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Zero

Deutschlands erster alkoholfreier Späti und edle Spirituosen ganz ohne Prozente: Berliner Unternehmer kreieren einen neuen Trend
Alkoholfrei ist das neue vegan“, sagt Isabella Steiner bestimmt, während ich vorsichtig am eiskalten, alkoholfreien Gin Tonic nippe – ich schmecke keinen Unterschied zum hochprozentigen Pendant.
Wir sitzen in Steiners „Null Prozent Späti“,  Deutschlands erstem alkoholfreiem Späti gleich um die Ecke vom Chamissoplatz. Was Steiner meint: Zunächst ein Nischenprodukt für eine begrenzte Personenzahl, erfreuen sich alkohol-freie Drinks und Weine immer größerer Beliebtheit. Das Gastronomiefachmagazin „fizzz“ zählt sie zu den fünf großen Trends im Jahr 2022.
Steiner, die schon während ihres Soziologiestudiums nicht nur ihr eigenes Trinkverhalten hinterfragte, verfolgt eine Mission: „Es gibt viele Gründe, alkoholfrei zu genießen. Wir möchten diese Produkte vom Vorurteil befreien, nur etwas für Schwangere und Alkoholkranke zu sein.“ Dankbare Fanpost von Fluglotsen und Pflegern, die das Angebot für ihre Weihnachtsfeier genutzt haben, zeigt, wie divers die Zielgruppe tatsächlich ist. Isabella ist es wichtig, dass die Zero-Varianten geschmacklich nah an das Original herankommen – gerade auch, um es „Umsteigern“ zu erleichtern.
Nicolas van de Sandt, Mitgründer von Easip Drinks in Berlin, findet, dass der Vergleichbarkeit auch Grenzen gesetzt sind, um keine Erwartungen zu enttäuschen. Seit 2020 vertreibt das Unternehmen seine Destillate. Für die sogenannten Botanicals, komplexe, nicht alkoholische Kräuterauszüge aus Dampfdestillation, wird bewusst kein Wacholder verwendet, Hauptzutat im Gin. „Unsere Produkte sind eine ganz eigene Kategorie, die sich schwerlich vergleichen lassen“, sagt Nicolas. So ergeben sich zum Beispiel aus der Kombination von Gurke, Thymian, Koriandersamen und Ingwer ganz neue aromatische Varianten. Unter dem Label „Easip Fields“ ist diese Kombination auch im Späti zu finden.
Das Gleiche gilt auch für die Flaschen von zwei weiteren jungen Berliner Produzenten von nullprozentigen Getränken: Philipp Rößle, CEO und 2018 Mitgründer von Kolonne Null, kann verstehen, dass eingefleischten Weintrinkern der Gedanke an alkoholfreien Wein zunächst vielleicht nicht behagt. Aber: „Die Zeiten, in denen man einfach einem x-beliebigen Wein den Alkohol entzieht, sind vorbei. Unsere Arbeit beginnt bereits im Weinberg gemeinsam mit dem Winzer.“
Dabei entstehen dank neuer, aromaschonender Techniken Weine, die offenbar immer mehr Genießern schmecken – Fassreifung inklusive. Laut Deutschem Weininstitut beträgt der Marktanteil derzeit ca. 1 Prozent, aber alle Produzenten berichten von stark steigenden Absätzen (bei Sekt sind es bereits 5 Prozent). Sogar für den Verband Deutscher Prädikatsweingüter, Gralshüter der deutschen Weinqualität, sind alkoholfreie Weine kein Sakrileg (mehr), und für die neue Linie „Sessions“ hat Kolonne Null mit Top-Winzern kooperiert. Kein Wunder, dass Weine ohne Alkohol auch als Menü-Begleiter in Sternerestaurants angeboten werden.
Ebenfalls in der Gastronomie und in immer mehr Bars sind die Null-Prozent-Drinks von Laori zu finden, auch wenn der Absatz über Handel und Online-Shop derzeit noch deutlich mehr Anteil am Umsatz hat. „Alkoholfrei geil machen“ – nicht mehr und nicht weniger ist das Ziel von Stella-­Oriana Strüfing, Geschäftsführerin und Gründerin. Mit der Gründung 2019 hat sie ein eigenes, von der Parfümdestillation abgeleitetes Herstellungsverfahren entwickelt. So hat sie sich spielerisch-experimentell von der heimischen Küche aus an die beste Produktionsweise herangetastet – ein echter „Lean-Startup-Prozess“. Was den Vergleich mit den alkoholhaltigen Getränken betrifft, ist sie klar: „Gin ist die Grundlage für Mixgetränke und wird nicht solo getrunken, das ist der Maßstab. Im (alkoholfreien) Gin Tonic muss er also bestehen.“ Vom ersten Tag an hat Laori mit dem Online-Shop gute Umsätze gemacht. Ein entscheidender Grund hierfür war, dass Strüfing stets ihre Social-Media-Kanäle bespielte und die wachsende Community mitnahm auf die Reise von den frühen Experimenten über erste Tastings bis hin zum Launch des Prototyps.
Seit ca. 2015 gibt es alkoholfreie Spirituosen in Deutschland, und das immer bunter werdende Spektrum trifft auf eine immer größer werdende Zahl von Konsumenten. Der Umsatz im Kreuzberger Späti hat sich bisher ca. alle drei Monate verdoppelt. Laut „Bacardi Trends Report 2021“ trinken weltweit 22 Prozent der Konsumenten weniger und 55 Prozent bezeichnen sich als „mindful drinkers“. Auch die Teilnahme an Aktionen wie dem „Dry January“ ist signifikant gestiegen.
Alle Unternehmer bestätigen mir unisono, dass sich die Qualität des Angebots ständig verbessert, dass ständig an den Produktionsverfahren gefeilt wird und immer neue, interessante Entwicklungen auf den Markt kommen. Stimmt: Als ich den Späti (völlig nüchtern) verlasse, höre ich, wie ein Stammkunde staunt: „Da stehen ja schon wieder neue Sachen im Regal!“

von Tobias Rühmann