FORUM-BERICHT

Forschungscampus Cottbus - Wo aus Wissen Wertschöpfung werden soll

Mit dem ersten Spatenstich nimmt ein zentraler Baustein des Lausitz Science Park in Cottbus Gestalt an. Bis 2030 entstehen fünf Forschungsbauten für DLR, Fraunhofer und Leibniz. Entscheidend wird aber nicht allein sein, was dort erforscht wird – sondern was davon in Unternehmen, neuen Produkten und Arbeitsplätzen ankommt.
Noch ist es ein rund 50.000 Quadratmeter großes Areal. In den kommenden Jahren soll hier im Nordwesten von Cottbus ein Forschungsstandort entstehen, an dem Wissenschaft nicht nebeneinander, sondern miteinander arbeitet – und möglichst eng mit der Wirtschaft.
Mit dem ersten Spatenstich für den Forschungscampus Cottbus ist Anfang Oktober der Startschuss für die Erschließung gefallen. Bund und Land stellen bis 2030 insgesamt rund 325 Millionen Euro für das Vorhaben bereit. Erste Förderbescheide über rund 64,5 Millionen Euro wurden beim Spatenstich übergeben. Bis 2030 sollen fünf Forschungsbauten entstehen: für das DLR-Institut für Elektrifizierte Luftfahrtantriebe, das DLR-Institut für CO₂-arme Industrieprozesse, die Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG, für das Fraunhofer IPMS gemeinsam mit dem Fraunhofer IKTS sowie für das Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik IHP. Damit konzentrieren sich an einem Standort Kompetenzen, die von neuen Energie- und Wärmesystemen über die Dekarbonisierung industrieller Prozesse und elektrifizierte Luftfahrtantriebe bis zu Mikroelektronik und intelligenten Mikrosystemen reichen.

Forschung braucht Wirtschaft

Dass daraus mehr werden soll als eine Ansammlung hoch spezialisierter Institute, machte Fraunhofer-Präsident Prof. Holger Hanselka deutlich. Forschung müsse am Ende in die Anwendung gelangen. Dafür brauche es die Industrie – und Unternehmen, die wissenschaftliche Erkenntnisse in Produkte und Märkte übersetzen. Darin liegt eine der wirtschaftlichen Chancen des Forschungscampus. Unternehmen sollen Zugang zu Forschungs- und Testinfrastrukturen erhalten, neue Technologien unter realen Bedingungen erproben und Forschungsergebnisse schneller in Anwendungen überführen können.
Hanselka hält das für einen wesentlichen Baustein des Strukturwandels: Forschungseinrichtungen sowie innovative kleine und mittlere Unternehmen sollen zusammengebracht und Wissenschaft, Wirtschaft und Technologietransfer enger miteinander verzahnt werden. Dadurch könnten neue Arbeitsplätze, Innovationen und zusätzliche Wertschöpfung in der Region entstehen.
„Wir brauchen keinen Elfenbeinturm. Wir brauchen einen offenen Campus. Und am Ende muss das Ganze irgendjemandem nützen – am besten der Gesellschaft.“ Prof. Holger Hanselka, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft
Auch die parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Dr. Silke Launert, stellte diesen Transfergedanken in den Mittelpunkt. Wo Forschungseinrichtungen, Universität und Unternehmen auf engem Raum zusammenkämen, entstünden neue Chancen für Kooperationen und Innovationen. Dabei gehe es nicht allein um Forschung und Wirtschaft, sondern um die Menschen in der Region. Der neue Standort müsse dazu beitragen, attraktive Arbeitsplätze zu schaffen, Wertschöpfung in der Lausitz zu halten und Talenten eine Perspektive zu bieten, ohne dafür ihre Heimat verlassen zu müssen. Gleichzeitig müsse die Region für neue Fachkräfte und Wissenschaftler attraktiv werden.

„Es geht darum, dass wir attraktive Arbeitsplätze für Talente haben, weil wir nicht wollen, dass sie ihre Heimat verlassen müssen. Wir wollen aber auch Talente hierherholen, die zur Wertschöpfung dieser Region beitragen.“ Dr. Silke Launert, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt

Aus Zusammenarbeit wird räumliche Nähe

Viele der beteiligten Einrichtungen arbeiten bereits zusammen. Mit dem Forschungscampus verändert sich jedoch eine entscheidende Voraussetzung: Aus einem Netzwerk verteilter Einrichtungen wird zunehmend auch räumliche Nachbarschaft.
Prof. Lars Enghardt vom DLR-Institut für Elektrifizierte Luftfahrtantriebe verbindet damit die Erwartung, bestehende Kooperationen weiter auszubauen: „Was wir schon seit Langem gemeinsam machen, können wir auf diesem Campus durch die räumliche Nähe noch besser entwickeln und neue Potenziale schaffen.“
Eine besondere Rolle weist Enghardt dabei der BTU Cottbus-Senftenberg zu. Sie bilde gewissermaßen den universitären Nukleus, der die unterschiedlichen außeruniversitären Forschungseinrichtungen miteinander verbindet. Auch die Fraunhofer-Einrichtungen hatten bereits bei der Ankündigung des Spatenstichs ausdrücklich auf die unmittelbare Nähe zum Zentralcampus der BTU verwiesen.

Keimzelle eines größeren Wissenschafts- und Wirtschaftsstandortes

Der Forschungscampus ist dabei nur ein Teil einer erheblich größeren Entwicklung. Er gehört zum geplanten Lausitz Science Park, der sich perspektivisch auf rund 420 Hektar im Nordwesten von Cottbus erstrecken soll. Forschung und Wissenschaft sollen dort mit Ausgründungen und Unternehmen, aber auch mit Wohnen und Freizeit verbunden werden.
Für Cottbus und die Lausitz entsteht damit die Chance, den Strukturwandel nicht allein durch Ersatzarbeitsplätze zu gestalten, sondern neue Wertschöpfung aus Forschung und Technologie aufzubauen. Ob dieses Versprechen eingelöst wird, entscheidet sich allerdings nicht an der Zahl neuer Institutsgebäude. Entscheidend wird sein, wie intensiv Wissenschaft und Unternehmen tatsächlich zusammenarbeiten, wie viele Forschungsergebnisse den Weg in marktfähige Anwendungen finden und ob daraus neue Unternehmen und Arbeitsplätze in der Region entstehen.

Der Spatenstich setzt dafür zunächst ein sichtbares Zeichen. Die eigentliche Arbeit beginnt mit dem, was auf dem Campus zusammenkommen soll: Menschen, Wissen, Unternehmen und Ideen.