IHK-Konjunkturumfrage für das erste Quartal 2022

Konjunkturerwartungen nach Kriegsausbruch auf Talfahrt

Angesichts des Krieges in der Ukraine hat die regionale Wirtschaft massive Kostenexplosionen für Energie, Rohstoffe, Warentransporte und Vorleistungen zu schultern. Auch die Unterbrechungen in den Lieferketten haben sich verstärkt und verschärfen den Material- und Rohstoffmangel. Das geht aus dem gemeinsamen Konjunkturbericht der IHK Braunschweig und der IHK Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW) für den Wirtschaftsraum Braunschweig-Wolfsburg hervor. Demnach ist der Konjunkturklimaindikator, der sowohl die aktuelle geschäftliche Lage der Unternehmen als auch ihre Geschäftserwartungen abbildet, im ersten Quartal 2022 um 16 Punkte auf einen Stand von 95 gefallen – und liegt damit jetzt deutlich unter dem fünfjährigen Durchschnittswert von 105 Punkten.
Von der konjunkturellen Talfahrt sind dabei alle befragten Wirtschaftsbereiche betroffen. Mit einem Minus von 31 Punkten verzeichnet vor allem der sektorale Konjunkturklimaindikator für den Einzelhandel herbe Verluste und erreicht nur noch einen Stand von 60. Die Industrie muss ebenfalls einen starken Rückgang um 20 Punkte verkraften und verbucht einen aktuellen Indikatorwert von 90. Für den Großhandel wird im Frühjahr ein Wert von 108 registriert, 6 Punkte weniger als im Winter. Und im Bereich der Dienstleistungswirtschaft gab der Konjunkturklimaindikator um 10 Punkte auf einen Stand von 115 nach.
Grund für den konjunkturellen Einbruch ist, dass die Unternehmen die geschäftlichen Aussichten für die kommenden zwölf Monate nach dem Kriegsausbruch deutlich pessimistischer einschätzen als noch im Winter. Nur jedes achte Unternehmen rechnet mit besseren Geschäften – dagegen gehen 42 Prozent im Jahresverlauf von einer Verschlechterung ihrer Geschäftsentwicklung aus. Mit ihrer aktuellen Geschäftslage zeigt sich die heimische Wirtschaft aber durchaus noch zufrieden. So beurteilen 38 Prozent der Unternehmen die eigene Situation als gut und die Hälfte als zufriedenstellend. Nur 12 Prozent der Unternehmen vermelden derzeit eine schlechte Geschäftslage.
Trotz fortbestehender anderweitiger Probleme – wie dem ungewissen Ausgang der Corona-Pandemie oder dem anhaltenden Fachkräftemangel – wird die Stimmung der regionalen Wirtschaft momentan klar von den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine dominiert. In dessen Zuge haben sich die bereits zuvor merklich angestiegenen Produktionskosten der Betriebe nochmals massiv erhöht. So sind 95 Prozent der Unternehmen aktuell mit nennenswerten Kostenerhöhungen konfrontiert. Fast 80 Prozent der Betriebe verzeichnen erhebliche Preissteigerungen für Strom, Treibstoff und Wärme. 72 Prozent sind von höheren Einkaufspreisen für bezogene Waren, Vorprodukte und Rohstoffe betroffen. Deutlichen finanziellen Mehraufwand für erhaltene Dienstleistungen nennen 50 Prozent und gestiegene Arbeitskosten schlagen bei 47 Prozent der Betriebe zu Buche. Immerhin rund drei Viertel der Betriebe können nach eigener Einschätzung die Kostenerhöhungen an ihre Kundschaft weitergeben. Jeweils 38 Prozent haben bereits ihre Preise erhöht oder beabsichtigen, dies demnächst zu tun.
„Die Kostenexplosion bei den Energiepreisen trifft alle Branchen, für energieintensive Betriebe stellt sie eine Existenzbedrohung dar“, kommentiert IHKLW-Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert die Umfrageergebnisse. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und den Ausfall von Energielieferungen aus Russland zu kompensieren, sei es laut Zeinert richtig, dass die Politik den Ausbau erneuerbarer Energieanlagen beschleunigt und zukünftig auf Diversifizierung der Energieträger und der Beschaffungsmärkte setze. Doch das helfe den Unternehmen in akuter Notlage nicht. „Angesichts unterbrochener Lieferketten und erwarteter Lieferengpässe bei Energierohstoffen wäre es jetzt wichtig, Unternehmen in unverschuldeter wirtschaftlicher Schieflage – sei es aufgrund hoher Preise oder gekündigter Versorgungsverträge – durch zinsgünstige KfW-Kredite oder sogar direkte Notfallzahlungen zu unterstützen“, schlägt Zeinert vor. „Staatliche Auftraggeber müssen zumindest mit Preisgleitklauseln in den Verträgen mit Unternehmen die Volatilität der Energiepreisentwicklung mittragen.“
„Zu der immer noch andauernden Corona-Pandemie ist der Russland-Ukraine-Krieg mit seinen Auswirkungen ein weiterer gravierender Schlag für die Wirtschaft“, so Dr. Florian Löbermann, Hauptgeschäftsführer der IHK Braunschweig. „Neben den Auswirkungen im Energiesektor und deren massiven Folgen für die Wirtschaft bleiben weitere Herausforderungen wie der Fachkräftemangel, Bürokratieanforderungen, Preissteigerungen und Lieferengpässe bestehen oder verschärfen sich sogar noch. Mit Blick auf den weltweit größten Hafen in Shanghai bahnt sich dabei aktuell ein weiteres Bedrohungsszenario an, das weitere Lieferkettenprobleme mit sich bringen wird. Insofern begrüßen wir ausdrücklich die aktuelle Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums, die Sicherheit der Energieversorgung in Deutschland zu gewährleisten und zukunftsfähig aufzustellen. Darüber hinaus werden weitere Maßnahmen erforderlich sein, um die ohnehin schon angeschlagenen Unternehmen gut durch diese Welle an Krisen und Herausforderungen zu bringen.“

Gesamtwirtschaft Region Braunschweig-Wolfsburg

Ungeachtet der Stimmungseintrübung infolge des Kriegsausbruchs in Osteuropa ist festzuhalten, dass sich die geschäftliche Lage der regionalen Wirtschaft zum Frühjahr hin durchaus positiv entwickelt hat. Vor allem die Unternehmen aus Industrie, Großhandel und Dienstleistungswirtschaft haben sich weiter aus dem Corona-Tal herausgearbeitet. Dagegen bleibt die Situation im Einzelhandel weiterhin angespannt, zumal die Konsumneigung der Kunden aufgrund gestiegener Lebenshaltungskosten und angesichts der Folgen des russischen Angriffskriegs deutlich abgenommen hat. Insgesamt aber wäre die regionale Wirtschaft in einem friedlichen europäischen Umfeld in einer erkennbar günstigen Ausgangsposition für ein sommerliches Konjunkturhoch gewesen.
So aber dominieren die Sorgen vor weiteren Kostensteigerungen und Verfügbarkeitsproblemen bei Energie, Rohstoffen, Vorprodukten und Einsatzmaterialien, vor zunehmenden Logistikbeeinträchtigungen und vor einem Nachfragerückgang durch kriegsbedingt verunsicherte Kunden. Die skeptische Vorausschau auf die Geschäftsentwicklung in den kommenden Monaten äußert sich nicht zuletzt in einer merklich abnehmenden Investitionsbereitschaft der Unternehmen. So beläuft sich der Saldo aus positiven und negativen Rückmeldungen zur Entwicklung anstehender Investitionsplanungen nur noch auf einen Wert von +3. Im Vorquartal hatte er +15 betragen. Aktuell beabsichtigen nur noch 24 Prozent der befragten Unternehmen, ihre Investitionsbudgets auszuweiten. 21 Prozent wollen dagegen ihre Investitionstätigkeit verringern. Immerhin halten sich die Beschäftigungsplanungen der regionalen Wirtschaft auf stabilem Niveau. Neueinstellungen werden von 17 Prozent der Unternehmen – insbesondere aus dem Großhandel und der Dienstleistungswirtschaft – anvisiert, um den Bedarf nach Fachkräften zu decken. Lediglich 14 Prozent der Unternehmen rechnen mit einem Personalabbau, während 69 Prozent von gleichbleibendem Personalbestand ausgehen.

Industrie

Die regionale Industrie konnte im Frühjahr ihre Umsätze steigern und profitierte dabei von deutlich anwachsenden Auftragseingängen aus dem In- und Ausland. Das bereits zuvor recht ansehnliche Auftragspolster der Unternehmen ist somit erneut angeschwollen. In diesem Kontext sind die Rückmeldungen der Unternehmen zu ihrer derzeitigen geschäftlichen Lage noch einmal erkennbar besser ausgefallen als im Vorquartal. Aktuell berichten 43 Prozent der Unternehmen von einer guten Geschäftslage und weitere 45 Prozent von einer befriedigenden Situation. Nur 12 Prozent der Unternehmen sind mit ihrer geschäftlichen Situation unzufrieden. Nach wie vor kann die lebhafte Nachfrage nach Industrieprodukten nicht immer zuverlässig bedient werden, da die Industrie Hauptbetroffene der aktuellen Lieferengpässe und Preisanstiege bei Rohstoffen, Vorprodukten und Einsatzmaterialien ist. Nahezu alle produzierenden Betriebe berichten von stark gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen und sehen darin ein erhebliches Risiko für ihr Geschäft. In sämtlichen Industriezweigen sind Stahl, Aluminium, Kupfer, Holz und Verpackungen ebenso Mangelware wie Elektronikkomponenten. Für zusätzliche Belastungen sorgen Logistikprobleme und hohe Frachtkosten. Der Kriegsausbruch in Osteuropa hat diese Misere nun noch einmal erheblich verschärft und trifft darüber hinaus in besonderem Maße diejenigen Industriebetriebe, die auf den Märkten der Kriegsparteien engagiert sind bzw. waren. In diesem Zuge verwundert es nicht, dass sich der Ausblick der Industriekapitäne auf die künftige Geschäftsentwicklung stark verdüstert hat.

Einzelhandel

Der stationäre Einzelhandel hatte auch in den ersten drei Monaten des Jahres 2022 unter den behördlich angeordneten Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung zu leiden. Viele Kunden ließen sich durch stetig und meist ausgesprochen kurzfristig geänderte Regularien verunsichern und hielten sich beim Einkaufsbummel zurück. Dies wirkte sich vor allem auf den Handel in den Innenstädten der Region negativ aus. Derzeit bezeichnen nur 4 Prozent der Einzelhändler ihre geschäftliche Situation als gut. Eine große Mehrheit von 79 Prozent empfindet sie aber zumindest als befriedigend. 17 Prozent der Einzelhändler berichten hingegen von schlecht laufenden Geschäften. Zudem kämpft auch der Handel mit Lieferschwierigkeiten, weshalb er die Wünsche seiner Kunden bisweilen nur mit längeren Wartezeiten und in Einzelfällen sogar überhaupt nicht erfüllen kann. Infolge des Krieges in der Ukraine haben sich die Lieferschwierigkeiten noch einmal zugespitzt. Explodierende Energiekosten, Preissteigerungen bei vielen Konsumprodukten sowie die Ungewissheit über die Kriegsdauer und die Folgen des Konfliktes mit Russland drücken auf die Konsumstimmung der Verbraucher. Der Ausblick der Einzelhändler auf die Geschäfte in den kommenden Monaten hat sich daher massiv eingetrübt. 61 Prozent erwarten eine Verschlechterung ihrer Geschäftslage. Eine gleichbleibende Entwicklung prognostizieren nur 37 Prozent und lediglich jeder fünfzigste Betrieb rechnet mit besseren Geschäften. Dementsprechend zurückhaltend zeigen sich die Einzelhändler bei ihren Investitions- und Personalplanungen.

Großhandel

Mit einem um sechs Punkte rückläufigen Indikatorstand von 108 verzeichnet auch der Großhandel ein rückläufiges Konjunkturklima. Dieses kennzeichnet sich allerdings durch konträr verlaufende Trends bei Geschäftslage und Geschäftserwartungen. Die geschäftlichen Lagebeurteilungen der Grossisten haben zum Frühjahr nochmals einen Schritt nach vorn gemacht. Derzeit vermelden 31 Prozent der Großhändler eine ansprechende Geschäftslage und mehr als zwei Drittel sprechen von einem befriedigenden Geschäftsverlauf. Einem guten Teil der Großhändler ist es gelungen, seine Umsätze gegenüber dem Vorquartal zu steigern. Allerdings leidet auch der Großhandel unter den Lieferengpässen der vorgelagerten Wirtschaftsstufen sowie unter Logistikproblemen. Der Großteil der Branche vermeldet höhere Einkaufspreise, die aber zumeist an die Kunden weitergegeben werden. Gestörte Lieferketten, Preisexplosionen und kriegsbedingte Verunsicherung führen auch im Großhandel dazu, dass der Ausblick auf die Geschäftsentwicklung im weiteren Jahresverlauf von zunehmender Besorgnis geprägt ist. Nur noch jeder fünfte Betrieb erwartet bessere Geschäfte. Während nahezu jedes zweite Unternehmen von einem gleichbleibenden Verlauf ausgeht, bewertet fast jeder dritte Grossist seine Geschäftsaussichten als schlecht. In der Folge ist die Investitionsneigung der Branche erkennbar zurückgegangen. Die Beschäftigungsplanungen verbleiben hingegen auf stabilem Niveau.

Dienstleistungen

In der Dienstleistungswirtschaft ist der sektorale Konjunkturklimaindikator um zehn Punkte gefallen. Mit einem aktuellen Indikatorstand von 115 rangieren die Dienstleister aber immer noch vor allen anderen hier betrachteten Wirtschaftszweigen. Ins Minus gerissen wird das Konjunkturklima der Branche allein durch die rückläufigen Geschäftserwartungen, die die eingetretene Verunsicherung hinsichtlich der wirtschaftlichen Auswirkungen des russischen Angriffskrieges in der Ukraine widerspiegeln. Trotz deutlich angewachsener Besorgnis halten sich die positiven und negativen Prognosen aber immer noch annähernd die Waage. Während 25 Prozent der Dienstleister in den kommenden Monaten mit einer geschäftlichen Aufhellung rechnen, erwarten 26 Prozent eine Eintrübung. Knapp die Hälfte geht von einer gleichbleibenden Entwicklung aus. Auf stabilem Niveau gehalten hat sich im Frühjahr die geschäftliche Lage der Dienstleistungsbetriebe. Derzeit bewerten 47 Prozent aller Dienstleister ihre Geschäftslage als gut, 39 Prozent sehen sie als befriedigend an. Nur 14 Prozent der Betriebe sind mit ihrer Situation unzufrieden. Die Investitionsneigung der Dienstleistungsunternehmen hat in Relation zum Vorquartal zwar gelitten, bleibt aber verglichen mit den übrigen Wirtschaftszweigen auf hohem Level. Auch die Einstellungsbereitschaft ist unter den Dienstleistern nochmals angestiegen. Dabei dürften nicht zuletzt die besonders stark von der Corona-Pandemie betroffenen Unternehmen etwa aus dem Gastgewerbe oder der Reise- und Veranstaltungsbranche in den kommenden Monaten nennenswerten Personalbedarf aufweisen.
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