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Regionale Unternehmen steigen in Wachstumsmarkt Medizintechnik ein
An der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ) wird derzeit an einem intelligenten Abwurfeimer geforscht.
Mit Kameratechnik, Sensorik und Künstlicher Intelligenz sollen die aufwendigen Zählkontrollen bei Operationen beschleunigt werden: Tupfer, Bauchtücher oder Kompressen werden kameraüberwacht. Wenn etwas davon genutzt wird und anschließend im Abwurfeimer landet, wird es automatisch gezählt – damit nichts unbeabsichtigt im Patienten verbleibt.
Bisher übernehmen Operationstechnische Assistenten die Zählkontrollen, es gilt das Vier-Augen-Prinzip. Viel Zeitaufwand, erst recht, wenn man ihn auf 17 Millionen Operationen hochrechnet, die in Deutschland jährlich stattfinden.
Bisher übernehmen Operationstechnische Assistenten die Zählkontrollen, es gilt das Vier-Augen-Prinzip. Viel Zeitaufwand, erst recht, wenn man ihn auf 17 Millionen Operationen hochrechnet, die in Deutschland jährlich stattfinden.
„Wenn unser System am Ende hilft, Zählkontrollen nur um 30 Sekunden je Operation zu verkürzen, ergibt das eine enorme Zeit- und Kostenersparnis“,
weiß Florian Rudek.
Florian Rudek und Amelie Pester im nachgestellten OP-Saal an der WHZ.
Er ist Teil des interdisziplinären WHZ-Forscherteams mit Experten aus Informatik, Physik oder Medizintechnik, die zu Fortschrittskontrollen regelmäßig an Operationen im Zwickauer Heinrich-Braun-Klinikum teilnehmen. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt fördert das Projekt.
Der intelligente Abwurfeimer könnte ein Erfolgsmodell werden. Von dem profitiert dann vor allem die Hamburger Firma, die die Produktentwicklung angestoßen hat. Ziel ist die weltweite Vermarktung.
Rund eine halbe Million verschiedener Medizinprodukte gibt es nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums.
„Inzwischen ist die Bandbreite an Medizintechnologien enorm. Sie kommen in allen Lebensphasen, bei den verschiedensten Indikationen und in allen Gesundheitsversorgungsstufen zum Einsatz“,
sagt der BV Med, die Stimme der deutschen MedTech-Branche. Sie beschäftigte Ende 2024 über 212.000 Menschen, sorgte deutschlandweit im gleichen Jahr für eine Bruttowertschöpfung von 19,7 Milliarden Euro und hat einen Anteil von 12,5 Prozent an der Gesamtwirtschaft. Die Bruttowertschöpfung liegt damit knapp zwei Milliarden höher als die der Pharmaindustrie. Medizintechnik ist ein Wachstumsmarkt – und wird es nach Einschätzung des BV Med auch bleiben: neue, schonendere Behandlungsmethoden vergrößerten die Zielgruppen, ein erweiterter Gesundheitsbegriff sorge für zusätzliche Behandlungsfelder, die deutsche Demographie tue ihr Übriges.
Der Wachstumsmarkt gerät nun auch immer stärker in den südwestsächsischen Blick. Die Automobilindustrie rund um die in Sachsen angesiedelten Branchenriesen und ihre Zulieferer gelten derzeit weltweit als wenig konkurrenzfähig – und selbst, wenn sich das schnell wieder ändern sollte, verlangen Elektromotoren eine geringere Fertigungstiefe und autonom fahrende Computer auf Rädern veränderte Kompetenzen. Transformation ist also in jedem Fall notwendig, der Masterplan für Südwestsachsen soll entsprechende Ideen generieren.
„Unser Ziel ist es, einen Fokus auf Medizintechnik und medizinische Versorgung im Masterplan zu verankern“,
sagt Aline Lohse. Sie koordiniert an der Technischen Universität Chemnitz den frisch geschaffenen Geschäftsbereich Gesundheit und Medizintechnik, der direkt ans Uni-Rektorat angegliedert ist.
Es gehe darum, Kompetenzen zu bündeln und der Region Perspektiven aufzuzeigen. Das übernimmt die Universität nicht allein. Im C:HUB, dem Health Cluster Südwestsachsen, haben sich maßgebliche Akteure der Region zusammengeschlossen: Die TU als Hochschule der Region und Innovations- und Ideengeber sowie das Klinikum Chemnitz als regionaler Maximalversorger haben die Führung übernommen und Ende 2025 ein entsprechendes Kooperationspapier unterschrieben.
Die Industrie- und Handelskammer Chemnitz und die Wirtschaftsförderungen in Chemnitz sowie im Erzgebirge sind an Bord. Hinzu kommen Player wie der Industrieverein Sachsen 1828 e.V., der Branchenverband biosaxony e.V. mit seiner Unternehmenstochter leap:up GmbH, die Volksbank Chemnitz eG oder Die Fabrik als physischer Standort des entstehenden Clusters. Maximale Power also.
OP-Trainingssimulator an der TU Chemnitz.
Vor allem unter Transformationsgesichtspunkten redet die Industrie- und Handelskammer Chemnitz als Vertreterin der regionalen Industrie mit.
„Viele Unternehmen in der Region sind bereits jetzt nicht nur im Automotive-Bereich tätig, sondern nebenher auch im Medizintechnik-Bereich“,
weiß Kathleen Spranger, Geschäftsführerin der IHK Regionalkammer Chemnitz.
Und auch Unternehmen, bei denen das noch nicht der Fall sei, hätten Chancen: „Unsere Unternehmen bringen beste Voraussetzungen mit, um auf diesem Markt erfolgreich zu sein: Sie können Massenfertigung, sie können skalieren. Und aus der Automobilindustrie kennen sie sich mit Zertifizierungsprozessen aus, die auch im Medizintechnik-Bereich wichtig sind.“ Die vorhandenen Kompetenzen in Robotik und Sensorik, in Mikroelektronik oder Maschinenbau, in Metallbearbeitung oder Präzisionstechnik könnten auch in anderen Feldern eingesetzt werden, denn die entsprechenden Fachkräfte dafür sind in der Region vorhanden.
Beispiele für diese Argumentation lassen sich finden. Da ist zum Beispiel das imk Intelligence Consortium. Am Stadtrand von Chemnitz gelegen, war das Unternehmen jahrelang als IMK Automotive und Dienstleister für die Automobilindustrie bekannt. 2022 kam die Anfrage zur Herstellung eines Medizintechnikprodukts. Gründer Jens Trepte entschied sich, den Weg zu gehen: Die imk Health Intelligence entstand, ein Medizintechnikentwickler, der Geräte für die In-vitro-Diagnostik sowie medizinische Robotik- und Assistenzsysteme entwickelt und produziert. Neben den Unternehmenssitz, eine altehrwürdige Mühle, wurde ein moderner Produktionsstandort gesetzt, die beschäftigten Ingenieure lernten umdenken: von der Dienstleistung zur Serienproduktion.
Oder Bausch + Ströbel. Im Herbst 2023 eröffnete die baden-württembergische Unternehmensgruppe, ein Weltmarktführer mit über 2800 Mitarbeitenden, ein Werk in Jahnsdorf. Bausch+ Ströbel stellt Abfüll- und Verpackungsanlagen für Medizinprodukte vom flüssigen Impfstoff bis zur pulverförmigen Arznei her. Für eine Ansiedlung in Jahnsdorf sprachen nicht nur die vorhandene Produktionshalle und die Infrastruktur sowie das Arbeitskräftereservoir der Region. Auch regionale Lieferanten fand Bausch + Ströbel:
„Die gibt es im Erzgebirge in großer Zahl – auch das ist ein positiver Faktor“,
so Standortleiter René Flath anlässlich der Eröffnung in einem Interview.
Das NanoSen Team.
Oder die NanoSen GmbH, eine Ausgründung aus der TU Chemnitz. Das Unternehmen entwickelt feinste Sensoren und nutzt dabei Impedanz für die Kraftmessung. Die will sie in Kooperation mit dem kanadischen Unternehmen Sarcomere Dynamics nicht nur in Robotergreifer und -hände integrieren, wie Anfang April 2026 bekanntgegeben, sondern auch in medizintechnische Produkte wie Schuhsohlen und Prothesen. Dank flexibler Matrixlayouts lassen sich ihre Sensoren zur Druck- und Kraftmessung auch in weiche, körpernahe oder textilbasierte Systeme integrieren.
„Solche Beispiele müssen wir sichtbar machen“, ist Kathleen Spranger überzeugt, TU-Mitarbeiterin Lohse stimmt ihr zu: „Hidden Champions zu haben ist schön – noch besser ist es, wenn man sie sieht, auch als Vorbild für andere Unternehmen.“ 800 Unternehmen in der Region, habe eine Überblicksuntersuchung an der TU Chemnitz ergeben, sei aufgrund der vorhandenen Kompetenzen eine Transformation hinein in den Bereich der Medizintechnik zuzutrauen. Die gelte es nun gemeinsam mit den Kammern, den Wirtschaftsförderungen und dem Industrieverein zu aktivieren und auf ihrem Weg zu begleiten.
Für die Begleitung soll auch der C:HUB-Partner leap:up sorgen. Das Unternehmen ist der unternehmerische Part des bisher überwiegend im Leipziger und Dresdener Raum beheimateten Branchennetzwerks biosaxony e.V. Es unterstützt Gründer, Start-ups und kleine und mittlere Unternehmen (KMU) beim Eintritt in den Medizintechnik-Markt.
„Das bedeutet unter anderem die Begleitung bei Förderanträgen oder bei Zertifizierungsprozessen – die sind in unserem Bereich besonders herausfordernd, schließlich geht es um menschliche Gesundheit“,
erläutert Michel Kaiser, der das neu gegründete leap:up-Büro im Chemnitzer Innovationshub Die Fabrik aufbaut. Mindestens zwei Mal pro Woche ist er derzeit in Südwestsachsen unterwegs, um potenzielle Med-Tech- und Life-Science-Unternehmen zu beraten und für die Chancen der Branche zu sensibilisieren. Die Kooperation mit dem Klinikum Chemnitz sei dabei ein großer Vorteil – so könnten Produkte schnell in der Praxis erprobt werden.
"Für Produkttests und Marktgängigkeitsstudien wollen wir künftig verstärkt Raum bieten“,
sagt Prof. Martin Wolz.
Weit sei man dabei schon in der Zusammenarbeit mit den anderen Kliniken in Südwestsachsen, aber auch mit den Universitätskliniken in Dresden und Leipzig vorangeschritten. Auch im Fachkräftebereich habe es schon viele Aktivitäten gegeben, nicht zuletzt mit der Implementierung des Studiengangs MEDiC – Medizin studieren in Chemnitz, der aktuell die ersten Absolventen in die finale Praxisphase entlässt.
Nun gelte es, auch andere Bereiche voranzubringen, insbesondere die Kooperation mit der TU Chemnitz und die Institutionalisierung des Forschungstransfers. Erste Veranstaltungen dazu haben bereits stattgefunden: 40 Professuren an der TU Chemnitz haben Ansätze für gemeinsame Forschung identifiziert, über alle Fachbereiche hinweg. „Wir sehen im Bereich der Medizintechnik Chancen unter anderem im Leichtbau, der Sensorik und der Robotik. Wenn es um Fragen der Patientenversorgung oder der diagnostischen Früherkennung geht, kommt auch Fachbereichen wie der Informatik, der Medientechnik, den Bewegungswissenschaften oder der Soziologie Bedeutung zu“, so Wolz. In vielen Bereichen gibt es diese Zusammenarbeit mit der regionalen Forschung schon: „Die Kompetenzen in der Region sind da. Wir müssen nur noch häufiger die losen Enden zusammenbinden.“
Dies gelte auch für die Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft, ergänzt Martin Jonas, Kaufmännischer Geschäftsführer des Klinikums. Etwa 60 Millionen Euro betrage das jährliche Auftragsvolumen des Klinikums an regionale Unternehmen, sagt er – etwa für die Materialversorgung, aber auch für Bauvorhaben des Klinikums. Zwar sei schwer vorstellbar, dass auf die Schnelle Hightech-Medizingeräte aus der Region kommen würden, da gäbe es weltweit eher die Tendenz zu einer Marktbereinigung zugunsten globaler Konzerne. Doch was Behandlungsmethoden wie die robotische Chirurgie, Versorgungsfragen wie die Telemedizin oder die Datenintegration im Gesundheitsbereich betrifft, könnten auch regionale Unternehmen neue Standards setzen.
Kontakt
Kathleen Spranger
Geschäftsführerin der Regionalkammer Chemnitz
Region Chemnitz