Wildau bleibt Flaggschiff

Lange vor Tagesanbruch beginnt die Arbeit in Wildau. Nachts wird kommissioniert und vorbereitet, damit am Morgen alles für die Liefertouren bereitsteht. Wenn Bernd Cürten seinen Arbeitstag beginnt, läuft der Betrieb bereits auf Hochtouren. Der Geschäftsführer der Johann A. Meyer GmbH arbeitet mit einem eng getakteten Terminplan – und dennoch mit Aufmerksamkeit für sein Umfeld. Gespräche finden überall dort statt, wo sie sich ergeben – zwischen zwei Meetings, auf dem Flur oder bei einer kurzen Pause. Zeit ist knapp, aber Präsenz selbstverständlich.
Die vor 125 Jahren in Berlin gegründete Johann A. Meyer GmbH hat sich vom klassischen Fachgroßhandel zu einem modernen Versorgungs- und Servicepartner für gewerbliche Kunden entwickelt. Märkte und Technologien haben sich gewandelt, doch die Grundwerte des Unternehmens sind gleich geblieben – kundenorientiert, zuverlässig, sozial, innovativ und zukunftsorientiert. Diese Haltung, gewachsen aus Tradition und Verantwortung, spiegelt sich auch in der Art wider, wie Bernd Cürten das Unternehmen führt.
„Meine Präsenz ist spürbar, aber ich bin nicht laut“, beschreibt er seinen Führungsstil.
Wenn entscheidende Themen anstehen, setzt Cürten auf direkte Gespräche und offene Kommunikation. Sein Ansatz: klare Entscheidungen auf Augenhöhe treffen und Herausforderungen sachlich lösen. Unter Verantwortung versteht Cürten vor allem eines: Stabilität im täglichen Geschäft mit den Kunden. Verantwortung bedeute ihm „alles“. Diese kurze Antwort fasst sein Verständnis von Führung zusammen.


Verantwortung heißt für den Firmenchef, dass Prozesse funktionieren, Mitarbeitende pünktlich ihr Gehalt erhalten und Kunden sich auf ihren Lieferanten verlassen können. Aus dieser Haltung entsteht am Ende wirtschaftlicher Erfolg – nicht umgekehrt. Cürtens Engagement reicht über das eigene Unternehmen hinaus. Seit vielen Jahren wirkt er ehrenamtlich in Gremien der Industrie- und Handelskammer Cottbus mit. Ob im Regionalausschuss oder im Verkehrsausschuss – er bringt die Perspektive eines Unternehmers ein, der weiß, wie stark Infrastruktur, Logistikachsen und Verkehrswege nicht nur seinen eigenen Betrieb, sondern die gesamte Region bestimmen.

Als Cürten am 1. März 1998 als Vertriebsleiter zu dem damals defizitären Unternehmen kam, wirkte die Ausgangslage überschaubar: vier Mitarbeitende, ein Hallentrakt, ein Tor – und große Herausforderungen. Nachdem der Geschäftsführer gegangen war, übernahm Cürten. Kein radikaler Neustart, sondern kontinuierliche, beharrliche Weiterentwicklung: Unternehmenskultur, Sortiment, Kundenbeziehungen – alles wuchs Schritt für Schritt.

Am neuen Standort verankert

Es fiel die Entscheidung, in Wildau neu zu investieren – rund zehn Millionen Euro. 2014 wurde der neue Standort bezogen und 2019 um weitere 2.600 Quadratmeter erweitert. Heute sind hier rund 100 Mitarbeitende tätig und weitere etwa 150 an den anderen Standorten der PRO-Gruppe, wo aktuell sieben junge Menschen in unterschiedlichen Berufen ausgebildet werden. Beliefert werden Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Kommunen, Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe sowie Gebäudedienstleister in Berlin, Brandenburg und weit darüber hinaus.
Wenn die meisten noch schlafen, wird in Wildau die Auslieferung für den neuen Tag vorbereitet. Bestellungen werden kommissioniert, die Lieferfahrzeuge an den 14 Andockstationen beladen. Rund 350 Kunden erhalten täglich Ware von Wildau aus – Produkte, die unspektakulär wirken, aber unverzichtbar sind, wie Reinigungsmittel und -geräte, Hygienepapiere, Medizinprodukte, Materialien zur Pflege und Inkontinenzversorgung.
„Verbrauchsmaterial ist unser Kerngeschäft“, sagt Cürten – und gerade deshalb brauche es höchste Zuverlässigkeit.

Mit eigener Flotte unterwegs

Der Großteil der Waren wird bewusst mit dem eigenen Fuhrpark ausgeliefert. In Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen macht es einen großen Unterschied, ob Pakete einfach abgestellt werden – oder direkt dort landen, wo sie gebraucht werden. Manche Seniorenheime vertrauen den Fahrern sogar ihre Schlüssel an. „So einen Lieferservice bietet ein Spediteur nicht.“
Schon früh erkannte Cürten, dass Digitalisierung ein Werkzeug ist, um Arbeit zu erleichtern und Abläufe zu vereinfachen. „Die erste Online-Plattform in unserer Fachgroßhandelsbranche kam von uns“, sagt er.
Die Grundlage dafür war eine umfassende Produktdatenbank, die bereits im Jahr 2000 rund 60.000 Artikel umfasste. 2003 ging das B2B-Onlineportal live – heute laufen rund 70 Prozent aller Vorgänge darüber. Großkunden wie beispielsweise die Dussmann Group wickeln jährlich Tausende Bestellmengen über das System ab.
Geliefert wird von Wittenberg bis nach Wittenberge, von Magdeburg bis Frankfurt (Oder). Vertrauen ist das Fundament dieser langfristigen Zusammenarbeit. Der Wettbewerb ist enger geworden, Onlineanbieter drücken Preise.
Doch Cürten weiß: „Wir sind mehr als ein klassischer Systemfachgroßhandel.“
Der Unterschied liegt nicht im niedrigsten Preis, sondern in Verlässlichkeit, fachlicher Beratung und der Nähe zum Kunden. Die Kalkulation ist dabei eng. Waren wie Reinigungsmittel, Besen und Bürsten, Abfallbeutel, Toilettenpapier oder Wischtücher sind oft nur von geringem Wert. Steigende Kosten, etwa für Kraftstoff, erfordern deshalb Entscheidungen. Seit April erhebt das Unternehmen bis auf Weiteres einen Dieselzuschlag von zwei Euro pro Anlieferung. Eine notwendige Maßnahme – und auch ein Hinweis darauf, wie eng kalkuliert wird. Trotzdem steht die Johann A. Meyer GmbH wirtschaftlich solide da. In Wildau werden jährlich Waren im Wert von rund 35 Millionen Euro umgesetzt, in der gesamten PRO-Gruppe mehr als doppelt so viel.

Mannschaft und Moral zählt

Für Bernd Cürten zählt der Umgang miteinander mehr als alles andere. Fehler passieren, ein beschädigtes Regal, ein Schaden beim Kunden, ein falscher Artikel – entscheidend ist der offene Umgang damit.
Nur in einem Punkt ist er kompromisslos: „Ich möchte Ehrlichkeit. Nicht angeschwindelt werden. Fehler können passieren.“ Mitarbeitende zu halten, sei deshalb vor allem eine Frage der Unternehmenskultur. „Wertschätzung, fordern und fördern – mit Worten und fairer Bezahlung“, sagt Cürten.
Ein Mitarbeiter mit 15-jährigem Firmenjubiläum habe es einmal so zusammengefasst: Nicht das Geld oder die Firma seien entscheidend, sondern das Klima im Unternehmen.

Ein wachsendes Problem ist der Fahrermangel. Deshalb investiert Meyer in Qualifizierung und Ausbildung. Mit dem „Albertinum“ betreibt die PRO-Gruppe eine eigene Akademie – für Mitarbeitende und Kunden.

Und wie sieht die Zukunft aus? Für die PRO-Gruppe plant Cürten die Fusion aller Handelshäuser in Wildau, Minden, Krefeld, Langenhagen, Ahrensburg und Hohenbrunn. Wildau soll das Flaggschiff bleiben. Die Umsetzung digitaler Prozesse, die Entwicklung aller Mitarbeitenden zu einer stolzen PRO-Familie und zufriedene Kunden stehen dabei im Vordergrund.

Stillstand kennt Bernd Cürten auch privat nicht. Er lebt mit seiner Familie in Bestensee, fährt Motorrad, spielt Fußball und fliegt Ultraleichtflugzeuge. Abschalten bedeutet für den 58-Jährigen nicht Stillstand, sondern Perspektivwechsel. Seine Arbeitstage sind lang, sieben Tage die Woche. Ideen entstehen selten im Büro – eher dann, wenn der Blick frei wird. Vielleicht erklärt genau das seinen Führungsstil: konzentriert, ausdauernd, klar im Ziel.
Der Artikel von Frank Pechhold/Brandenburg Media ist nachzulesen im FORUM 05|2026