RÜCKBLICK
Wer fährt jetzt freiwillig ins Kriegsgebiet?
Mitte September reiste eine Wirtschaftsdelegation der IHK Cottbus im Rahmen des Projekts Ukraine Desk nach Lwiw und Luzk in die Ukraine. Reaktionen im Vorfeld: zu gefährlich, zu unsicher, zu früh. Gegenfrage: Zu früh wofür? Die vielen Gespräche eröffneten den Teilnehmenden ein realistisches Bild vom Wirtschaftsstandort und Kooperationspartner Ukraine.
Ukrainische Unternehmen produzieren rund um die Uhr, liefern aus, investieren und suchen Partner. Kommunen bauen durch russische Angriffe beschädigte Objekte wieder auf und schaffen neue Infrastruktur, die an die Kriegsrealität angepasst ist.
“Wer sich hier frühzeitig engagiert, sichert sich Marktkenntnis, Netzwerke und Partnerschaften für den künftigen Wiederaufbau - vor anderen Wettbewerbern”, bringt es André Fritsche, der Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus, auf den Punkt.
Netzwerkaufbau im Kriegsalltag - wie geht das?
Die Reise war keine Abenteuertour für die acht Unternehmen aus Brandenburg und Sachsen. Nichts wurde dem Zufall überlassen: An- und Abreise, Veranstaltungsorte und die Wege zwischen den einzelnen Stationen waren sorgfältig mit der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer (AHK) Ukraine geplant. Sicherheitsbriefings, die Beobachtung der tagesaktuellen Lage und die Orientierung an den örtlichen Sicherheitsvorgaben waren fester Bestandteil des Programms. So blieb der Standort eines Energieprojekts aus Sicherheitsgründen geheim, Fotografieren in den besuchten Betrieben war oft untersagt.
“Gleichzeitig war die Stimmung in der Delegation nicht von Angst geprägt, sondern von Aufmerksamkeit, Professionalität und wachsendem Interesse an der Wirtschaft, die trotz des Krieges weiterläuft. In den Betriebsbesuchen zeigte sich: Produktionsanlagen laufen, Energieprojekte werden weiter vorangetrieben, Kooperationspartner und Geschäftsmöglichkeiten werden gesucht”, berichtet Alina Pryputa vom IHK-Ukraine-Desk.
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen reiste eine Delegation aus acht Unternehmen mit dem Hauptgeschäftsführer und Referenten der IHK Cottbus in die Ukraine.
Die Rahmenbedingungen seien nicht einfach.
“Sicherheit, Finanzierung, Versicherung, Logistik und die regionale Situation, aber auch Faktoren wie Mobilmachung und Personalverfügbarkeit müssen bei jedem Engagement berücksichtigt werden. Genau deshalb ist der direkte Austausch so wichtig”, erklärt Alina Pryputa.
Darum hat sich die Reise gelohnt
Für die teilnehmenden Unternehmen stand dabei weniger die kurzfristige Geschäftsanbahnung als vielmehr das Ausloten konkreter Möglichkeiten im Vordergrund. Besuche bei ukrainischen Unternehmen sollten zeigen, wo trotz der schwierigen Rahmenbedingungen bereits produziert wird, welche Leistungen und Produkte gefragt sind und wo sich Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit ergeben.
Jens Brandt, Geschäftsführer von Build a rock in Cottbus (Foto, rechts) ist die Reise zusammen mit seinem Mitarbeiter Lars Ackermann angetreten und war vom ersten Unternehmensbesuch sehr beeindruckt: “Wir befinden uns in einem sehr interessanten Herstellungsbetrieb für Betonwaren - vom Pflasterstein bis zum Bunker sozusagen. Bei der Firma EFE. Und wir haben gerade eine Betriebsbesichtigung gemacht. Ich muss sagen: Ich bin sehr begeistert von dem technischen Niveau. Das ist natürlich erstmal ein neuer Kontakt. Ein Anfang, ein zartes Pflänzchen, wo wir uns dem Thema Schutzraum und Bau von Schutzräumen annähern. Und möglicherweise könnte die Firma EFE für uns ein Lieferant von Baustoffen und Baumaterialien für die Herstellung von Spritzbeton werden.”
Neben den Unternehmensbesuchen bot die Reise auch Gelegenheit, eigene Vorstellungen vom Wirtschaftsstandort Ukraine mit der Realität vor Ort abzugleichen. Für einige Teilnehmer war es der erste persönliche Eindruck von einem Land, über das sie bislang vor allem aus der Berichterstattung über den Krieg erfahren hatten.
Für Markus Mütsch, Geschäftsführer der LiCoMo GmbH, war die Reise ein voller Erfolg: “Ich möchte schon längere Zeit einmal in die Ukraine fahren. Das ist mir, Gott sei Dank, dank der Aktivitäten der Industrie- und Handelskammer Cottbus sowie der Wirtschaftsförderung Brandenburg gelungen. Ich war sehr neugierig und überrascht, wie sauber alles ist."
Gerade für kleinere und mittelständische Unternehmen kann der direkte Kontakt ein wichtiger erster Schritt sein, um einen neuen Markt einzuschätzen. Gespräche mit potenziellen Geschäftspartnern ermöglichen dabei nicht nur konkrete Anbahnungen, sondern auch ein besseres Verständnis für Anforderungen, Chancen und die Besonderheiten des ukrainischen Marktes.
Auch für Silvio Uhlig, Inhaber der HU-Kunststofftechnik aus Zwönitz in Sachsen hat sich die Reise gelohnt: “Für mich sehe ich eine große Chance in der Ukraine die Erweiterung nach Osteuropa zu beginnen. Die Geschäfte in der Ukraine sind im Aufbau, die Menschen sind interessiert, auch an unseren Produkten und ich sehe große Chancen auch meine Geschäfte zu skalieren. Für mich war es auch sehr interessant, wie offen die ukrainischen Unternehmer sind. Schon am ersten Tag gab es interessante Kontakte, die man weiterführen kann. Besonders die sehr große Offenheit und die Herzlichkeit der Menschen hat mich beeindruckt.”
Begleitet wurde die Reise von Sebastian Saule, dem Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Land Brandenburg GmbH (WFBB). Dass die Reise dabei nicht nur wirtschaftliche Chancen, sondern auch die besonderen Bedingungen eines Landes im Krieg sichtbar machte, wurde auch im anschließenden Fazit von Herrn Saule deutlich.
Sebastian Saule, Geschäftsführer der WFBB, zieht ein positives, zugleich differenziertes Fazit der Reise: "Es waren sehr viele Eindrücke, die wir hier mitnehmen konnten. Auch widersprüchliche Eindrücke. Auf der einen Seite große Gastfreundschaft, große Bereitschaft zur Kooperation, große Offenheit. Auf der anderen Seite natürlich auch der Krieg, den man hier 1.000 Kilometer von der Front entfernt, doch spürt.
Wir konnten uns informieren, wir konnten aber auch Kontakte knüpfen, bis hin zu sehr konkreten Geschäftsbeziehungen, die aufgebaut worden sind, in der Gruppe der Unternehmen aus Brandenburg und Sachsen.
Ich bin sehr dankbar, dass die IHK Cottbus diese Reise mit dem Ukraine Desk organisiert hat, welchen wir auch als Wirtschaftsförderung Brandenburg unterstützen. Wir konnten wichtige Erfahrungen sammeln, auf denen wir jetzt aufbauen können, um gemeinsam weitere Aktivitäten mit ukrainischen Unternehmen – mit den Menschen in der Ukraine – zu planen und auch umzusetzen.
Ukraine Desk - Initiative der IHK Cottbus, unterstützt durch WFBB, WFS, EGC Cottbus und AHK Ukraine. Mehr über das Projekt finden Sie unter www.ihk.de/cottbus/ukraine-desk