Chancen für die Grenzregion

„Wachstumsmarkt Polen – Förderung der Zusammenarbeit in der deutsch-polnischen Grenzregion“ – das ist der Titel eines Netzwerk-Events, zu dem am 15. April die Außenwirtschaftsausschüsse der IHK Cottbus und der IHK Ostbrandenburg auf die östliche Seite des Grenzflusses Neiße nach Gubin einladen. Dabei soll auch eine Vereinbarung der Industrie- und Handelskammern Cottbus und Ostbrandenburg zur Stärkung ihrer Zusammenarbeit im deutsch-polnischen Wirtschaftsverkehr unterzeichnet werden.
Polen ist für deutsche Unternehmen ein wichtiger Wachstumsmarkt. 2025 exportierte die Bundesrepublik nach Zahlen des Statistischen Bundesamts DESTATIS Waren im Wert von 99,9 Milliarden Euro nach Polen, sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Das östliche Nachbarland ist damit viertgrößter Exportmarkt Deutschlands, hinter den USA, Frankreich und den Niederlanden. Während hierzulande die wirtschaftliche Entwicklung stagniert, ist Polen mit einem Wachstum von jährlich rund drei Prozent einer der wirtschaftlichen Aufsteiger in Europa.
„Polen ist für Deutschland als Markt immer wichtiger geworden“, erklärt Christopher Fuß von Germany Trade and Invest (GTAI), der Außenwirtschaftsagentur der Bundesrepublik.
Bei seinem EU-Beitritt 2004 war das Land noch nicht einmal unter den Top Ten von Deutschlands wichtigsten Handelspartnern. Über die Grenze werden Investitionsgüter wie Schienenfahrzeuge oder Maschinen geliefert, aber auch in steigendem Maße Konsumgüter.
„Das Land ist wohlhabender geworden“, erklärt Christopher Fuß, der im Warschauer GTAI-Büro Unternehmen berät. Der Privatkonsum habe angezogen und damit auch das Interesse für Waren „made in Germany“.
Interessant für deutsche Unternehmen sind darüber hinaus Investitionen in Polen. Nach der Corona-Pandemie hatten sich Unternehmen zunächst stark für ein Engagement zwischen Oder und Weichsel interessiert, um ihre Lieferketten zu diversifizieren, also nicht mehr so stark von einzelnen Lieferanten vor allem in China abhängig zu sein. Das habe inzwischen nachgelassen, so Christopher Fuß. Jetzt gebe es ein breites Spektrum an Gründen für Investitionen. Polen sei auch ein Sprungbrett in andere Länder der Region. Unternehmen wie der Bayer-Konzern haben ihre Hauptniederlassungen für Mittel- und Osteuropa dort angesiedelt. In Polen aktive Firmen sind zudem näher an einem möglichen Wachstumsmarkt Ukraine, wenn dort der Krieg zu einem Ende kommt. Die Verflechtungen sind eng: Viele ukrainische Unternehmen haben Teile von Produktion und Verwaltung in das westliche Nachbarland ausgelagert.

Dynamische Start-up-Szene

Bei Investitionen in Polen gehe es heute in der Regel nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit darum, von niedrigeren Lohnkosten zu profitieren, sagt der Experte vom GTAI. Vielmehr gehe es meist um Anlagen mit einer höheren Wertschöpfungstiefe, die ein höheres Qualifikationsniveau verlangten. Mehr und mehr zielten die Investitionen auf die IT-Branche beziehungsweise den Dienstleistungssektor insgesamt.
Laut Zahlen der Deutsch-Polnischen Industrie-und Handelskammer (AHK Polen), die seit 30 Jahren mit einem Netz an Regionalbüros die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern fördert, wurden in Polen 483.000 Arbeitsplätze durch Investitionen aus Deutschland geschaffen. Als Chancen des polnischen Markts werden benannt: wachsende Konsumausgaben, Steuererleichterungen und Investitionsanreize für ausländische Investoren, große staatliche Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung sowie Chancen durch Technologiebranche und Künstliche Intelligenz.
Interessant sei das Land als größter Empfänger von EU-Mitteln aus dem Haushalt 2021 bis 2027 durch seine dynamische Start-up-Szene und die Nähe zum möglichen Wachstumsmarkt Ukraine nach einem Ende des Kriegs. Der Ukrainekrieg wird gleichzeitig von der AHK Polen als ein wesentliches Risiko für Investitionen in Polen identifiziert. Hinzu kommen die Wachstumsschwäche auf den europäischen Absatzmärkten und Unsicherheiten im globalen Handel. Weitere Minuspunkte: die kurze Frist für die Umsetzung von EU-Geldern aus dem Wiederaufbaufonds, Verzögerungen beim Kohleausstieg und die Abhängigkeit von internationalen Geldgebern.
In Polen finden deutsche Investoren gut ausgebildete Fachkräfte mit Fremdsprachenkenntnissen bei einem weiterhin günstigen Lohnniveau, so die AHK Polen. Hinzu kommen die kulturelle Nähe und die bereits engen Wirtschaftsbeziehungen beider Länder. Denn Deutschland spielt umgekehrt für Polen eine sehr große Rolle, ist der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt. Bis zu 28 Prozent des polnischen Exports haben Deutschland zum Ziel, so die Zahlen von Germany Trade and Invest (GTAI). Im vergangenen Jahr importierte Deutschland Waren im Wert von 80,4 Milliarden Euro aus Polen, ein Plus von 4,1 gegenüber dem Vorjahr.
„Für Deutschland liegt Polen damit auch als Importpartner auf Platz vier, hinter China, den Niederlanden und den USA. Das Interesse an Deutschland ist östlich der Oder hoch“, so GTAI-Experte Christopher Fuß.
Abseits von gelegentlichen tagespolitischen Störfeuern sei die Bedeutung der wirtschaftlichen Beziehungen zum westlichen Nachbarn unumstritten.

Netzwerk-Event und Kooperationsvereinbarung

Am 15. April luden die Industrie- und Handelskammern Cottbus und Ostbrandenburg zu einem Netzwerk-Event ein, bei dem es um deutsch-polnische Zukunftsmärkte in der Grenzregion ging. Informiert wurde unter anderem zum Projekt POLSMA, mit dem kleine und mittlere Unternehmen in der Grenzregion bei der Umsetzung europäischer Klimaanforderungen unterstützt werden. Im Rahmen der Veranstaltung wurde von der IHK Cottbus und die IHK Ostbrandenburg eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen, in der sie sich zur engeren Zusammenarbeit beim Austausch mit Partnern jenseits von Oder und Neiße verpflichten.
Es soll einen Austausch über Veranstaltungen, Messen und Unternehmerreisen im deutsch-polnischen Kontext geben. Bestehende und neue Formate sollen künftig möglichst als gemeinsame Veranstaltungen durchgeführt werden. Dabei geht es unter anderem um den Austausch mit befreundeten polnischen Kammern und Entwicklungsagenturen sowie den staatlichen Stellen in den Woiwodschaften Zachodniopomorskie, Dolnoslaskie und Lubuskie.

Gastgeber Tekra: Qualität für den deutschen Markt

Gastgeber des Netzwerk-Events am 15. April ist das Unternehmen Tekra sp. z o.o. in der polnischen Grenzstadt Gubin, ein Beispiel für deutsche Investitionen im Nachbarland. Seit 2008 gibt es in Gubin das Unternehmen Tekra sp. z o.o., eine Tochter der DEPA GmbH aus Leverkusen (Nordrhein-Westfalen). Der langjährige Geschäftsführer Harald Wiedei, der seit Jahresanfang im Ruhestand ist, sieht an dem Standort in der 15.000-Einwohner-Stadt an der Neiße gute Bedingungen.
450 Beschäftigte hat der Betrieb, der unter anderem Ausleger für Mobilkrane und Komponenten für Raupenkrane und mobile Plattformen herstellt. 350 arbeiten direkt bei Tekra, 100 beim ausgegliederten Unternehmen Ferro Service. Alle stammen
aus der Region, nur der Chef kommt aus Deutschland.
„Der Start war eine spannende Sache“, erinnert sich Harald Wiedei. Die Kommunikation lief auf Englisch, jetzt zunehmend auch auf Deutsch. Die Qualifikation des Personals stimmte von Anfang an. „Es gibt ein gutes Schulsystem in Polen“, sagt Wiedei.
Zudem seien die Leute fleißig und wissbegierig. Die Mitarbeiter werden fortlaufend geschult und weitergebildet. Die günstigen Arbeitskosten seien 2008 der wichtigste Grund für die Ansiedlung in Polen gewesen. Beim Lohnniveau gebe es zwar eine zunehmende Angleichung. Aber die Lohnnebenkosten seien im Nachbarland weiterhin erheblich geringer als in Deutschland.
Gearbeitet wird auf dem höchsten fachlichen Niveau. Zur Produktion werden hochfeste Feinkornstähle verwendet, die aus Deutschland, Schweden, Österreich und Belgien bezogen werden. Die Abnehmer sind ausschließlich deutsche Betriebe, darunter Branchengrößen wie Liebherr und Tadano.
Deshalb ist es für Tekra von Vorteil, dass das Betriebsgelände nur 40 Kilometer vom deutschen Autobahnnetz entfernt ist. Die unmittelbare Grenznähe sei allerdings keine Bedingung für die Ansiedlung gewesen, sagt Harald Wiedei. Der Umsatz sei von neun Millionen Euro im Jahr 2013 auf prognostizierte 72 Millionen Euro im laufenden Jahr gestiegen. Für deutsche Investitionen in Polen sieht Wiedei auch für die Zukunft gute Perspektiven.
„Die Infrastruktur ist auf höchstem Niveau“, lobt er.
Störend sei allein, dass man sich im Nachbarland nicht im Euroraum befinde. Löhne werden in Zloty ausgezahlt, Schwankungen im Wechselkurs schlagen sich damit auch gleich in der Bilanz nieder.

Grupa Azoty ATT Polymers: Polnischer Investor als Retter

Manchmal treten polnische Unternehmen in Deutschland auch als Investoren auf.
„Bevorzugt handelt es sich dabei um Firmenübernahmen“, sagt GTAI-Experte Christopher Fuß.
Für Neugründungen auf der grünen Wiese sei die Kapitaldecke oft noch zu gering. Insgesamt knapp 25.000 Jobs in Deutschland wurden geschaffen oder erhalten durch Kapitalgeber aus dem östlichen Nachbarland, so die Zahlen der AHK Polen. Eine solche Firmenübernahme gab es bei der Grupa Azoty ATT Polymers GmbH in Guben, auf der westlichen Seite der Neiße. Das Unternehmen ist einer der führenden Hersteller von Polyamid 6 in Westeuropa.
Gegründet 1960 als VEB Chemiefaserwerk Guben, wurde die Produktion nach der Wende fortgeführt. 2009 geriet das Unternehmen im Zuge der Finanzkrise in Insolvenz und wurde 2010 zu 100 Prozent von der Zaklady Azotowe in Tarnów-Moscice S.A. übernommen, die heute als Grupa Azoty S.A. firmiert.
„Mit 65 Beschäftigten sind wir eher ein kleineres Unternehmen“, sagt Robert Bednarek, der seit 2019 Geschäftsführer in Guben ist.
Beim jährlichen Umsatz, der zwischen 150 und 250 Millionen Euro pendelt, spielt das Werk dagegen in einer höheren Liga.

Starke Stellung durch Stabilität

Die Rohstoffe bezieht die Grupa Azoty ATT Polymers GmbH vom Mutterwerk in Tarnów im südöstlichen Polen. Fünfhundertfünfzig Kilometer sind die Lkw dafür unterwegs. Das produzierte Polyamid 6, das als Grundstoff unter anderem für Textilfasern und Bauteile im Maschinenbau dient, verlässt das Werk als Granulat. Vertrieben wird es an Geschäftspartner überall in Europa, mit Ausnahme von Polen. Den dortigen Markt beliefert die Muttergesellschaft selbst.
Aus Sicht von Robert Bednarek bringt die Konstellation als Tochterbetrieb der Grupa Azoty dem Gubener Unternehmen vor allem Stabilität, weil es einen festen Lieferanten gibt. Diese Stabilität habe geholfen, sich eine starke Stellung auf dem westeuropäischen Markt zu erobern.
Der Artikel von Ulrich Nettelstroth ist nachzulesen im FORUM 04/2026