uesa - Eine Mutter und ihre Töchter

Die wichtigste Säule der Brandenburger Wirtschaft sind die mittelständischen Unternehmen. Einige dieser Firmen überzeugen durch Innovation und Spezialisierung. Sie bedienen Nischen und sind dabei sehr erfolgreich. Manchmal sind sie weltweit aktiv und zu Hause fast unbekannt. In unserer Serie stellen wir solche besonderen Brandenburger Unternehmen vor.
„Wir verteilen Watt“, schreibt die Firma uesa GmbH auf ihre Lkws. Anders gesagt: Sie sorgt mit ihrer Technik dafür, dass Energiekonzerne und Stadtwerke Strom liefern können. Über 600 Mitarbeiter der uesa-GmbH bauen Automatisierungstechnik, Schaltanlagen, Transformatorenstationen und vieles mehr. Die uesa GmbH ist die Muttergesellschaft. Sie nutzt nur wenige Komponenten fremder Hersteller, zum Beispiel die Transformatoren und die Mittelspannungsschaltanlagen selbst. Die Niederspannungsverteilungen, Sicherungs- und Schaltleisten, Türen und Lüftungsgitter sowie die Isolatoren sind einige Beispiele aus eigener Produktion. Sogar die Gehäuse aus Stahlbeton werden zum Teil im eigenen Werk gefertigt. Die enorme Fertigungstiefe erreicht die uesa-Gruppe mit Hilfe von zehn Tochtergesellschaften. Insgesamt sind über 1.200 Beschäftigte für die uesa group tätig.
Helmut Hoffmann ist Mitgründer, Hauptgesellschafter und Sprecher der Geschäftsführung. Außerdem ist er ein vielfach ausgezeichneter Unternehmer und Ehrenbürger von Uebigau-Wahrenbrück. Uebigau-Wahrenbrück liegt im Kreis Elbe-Elster und ist eine Stadtgemeinde mit rund 5.000 Einwohnern.
„Leider gibt es hier keine Straßenbahn, in der ich umsonst mitfahren könnte“, scherzt Helmut Hoffmann und legt Wert auf die Feststellung, dass die uesa Gruppe nicht nur sein Lebenswerk ist, sondern vor allem eine „Mannschaftsleistung“.
Der heute 85-Jährige war sein ganzes Berufsleben in der Firma, die in dieser Zeit dreimal die Eigentumsform wechselte. Gegründet wurde sie 1959 als PGH „Frequenz“, also eine Produktionsgenossenschaft des Handwerks.
Die Genossenschaft wurde 1972 enteignet und in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt. 1990 erfolgte die Privatisierung des VEB durch Rückübertragung der Genossenschaftsanteile.

Start als Elektromeister in der PGH

Helmut Hoffmann fing als 18-jähriger Elektromonteur bei der eben erst gegründeten PGH „Frequenz“ an. Sie war eine Genossenschaft des Elektrohandwerks, in der Radiogeräte und Fernseher repariert wurden. Doch schon bald bauten die Beschäftigten auch Schaltschränke für die Maschinensteuerung und übernahmen Elektroinstallationen. Mit 21 Jahren machte Helmut Hoffmann seinen Meisterbrief, als 22-Jähriger war er stellvertretender Vorsitzender der Genossenschaft. Die PGH übernahm immer mehr Aufträge für den Maschinenbau, den Braunkohlebergbau und die Energieversorgung. Sie wuchs und wurde mehr und mehr zum Industriebetrieb, was 1972 zur Enteignung führte. Damit wurde aus der PGH der VEB Elektro- und Schaltanlagenbau. Helmut Hoffmann machte ein Fernstudium und wurde Diplomingenieur für Maschinenbau und Elektrotechnik.
Bei der Privatisierung des VEB kamen die 36 ehemaligen Genossenschaftsmitglieder zum Zuge, die zum Zeitpunkt der Verstaatlichung in der PGH beschäftigt waren. Helmut Hoffmann wurde erster Geschäftsführer der 1990 gegründeten uesa GmbH, die Abkürzung steht für Uebigauer Elektro- und Schaltanlagenbau. Helmut Hoffmann sitzt als Geschäftsführer der jungen GmbH in der Mitte. Die GmbH beschäftigte anfangs 150 Mitarbeiter.

Bei der GmbH-Gründung am 1. Juni 1990 brachten die Gesellschafter eine Million DDR-Mark als Stammkapital auf. Das Unternehmen fand schnell westdeutsche Kooperationspartner, die Teile zulieferten. Die uesa GmbH brachte ihre gewachsenen Kundenbeziehungen in die Partnerschaft ein.
„Das Geschäft funktionierte bei den Energiekombinaten, die von Energieversorgern aus den alten Bundesländern übernommen wurden. Anders sah es mit der ostdeutschen Industrie aus, die reihenweise wegbrach. Wir hatten alles außer Angst und Geld“, erinnert sich Helmut Hoffmann an diese Zeit.

Die uesa Gruppe

Die uesa GmbH erwirtschaftete von Anfang an Gewinne und investierte diese sofort in neue Produktionstechnik und -hallen. Später wuchs sie durch den Kauf ihrer Zulieferbetriebe, zum Beispiel der EFEN GmbH im Jahr 2019, ein Hersteller von Lastschaltleisten und Stromwandlern für die Elektrobranche und Industrie. Das Familienunternehmen aus dem Rheinland verlagerte 1993 seine Fertigungsstätte nach Uebigau. Nach der Überführung in eine neue Konzernstruktur stand das Werk vor sieben Jahren zum Verkauf. Die Übernahmegeschichten ähneln sich. Damit gehören heute zur uesa group auch Unternehmen für Metallbearbeitung, Kupferverarbeitung, Wartung von Elektroanlagen und Trassenbau.
Der Firmengründer erläutert seine Strategie: „Wer zu viel Abhängigkeit von Zulieferern vermeiden will, muss selbst in Werkzeuge und Entwicklungen investieren und wachsen.“
Dafür wurde er vielfach belächelt. Aber seine in der DDR erlernte Materialbevorratung und die hohe Fertigungstiefe bewährten sich in Zeiten unsicherer Lieferketten. So war die uesa GmbH in der Coronakrise lieferfähig und musste keine staatlichen Hilfen in Anspruch nehmen.

Es fiel dem Unternehmen schwer, mit dem Vertrieb im Westen Deutschlands Fuß zu fassen. Bestehende Lieferstrukturen zu durchbrechen, erwies sich als zeitaufwändig und kräftezehrend. Helmut Hoffmann orientierte sich daraufhin Richtung Polen. Er kam schnell zu der Erkenntnis, dass man nur in Polen verkaufen kann, wenn man auch dort produziert. 1995 gründete er die uesa Polska als Kapitalgesellschaft nach polnischem Recht. Der Montagebetrieb für Schaltschränke beschäftigt heute 130 Mitarbeiter. Das polnische Unternehmen nutzt Zulieferteile aus Uebigau, was dort die Auftragslage stabilisiert. Das Mutterhaus greift aber auch auf die ingenieurtechnische Expertise der polnischen Mitarbeiter zurück. Alle Tochtergesellschaften haben eine eigene Geschäftsführung und einen eigenen Vertrieb. Erzeugnisse und Komponenten der uesa group werden heute in viele europäische Länder verkauft, der Betrieb in Polen ist aber die einzige Auslandsunternehmung.

Generationswechsel ist abgesichert

Die uesa GmbH wird seit 2016 von drei Geschäftsführern geleitet. Neben dem Senior sind das Michael Hoffmann als Mitgesellschafter und Technischer Geschäftsführer sowie Dr. Jörg Nagel als Kaufmännischer Geschäftsführer.

Michael Hoffmann hat 1988 noch im VEB seine Ausbildung zum Elektromonteur begonnen und 1990 in der GmbH abgeschlossen. Er arbeitete als Monteur im Anlagenbau und machte an der Abendschule sein Abitur. Später studierte er Elektrotechnik an der Berufsakademie in Bautzen und schloss als Bachelor of Engineering ab. Aktuelle Herausforderung für den Techniker ist die Energiewende mit der Einbindung von Solarfeldern und Windanlagen in die Leitungsnetze.

Jörg Nagel hat an der BTU Cottbus Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Im Rahmen seiner anschließenden Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der BTU Cottbus kam er mit der uesa GmbH in Kontakt und fing 2009 als Kaufmännischer Leiter im Unternehmen an. Die erste große Herausforderung für ihn war der Bau eines Solarparks auf dem ehemaligen Militärflugplatz in Lönnewitz, für den er die kaufmännische Verantwortung hatte. Dr. Jörg Nagel ist seit 2011 Prokurist. 2016 wurde er zeitgleich mit Michael Hoffmann Geschäftsführer.

Ausbildung wird großgeschrieben

Steffen Gerlieb ist das Musterbeispiel für Karriere mit Lehre. Er ist Produktmanager für den Bereich Niederspannungsverteilungen und seit 20 Jahren im Unternehmen. Er lernte hier Elektroniker für Betriebstechnik und erzählt: „Es war damals schwerer als heute, eine Lehrstelle zu bekommen. Ich hatte aber schon mein Schülerpraktikum bei uesa gemacht.“
Noch in der Berufsschule meldete er sich auf einen Aushang und konnte eine berufsbegleitende Meisterschule anschließen. Steffen Gerlieb ist seit einem Jahr für den Bau von Niederspannungsverteilungen zuständig, wie sie in einem weiteren Produktionsschritt in Trafostationen verwendet werden. Zeitweilig war Gerlieb auch Ausbilder für seinen früheren Meisterbereich.

Ausbildung ist für die uesa GmbH ein großes Thema, denn nur damit bekommt sie Nachwuchs mit der passenden Qualifikation. Die uesa GmbH bildet Elektroniker für Betriebstechnik sowie weitere Berufe aus. Am 1. September begannen acht Elektroniker ihre Ausbildung, zusätzlich zwei duale Studenten, die an der Betriebsakademie studieren. Damit sind alle Plätze in der betriebseigenen Ausbildungswerkstatt besetzt. Vier der Neuen sind übrigens Kinder von uesa-Beschäftigten.
Jens Jäger ist seit 30 Jahren im Unternehmen, 15 davon als Ausbildungsleiter. Er sagt: „Ich beobachte ein Umdenken bei den jungen Leuten. Technische Berufe sind wieder gefragt.“
Die uesa GmbH qualifiziert ihre künftigen Facharbeiter zusätzlich zur Berufsschule. Sie erlernen bei Jens Jäger die Grundlagen der Elektroinstallation und Programmierung sowie praktische Fertigkeiten wie das Löten. Im Laufe ihrer Ausbildung können sie an Weiterbildungen teilnehmen und Berechtigungen erwerben. Außerdem findet im Unternehmen die Prüfungsvorbereitung statt.

Energieversorgung als Zukunftsthema

Die uesa GmbH hat volle Auftragsbücher, expandiert in die Fläche und erschließt sich die Geschäftsfelder der Zukunft. Im nahe gelegenen Lönnewitz lag über viele Jahre ein großes Konversionsgelände brach, einst Flugzeugwerft, dann sowjetischer Militärflugplatz.

Ab 1996 übernahm die uesa das Gelände, denn am Unternehmenssitz in Uebigau war kein größeres Flächenwachstum mehr möglich. Firmengründer Helmut Hoffmann erfüllte sich hier auch seinen Traum. Als Kind sah er die Flugzeuge auf dem nahe gelegenen Flugplatz, jetzt machte er im ortsansässigen Fliegerclub seinen Flugschein. Auf dem Flugplatzgelände produziert die uesa GmbH intelligente Transformatorenstationen. Das ist eines der drei Zukunftsfelder der uesa GmbH. Intelligente Transformatorenstationen und Niederspannungsverteilungen sind mit Sensoren, Kommunikationstechnik und Software ausgestattet, die Stromnetze in Echtzeit überwachen und steuern. Sie stabilisieren das Netz bei Spannungsschwankungen durch Solar- und Windkraftanlagen und schaffen Transparenz für eine stabile Energieversorgung.

Rund zwei Megawatt Strom produziert die uesa über Photovoltaik von den Hallendächern in Uebigau. Das deckt den Eigenbedarf. Auf dem Flugplatzgelände errichtete sie ab 2011 zwei Solarparks mit einer Gesamtleistung von 33 Megawatt. Der Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist. Das Unternehmen hat eine eigene Tochtergesellschaft für das Betreiben des eigenen 7,5 Megawatt starken Solarparks gegründet. Es handelt sich um eine Referenzanlage.

Passgenaue technische Lösungen für die sichere Stromverteilung und Einspeisung regenerativer Energien wie Photovoltaik und Wind sind ein Schlüssel für eine gelungene Energiewende – regenerative Energien sind somit Zukunftsthema Nummer zwei.

Wären die 33 Megawatt aus dem Solarpark eine Dauerlast, dann könnte man damit fast 200.000 Menschen mit Haushaltsstrom versorgen (bei durchschnittlich 1.500 kWh Jahresverbrauch). Aber die Erneuerbaren stehen nicht immer zur Verfügung. Eine Abhilfe sind Batteriespeicher, die überschüssige Energie speichern und im Bedarfsfall wieder abgeben. Das Überangebot und Verbrauchsspitzen werden so ausgeglichen. Die Batterien sind Zukunftsthema Nummer drei: Die uesa GmbH errichtet jetzt einen Batteriespeicher mit einer Anschlussleistung bis zu 40 MW und einer Speicherkapazität bis zu 80 MWh. Er wird ans 110-kV-Hochspannungsnetz angeschlossen. Es ist eine Millioneninvestition. Sie refinanziert sich über den im Tagesverlauf schwankenden Börsenstrompreis. Die Batterien kommen aus China, aber einen großen Teil der Hardwarekomponenten liefern die uesa GmbH und ihre Töchter; sie betreibt auch den Speicher. Diese drei Zukunftsthemen sind die Grundlage für die weitere erfolgreiche Entwicklung der uesa GmbH und ihrer Tochtergesellschaften.
Der Artikel von Bolko Boché ist nachzulesen im FORUM 10/2026