Innovation und Umwelt

Energiewendebarometer 2026 – Stimmung in der Berliner Wirtschaft verschlechtert sich

Hohe Energiekosten, fehlende Planungssicherheit und zunehmende Standortsorgen belasten die Berliner Wirtschaft. Das Energiewendebarometer 2026 zeigt, dass viele Unternehmen Investitionen zurückstellen und verlässliche Rahmenbedingungen für die Transformation einfordern.
Nach der leichten Erholung im Vorjahr fällt die Bewertung der Energiewende durch die Berliner Unternehmen 2026 wieder deutlich kritischer aus: Der rechnerische Berliner Saldo sinkt von +2,6 Punkten im Jahr 2025 auf −12,6 Punkte. Damit liegt Berlin leicht unter dem bundesweiten DIHK-Barometerwert von −11,48 Punkten. Entscheidend ist: Die Unternehmen stellen die Transformation nicht grundsätzlich infrage. Sie machen aber deutlich, dass Kosten, Planbarkeit und Umsetzungstempo zunehmend über Investitionen und Standortentscheidungen bestimmen.
Energiewendebarometer-2026-web-Kernbefunde

Energiekosten bremsen Investitionen und gefährden Wettbewerbsfähigkeit

Hohe Energiepreise wirken inzwischen unmittelbar auf die wirtschaftliche Substanz vieler Betriebe. 41 Prozent der Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Energiepreise beeinträchtigt. Gleichzeitig stellen 34 Prozent Investitionen in Kernprozesse zurück, 26 Prozent Klimaschutzmaßnahmen und 20 Prozent Forschung und Innovation. Damit werden nicht nur Transformationsprojekte gebremst, sondern auch die künftige Leistungsfähigkeit der Unternehmen.
Auch bundesweit beschreibt die DIHK die hohen Energiekosten als Standortproblem: Rund ein Drittel der Unternehmen stellt Investitionen in Kernprozesse zurück; in der Industrie liegt dieser Anteil bei 35 Prozent. Berlin bewegt sich damit nicht abseits, sondern mitten in einem deutschlandweiten Trend, bei dem Energiepreise zunehmend Investitionsent­scheidungen prägen.
Energiewendebarometer-2026-web-Auswirkungen-Energiepreise

Standortverlagerung als schwerwiegende Konsequenz

Die schärfste Konsequenz zeigt sich bei Standortentscheidungen: 21 Prozent der Berliner Unternehmen verlagern 2026 ihre Kapazitäten ins Ausland beziehungsweise schränken ihre Produktion im Inland ein. Damit nehmen Standortverlagerungen deutlich zu: Gegenüber 2025 entspricht das einem Anstieg um rund 4 Prozentpunkte, gegenüber 2024 um rund 6 Prozentpunkte. Bundesweit beschäftigt sich laut DIHK rund jedes fünfte Unternehmen mit einer Verlagerung von Investitionen oder Produktionskapazitäten ins Ausland; in der Industrie sind es rund 40 Prozent. Für Berlin ist das ein Warnsignal: Wenn Investitionen ausbleiben oder verlagert werden, geraten Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Innovationsfähigkeit unter Druck.
Energiewendebarometer-2026-web-Standortverlagerung

Preisentwicklung: Energiekosten erhöhen den Druck auf Betriebe und Kundschaft

Die Preisentwicklung bleibt für viele Betriebe ein operatives und strategisches Risiko. Zusätzliche Energiekosten werden zunehmend weitergegeben: 63 Prozent der Unternehmen haben entsprechende Maßnahmen geplant, eingeführt oder bereits umgesetzt. Damit liegt der Wert deutlich über 2025 und 2024 und nähert sich wieder dem Niveau der Krisenjahre 2022 und 2023 an. Zugleich gewinnen Energiepreisschwankungen wieder an Bedeutung und erschweren verlässliche Planungen.
Besonders deutlich ist die Belastung bei Transportenergiepreisen: 80 Prozent der Betriebe berichten von gestiegenen Preisen. Die Unternehmen reagieren mit konkreten Anpassungen: 55 Prozent reduzieren Fahrten oder optimieren Routen, 38 Prozent geben Kosten über höhere Preise weiter, 29 Prozent investieren in alternative Antriebe und 21 Prozent verlagern Transporte auf andere Verkehrsträger.
Die Auswirkungen hoher Energie- und Mobilitätskosten reichen damit weit über die Energiebeschaffung hinaus. Sie beeinflussen Preise, Investitionen, Lieferketten und letztlich die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Strom- und Gasversorgung: Versorgungssicherheit gewinnt wieder an Gewicht

Neben den Kosten rückt die Versorgungssicherheit wieder stärker in den Fokus. Der Anteil der Unternehmen, die eine gestiegene Bedeutung von Störungen in der Stromversorgung sehen, steigt von rund 16 Prozent im Jahr 2025 auf 34 Prozent. Bei der Gasversorgung erhöht sich der Wert von rund 11 Prozent auf 19 Prozent. Gleichzeitig gewinnen Energiepreisschwankungen wieder an Bedeutung.
Die Betriebe reagieren darauf bereits: 57 Prozent setzen auf Energieeffizienz, 37 Prozent sichern sich gegen Stromausfälle ab und 29 Prozent nutzen langfristige Lieferverträge. Das zeigt: Versorgungssicherheit wird wieder stärker zu einem
Bestandteil betrieblicher Risikovorsorge.
Energiewendebarometer-2026-web-Maßnahmen-Energieversorgung

Wärmewende in den Betrieben: Was Unternehmen bereits umsetzen

In der Wärmeversorgung setzen viele Betriebe auf Elektrifizierung und erneuerbare Lösungen. 61 Prozent planen den Wechsel auf CO2-ärmere Wärmeerzeuger beziehungsweise Strom/Wärmepumpen; 38 Prozent nennen erneuerbare
Wärme, 21 Prozent Abwärmenutzung. Wasserstoff spielt mit 7 Prozent derzeit nur eine Nebenrolle.
Bei der Dekarbonisierung von Prozesswärme zeigen sich jedoch deutliche Hürden: komplexe oder unpassende Regulierung, hohe Investitionskosten, schwer kalkulierbare Energieträgerkosten und fehlende Infrastruktur erschweren die Umsetzung.

Eigenversorgung: Potenzial vorhanden, Umsetzung oft zu kompliziert

Viele Unternehmen möchten stärker auf eigene Energieversorgung setzen, stoßen aber auf strukturelle Hindernisse.
Beim Eigenstrom nennen 53 Prozent Mietverhältnisse beziehungsweise fehlenden Zugriff auf Gebäude als größte Hürde. 34 Prozent verweisen auf unklare rechtliche Rahmenbedingungen, etwa beim Mieterstrom; 30 Prozent auf fehlende
Wirtschaftlichkeit. Gerade in einer Stadt mit vielen Miet- und Gewerbeimmobilien braucht es deshalb Lösungen, die
Eigenversorgung auch ohne Eigentum am Gebäude ermöglichen.

Geschäftsfelder und Lieferketten: Unternehmen reagieren strategisch

Trotz schwieriger Rahmenbedingungen richten viele Unternehmen ihre Geschäftsmodelle und Lieferketten neu aus. 43 Prozent haben Maßnahmen zur Erschließung neuer Geschäftsfelder geplant, laufen oder realisiert. Auslandsmärkte gewinnen ebenfalls an Bedeutung: 32 Prozent haben entsprechende Maßnahmen geplant, laufen oder umgesetzt. Klimaschonende Lieferketten sind mit 40 Prozent bereits breiter verankert; der Anteil realisierter Maßnahmen steigt auf 17 Prozent.
Die Ergebnisse zeigen keine Entwarnung, sondern eine doppelte Realität: Einerseits belasten Kosten und Unsicherheit die Unternehmen erheblich. Andererseits reagieren viele Betriebe bereits strategisch auf die Transformation, indem sie neue Märkte prüfen, Lieferketten anpassen oder Geschäftsfelder weiterentwickeln.

Förderprogramme und Unterstützungsstellen müssen besser ankommen

Förderprogramme erreichen die Breite der Unternehmen bislang nicht ausreichend. Nur 18 Prozent der Betriebe haben in den vergangenen fünf Jahren staatliche Förderung für Energieeffizienz, Energieversorgung, E-Mobilität oder Gebäudesanierung genutzt; 78 Prozent haben keine Förderung genutzt.
Auch Berliner Unterstützungsangebote sind noch nicht ausreichend bekannt. Am bekanntesten ist die Berliner Agentur für Elektromobilität eMO mit 22 Prozent, gefolgt vom SolarZentrum Berlin und sonstigen Angeboten mit jeweils 20 Prozent sowie der KEK mit 14 Prozent. Damit Transformation im Unternehmensalltag gelingt, müssen Informationen niedrigschwelliger, Verfahren einfacher und Beratungsangebote stärker sichtbar werden.

Politische Botschaft: Energiewende braucht verlässliche Standortbedingungen

Die größten Hemmnisse sind überwiegend politisch beeinflussbar: 58 Prozent der Unternehmen nennen zu viel Bürokratie, 57 Prozent fehlende Informationen sowie mangelnde Planbarkeit und Verlässlichkeit in der Energiepolitik. 44 Prozent verweisen auf langsame Planungs- und Genehmigungsverfahren beziehungsweise fehlende Infrastruktur.
Aus Sicht der Berliner Wirtschaft entscheidet sich die Akzeptanz der Energiewende daher nicht am Ziel, sondern an der Umsetzbarkeit.
Kosten senken und Planbarkeit schaffen: Strom- und Energiekosten wettbewerbsfähiger machen, staatlich beeinflusste Preisbestandteile begrenzen und Preisschwankungen für Betriebe besser abfedern.
Netze und Anschlüsse beschleunigen: Strom- und Wärmenetze vorausschauend ausbauen, Netzanschlüsse deutlich schneller ermöglichen und Speicher, intelligente Energiesysteme sowie weitere Flexibilitätsoptionen stärken.
Verfahren verbindlich vereinfachen: Planungs- und Genehmigungsverfahren digitalisieren, standardisieren und mit verbindlichen Bearbeitungsfristen hinterlegen. Förderung verlässlich machen: Förderinstrumente planbar, transparent und bürokratiearm ausgestalten, BENE-Fördermöglichkeiten fortführen und den Zugang zu europäischen Transformationsmitteln sichern.
Potenziale konsequent erschließen: (Tiefen-)geothermie, Solarenergie, Abwärme und weitere erneuerbare Energien stärker nutzen und dafür klare Zuständigkeiten sowie ausreichend Umsetzungskapazitäten schaffen.
Eigenversorgung und PPAs erleichtern: Regionale Nutzung erneuerbarer Energien voranbringen und Hemmnisse für Eigenversorgung, Direktstromlieferungen und langfristige Stromlieferverträge abbauen.
Energiewendebarometer-2026-web-Politische-Maßnahmen

Fazit: Unternehmen handeln, brauchen aber verlässliche Rahmenbedingungen

Die Ergebnisse zeigen: Viele Berliner Unternehmen sind längst aktiv. Sie investieren in Energieeffizienz, sichern ihre Versorgung ab, stellen Wärmeprozesse um, prüfen neue Geschäftsfelder und arbeiten an klimaschonenderen Lieferketten. Gleichzeitig geraten diese Anstrengungen zunehmend unter Druck. Fehlende politische Verlässlichkeit und Planbarkeit, hohe Bürokratie, langwierige Verfahren sowie anhaltend hohe Energiepreise erschweren Investitionen und bremsen die Transformation im Unternehmensalltag.
Damit wird die Energiewende für viele Betriebe weniger zu einer Frage des Wollens als der wirtschaftlichen Umsetzbarkeit. Wenn Rahmenbedingungen unsicher bleiben und Kosten weiter steigen, geraten Wettbewerbsfähigkeit, Wertschöpfung und Standortentscheidungen unter Druck. Die zunehmende Bereitschaft, Kapazitäten ins Ausland zu verlagern oder Produktion im Inland einzuschränken, ist daher ein deutliches Warnsignal für den Wirtschaftsstandort Berlin.

Zur Umfrage
Am Berliner Energiewendebarometer 2026 haben 208 Unternehmen teilgenommen. Die Antworten stammen überwiegend aus dem Dienstleistungsbereich mit 72 Prozent, gefolgt von Handel mit 15 Prozent, Bauwirtschaft mit 9 Prozent und Industrie mit 5 Prozent. Die Befragung fand vom 08. bis 26. Juni 2026 statt. Bundesweit haben sich nach Angaben der DIHK im Juni 2026 rund 3.100 Unternehmen aus allen Branchen und Regionen beteiligt.