort sichern trotz Gegenwind
Bei Investitionen, Wartung und Reparaturen arbeitet das Unternehmen eng mit Firmen aus der Gemeinde Märkische Heide zusammen. Handwerksbetriebe wie Elektro Schenker (Groß Leine), Elektro Nimtz (Wittmannsdorf) und Wilfried Baschins Heizungs- und Sanitärfirma (Gröditsch) begleiten Modernisierungen, Installationen und die laufende Instandhaltung.
Seit der Famina-Übernahme wurden mehrere Hunderttausend Euro investiert – doch der Bedarf an Neuerungen bleibt hoch. Die Wasseraufbereitung ist veraltet, die Heiztechnik müsste modernisiert werden, energetische Sanierungen stehen an. Eine auf den Firmendächern geplante Fünf-Megawatt-Solaranlage scheiterte am Netzbetreiber wegen Netzüberlastung.
Besonders schwierig ist die Fördermittelsituation. Als Tochter eines Konzerns gelten die Kennzahlen des Mutterunternehmens – und damit fällt Spreewälder Arzneimittel bislang aus allen Programmen heraus.
Seit der Famina-Übernahme wurden mehrere Hunderttausend Euro investiert – doch der Bedarf an Neuerungen bleibt hoch. Die Wasseraufbereitung ist veraltet, die Heiztechnik müsste modernisiert werden, energetische Sanierungen stehen an. Eine auf den Firmendächern geplante Fünf-Megawatt-Solaranlage scheiterte am Netzbetreiber wegen Netzüberlastung.
Besonders schwierig ist die Fördermittelsituation. Als Tochter eines Konzerns gelten die Kennzahlen des Mutterunternehmens – und damit fällt Spreewälder Arzneimittel bislang aus allen Programmen heraus.
„Das ist sehr schade“, meint Baranowski. „Wir sind eine eigenständige GmbH, die ihren Standort selbst am Leben erhalten muss.“
Und das bei einem jährlichen Gewinn, der erst seit 2024 knapp im sechsstelligen Bereich liegt.
Die vergangenen Jahre waren zudem von globalen Krisen geprägt. Aluminium für Tuben oder Blisterfolien war zeitweise kaum zu bekommen, die Corona-Pandemie brachte Lieferketten ins Wanken.
Die vergangenen Jahre waren zudem von globalen Krisen geprägt. Aluminium für Tuben oder Blisterfolien war zeitweise kaum zu bekommen, die Corona-Pandemie brachte Lieferketten ins Wanken.
„Lieferengpässe gehören für uns zum Alltag. Da ist Kreativität gefragt“, so Tim Baranowski. „Für unsere Produkte gilt das absolute Credo einer durchgängigen Verfügbarkeit.“
Doch wenn ein Präparat aus zehn Komponenten besteht, reicht bereits ein fehlender Verpackungskarton, um die gesamte Produktion auszubremsen.
Fachkräfte als Wachstumsmotor
Ein wesentlicher Teil des Erfolgs liegt im Personal. „Wir mussten uns verjüngen“, blickt Baranowski zurück. Einige Mitarbeitende wollten den Wandel nicht mitgehen. Heute sind alle 50 Stellen besetzt – vom Produktionsarbeiter über Pharmakanten, Laboranten und Herstellungsleiter bis zur Qualitätsmanagement-Beauftragten. Gleichzeitig bietet Spreewälder Arzneimittel moderne Arbeitsbedingungen: Gleitzeit im Labor und Büro, steuerfreie Sachbezüge, Anwesenheitsprämien, Weihnachtsgeld und kleine Aufmerksamkeiten zu besonderen Anlässen.
Wie anspruchsvoll die Arbeit ist, zeigt sich im Labor. Leiterin ist die Lübbenerin Anna Koch. Ihr Team analysiert alle gelieferten Rohstoffe und Packmittel sowie Proben aus der Produktion – ein zentraler Baustein der Qualitätssicherung.
Wie anspruchsvoll die Arbeit ist, zeigt sich im Labor. Leiterin ist die Lübbenerin Anna Koch. Ihr Team analysiert alle gelieferten Rohstoffe und Packmittel sowie Proben aus der Produktion – ein zentraler Baustein der Qualitätssicherung.
Qualitätsbewusst. Laborleiterin Anna Koch und ihr Team sorgen dafür, dass nur gütegeprüfte Produkte ausgeliefert werden.
Diese Verlässlichkeit ist einer der Gründe, warum das Unternehmen stark wächst. Der inländische Markt entwickelt sich rasant. Voriges Jahr lag das Umsatzplus bei 60 Prozent, Online-Apotheken sind die wichtigsten Abnehmer. Gleichzeitig expandiert Spreewälder Arzneimittel international. Tschechien und die Slowakei werden bereits beliefert, die Übernahme des ukrainischen Marktes steht bevor. Skandinavien, Frankreich, Spanien und Italien sollen folgen – ein ungewöhnlich breiter internationaler Fußabdruck für einen Standort dieser Größe.
Mit Zuversicht in die Zukunft
Modernisierungsprojekte stehen an. Eine neue Wasseraufbereitungsanlage, die Umstellung der Heiztechnik und energetische Sanierungen sollen den Standort widerstandsfähiger und die Produktion unabhängiger von globalen Preisschwankungen machen.
Betriebsleiter Baranowski formuliert den Anspruch ohne Pathos, aber mit spürbarer Entschlossenheit: „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir das schaffen können.“
Der Artikel von Frank Pechhold ist nachzulesen im FORUM 10|2026