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Krisenmanagement

Blackout: Die unterschätzte Gefahr für den Mittelstand

Strom weg, Lieferkette weg, Kommunikation weg

Ein mehrtägiger Blackout könnte den Mittelstand härter treffen als viele Krisen zuvor. Im Gespräch mit Ramona Nagel erklärt der Wiener Blackout- und Krisenvorsorgeexperte Herbert Saurupp Zusammenhänge und wie sich Unternehmen vorbereiten können.
Herr Saurugg, wie bewerten Sie aktuell die Wahrscheinlichkeit eines großflächigen Stromausfalls in Europa, und welche Entwicklungen bereiten Ihnen derzeit die größten Sorgen?
Grundsätzlich lässt sich die Wahrscheinlichkeit sehr seltener Ereignisse, wozu ein großflächiger Stromausfall gehört, nur schwer einschätzen. Wenn man sich jedoch vor Augen hält, dass es innerhalb eines Jahres drei Blackouts und einen großflächigen Stromausfall im europäischen Verbundsystem gab (2024: mehrere Länder am Balkan; 2025: Iberische Halbinsel und Nordmazedonien, Tschechien) und in den 60 Jahren davor lediglich zwei weitere Ereignisse (1976: DACH-Region; 2003: Italien) zu verzeichnen waren, dann kann dies Zufall sein – oder ein Warnhinweis. Ich würde mich für Letzteres entscheiden.

Wir haben in Europa bisher den verlässlichsten Stromversorgungsbund weltweit. Jedoch befinden wir uns mit der Energiewende in einer massiven Umbruchsphase. Und das ohne eine wirkliche systemische Vorgehensweise und ohne entsprechende Rückfallebenen. Hinzu kommt die unsichere Sicherheitslage, die sich durch immer mehr Sabotageangriffe auf kritische Infrastrukturen verschärft. Zu nennen sind hier der schwerwiegende Ausfall in Berlin zu Beginn des Jahres 2026 sowie die inzwischen zahlreichen Angriffe in Süddeutschland, die bisher vergleichsweise glimpflich verlaufen sind.

Die größte Gefahr ist daher nicht, dass es zu einem großflächigen Ausfall kommen kann, sondern dass wir uns blind darauf verlassen, dass es nicht passieren wird. Das könnte sich als fataler Irrtum erweisen. Denn es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Nirgends, auch wenn noch so ein großer Aufwand betrieben wird, um das zu verhindern und wie erst kürzlich der schwerwiegende Ausfall bei der Deutschen Bahn einmal mehr vor Augen geführt hat. Auch dieser ist nochmals glimpflich ausgegangen. Aber das ist leider keine Garantie, dass das beim nächsten Ereignis auch so sein wird.
Welche wirtschaftlichen Folgen hätte ein mehrtägiger Blackout für Unternehmen unterschiedlicher Größen – von mittelständischen Betrieben bis hin zu internationalen Konzernen?
Ein überregionaler Stromausfall, der mehrere Staaten oder größere Staatsgebiete betrifft („Blackout“) und der nicht binnen eines Tages behoben werden kann, hätte katastrophale Folgen für die gesamte Gesellschaft und die Wirtschaft. Die Folgen eines 48 bis 72 Stunden andauernden Stromausfalls sind kaum mehr abschätzbar, da in diesem Zeitraum auch die meiste Notstromversorgung in kritischen Infrastrukturen ausfallen würde. Damit wären enorme technische Störungen und Schäden zu erwarten, die einen raschen Wiederanlauf, insbesondere in der Telekommunikation, faktisch ausschließen würden. Ohne oder mit nur eingeschränkter Telekommunikationsversorgung sind heute Produktion, Logistik und Warenverkauf nicht möglich.

Gleichzeitig wissen wir, dass sich rund ein Drittel der Bevölkerung und damit auch der Mitarbeitenden maximal vier Tage lang selbst versorgen kann. Ein weiteres Drittel kann das maximal eine Woche. Bereits nach einem eintägigen Stromausfall ist jedoch damit zu rechnen, dass der Wiederanlauf der Grundversorgung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen zumindest mehrere Tage dauern würde. Wenn die Menschen zu Hause Probleme mit der Eigenversorgung haben, werden sie wohl kaum zur Arbeit kommen, um die Systeme wieder hochzufahren. Damit beginnt eine Negativspirale, die kaum zu durchbrechen ist.

Und genau das würde alle Unternehmen treffen – egal, welcher Branche sie angehören und welche Größe sie haben. Und das wird nach wie vor am meisten unterschätzt: die weitreichenden Folgen, der langwierige Wiederanlauf nach einem solchen Ereignis und vor allem die zentrale Rolle der Eigenvorsorge. Ganz abgesehen davon haben viele Betriebe keinen Plan oder entsprechende Prozesse etabliert, um die Primärschäden bei Stromausfällen, die nicht nach ein paar Minuten behoben sind, zu reduzieren. Es ist ein gefährliches Spiel mit dem Feuer – und es gibt einen wesentlichen Unterschied zum Stromausfall in Berlin: Man kann nicht mit externer Hilfe rechnen.
Viele Unternehmen investieren in Digitalisierung und Automatisierung. Erhöht das aus Ihrer Sicht die Resilienz – oder macht es Unternehmen im Falle eines Blackouts sogar verwundbarer?
Grundsätzlich erhöht die Vernetzung die Komplexität und damit die Verwundbarkeit von Systemen und unserer Gesellschaft. Das ist jedoch nur der Fall, wenn die entsprechenden Rückfallebenen nicht mitgedacht, eingeplant und geübt werden. Das ist allerdings die Ausnahme. Daher sind wir heute wesentlich verwundbarer als noch vor wenigen Jahrzehnten. Insbesondere hängt die gesamte, für das Überleben wichtige Versorgungslogistik von Strom und mittlerweile auch von IT-Systemen ab. Das schafft auch eine hohe Unsicherheit für den Wiederanlauf: Welche Störungen und Schäden gibt es? Wie viele Ersatzteile werden benötigt? Gibt es genug Fachkräfte, um eine rasche Entstörung und Reparatur vornehmen zu können?
Wie gut sind deutsche Unternehmen Ihrer Erfahrung nach auf ein länger andauerndes Stromausfall-Szenario vorbereitet, und wo sehen Sie die größten Defizite im Krisenmanagement?
Ich würde behaupten: Ausnahmen bestätigen die Regel. Generell sind die wenigsten Unternehmen und Organisationen auf einen weitreichenden und lang anhaltenden Infrastrukturausfall sowie den damit einhergehenden Lieferkettenkollaps vorbereitet. Es gibt sicher immer wieder Pläne. Wenn die erforderlichen Maßnahmen jedoch nicht im Gedächtnis aller Mitarbeitenden verankert sind und die erforderliche Eigenvorsorge nicht umgesetzt wurde, werden die Pläne kaum funktionieren. Häufig wird unterschätzt, dass binnen 30 Minuten auch mit einem großflächigen Telekommunikationsausfall zu rechnen ist, wodurch Koordinierungsmöglichkeiten stark eingeschränkt wären. Und auch nach dem Stromausfall kann es noch viele Stunden oder gar Tage dauern, bis die Telekommunikation wieder funktioniert. Wenn da nicht alle wissen, was zu tun ist, wird das nicht funktionieren.

Das größte Defizit ist zum einen die fehlende Akzeptanz, dass so etwas wirklich eintreten kann, und zum anderen die unzureichenden organisatorischen Ablaufpläne, um mit den Folgen bestmöglich umgehen zu können. Der Aufwand wäre überschaubar. Aber wir verlassen uns lieber auf die bisherige Scheinsicherheit.
Welche konkreten Maßnahmen sollten Unternehmen heute ergreifen, um ihre Lieferketten, Produktion und Kommunikation auch im Falle eines Blackouts möglichst aufrechterhalten zu können?
Genau das ist der größte Denkfehler. Bei einem echten Blackout geht es nicht darum, irgendetwas aufrechtzuerhalten, da dies bis auf wenige Bereiche der kritischen Infrastruktur so gut wie unmöglich ist. Es geht darum, geordnet herunterzufahren und die Schäden zu minimieren.

Zunächst geht es um die Sicherheit der Mitarbeitenden, sodass diese sicher nach Hause kommen oder im Betrieb bleiben können, um zumindest für die erste Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben. Und schließlich geht es um die Überlegungen, was alles für einen Wiederanlauf überhaupt erforderlich ist. Denn nach dem Stromausfall geht es nicht einfach weiter. Alles, was nicht im Bereich der Gesundheits- und Lebensmittelversorgung eine Rolle spielt, muss warten, bis diese Bereiche wieder eine stabile Notversorgung sicherstellen können. Zudem müssen die Mitarbeitenden die Versorgungskrise durch Eigenvorsorge bestmöglich überstehen, um dann rasch wieder zur Arbeit kommen zu können und den Kopf dafür frei zu haben.

Daher ist es so wichtig, zuerst einmal das Szenario in seiner ganzen Tragweite zu erfassen, um die richtigen und möglichst einfachen Vorsorgemaßnahmen treffen zu können.
Welche politischen und wirtschaftlichen Weichenstellungen wären aus Ihrer Sicht notwendig, damit Deutschland und Europa ihre kritischen Infrastrukturen und die Wirtschaft insgesamt widerstandsfähiger gegen großflächige Stromausfälle machen?
Die chaotische Vorgangsweise bei der Energiewende und das fehlende systemische Verständnis für die erforderlichen Maßnahmen zählen derzeit wohl zu den größten Gefahren. Dazu gehören Marktgläubigkeit, politisches und regulatorisches Mikromanagement und die Ignoranz gegenüber der Physik, die nicht verhandelbar ist.

Um die steigende Komplexität beherrschbar zu halten, wären zusätzlich dezentrale Funktionseinheiten mit einem sektorübergreifenden Energiemanagement („Energiezellensystem“) und einer übergeordneten Orchestrierung erforderlich. Andernfalls wird die zunehmende Komplexität nicht beherrschbar bleiben, es sei denn, wir hebeln die Naturgesetze und Erkenntnisse der Evolution aus.

Auch das extreme Effizienzstreben, das überlebenswichtige Reserven und Redundanzen nur als totes Kapital betrachtet, widerspricht einem robusten, überlebensfähigen Systemdesign. Wir brauchen daher mehr systemisches Denken und Handeln, bevor die Physik uns die Grenzen aufzeigt und wir ein schmerzhaftes Lehrgeld zahlen müssen. Die Krisen seit 2020 haben bereits einige Schwachstellen zutage geführt. Ich bezweifle jedoch, dass wir bereits genug daraus gelernt haben.
Veranstaltungstipp:
Herbert Saurugg gehört zu den Experten beim Wirtschaftsschutzforum am 3. September in der IHK Chemnitz und wird bei den ChangeDays am 28. + 29. Oktober dabei sein.
Referatsleiterin Kommunikation