FORUM-Interview
Michael Fiedler, seit 2018 Geschäftsführer der LUTRA GmbH, über neue Perspektiven für den Hafen Königs Wusterhausen im Transformationsprozess
FORUM: Warum ist es ein Best-Practice-Projekt?
*TEU (Twenty-foot Equivalent Unit) ist eine standardisierte Maßeinheit im Containerverkehr und entspricht entspricht dem Volumen eines 20-Fuß-Containers.
Königs Wusterhausen - Musterbeispiel für Strukturwandel
Neue Industrie, Logistik, Fachkräftegewinnung und wirtschaftliche Entwicklung in der Lausitz funktionieren nur mit einer leistungsfähigen Anbindung an die Metropolregion Berlin. Genau hier setzt das Infrastrukturprojekt in Königs Wusterhausen an, das die Engpässe im Personen- und Güterverkehr beseitigen und die Verkehrsachsen zwischen Lausitz und Hauptstadtregion langfristig leistungsfähig machen soll.
Das Strukturwandelprojekt Königs Wusterhausen im Überblick
Das Gesamtvorhaben besteht aus vier eng miteinander verknüpften Teilmaßnahmen, die im Zusammenspiel dafür sorgen, dass der Standort seine volle verkehrliche und wirtschaftliche Wirkung für Lausitz und Hauptstadtregion entfalten kann.
- Hafen Königs Wusterhausen - Ausbau zum trimodalen Logistikstandort mit neuem Ladegleis für den Containerumschlag auf der Schiene.
- Nordkopf Bahnhof Königs Wusterhausen - Verbreiterung der Brücke über den Nottekanal um ein zusätzliches Gleis zur Beseitigung eines zentralen Engpasses.
- Südkopf Bahnhof Königs Wusterhausen - Neubau eines elektronischen Stellwerks als Voraussetzung für den Betrieb zusätzlicher Gleise.
- Perspektivischer Umbau des Bahnhofs - Erweiterung um ein weiteres Regionalbahngleis sowie langfristige Trennung von S-Bahn-, Regional- und Güterverkehr.
Der Hafen Königs Wusterhausen zeigt, wie Strukturwandel bereits heute praktisch wirkt. Seine volle Wirkung entfaltet sich jedoch erst, wenn auch der Schienenknoten leistungsfähig ausgebaut ist – als verbindendes Element zwischen Lausitz und Hauptstadtregion.
Interview Jens Krause: „Strukturwandel endet nicht an Landkreisgrenzen“
Jens Krause
Jens Krause, IHK-Generalmanager und Sprecher der Strukturwandel-Werkstatt 3 „Mobilität und Infrastruktur“ über die Bedeutung der Infrastrukturmaßnahmen in Königs Wusterhausen
FORUM: Der Hafen und der Bahnhof Königs Wusterhausen liegen deutlich nördlich der Lausitz. Warum spielt dieser Standort dennoch eine zentrale Rolle im Strukturwandel?
JENS KRAUSE: Weil Strukturwandel nicht an Landkreisgrenzen endet. Wenn wir über neue Industrie, Logistik, Fachkräfte und Erreichbarkeit der Lausitz sprechen, reden wir zwangsläufig auch über die Anbindung an Berlin. Der Bahnhof Königs Wusterhausen ist dabei das zentrale Nadelöhr für den gesamten Schienenverkehr aus der Lausitz Richtung Hauptstadt. Wenn dieser Knoten nicht leistungsfähiger wird, ist vieles von dem, was wir südlich
davon in die Schiene investieren, nur die halbe Miete.
davon in die Schiene investieren, nur die halbe Miete.
FORUM: Warum ist das Projekt mehr als eine einzelne Infrastrukturmaßnahme?
JENS KRAUSE: Weil wir hier kein Einzelprojekt betrachten, sondern ein abgestimmtes Gesamtpaket. Hafen, Bahnknoten, Brückenbauwerk, Stellwerk greifen ineinander. Erst wenn alle Elemente zusammenspielen, entsteht der verkehrliche Nutzen – für den Personenverkehr ebenso wie für den Gütertransport.
FORUM: Beginnen wir mit dem Hafen: Warum ist gerade er ein Strukturwandelprojekt?
JENS KRAUSE: Der Hafen Königs Wusterhausen war über Jahrzehnte ein zentraler Umschlagplatz für Lausitzer Braunkohle. Mit dem Kohleausstieg ist dieses Geschäftsmodell vollständig weggefallen. Das ist klassische Strukturwandelbetroffenheit – auch wenn der Standort nicht mitten in der Lausitz liegt. Die Umstellung vom Kohleumschlag auf klimafreundliche Güterverkehre ist deshalb ein Musterbeispiel für Transformation.
FORUM: Was wurde konkret umgesetzt?
JENS KRAUSE: Mit Unterstützung von Strukturstärkungsmitteln wurde ein neues Ladegleis gebaut, das den Containerumschlag auf der Schiene ermöglicht. Damit hat der Hafen ein völlig neues Geschäftsfeld erschlossen. Ziel ist es, Güter von der Straße auf die Schiene zu verlagern – ein relevanter Hebel, wenn man bedenkt, dass täglich mehr als 10.000 Lkw auf der benachbarten Autobahn unterwegs sind.
FORUM: Welche Bedeutung hat das Projekt über den Hafen hinaus?
JENS KRAUSE: Es zeigt, dass Strukturwandel konkret und wirksam umgesetzt werden kann. Das Projekt wurde zügig geplant, realisiert und ist bereits im Betrieb. Der Hafen entwickelt sich zu einem Güterumschlag-Hub im Bereich des Schönefelder Kreuzes – mit Wirkung weit in die Lausitz hinein.
FORUM: Warum reicht ein moderner Hafen allein nicht aus?
JENS KRAUSE: Weil die Züge auch fahren müssen. Ein leistungsfähiger Hafen bringt nichts, wenn die Anbindung an das Schienennetz nicht funktioniert. Der Bahnhof Königs Wusterhausen ist deshalb der eigentliche Schlüssel. Hier bündeln sich S-Bahn-, Regional- und Güterverkehre – und genau dort entstehen heute die Engpässe.
FORUM: Welche Fortschritte gibt es beim Bahnknoten?
JENS KRAUSE: Ein wichtiger Schritt ist der Ausbau des Nordkopfs mit der Verbreiterung der Brücke über den Nottekanal. Damit wird ein zentraler Flaschenhals beseitigt. Weitere Maßnahmen folgen, darunter zusätzliche Weichen, längere Überholgleise und perspektivisch der Umbau des Bahnhofs mit einer klaren Trennung der Verkehrsarten.
FORUM: Welche Rolle spielen Strukturwandelmittel dabei?
JENS KRAUSE: Eine sehr große. Ohne diese Förderung wären solche Infrastrukturprojekte kaum realisierbar. Entscheidend ist, dass die Mittel gezielt dort eingesetzt werden, wo sie eine Hebelwirkung entfalten – wie hier in Königs Wusterhausen.
FORUM: Was bedeutet das Projekt konkret für die Lausitz?
JENS KRAUSE: Es geht um Verlässlichkeit. Täglich pendeln über 10.000 Menschen zwischen Lausitz und Berlin. Gleichzeitig brauchen Unternehmen funktionierende Logistik. Wenn der Bahnknoten nicht leistungsfähig ist, verlieren wir Zeit, Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb ist Königs Wusterhausen ein Schlüsselprojekt für die gesamte Strukturwandelregion.
Vom Infrastrukturkonzept zur Umsetzung im Hafen
Das Gespräch mit Jens Krause macht deutlich: Der Strukturwandel in Königs Wusterhausen ist kein abstraktes Konzept, sondern ein verzahntes Infrastrukturvorhaben. Während der Ausbau des Bahnknotens die langfristige Leistungsfähigkeit sichern soll, ist der Hafen der Ort, an dem der Strukturwandel bereits heute sichtbar wird – im täglichen Betrieb. Mit dem neuen Ladegleis und der Umstellung vom Braunkohleumschlag auf containerisierte Güterverkehre ist der Schritt von der Planung in die Umsetzung gelungen.
Interview Michael Fiedler: „Ohne den Bahnknoten läuft auch der Hafen ins Leere“
Michael Fiedler, Geschäftsführer der LUTRA GmbH
FORUM: Wann war klar: Der Hafen braucht eine neue Zukunft?
MICHAEL FIEDLER: Ein Hafen lebt nicht von der Schifffahrt allein. Entscheidend sind Verkehrsträger, die die Ladung bringen und abtransportieren – wie die Bahn. Es war absehbar, dass der Braunkohleumschlag keine Zukunft hat. Wir mussten rechtzeitig umsteuern.
FORUM: Warum gilt der Hafen trotz seiner Lage als Strukturwandelprojekt?
MICHAEL FIEDLER: Weil wir zu den ersten gehörten, die vom Kohleausstieg betroffen waren. 2017 wurde zuletzt Lausitzer Braunkohle umgeschlagen. Den Hafen hielten viele für erledigt. Unsere Antwort war: Investition in intermodale Verkehre. Containerumschlag ist heute ein Kernbaustein moderner Logistik.
FORUM: Wann wurde diese neue Ausrichtung sichtbar?
MICHAEL FIEDLER: Im November 2019 mit dem ersten Containerumschlag. Damals noch sehr einfach, aber der Markt hat das sofort angenommen. Die Nachfrage stieg schnell. Das erste Umschlaggleis war innerhalb eines Jahres ausgelastet. Wachstum war nicht mehr möglich, obwohl der Markt da war. Deshalb war das zusätzliche Betriebsgleis entscheidend.
FORUM: Was hat sich dadurch verändert?
MICHAEL FIEDLER: Heute liegen zwei Gleise direkt am Containerterminal. Wir können mehr Verkehre parallel abwickeln, flexibler disponieren und die Kapazität deutlich besser nutzen.
FORUM: Welche Größenordnungen sind das?
MICHAEL FIEDLER: Wir bewegen uns bei den Containerverkehren bei rund 40.000 TEU* pro Jahr. Das neue Gleis ist multipurpose nutzbar – für Container ebenso wie für Massengüter, etwa Kies für Ansiedler im Hafen. Diese Flexibilität ist entscheidend.
FORUM: Warum ist es ein Best-Practice-Projekt?
MICHAEL FIEDLER: Weil es gut vorbereitet war und zügig umgesetzt werden konnte – trotz steigender Baupreise. Wichtig war die pragmatische Unterstützung durch ILB und WRL.
FORUM: Welche Effekte hat das für die Region?
MICHAEL FIEDLER: Ein Hafen hat Strahlkraft weit über den Standort hinaus. Exportorientierte Unternehmen, etwa aus der Holzwirtschaft, nutzen den Hafen als kurzen Weg in internationale Lieferketten. Das spart Kosten, reduziert Verkehr und stärkt die Region.
FORUM: Wie ist die Auslastung heute?
MICHAEL FIEDLER: Seit 2022 sind wir zu 100 Prozent ausgelastet. Es gibt keine freien Flächen mehr. Wir planen rund 80.000 Quadratmeter zusätzliche trimodale Ansiedlungsflächen, darunter ein neues Containerterminal auf etwa 65.000 Quadratmetern.
FORUM: Wo sehen Sie den Hafen im Jahr 2038?
MICHAEL FIEDLER: Als zentrale Logistikdrehscheibe im nördlichen Bereich der Lausitz und im südöstlichen Teil der Hauptstadtregion. Wir werden zusätzliche Terminalprojekte umgesetzt haben und Verkehre neuer Industrieunternehmen bedienen.
FORUM: Wieso ist Bahnhofsausbau bedeutsam?
FORUM: Wieso ist Bahnhofsausbau bedeutsam?
MICHAEL FIEDLER: Für das neue Terminal rechnen wir mit bis zu vier Ganzzügen pro Tag. Diese müssen elektrisch, in voller Länge und ohne Rangierumwege in den Hafen fahren können. Das funktioniert nur, wenn Personen- und Güterverkehr im Bahnknoten entkoppelt werden. Dann wird der Hafen effizient – und der Personenverkehr entlastet. Der Hafen Königs Wusterhausen zeigt, wie Strukturwandel praktisch wirkt. Voller Wirkung entfaltet sich, wenn auch der Schienenknoten leistungsfähig ausgebaut ist.
Der Artikel von Jörg Tudyka ist nachzulesen im FORUM 3|2026
*TEU (Twenty-foot Equivalent Unit) ist eine standardisierte Maßeinheit im Containerverkehr und entspricht entspricht dem Volumen eines 20-Fuß-Containers.