AGENDA

Konjunktur im Krisenübergang

Mit dem Ende der meisten Corona-Beschränkungen bekommen Tourismus und Gastgewerbe neue Impulse, gleichzeitig überschatten kriegsbedingte Wachstumsrisiken die Berliner Unternehmen
Die Berliner Wirtschaft befindet sich im Frühsommer in der Übergangszone zweier Krisen: Die Corona-Beschränkungen weichen in großen Teilen der Welt dem New Normal, wodurch die Konjunktur einen erheblichen Impuls erfährt – insbesondere Tourismus und Gastgewerbe, personenbezogene Dienstleister und in Maßen auch der stationäre Handel erholen sich. Zunehmend überschatten jedoch neue Wachstumsrisiken das konjunkturelle Geschehen. Seit Jahrzehnten ungesehene Preissteigerungen bei Energie und Vorprodukten sowie Lieferengpässe belasten die Unternehmen, vor allem im produzierenden Gewerbe. Inzwischen hat die inflationäre Preisdynamik den Weg in den Endverbrauchermarkt gefunden, das Konsumklima kühlt ab. Entlastung ist vorerst nicht zu erwarten: Die energischen Bemühungen der europäischen Staaten, von russischen Energieexporten loszukommen, sind mit dem Preis höherer Energiekosten verbunden. Auch angesichts des abwertenden Euro dürften sich die inflationären Tendenzen weiter verschärfen. Ebenfalls Druck auf Einkaufspreise und Lieferketten übt die gegenwärtige extrem restriktive Corona- ­Politik Chinas aus, die zu Produktions- und Logistikstillstand führt.
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Die Hoffnung auf ein schwungvolles Post- Corona-Wachstum hat sich also nicht erfüllt. Dennoch kühlt das Konjunkturklima Berlins nur leicht ab: Der Konjunkturklimaindex zählt 119 Punkte, etwas weniger als zu Jahresbeginn. Der Dienstleistungssektor bereitet dafür die Basis; so zeigt sich etwa die Digitalwirtschaft weitgehend unbeeindruckt vom konjunkturellen Gegenwind. Zudem überlagern die ins Euphorische umgeschlagenen Geschäftserwartungen des Gastgewerbes die skeptischeren Prognosen anderer Wirtschaftszweige. Die Branche sieht dem weitgehend von Corona-Beschränkungen freien Sommer voller Zuversicht entgegen.
Umso härter treffen die aktuellen Krisenfaktoren die produzierenden Unternehmen: So berichten inzwischen 68 Prozent der Unternehmen von Lieferschwierigkeiten von mittlerem bis erheblichem Umfang. Noch zu Jahresbeginn lag dieser Wert bei 64 Prozent. Dabei ist die Betroffenheit zwischen den Branchen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während zwar 39 Prozent der Dienstleistungsunternehmen nicht von Lieferschwierigkeiten betroffen sind, sind es im Handel oder im Baugewerbe lediglich sieben Prozent, im Gastgewerbe nur drei und in der Industrie lediglich zwei Prozent der Unternehmen.
Auch infolgedessen ist knapp jedes zweite Unternehmen in erheblichem Umfang von Preissteigerungen betroffen. Das sind sieben Prozentpunkte mehr als noch zu Beginn des Jahres. Als Ursache dieser Steigerungen nennen 67 Prozent der Unternehmen kletternde Energiepreise, 65 Prozent höhere Kosten für Waren, 49 Prozent den Anstieg der Arbeitskosten, und 44 Prozent verweisen auf Mehrausgaben für Dienstleistungen.
Die aktuelle Risikolage bewerten die Unternehmen als äußerst angespannt. Besonders besorgt sind die Unternehmen über weiterhin steigende Energiepreise. Der entsprechende Wert stieg im Jahresvergleich deutlich an und liegt jetzt nach dem Risiko der fehlenden Fachkräfte auf dem zweiten Platz. Auch wächst die Sorge bezüglich der Arbeitskosten. In Anbetracht der hohen Inflation rechnen viele Unternehmen mit steigendem Druck auf die Gehaltsentwicklung. Kontinuierlich verschärft sich auch die Risikoeinschätzung zu den Rohstoffpreisen. Der Risikofaktor wird inzwischen doppelt so häufig genannt wie in den vergangenen Jahren.
Berlins Wirtschaft wird 2022 weiter wachsen. Gestützt auf strukturell wachstumsstarke Unternehmen in wissensbasierten Branchen, vor allem im Digitalbereich, aber auch dem nur eingeschränkt konjunktursensiblen öffentlichen Sektor, bleibt Berlin eines der Bundesländer mit der stabilsten Konjunktur. Doch verläuft der Wachstumspfad krisenbedingt weit flacher als Mitte des letzten Jahrzehnts.
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von Christian Nestler