Position der Handelskammer Bremen und der Handwerkskammer Bremen zur Verbesserung der Bildung in Bremen

Bildung ist einer der entscheidenden Standortfaktoren für die wirtschaftliche Zukunft Bremens. Sowohl die Gesellschaft als auch die Unternehmen in unserem Bundesland sind auf gut ausgebildete junge Menschen angewiesen, um Fachkräftesicherung und Innovationsfähigkeit dauerhaft zu gewährleisten. Speziell die duale Ausbildung bildet das Rückgrat des Fachkräftenachwuchses.
Umso besorgniserregender ist es, dass Bremen in länderübergreifenden Bildungsrankings regelmäßig auf den hinteren Plätzen landet. Überdurchschnittlich viele Jugendliche verlassen die allgemeinbildenden Schulen ohne Abschluss – aktuell sind es über 700 junge Menschen pro Jahr. Das entspricht gut 10 Prozent eines Jahrgangs. Die Ursachen für diese unzureichenden Bildungserfolge sind vielfältig: Der Bildungserfolg hängt weiterhin stark vom Elternhaus ab. Sprachdefizite erschweren insbesondere bei Kindern mit Migrations- oder Fluchthintergrund den Zugang zu Bildung und Unterrichtsausfälle sowie eine Überfrachtung der Schulen mit außerunterrichtlichen Aufgaben mindern die Qualität der Wissensvermittlung. Hinzu kommen deutliche Defizite in den Kernkompetenzen Deutsch und Mathematik sowie eine unzureichende Berufsorientierung, die den Übergang in Ausbildung und Studium erschwert. Immer häufiger fehlt es jungen Menschen zudem an grundlegenden sozialen und persönlichen Kompetenzen.
Die Wirtschaft in Bremen hat daher ein besonderes Interesse daran, dass die allgemeinbildenden Schulen ihre Bildungsleistungen verbessern und jungen Menschen bessere Startchancen für Ausbildung und Beruf eröffnen. Dazu sind Veränderungen in unterschiedlichen Handlungsfeldern erforderlich. Die folgenden Punkte sind zum Teil angelehnt an die erfolgreichen Umsetzungserfahrungen im Bundesland Hamburg, die dort zu spürbar besseren Bildungsleistungen geführt haben.
Um Verbesserungen im Bildungserfolg der Schülerinnen und Schüler in Bremen zu erreichen, sprechen sich die Handelskammer und die Handwerkskammer für folgende fünf Handlungsfelder mit entsprechenden Forderungen aus:

1. Voraussetzung für den Unterricht: Ausreichende Deutschkenntnisse müssen bei allen Schülern gewährleistet sein!

Ein zentrales Anliegen ist die Stärkung der Sprachförderung. Frühzeitige und durchgängige Förderung der deutschen Sprachkompetenz ist Grundvoraussetzung für Lernerfolg in allen Fächern. Es müssen deshalb verstärkt Maßnahmen zur Unterstützung von Schülerinnen und Schülern aus sog. bildungsfernen Elternhäusern sowie solchen mit Flucht- oder Migrationshintergrund ausgebaut und bereits im Vorschulalter verbindlich verankert werden. Auch in der Grundschule ist der Deutschunterricht zu intensivieren – durch zusätzliche Unterrichtsstunden, gezielte Förderangebote am Nachmittag und regelmäßige Lernstandskontrollen. Lehrkräfte müssen zudem im Umgang mit sprachlich heterogenen Klassen gezielt geschult und durch Sprach- und Integrationsförderkräfte unterstützt werden.

2. Entscheidend für gute Bildungsergebnisse: Unterrichtsqualität messbar verbessern!

Die Qualität des Unterrichts entscheidet maßgeblich über die Bildungserfolge der Schülerinnen und Schüler. Bildungsstudien machen zudem deutlich, dass das jeweilige Bildungssystem eher eine untergeordnete Rolle für den Bildungserfolg spielt. Vielmehr stellt die Person des Lehrers/der Lehrerin und ihr persönliches Wirken im Unterricht den entscheidenden Faktor für den Bildungserfolg bei Schülerinnen und Schülern dar. Die Lehrer müssen folglich entsprechend geschult und engagiert sein. Um dies nachhaltig zu fördern, sollten Lehrerinnen und Lehrer durch kontinuierliche Fortbildungsmöglichkeiten, pädagogisches Coaching und klare Leistungsanreize motiviert und in ihrer pädagogischen Wirksamkeit unterstützt werden. Ergänzend dazu sollten Schülerinnen und Schüler, aber ggf. auch die Schulen untereinander, durch datenschutzkonforme Feedbacksysteme Einblick in ihre Leistungsentwicklung erhalten, um interne Fortschritte und Verbesserungspotenziale sichtbar zu machen. Im Hinblick auf die Qualitätssicherung ist ein Controlling mit messbaren Daten erforderlich. Daher sollte das kürzlich nach Hamburger Vorbild gestartete Institut für Qualitätsentwicklung im Land Bremen (IQHB) weiter aufgebaut werden, um die Schulen im Land Bremen mit einem datengestützten Qualitätsmanagement in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Der Fokus solcher Maßnahmen muss auf einer konstruktiven Weiterentwicklung der Unterrichtsqualität, anstelle von bloßer Kritik, liegen. Eine solche Kultur der Weiterentwicklung stärkt die Unterrichtsqualität und fördert Motivation als auch Wirksamkeit gleichermaßen.

3. Fokus auf Kernkompetenzen: Wieder richtig Lesen, Schreiben und Rechnen lernen!

Darüber hinaus muss die zur Verfügung stehende Unterrichtszeit wieder konsequenter auf die Vermittlung von Kernkompetenzen ausgerichtet werden. Deutsch und Mathematik – also Lesen, Schreiben und Rechnen – sind die Schlüssel für jede weitere Qualifikation und müssen Priorität genießen. Eventbasierte Formate und außerplanmäßige Aktivitäten sollten daraufhin überprüft werden, ob sie einen substanziellen Beitrag zum Lernerfolg leisten und im Zweifel zurückgefahren werden. Unterrichtszeit sollte verstärkt für gezieltes Üben, Lesetraining sowie die Vermittlung grundlegender Lerntechniken und Lernroutinen genutzt werden. Auch sollte im Rahmen der wöchentlichen Unterrichtszeit an Vor- und Nachmittagen mehr Zeit für Lesetrainings, die Entwicklung grundlegender Lerntechniken und Routinen geschaffen werden. Insgesamt sollte an allen Grundschulen geprüft werden, inwieweit die sonst üblichen Wochenstunden speziell für die Vermittlung von Lernstoff in wichtigen schulischen Kernfächern ausgeweitet werden können.

4. Bildungssystem zukunftsfest machen: Frühkindliche Förderung muss ausgebaut werden!

Das vorrangige Ziel muss es sein, dem Unterricht von Beginn an folgen zu können. Um Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit zu verbessern, fordern wir deshalb speziell für schwache oder in sonstiger Weise benachteiligte Jungen und Mädchen ein verpflichtendes Vorschuljahr in Bremen vorzusehen, in dem insbesondere Kenntnisse der deutschen Sprache geschult werden. Sprachdefizite sollten so frühzeitig erkannt und können systematisch behoben werden, bevor sie sich verfestigen. Die Sprachförderung muss schon im frühkindlichen Alter – also vor der eigentlichen Schule - systematisch ansetzen (s.o. Ziff. 1), um Sprachdefizite zu beheben, Routinen zu entwickeln und die Basis für langfristigen schulischen Erfolg zu schaffen. Im Anschluss an die Vorschule sollte an den Bremer Grundschulen auch nachmittags Förderunterricht stattfinden.

5. Übergänge in das Berufsleben verbessern: Berufsorientierung systematisch verankern!

Von entscheidender Bedeutung ist auch eine systematische Verankerung der Berufsorientierung als fester Bestandteil des Schulcurriculums. Viele Schülerinnen und Schüler – und vielfach auch Lehrerinnen und Lehrer – haben keinen guten Überblick über die Möglichkeiten einer dualen Ausbildung oder gar über Berufsbilder. Nicht nur die Frage nach einem Studium oder einer Berufsausbildung stellt sich. Auch die Vielzahl der Studien- und Berufsausbildungsgänge haben zugenommen und sind insbesondere auch für junge Menschen schwer überschaubar. Für Bremen sollte deshalb geprüft werden, ob das Schulfach Berufsorientierung an allen weiterführenden Schulen eingeführt werden kann. Auch sollte in enger Zusammenarbeit mit der Jugendberufsagentur bestenfalls in der 9. und 10. Klasse eine feste und zugleich verpflichtende Berufsorientierung für alle Schülerinnen und Schülern angeboten werden. Die bremische Wirtschaft engagiert sich bereits auf vielfältige Weise für die Berufsorientierung, von Social-Media-Aktivitäten über die Beteiligung an Messen und unterschiedlichen Formaten in Schulen bis hin zur Mitwirkung am bremischen Berufswahl-SIEGEL und der finanziellen Unterstützung von Projekten z.B. durch die Schütting-Stiftung. Praxisnahe Einblicke in Betriebe, wie Betriebspraktika und Praxistage sollten ebenso fortgesetzt oder gar ausgebaut werden, wie erste Mentorenprogramme, in denen Auszubildende oder junge Fachkräfte die Rolle von Begleitern und Vorbildern übernehmen (bspw. Programm „Rock your Life“ in Bremerhaven). Ein weiteres positives Beispiel, das fortgesetzt und systematisch an allen Schulen etabliert werden sollte, sind die „futureParcours“, bei denen Betriebe den Schülern erste Praxiseinblicke ermöglichen.

Fazit - Ein gemeinsames Ziel

Die Handelskammer Bremen und die Handwerkskammer Bremen sind überzeugt: Nur durch gemeinsame Anstrengungen von Politik, Verwaltung und Wirtschaft kann eine nachhaltige Verbesserung des Bremer Bildungssystems gelingen. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, im Zeitraum 2026 bis 2030 im internationalen PISA-Vergleich und im Bildungsmonitor der INSM vom derzeit letzten Platz (16) im Bundesländerranking aufzusteigen und Bremen unter die besten zehn Bundesländer zu führen. Das Bundesland Hamburg hat in den vergangenen 10-15 Jahren gezeigt, dass solche Verbesserungen auch in einem Stadtstaat möglich sind.
Dazu bieten die beiden Kammern der Bildungsbehörde einen engen Schulterschluss an, um bestehende Maßnahmen kritisch zu prüfen, praxisnahe Formate zu stärken und Bildung zu einem zentralen Erfolgsfaktor für Bremen zu machen.