Standortpolitik
News aus der Berliner Außenwirtschaft
- EU-Mercosur-Abkommen: Neue Chancen für die Berliner Wirtschaft
Mit dem EU-Mercosur-Abkommen rückt einer der weltweit größten Wirtschaftsräume stärker in den Fokus der Berliner Außenwirtschaft. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Verhandlungen schafft das Abkommen die Grundlage für einen gemeinsamen Markt von rund 715 Millionen Menschen. Geplant ist unter anderem der Abbau von Zöllen auf etwa 90 Prozent der gehandelten Waren sowie der Abbau weiterer Handelshemmnisse. Davon können insbesondere exportorientierte Unternehmen profitieren.Für die Berliner Wirtschaft eröffnet das Abkommen neue Perspektiven. Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen, wachsender Handelshemmnisse und einer stärkeren Diversifizierung internationaler Lieferketten gewinnen alternative Absatz- und Beschaffungsmärkte an Bedeutung. Das Mercosur-Abkommen erleichtert Unternehmen den Zugang zu den Märkten Brasiliens, Argentiniens, Uruguays und Paraguays und verbessert die Rahmenbedingungen für Investitionen und wirtschaftliche Kooperationen.Bereits heute bestehen enge Wirtschaftsbeziehungen zwischen Berlin und den Mercosur-Staaten, auch wenn ihr Anteil am Berliner Außenhandel bislang vergleichsweise gering ist. Im Jahr 2024 exportierten Berliner Unternehmen Waren im Wert von rund 232 Millionen Euro in die Mercosur-Region. Das entspricht 1,3 Prozent der gesamten Berliner Exporte. Die Einfuhren beliefen sich auf rund 78 Millionen Euro beziehungsweise 0,4 Prozent des Berliner Importvolumens.Mit Abstand wichtigster Handelspartner innerhalb des Mercosur ist Brasilien. Rund zwei Drittel der Berliner Ausfuhren in die Region entfallen auf das größte Land Südamerikas. Zu den wichtigsten Berliner Exportgütern zählen elektrische Ausrüstungen, pharmazeutische Erzeugnisse sowie Datenverarbeitungs- und optische Technologien – Branchen, in denen Berlin über eine hohe Innovationskraft verfügt. Aus Brasilien importieren Berliner Unternehmen vor allem landwirtschaftliche Erzeugnisse sowie Nahrungs- und Futtermittel.Auch Argentinien gewinnt wieder an Bedeutung. Nachdem die Berliner Exporte zwischenzeitlich deutlich zurückgegangen waren, stiegen sie 2024 gegenüber dem Vorjahr um 17 Prozent auf rund 64 Millionen Euro. Kleinere, aber ebenfalls interessante Märkte sind Uruguay und Paraguay, insbesondere für technologieorientierte Unternehmen und spezialisierte Industrieanbieter.Die aktuellen Handelszahlen zeigen zugleich, dass das Potenzial der Region noch längst nicht ausgeschöpft ist. Trotz seiner wirtschaftlichen Größe macht Brasilien bislang weniger als ein Prozent der gesamten Berliner Exporte aus. Das EU-Mercosur-Abkommen könnte daher dazu beitragen, neue Marktchancen zu erschließen, Handelskosten zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit Berliner Unternehmen in Südamerika nachhaltig zu stärken.Für exportorientierte Unternehmen bietet das Abkommen damit nicht nur neue Absatzmöglichkeiten, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Diversifizierung internationaler Geschäftsbeziehungen. Gerade angesichts einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft ist ein verlässlicher Zugang zu dynamischen Wachstumsmärkten ein wichtiger Standortfaktor für die Berliner Wirtschaft.
- Brasilien im Fokus: Berliner Wirtschaftsdelegation erschließt neue Chancen im Mercosur
Anfang Juni reiste eine Berliner Wirtschaftsdelegation rund um Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey, IHK-Vizepräsident Robert Rückel und IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner nach Rio de Janeiro und São Paulo. Zur Delegation gehörten knapp 30 Vertreterinnen und Vertreter aus Unternehmen, Wissenschaft und Wirtschaftsförderung. Die IHK Berlin organisierte die Reise gemeinsam mit den Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammern. Im Mittelpunkt standen neue Marktchancen, strategische Partnerschaften und die wirtschaftliche Diversifizierung Berlins.Brasilien gewinnt für die Berliner Wirtschaft spürbar an Bedeutung. Mit dem vorläufigen Inkrafttreten des Handelsteils des EU-Mercosur-Abkommens verbessern sich die Rahmenbedingungen für Handel und Investitionen deutlich. Gleichzeitig entwickelt sich Brasilien in zahlreichen Zukunftsfeldern – von Künstlicher Intelligenz über GreenTech bis hin zu Gesundheitswirtschaft und urbaner Resilienz – dynamisch weiter.Die Delegation brachte Berliner Unternehmen aus den Bereichen Energie, Verkehr, Gesundheitswirtschaft, Industrie und Digitale Wirtschaft direkt mit politischen Entscheidungsträgern, Forschungseinrichtungen und Unternehmen zusammen. In Gesprächen, Besuchen und Netzwerkformaten prüften die Teilnehmer konkrete Geschäftsmöglichkeiten und bauten Kontakte für Markteintritt oder Expansion auf.Besonders eindrucksvoll waren die Besuche des Operations- und Resilienzzentrums der Stadt Rio de Janeiro (COR) sowie des nationalen Stromnetzbetreibers ONS. Beide Institutionen zeigten, wie Brasilien digitale Technologien, Echtzeitdaten und Künstliche Intelligenz bereits heute nutzt, um kritische Infrastrukturen resilienter zu gestalten und Millionenstädte sicher zu steuern. Für die Teilnehmenden boten diese Einblicke wertvolle Impulse für den Transfer innovativer Lösungen nach Berlin.Ebenso großes Interesse weckten die Termine am Forschungszentrum RCGI der Universität São Paulo sowie am Instituto de Pesquisas Tecnológicas (IPT). Beide Einrichtungen verdeutlichten eindrucksvoll, welche Rolle Forschung und Innovation für Energiewende, Dekarbonisierung und industrielle Transformation spielen – und wo Berliner Unternehmen anknüpfen können.Ein weiterer Höhepunkt war die Teilnahme am Web Summit Rio, einem der größten Technologie- und Innovationskongresse Lateinamerikas. Im Rahmen einer Veranstaltung zum Innovationsstandort Berlin präsentierten sich die Delegationsteilnehmenden auf der Bühne einem internationalen Publikum aus Investoren, Start-ups und Unternehmen. Ergänzt wurde das Programm durch Networking-Empfänge in den Deutschen Generalkonsulaten in Rio de Janeiro und São Paulo, bei denen weitere Kontakte zu brasilianischen Unternehmen, Institutionen und Multiplikatoren geknüpft wurden.Neben den wirtschaftlichen Gesprächen wurden auch politische Weichen für die zukünftige Zusammenarbeit gestellt. So unterzeichnete Senatorin Franziska Giffey gemeinsam mit dem Bundesstaat São Paulo ein Memorandum of Understanding zur Vertiefung der wirtschaftlichen Kooperation. Auch der weitere Ausbau der Beziehungen zwischen Berlin und São Paulo war Thema.„Brasilien entwickelt sich für Berlin zunehmend zu einem strategischen Partner in Lateinamerika. Die Reise hat gezeigt, wie groß das Interesse an Kooperationen mit Berliner Unternehmen ist – insbesondere in den Bereichen Innovation, Digitalisierung, Gesundheitswirtschaft und nachhaltige Industrie. Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten ist es wichtiger denn je, internationale Partnerschaften auszubauen und neue Märkte zu erschließen. Delegationsreisen schaffen dafür den direkten Zugang zu den richtigen Ansprechpartnern und eröffnen konkrete Geschäftschancen für Berliner Unternehmen“, betont Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der IHK Berlin.Die Reise machte zugleich deutlich: Das Zeitfenster für den Ausbau der deutsch-brasilianischen Wirtschaftsbeziehungen ist günstig, aber nicht unbegrenzt. Internationale Wettbewerber investieren bereits intensiv in den brasilianischen Markt. Umso wichtiger ist es, dass Berliner Unternehmen die neuen Möglichkeiten nutzen und frühzeitig vor Ort Präsenz zeigen. Die Delegationsreise hat dafür konkrete Grundlagen geschaffen: Vertrauen, direkte Zugänge und Ansatzpunkte für langfristige Zusammenarbeit.