Rückblick

Vom Rechenzentrum zum Südseehafen: Eine Medienreise

Die Lausitz befindet sich mitten in einer der spannendsten Transformationsphasen Europas. Wie aus ehemaligen Kohleregionen innovative Hubs für Digitalisierung, Spitzenmedizin und nachhaltigen Tourismus werden, zeigte eine Medienreise der Wirtschaftsregion Lausitz und Industrie- und Handelskammer Cottbus. Was es zu erfahren gab, beschreibt Journalist Jörg Tudyka in seiner Reportage.
Unterwegs in einer Lausitz, die sich täglich verändert
Gigantische Betonbauten für Tausende Server, die ersten Medizinstudierenden einer neuen Universität, Mikroalgen in der Krebsforschung und ein Hafen, an dem für einen Moment Südseegefühle aufkommen: Einen Tag lang fahre ich mit Journalistinnen und Journalisten, Politikern und Strukturwandelmachern auf Einladung der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH (WRL) und der Industrie- und Handelskammer Cottbus (IHK) durch die Lausitz. Es ist eine Reise zwischen großen Projekten und kleinen Begegnungen – und mit einer Frage, die immer wieder auftaucht: Wer kommt eigentlich hierher? Und was bleibt von all dem Wandel bei den Menschen hängen?
Ich gebe es zu: Bei Medienreisen bin ich zunächst skeptisch. Wer kommt überhaupt? Warum nimmt jemand fast acht Stunden Busfahrt, Baustellenbesuche, Vorträge und Präsentationen auf sich? Und vor allem: Was kann man über den Strukturwandel noch zeigen, nachdem in den vergangenen Jahren gefühlt jedes größere Projekt mehrfach vorgestellt worden ist? Diesmal kommt noch etwas hinzu. Die Rahmenbedingungen sind nicht einfacher geworden. Die Diskussionen über Geld, Prioritäten und die wirtschaftliche Lage sind lauter geworden. Mancher hoffnungsstiftende Investor ist abgesprungen. Eine reine Leistungsschau wäre also ziemlich langweilig.
Andererseits bin ich selbst neugierig. Vieles kenne auch ich bislang aus Pressemitteilungen, Präsentationen, Gesprächen und Artikeln. Aber ein Rechenzentrum liest sich anders, als wenn man davorsteht. Eine neue Universität ist zunächst eine politische Entscheidung – bis die ersten Studierenden tatsächlich vor der Tür stehen. Und ein Tagebaurestloch bleibt ein Tagebaurestloch, bis plötzlich Segelboote darauf schwimmen. Also: einsteigen.
André Fritsche, Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus, ordnet auf meine Frage hin die Lage ähnlich nüchtern ein. Die Erwartungen zu Beginn des Strukturwandels seien optimistischer gewesen. Geopolitische Entwicklungen und die schwierige industrielle Lage in Deutschland wirkten inzwischen auch auf die Lausitz. Umso wichtiger sei es, nicht nur zu zeigen, was entstanden ist und noch entstehen soll, sondern auch offen darüber zu sprechen, was nicht funktioniert hat und welche Vorhaben nicht umgesetzt wurden.

Wo der orangefarbene Schirm auftaucht

Der Tag beginnt am Kulturbahnhof in Lübbenau. Schon der Treffpunkt erzählt etwas über Wandel: alte Bahninfrastruktur, heute Kulturort. Ein imposantes Haus, für eine Stadt wie Lübbenau beinahe überraschend groß.
Davor das übliche Gewusel einer Pressereise: Namensschilder suchen, Teilnehmende begrüßen, Lunchpakete verteilen. Die Mitarbeiterinnen der Wirtschaftsregion Lausitz haben alle Hände voll zu tun. 61 Anmeldungen gab es, erzählt mir später WRL-Pressesprecherin Ingvil Schirling. Bei der ersten Medienreise im November 2023 waren es 23. Ein Utensil wird uns den ganzen Tag begleiten: ein orangefarbener Schirm. „Die Lausitz. Krasse Gegend.“ steht darauf. Wo der Schirm auftaucht, ist Schirling nicht weit. Er funktioniert ähnlich zuverlässig wie das Schild eines Reiseleiters am Flughafen: Hier entlang, bitte – der Strukturwandel wartet nicht.
Dr. Klaus Freytag, Lausitz-Beauftragter des Ministerpräsidenten, begrüßt die Reisegesellschaft. Ich frage ihn später, was er Journalistinnen und Journalisten nach sechs oder sieben Jahren Strukturwandel eigentlich nicht mehr erklären müsse. „Den Transformationsprozess als solchen“, meint er. Der müsse nach all den Jahren und vielen Berichten inzwischen sitzen. Nur verändere sich die „Baustelle Lausitz“ jeden Tag so stark, dass man bei den konkreten Entwicklungen immer wieder neu ansetzen müsse. Baustelle Lausitz. Treffender könnte der Begriff für unseren ersten Stopp kaum sein.

Eine Baustelle, die erschlägt

Rechenzentrum. Das klingt zunächst ungefähr so aufregend wie Serverraum: ein Gebäude, viele Computer, sehr viel Technik. Dann stehen wir auf der Baustelle von Schwarz Digits in Lübbenau. Und plötzlich stimmen die Dimensionen im Kopf nicht mehr. Betonbauten von gewaltiger Größe, Kräne, Baumaschinen, Menschen in Warnwesten, die zwischen den Gebäuden winzig wirken. Ich habe schon viele Baustellen gesehen – aber keine dieser Größenordnung. Mein erster Gedanke: Das hat fast Tesla-Dimensionen. In einer ersten Ausbaustufe sollen hier nach Angaben vor Ort 10.000 Server arbeiten. Rund 700 Menschen sind derzeit auf der Baustelle beschäftigt. Im späteren Betrieb sieht die Personalrechnung völlig anders aus: Rund 90 Arbeitskräfte sollen dann benötigt werden, etwa 30 davon im Sicherheitsdienst, die übrigen vor allem für die technische Betreuung.
Während wir vor den gewaltigen Betonbauten stehen, wird darüber geflachst, was hinter diesen Mauern künftig wohl alles passieren wird. IHK-Hauptgeschäftsführer Fritsche hat seine Antwort schnell parat: Hier würden künftig wohl die Fachkräfte produziert, die die Lausitz noch brauche. Gelächter. Natürlich werden hier keine Fachkräfte produziert, sondern Daten verarbeitet. Aber der Scherz trifft eine der großen Fragen dieses Tages: Woher sollen die Menschen kommen, die die neuen Unternehmen, Forschungsinstitute und Einrichtungen der Lausitz künftig brauchen? Auch das ist Strukturwandel. Neue Wertschöpfung lässt sich nicht mehr allein daran messen, wie viele Menschen morgens durch ein Werkstor gehen.
Denn je länger ich zuhöre, desto deutlicher wird etwas anderes: Wir alle nutzen diese Infrastruktur täglich, ohne sie zu sehen. Cloud-Anwendungen, künstliche Intelligenz, Forschung, Unternehmenssoftware und digitale Verwaltung – irgendwo müssen die dafür notwendigen Daten verarbeitet werden. Wenn neue Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen in die Lausitz kommen sollen, brauchen sie Rechenleistung. Genau wie wir am Laptop oder Smartphone, privat oder beim mobilen Arbeiten.
Das Rechenzentrum ist damit eine Art unsichtbares Backoffice des Strukturwandels. Nur fällt dieses Backoffice in Lübbenau ziemlich monumental aus.
Auch ökologisch gibt es interessante Details. Nach Angaben des Betreibers setzt man auf Trockenkühlung ohne laufende Wasserentnahme; hinzu kommt lediglich die einmalige Befüllung der Systeme. Der Strom wird innerhalb der Schwarz-Gruppe zentral als Grünstrom beschafft – nach Unternehmensangaben eine interne Vorgabe und keine von außen auferlegte Bedingung. Die Systeme sind redundant ausgelegt: Fällt eine Anlage aus, springt automatisch eine andere ein.
Angesichts der aktuellen Sicherheitslage drängt sich eine weitere Frage auf. Rechenzentren gehören zur kritischen Infrastruktur. Sicherheitskonzepte müssen heute auch den Schutz vor Drohnen und anderen neuen Gefahren berücksichtigen. Auch darüber wird auf der Baustelle gesprochen.
Die Journalistinnen und Journalisten fotografieren, filmen und fragen. Allein für diese Dimension hat sich der erste Stopp gelohnt.

Wer kommt eigentlich hierher?

Die Frage begleitet mich danach weiter. Bei fast jedem Strukturwandelprojekt sprechen wir über Arbeitsplätze, Forschung, Unternehmensansiedlungen und Fachkräfte. Aber wer sind die Menschen, die dafür in die Lausitz kommen sollen? Oder müssen sie vielleicht gar nicht alle erst kommen?
An der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem in Cottbus wird diese Frage plötzlich konkret. Denn eine Gruppe fehlte bislang noch, wie es bei der Präsentation heißt: die Studierenden. Jetzt kommen sie. 36 Studienplätze stehen anfangs Im Oktober 2026 soll der Studienbetrieb beginnen.
Die aktuellen Angaben zum ersten Jahrgang sollte die Universität vor Veröffentlichung zur Verfügung.
Die MUL startet nicht mit einem klassischen Medizinstudium. Im Modellstudiengang sollen klinische, naturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Inhalte von Beginn an miteinander verbunden werden. Die Studierenden erleben früh Unterricht am Krankenbett und damit Patientenkontakt. Digitalisierung in der Medizin und Gesundheitssystemforschung gehören zu den Forschungsschwerpunkten.
18 neue Professorinnen und Professoren sind bereits fest an Bord, bis Mitte der 2030er Jahre sollen es rund 80 werden. Im Vollausbau ist von etwa 1.300 bis 1.500 Studierenden die Rede, darunter rund 1.000 im Studiengang Humanmedizin.
Plötzlich bekommt die Frage „Wer kommt eigentlich hierher?“ eine konkrete Antwort. Unter den ersten Eingeschriebenen stammen nach Angaben der Universität auch Studierende aus der Lausitz und aus Brandenburg. Später will man nationale und internationale Bewerberinnen und Bewerber gewinnen.
Nicht nur Zuzug also. Auch Bleiben kann Strukturwandel sein.

Wenn Neues dem Neuen weichen muss

Die MUL ist zweifellos eines der großen Vorzeigeprojekte. Gleichzeitig zeigt sie exemplarisch, wie kompliziert Veränderung wird, sobald sie nicht mehr auf Präsentationsfolien stattfindet. Der Campus soll in den kommenden Jahren grundlegend verändert werden. Gebäude verschwinden, andere entstehen neu, Interimslösungen werden gebraucht. Und dann tauchen Fragen auf, die in Förderbescheiden kaum vorkommen: Warum muss etwas, das gerade erst gebaut wurde, möglicherweise schon wieder einer neuen Planung weichen? Warum verändert sich der vertraute Arbeitsplatz? Was bedeutet das für diejenigen, die schon heute hier arbeiten?
Damit bin ich bei einem Thema, das mir an diesem Tag mehrfach begegnet: Kommunikation. Nicht nur: Was bauen wir? Sondern auch: Was hat das mit mir zu tun?
Jessica Plötz kümmert sich bei der IHK Cottbus darum, Strukturwandelprojekte sichtbarer zu machen. Im Gespräch am Rande sagt sie einen bemerkenswert einfachen Satz: Die Menschen müssten stärker sehen können, wo Strukturwandel stattfindet. Bei einem Wasserstoffbus, einem Bauprojekt oder einer neuen Infrastruktur müsse erkennbar werden: Das hier ist eines dieser Projekte.
Sichtbarkeit allein reicht allerdings nicht. Entscheidend ist die Übersetzung in den Alltag. Bei der MUL gelingt sie fast von selbst: Gesundheitsversorgung betrifft irgendwann jeden.
Vielleicht ist das ein Grund, warum sowohl WRL-Geschäftsführer Heiko Jahn als auch Klaus Freytag auf meine Frage nach ihrem persönlichen Favoriten unabhängig voneinander bei der Medizinischen Universität landen. Freytag nennt sie die größte strukturverändernde Maßnahme. Sie werde nicht nur durch Studierende das Bild der Region verändern, sondern auch die Gesundheitsversorgung – und damit sei man „direkt bei jedem Lausitzer, bei jeder Lausitzerin“.
Auch Fritsche setzt hier einen klaren Schwerpunkt. Auch für ihn wird die Medizinische Universität das größte Strukturwandelprojekt Südbrandenburgs und könnte über Jahrzehnte den nachhaltigsten Effekt entfalten – vorausgesetzt, die Finanzierung ist auch über 2038 hinaus gesichert. Gleichzeitig mahnt er, die Mittel jetzt schnell und zielgerichtet zu investieren: angesichts steigender Baukosten, eines ambitionierten Zeitplans und der Dimension der bevorstehenden Baustelle in Cottbus.

Innovation mit Lausitzer Herkunft

Zwischen den Stationen passiert etwas, das ich an solchen Reisen fast genauso interessant finde wie die offiziellen Programmpunkte: Menschen kommen ins Gespräch.
Im Bus stellt sich Maria-Liisa Bruckert vor. Sie kennt die Lausitz aus eigener Erfahrung: Aufgewachsen in Spremberg, studierte sie an der TU Dresden und an der BTU Cottbus-Senftenberg. Nach Stationen bei Siemens wagte sie 2021 den Schritt in die Selbstständigkeit. Heute führt sie das KI-Start-up IQONIC.AI, das personalisierte Pflege- und Produktempfehlungen entwickelt. Herzlich, technikbegeistert und fest in der Region verwurzelt, zeigte Bruckert, wie aus Lausitzer Herkunft und internationaler Technologieerfahrung eine innovative Geschäftsidee entstehen kann.

Influencerin liebt ihre Heimat

Später begegnen einem Wissenschaftler, Kommunalpolitiker und Unternehmensvertreter, Journalisten sowieso – manchmal nur für ein paar Minuten.
Und dann treffe ich Clara Galle. Bis dahin kenne ich sie vor allem als Clara Valerie aus Clips der Krasse Lausitz-Kampagne.
Hinter der Frau aus den Videos steckt jedoch eine vielschichtige Geschichte: Clara kommt aus Cottbus, ist hier geboren und nie weggezogen. Sie hat an der BTU BWL mit Schwerpunkt Marketing und Unternehmensführung studiert, lehrt dort inzwischen selbst Influencer-Marketing und steht gelegentlich als Popsängerin auf der Bühne. Als Lausitzbotschafterin erzählt sie über ihre Heimat. In ihrer eigenen Sendung stellt sie zudem Newcomer aus der Region vor.
Was mir an ihr gefällt: Da wird keine Rolle gespielt. Sie liebt ihre Heimat und trägt gern mit ihrer Arbeit zu einem positiven, zukunftsträchtigen Image der Region bei.
Wieder eine Antwort auf die Frage: Wer macht eigentlich diese neue Lausitz? Manchmal eben jemand, der schon immer hier war.

Morgens Beton, nachmittags Mikroalgen

Auf der Straße Richtung Senftenberg verändert sich die Kulisse. Wiesen, Felder, Kiefernwälder – Lausitz. Und Wasser. Viel Wasser.
Am Sedlitzer See liegen inzwischen erste Boote. Gleichzeitig stehen in der Landschaft noch immer Schilder: „Sperrbereich – Lebensgefahr“. Auch dieses Nebeneinander erzählt mehr über Strukturwandel als manche Präsentation.
Wo früher Tagebau war, entstand und entsteht eine Seenlandschaft. Fertig ist sie allerdings nicht, vielleicht nie endgültig. Böschungen müssen gesichert, Ufer nutzbar gemacht und Infrastrukturen aufgebaut werden. Manche Bereiche werden deshalb noch lange gesperrt bleiben.
Das Lausitzer Seenland ist damit nicht nur ein Tourismusprojekt. Was hier stattfindet, ist ein gewaltiges geologisch-landschaftsgestalterisches Experiment.Und schon jetzt zieht das Neue weiteres Neues nach sich: Häfen, Verleihstationen, Boote, Handwerk, Reparaturbetriebe, Gastronomie, Pensionen und eine Vielzahl touristischer Dienstleistungen.
Wenig später folgt der vielleicht größte Maßstabssprung dieses Tages. Morgens standen wir zwischen riesigen Betonbauten, in denen Tausende Server arbeiten sollen. Nachmittags schauen wir auf Mikroalgen. Am Campus Senftenberg der BTU wird erforscht, wie aus Algen Wirkstoffe für künftige Anwendungen in der Krebsmedizin gewonnen werden könnten.
Das Forschungsprojekt AVantiLT ist nach Angaben vor Ort das erste bewilligte Vorhaben des entstehenden Biotech-Health-Campus. Unter künstlichem Licht leuchten grüne Kulturen in Laborgefäßen. Es sieht ein wenig nach Science-Fiction aus. Und irgendwie ist es das ja auch. Strukturwandel kann offenbar ziemlich groß sein. Und ziemlich klein.

Der Blick von außen

Mich interessiert während der Reise immer wieder, wie Menschen auf diese Region schauen, die nicht jeden Tag mit Begriffen wie Strukturstärkungsgesetz, JTF, Wertschöpfungsketten oder Innovationstransfer umgehen.
Ally Roan von der taiwanischen Vertretung in Deutschland erzählt mir, sie sei gekommen, um zunächst besser zu verstehen, was die Lausitz überhaupt ist. Ihre Arbeit dreht sich um die Beziehungen zwischen Taiwan und Deutschland – und um mögliche Investitionschancen für taiwanische Unternehmen. Am Ende des Tages ist ihr Bild konkreter geworden. Besonders das Rechenzentrum hat sie beeindruckt. Ihre Bilanz fällt angenehm knapp aus: Energie. Innovation. Digitalisierung. Das alles gebe es hier.
Sie nimmt Informationen mit und will sie an Unternehmen in Taiwan weitergeben. Damit hätte dieser Tag nebenbei etwas geschafft, was sich mit keinem Förderindikator elegant messen lässt: Eine Region ist in einem anderen Kopf aufgetaucht.

„Da tut sich was“

Auch Dr. Matthias Hochstätter, Redakteur bei der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung, frage ich, ob sich sein Bild der Lausitz während der Reise verändert habe. Sein Resümee beginnt mit einem einfachen Satz: „Da tut sich was. Und das ist sehr gut so.“
Besonders Kathrin Winkler, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Lausitzer Seenland, hat ihn beeindruckt – fachlich und durch ihre Biografie. Hochstätter bleibt jedoch Journalist und damit nicht beim Lob stehen. Strukturwandelmittel müssten konsequent und nachhaltig eingesetzt werden, sagt er. Er sieht die Gefahr, dass Erwartungen entstehen, mit dem Geld ließen sich beliebige kommunale Wünsche erfüllen. Kurzfristige Einzelprojekte ohne nachhaltige Wirkung betrachtet er kritisch.
Sein Punkt: Strukturwandel braucht nicht nur Geld, sondern Prioritäten. Und Prioritäten bedeuten manchmal auch, Nein zu sagen. Das kann unbequem sein. Vielleicht gehört gerade diese Debatte zu einer Region, die längst aus der Phase heraus ist, in der allein die Verkündung neuer Millionenbeträge für Begeisterung sorgt.

Plötzlich ein bisschen Südsee

Dann Senftenberg am See. Ich kenne diesen Effekt schon von früheren Besuchen. Man stellt das Auto in der Stadt ab, läuft durch einen grünen Park – und zunächst deutet wenig darauf hin, was gleich kommt. Dann öffnet sich die Landschaft: Wasser. Hafen. Promenade. Boote. Wenn Wetter und Licht stimmen, hat das tatsächlich etwas von Südsee.
Natürlich liegt Senftenberg weiterhin in Südbrandenburg. Aber die Lebensqualität einer Stadt lässt sich manchmal schwerer in Förderkennzahlen ausdrücken als in dem Moment, in dem man an diesem Hafen steht.
Beim Blick aus den großen Fenstern des Wasserverbandes auf See und Hafen wird sichtbar, was aus einem ehemaligen Braunkohlerevier entstehen kann. Auch hier endet der Strukturwandel nicht am Ufer. Tourismus erzeugt Nachfrage nach Gastronomie, Übernachtungen, Freizeitangeboten, Dienstleistungen und Handwerk.
Das Lausitzer Seenland will perspektivisch 1,5 Millionen Übernachtungen erreichen. Diese Zahl ist eine Zielmarke – und damit auch ein Versprechen für die weitere Entwicklung. Auf einem Liegestuhl am Hafen steht ein Satz: „PLATZ FÜR IDEEN.“ Manchmal braucht eine Reportage keine bessere Bildunterschrift.

Und hat sich die Reise gelohnt?

Am Ende komme ich auf meine anfängliche Skepsis zurück. Acht Stunden Medienreise sind lang – für Journalistinnen und Journalisten ebenso wie für die Organisatoren. Und natürlich bleibt eine solche Tour eine kuratierte Reise. Niemand zeigt freiwillig seine größten Probleme.
Aber 61 Anmeldungen sind ein bemerkenswertes Signal. WRL-Pressesprecherin Ingvil Schirling führt das gestiegene Interesse unter anderem auf die größere Sichtbarkeit der Projekte, die seit 2023 intensivierte Öffentlichkeitsarbeit und die gemeinsame Netzwerkarbeit von WRL, IHK, BTU, MUL und anderen Akteuren zurück. Was die nötige Sichtbarkeit betrifft, da hört man im Bus auch von Skepsis bestimmte Meinungen.
Allerdings beobachtet man laut Schirling in den Pressespiegeln deutlich, dass die Lausitz häufiger vorkomme. Ob positiv oder negativ, sei allerdings nicht immer leicht zu beurteilen. Eine kritische Überschrift könne über einem durchaus positiven Text stehen. Auch das gehört zur Wahrheit von Pressearbeit.
Vielleicht ist deshalb eine andere Wirkung solcher Reisen mindestens genauso wichtig: Journalistinnen und Journalisten können sich selbst ein Bild machen. Sie stehen auf der Baustelle, sehen das Labor, sprechen mit Menschen und fahren durch Landschaften, die sich tatsächlich verändern.

Und ich? Ich bin morgens mit der Frage eingestiegen, ob mich nach all den Jahren der Strukturwandelkommunikation noch etwas überraschen kann. Am Abend habe ich keine vollkommen neue Lausitz kennengelernt. Aber ich habe sie neu zusammengesetzt gesehen: zwischen gigantischer Baustelle und Mikroalge, neuer Universität und neuem Seenland, Menschen, die bleiben, und Menschen, die neugierig von außen kommen.
Vielleicht ist genau das Strukturwandel: nicht das eine große Projekt, sondern viele sehr unterschiedliche Veränderungen, die allmählich ein neues Bild ergeben.
Und dieses Bild ist noch lange nicht fertig.

Von Jörg Tudyka