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Die Welten verschmelzen

„Digital meets Mittelstand“: In der neunten Ausgabe der Serie, die IHK Berlin und ÖFIT gemeinsam konzipieren, geht es um das Metaversum sowie eine realistische Einschätzung zum Stand der Entwicklung
Einige der größten Tech-Firmen haben im vergangenen Jahr mit Ankündigungen Aufsehen erregt, ein sogenanntes Metaversum bauen zu wollen. Das ging so weit, dass Facebook seinen Namen in Meta änderte – zusammen mit der Ankündigung, Milliarden von Dollar in die Entwicklung des Metaversums investieren zu wollen. Inzwischen ist der Hype um das Thema etwas abgeflaut, und es lohnt ein nüchterner Blick auf die Frage, was das Metaversum ist oder eines Tages sein könnte.

Eigenschaften des Metaversums

Der Begriff stammt aus dem Science-Fiction-Roman „Snow Crash“ aus dem Jahr 1992, und in diesem Buch beschreibt der amerikanische Schriftsteller Neal Stephenson das Metaversum als eine virtuelle 3D-Welt, die parallel zur „echten“ Welt existiert. Virtuelle 3D-Welten sind insbesondere im Kontext von Computerspielen bekannt, das wahrscheinlich bekannteste Beispiel ist „Second Life“.
Eine virtuelle Welt ist jedoch noch kein Metaversum. Im Metaversum sollen der virtuelle Raum – einschließlich aller virtueller Welten sowie dem Internet – und die physische Realität miteinander verschmelzen und sich gegenseitig ergänzen. Gewissermaßen lässt sich das Metaversum als ein Zusammentreffen von Trends der Jetztzeit beschreiben, insbesondere dem der virtuellen und erweiterten Realität, dem Internet der Dinge, Blockchain und dem Digitalen Zwilling. Es gibt darüber hinaus eine Reihe von Eigenschaften, die dem Metaversum zugesprochen werden, dazu gehören eine hohe Skalierbarkeit, Zugänglichkeit, Beständigkeit, Immersion und die Interoperabilität von Diensten und digitalen Gütern.

Ein Universum des Digitalen?

Das Metaversum soll, neben Spielen und Sozialem, auch Gewerbe und Arbeitsleben einschließen und neu erfahrbar machen. Mittels Techniken der virtuellen Realität sollen Anwendungen immersiver erlebt werden und intuitiver nutzbar sein, als das Internet es heute ist. Es soll eine digitale Ökonomie geben, die auf Kryptowährungen basieren könnte. Digitale Güter könnten dadurch an Bedeutung gewinnen, mit denen beispielsweise Avatare, die digitalen Abbilder unserer selbst, individualisiert werden können, und die sich dann auch barrierelos von einer Anwendung in eine andere transferieren lassen. Spielwelten zum Beispiel, die heute unüberbrückbar voneinander getrennt sind, könnten im Metaversum zusammengeführt werden. Durch das Internet der Dinge könnten Alltagsgegenstände in das Metaversum integriert werden, sodass der Übergang zwischen Realität und Virtualität ein fließender wäre. 
Langfristig sollen die von unterschiedlichen Unternehmen entwickelten Dienste nahtlos ineinander übergehen und im Metaversum verschmelzen. Wesentlich dazu ist die Beständigkeit und Interoperabilität von digitalen Gütern. Es wird nötig sein, einheitliche und offene Protokolle und Standards zu definieren, vergleichbar mit bestehenden Internetstandards wie beispielsweise HTTP. Die Idee der Interoperabilität kann jedoch auch zu Interessenskonflikten zwischen Unternehmen führen, deren Geschäftsmodelle mit diesem Konzept möglicherweise nicht kompatibel sind.
Der Autor
Dorian Wachsmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kompetenzzentrum Öffentliche IT am Fraunhofer-Institut FOKUS. dorian.wachsmann@ fokus.fraunhofer.de

Triebkraft für Innovation

Die Vision des Metaversums vereint eine Reihe von Trends und offenbart technologische Hürden, die gleichzeitig als Triebkraft für Innovation fungieren können. Dadurch eröffnen sich Arbeitsfelder, zum Beispiel Interoperabilität von digitalen Objekten und leistungsfähigere Hardware-Infrastruktur. Das Metaversum, dessen Entwicklung sich entlang oben genannter Eigenschaften verfolgen lässt, ist zu diesem Zeitpunkt noch ein Konzept für die Zukunft. Es ist eine Idee, wie das Internet eines Tages aussehen könnte.
Für die Wirtschaft eröffnen sich dadurch neue Chancen, sich frühzeitig an der Gestaltung zu beteiligen. Die Entwicklung verläuft iterativ und wird von vielen Akteuren parallel vorangetrieben, und so wird es wohl keine Stunde Null geben, die als die Geburt des Metaversums definiert werden könnte. Vielleicht werden wir stattdessen eines Tages Anwendungen im Metaversum mit der gleichen Selbstverständlichkeit nutzen wie heute das World Wide Web, und es wird uns so scheinen, als sei es nie anders gewesen.

Architektur des Metaversums

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Folgenabschätzung

Wie jeder neue Trend eröffnet das Metaversum neue Chancen – es kann aber auch mit Nachteilen verbunden sein

Möglichkeiten

➜ Transformation von Arbeit, Kultur und Bildung ins Digitale
➜ Zugang zu neuen Erlebniswelten für viele
➜ Mehr Daten für Forschung und Gemeinschaft
➜ Ökologischer Nutzen durch Verlagerung physischer Aktivitäten ins Virtuelle

Wagnisse

➜ Machtzentrierung bei wenigen Big-Tech-Unternehmen
➜ Fehlende Kontrolle über Inhalte kann zu Hass und Radikalisierung führen
➜ Datensammlung zur Profitmaximierung weitet sich aus
➜ Erhöhter Stromverbrauch von IKT

Trendschau
Die ÖFIT-Trendschau verortet und bewertet neue Themenlandschaften in der öffentlichen IT: oefit.de/trendschau

von Dorian Wachsmann