WELTFLÜCHTLINGSTAG

Motivation und Offenheit führt zum Erfolg

Am 20. Juni ist Weltflüchtlingstag. Die IHK Cottbus lädt daher ab dem 15. Juni zum Austausch ein. Genauer gesagt, Willkommenslotsin Ulrike Jahn und das Fachkräfteteam. Mit mehreren Angeboten soll das Potenzial geflüchteter Menschen für den regionalen Arbeitsmarkt sichtbar gemacht werden.
Dieser Service hilft Unternehmen bei der Integration von Geflüchteten in Ausbildung und Arbeit und unterstützt sie bei Behördengängen, der Entwicklung von Qualifizierungsangeboten sowie beim Aufbau einer offenen Unternehmenskultur. Willkommenslotsen informieren zu rechtlichen Voraussetzungen, kultureller Integration, Fördermöglichkeiten und vermitteln Kontakte zu Arbeitsagenturen, Einwanderungsbehörden, Bildungsträgern und Beratungsstellen. Für Unternehmen bieten sie einen Matching-Service: Sie erarbeiten Anforderungsprofile, suchen geeignete Bewerberinnen und Bewerber aus dem Kreis Geflüchteter, klären rechtliche Rahmenbedingungen und helfen bei verwaltungstechnischen Fragen. Der Service ist Teil des Programms Passgenaue Besetzung/Willkommenslotsen, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördert wird

Willkommenslotsin Ulrike Jahn gibt einen Einblick in die Projektarbeit

Seit Jahresbeginn ist Ulrike Jahn Willkommenslotsin bei der IHK. Für FORUM gibt sie einen Einblick in ihre Arbeit und die Herausforderungen, vor denen Unternehmen stehen.
FORUM: Wie unterstützen Sie Mitgliedsbetriebe konkret beim Thema Integration Geflüchteter?
ULRIKE JAHN: Bei uns melden sich zunehmend Betriebe, die dringend Fach- und Hilfskräfte suchen. Gleichzeitig wenden sich Geflüchtete mit ganz unterschiedlichen Qualifikationen und Potenzialen an die IHK, die arbeiten oder einen Beruf erlernen möchten. Ich nehme die Bedarfe der Unternehmen auf und prüfe, welche Personen aus unserem Pool passen könnten. Gemeinsam schauen wir, welche Unterstützung notwendig ist und welche Fördermöglichkeiten infrage kommen. Wenn Betriebe Geflüchtete einstellen möchten, aber noch unsicher sind, worauf sie achten müssen, begleite ich sie beratend. Außerdem geben wir praktische Hinweise, wie Integration im Betrieb gut gelingen kann.
FORUM: Wo liegen für Betriebe aktuell die größten Hürden bei dem Thema?
ULRIKE JAHN: Typische Themen, die Unternehmen ansprechen, sind Sprache, Bürokratie, Wohnraum oder auch Fragen der Akzeptanz. Als Willkommenslotsin schaue ich gemeinsam mit den Betrieben, wie sich diese Herausforderungen lösen lassen.
Beim Thema Sprache können beispielsweise ausbildungs- oder berufsbegleitende Sprachkurse, berufsspezifische Vokabellisten oder Sprachpartnerschaften helfen. Zudem gibt es Fördermöglichkeiten wie Eingliederungszuschüsse oder Assistenzangebote während einer Ausbildung. Gleichzeitig zeigt die Praxis: Sprache lernt man am besten im Alltag und im täglichen Miteinander im Betrieb. Auch zu den anderen Themen berät und unterstützt die IHK.
FORUM: Schaffen das nur größere Betriebe oder ist es gerade eine Chance für kleinere?
ULRIKE JAHN: Gerade kleine und mittlere Unternehmen sind besonders vom Fachkräftemangel betroffen. Deshalb kann die Beschäftigung von Geflüchteten eine echte Chance sein, offene Stellen zu besetzen und motivierte Mitarbeitende zu gewinnen. Dass das funktioniert, zeigen zahlreiche Beispiele aus der Praxis – auch in kleineren Betrieben. Oft sind gerade dort die Wege kürzer, die Betreuung persönlicher und die Integration ins Team einfacher.
FORUM: Was wird von Unternehmen oftmals unterschätzt, wenn sie Geflüchtete einstellen wollen?
ULRIKE JAHN: Nicht zu unterschätzen ist der organisatorische Aufwand. Teilweise sind zusätzliche Behördengänge oder Anträge notwendig. Gleichzeitig erleben viele Unternehmen aber auch, dass sich der Aufwand lohnt, wenn engagierte Mitarbeitende gewonnen werden können. Wichtig ist, sich frühzeitig beraten zu lassen und Unterstützung zu nutzen.
FORUM: Welche Rolle spielen eine Willkommenskultur und der Kollegenkreis für den Erfolg?
ULRIKE JAHN: Wo sich Menschen willkommen und wertgeschätzt fühlen, steigt auch die Motivation, sich einzubringen und langfristig im Unternehmen zu bleiben. Eine offene und wertschätzende Kommunikation hilft zudem, Missverständnisse zu vermeiden. Für eine gelingende Integration ist es sinnvoll, die Belegschaft einzubeziehen und feste Ansprechpartner im Unternehmen zu benennen, die während der Einarbeitung unterstützen.
FORUM: Was sagen Sie Unternehmen, die gerne Geflüchtete einstellen möchten, aber noch zögern?
ULRIKE JAHN: Wichtig ist zunächst das persönliche Kennenlernen. Nutzen Sie die Möglichkeit von Probearbeit oder Praktika, um sich gegenseitig besser einschätzen zu können.
Wenn auf beiden Seiten Motivation und Offenheit vorhanden sind, entstehen oft sehr gute Perspektiven – sowohl für die Unternehmen als auch für die Geflüchteten. Und wenn Fragen oder Schwierigkeiten auftreten, sollte man frühzeitig das Gespräch suchen. Gemeinsam lassen sich meist Lösungen finden.
FORUM: Gibt es Erfahrungsaustausche, um zu informieren und Unsicherheiten zu nehmen?
ULRIKE JAHN: Die IHK Cottbus informiert zu Themen rund um die Geflüchteten.
Darüber hinaus gibt es das Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge (NUiF). Das Netzwerk bietet Betrieben Möglichkeiten zum Austausch sowie regelmäßige Informationsveranstaltungen zu aktuellen Fragen und Herausforderungen.
FORUM: Wie kommt man in Kontakt mit Geflüchteten?
ULRIKE JAHN: Anlässlich des Weltflüchtlingstags 2026 organisiert die IHK Cottbus vom 15. bis 19. Juni 2026 verschiedene Matching-Veranstaltungen, bei denen Betriebe und Geflüchtete miteinander ins Gespräch kommen können. Unternehmen haben dort die Möglichkeit, potenzielle Auszubildende oder Mitarbeitende kennenzulernen.
In Kooperation mit Jobcentern und Welcome Centern der Landkreise werden passende Kandidaten eingeladen. Darüber hinaus können sich Unternehmen jederzeit an die IHK wenden. Wir prüfen dann, ob sich aus unserem Bewerberpool oder über Partner passende Kontakte herstellen lassen.

Aus humanitärer Hilfe wurde ein Personalprojekt - Kolkwitzer Unternehmer beschäftigt erfolgreich Ukrainer

Armin Theis ist Geschäftsführer von CBT e. K., einem Transportunternehmen mit Sitz in Kolkwitz-Krieschow bei Cottbus. Theis kam 1991 aus dem Saarland und war nach eigenen Angaben der erste Betonspediteur in Cottbus. Von seinen 15 Fahrern stammen 14 aus der Ukraine. Die „Community“ identifiziert sich stark mit der Firma.
FORUM: Sie beschäftigen aktuell überwiegend ukrainische Fahrer. Wie kam es dazu?
ARMIN THEIS: Wir hatten bereits vor Kriegsausbruch Kontakt zu Kraftfahrern aus der Ukraine. Die bürokratischen Hürden waren enorm, weil lange unklar war, welche Ausländerbehörde zuständig ist. Als der Krieg ausbrach, konnten viele Männer zunächst gar nicht ausreisen – einige unserer Kandidaten wurden eingezogen. Aber ich habe seit Jahren ukrainische Freunde und kannte die schwierigen Verhältnisse. Für mich war es selbstverständlich zu helfen.
FORUM: Sie haben auch privat Hilfsgüter organisiert. Wann wurde aus der humanitären Hilfe ein Personalprojekt?
ARMIN THEIS: Zunächst kamen vor allem Frauen und Kinder – wir haben Wohnungen eingerichtet und bei der Integration geholfen. Als später die Väter nachkamen, war klar: Wir suchen ohnehin dringend Fahrer, und diese Familien liegen uns am Herzen. Also haben wir sie eingestellt und ihnen gleichzeitig eine sichere Zukunft gegeben.
FORUM: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Behörden?
ARMIN THEIS: Für die ersten Fahrer haben wir viel selbst organisiert und stießen oft auf Blockaden: Ohne Wohnungsnachweis keine Zuweisung nach Cottbus, ohne Zuweisung keine Anmeldung – ein Kreislauf. Erst als eine engagierte Willkommenslotsin der IHK einschritt, konnten wir durch eine Ausnahmegenehmigung die Fahrer vor Ort anmelden. Diese Unterstützung war Gold wert.
FORUM: Welche Rolle spielte die IHK?
ARMIN THEIS: Die IHK ist für die „Grundqualifikation 95“ verantwortlich, die Berufskraftfahrer nachweisen müssen. Die Prüfung wird nur auf Deutsch angeboten und ist so komplex, dass sogar Muttersprachler sie oft nicht bestehen. Für unsere Fahrer war das unzumutbar. So mussten wir uns nach einer rechtssicheren Alternative umsehen. Über verschiedene Umwege haben wir schließlich einen Weg gefunden, der zwar wesentlich aufwendiger ist, unseren Fahrern aber die nötige Qualifizierung verschafft, um legal in Deutschland zu arbeiten. Wäre die reguläre Lösung nicht mit so hohen Barrieren verbunden, wäre der Prozess deutlich einfacher – aber bislang wurde daran nichts geändert. Von der IHK kam hierzu leider auch keine konstruktive Lösung – die Prüfungssprache bleibt ein Problem. Ich wünsche mir, dass die Kammer sich hier mehr engagiert, denn das Problem trifft ja nicht nur uns.
REAKTION DER IHK: Die Prüfung zur Berufskraftfahrerqualifikation ist gesetzlich vorgeschrieben in deutscher Sprache durchzuführen. Eine Ausweitung auf mehrere Sprachen ist politisch gewollt, aber bislang noch nicht umgesetzt. Das verzögert die Integration dringend benötigter Fachkräfte aus dem Ausland und schafft unnötige Hürden für Betriebe und Bewerber. Als Interessenvertretung setzt sich die IHK dafür ein, die gesetzlichen Voraussetzungen für mehrsprachige Prüfungen schnell zu schaffen. Dies ist ein zentraler Baustein zur Fachkräftesicherung im Verkehrs- und Logistiksektor und liegt im Interesse von Wirtschaft, Verwaltung und Politik.
FORUM: Wie verlief die Einarbeitung?
ARMIN THEIS: Ein Glücksfall ist mein Partner, der sehr gut Polnisch und etwas Russisch spricht. So konnten wir sprachliche Hürden intern ausgleichen. Wir haben unsere Fahrer zuerst darin geschult, Lieferscheine zu lesen und die wichtigsten deutschen Fachbegriffe zu verstehen. Bei Unfällen oder Kontrollen vermittelt mein Partner persönlich mit der Polizei. Externe Sprach- oder Integrationskurse waren kaum nötig.
FORUM: Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?
ARMIN THEIS: Vor allem in der Anerkennung ausländischer Führerscheine und der Verfügbarkeit von Prüfungen in mehreren Sprachen. Für die Willkommenslotsinnen wünsche ich mir zudem sichere, unbefristete Stellen – ihr Einsatz ist entscheidend für den Erfolg, und da braucht es Kontinuität in der Betreuung – ganz sicher auch weiterhin und perspektivisch.