Die Pläne einer möglichen Ausbildungsplatzabgabe gehen auf den Berliner Koalitionsvertrag 2023-26 zurück. Aktuell plant das Land die Einführung einer solchen Abgabe.
Wer ist davon betroffen?
Alle Unternehmen in Berlin mit mindestens 10 Mitarbeitenden und einer Ausbildungsquote unter 4,6 Prozent. Ausbildungsquote = Anzahl an Auszubildenden / Anzahl an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, wobei Teilzeitkräfte anteilig berücksichtigt werden.
Innerbetriebliche Ausbildungsquote unter 3,1 %: Unternehmen zahlt Abgabe und bekommt keine Rückerstattung
Innerbetriebliche Ausbildungsquote zw. 3,1-4,6 %: Unternehmen zahlt Abgabe, bekommt aber eine Rückerstattung für jeden zusätzlichen Auszubildenden im Vergleich zum 31.12.2024
Innerbetriebliche Ausbildungsquote über 4,6 %: Unternehmen zahlt keine Abgabe und bekommt eine Rückerstattung für jeden zusätzlichen Auszubildenden im Vergleich zum 31.12.2024
Wie hoch ist die Rückerstattung?
Sie entspricht der tariflich vereinbarten oder, falls nicht vorhanden, der branchenspezifischen Ausbildungsvergütung (Ausbildungsverhältnis min. 6 Monate, rückwirkend ab dem 1. Monat)
Welche Ausnahmen gibt es?
Arbeitgeber mit einer anderweitigen, tarifvertraglichen oder gesetzlichen Regelung zur Förderung und Finanzierung der Berufsausbildung (z.B. branchenspezifische Umlage)
Arbeitgeber, die weit überwiegend vollschulische Auszubildende beschäftigen
Arbeitgeber, deren Bruttolohnsumme unter eine Bagatellgrenze fällt
Besondere Umstände des Einzelfalls
Warum die Ausbildungsplatzabgabe an den Bedarfen vorbeigeht
Sie schafft keine zusätzlichen Ausbildungsverträge, wenn Passungs- und Matching-Probleme weiterhin ungelöst bleiben.
Sie belastet Unternehmen und bestraft jene, die anderweitige Qualifizierungsformen nutzen oder keine Bewerberinnen und Bewerber finden. Es droht die Gefahr der Umverteilung zugunsten größerer Unternehmen.
Sie führt zu Wettbewerbsverzerrung und sinkender Ausbildungsqualität
Sie löst nicht das Problem des Abwerbens von Azubis bzw. Absolvent/innen.
Sie lässt viele Fragen unbeantwortet und schafft einen immensen Verwaltungsapparat samt Personalkosten.
Sie verschweigt, dass die betrieblichen Ausbildungsplätze immer mehr von schulischen Ausbildungsplätzen verdrängt werden.
Das sagen Berliner Betriebe zur Ausbildungsplatzabgabe
Klicken Sie sich durch unsere Ausklappliste und erfahren Sie mehr zur Meinung der Berliner Wirtschaft zur sogenannten Ausbildungsplatzabgabe.
Aus unserer Sicht als Familienunternehmen der Medizintechnologie, das seit vielen Jahren erfolgreich Fachkräfte für den eigenen Bedarf ausbildet, ist eine Ausbildungsabgabe bzw. Ausbildungsumlage nicht das richtige Instrument, um die Ausbildungslandschaft in Berlin zu verbessern. Im Gegenteil. Sie führt stattdessen zu zusätzlichen bürokratischen Anforderungen für Unternehmen, ohne dass ein einziger zusätzlicher Ausbildungsplatz geschaffen wird, und bestraft diejenigen, die bereits soziale Verantwortung für junge Menschen übernehmen und einen wertvollen Beitrag leisten. Langfristig könnte eine Umlage sogar abschreckend wirken. Wir bilden immer mit dem primären Ziel aus, die Nachwuchskräfte im Anschluss zu übernehmen und weiterzuentwickeln.
Seit einigen Jahren haben wir allerdings große Probleme, unsere angebotenen 50 Ausbildungsplätze adäquat zu besetzen. Um Qualität und Quantität in der Ausbildung zu erhöhen, wäre es ein besserer Weg, die bereits aktiv ausbildenden Unternehmen zu unterstützen. Wir appellieren daher an die Verantwortlichen, die geplante Ausbildungsabgabe zu überdenken und stattdessen Maßnahmen zu ergreifen, die Unternehmen in ihrer Ausbildungsbereitschaft fördern. Der Fokus muss darauf liegen, junge Menschen in der Berufsorientierung mehr zu unterstützen und wieder einen besseren Match von Ausbildungsplätzen und Bewerber*innen zu fördern, indem auch die duale Ausbildung im Vergleich zur akademischen Laufbahn aufgewertet wird.
Stefan Rohde, Personalleiter / Director HR Standorte Berlin, B. Braun SE
Zum Unternehmen
Die B. Braun SE ist einer der größten Medizintechnologie-Unternehmen in Berlin und beschäftigt über 1.100 Mitarbeitenden an drei Standorten.
Seit 1978 ist B. Braun mit einem Produktionsstandort für Arzneimittel in Berlin-Neukölln mit ca. 800 Mitarbeitenden präsent. In diesem Betrieb werden sterile Injektionslösungen, sogenannte kleinvolumigeParenteralia, in Kunststoffampullen, Glasampullen und Vials hergestellt. Ausbildung ist fest in der Unternehmenskultur verankert – sie ist Teil der DNA des Unternehmens. Aktuell werden in Berlin mehr als 40 Auszubildende in kaufmännischen, gewerblichen und naturwissenschaftlichen Berufen qualifiziert.
Ich lehne diese branchenübergreifende Ausbildungsplatzumlage ab. Dabei ist uns in der Baubranche das Umlagesystem nicht unbekannt. Wir haben bereits eine Ausbildungsumlage – allerdings auf tariflicher Grundlage. Die Umlage im Baugewerbe beruht auf dem Tarifvertrag über das Sozialkassenverfahren (VTV). Sie ist also keine gesetzliche Strafabgabe, sondern ein von den Tarifparteien ausgehandeltes Modell, das flexibel angepasst oder beendet werden kann. Diese tarifliche Umlage dient dazu, die Ausbildungskosten fair zu verteilen – sie hilft dabei, den Mehraufwand einer mehrjährigen Ausbildung abzufedern. Aber sie schafft keinen einzigen zusätzlichen Ausbildungsplatz. Die Entscheidung, ob ein Unternehmen ausbildet, hängt von Faktoren wie Auftragslage, Fachkräftebedarf und personeller Kapazität ab – nicht von einer finanziellen Belastung.
Trotz der bestehenden Umlage gelingt es uns oft nicht, alle angebotenen Ausbildungsplätze zu besetzen. Das liegt nicht am mangelnden Engagement der Betriebe – sondern an strukturellen Problemen, für die die Politik Verantwortung trägt. Wenn Jahr für Jahr zahlreiche Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, wenn die Jugendberufsagenturen nicht einmal verlässlich erfassen, wer tatsächlich unversorgt ist und Jugendliche keine umfassende Berufsorientierung erhalten – dann ist das nicht das Versagen der Wirtschaft. Wir als Betriebe stehen bereit, aber wir können die Probleme des Bildungssystems nicht allein ausgleichen.
Frisch & Faust Tiefbau GmbH ist ein deutschlandweit tätiges Bauunternehmen mit Sitz in Berlin. Es wurde 1991 von den Bauingenieuren Thomas Frisch und Dirk Faust gegründet und steht seit 2007 unter der Leitung von Thomas Frisch. Das Unternehmen beschäftigt rund 160 Mitarbeitende und ist auf gesteuerten Rohrvortrieb, offenen Kanalbau, Kanalsanierung und Rohrleitungsbau spezialisiert. Frisch & Faust ist zudem ein anerkannter Ausbildungsbetrieb und kooperiert mit verschiedenen Hochschulen im Rahmen dualer Studiengänge.
Unsere Fachkräfte bilden wir im eigenen Haus aus. Doch in der Nachwuchsgewinnung stehen wir im Wettbewerb mit bekannten Marken und müssen viel investieren, um überhaupt wahrgenommen zu
werden. Die geplante Ausbildungsumlage bedeutet für uns vor allem mehr Bürokratie – und geht am Kern des Problems vorbei. Auch wenn wir finanziell davon profitieren könnten, hilft das nicht weiter. Was wir wirklich brauchen, sind eine frühzeitige und bessere Berufsorientierung, mehr Praktikumsmöglichkeiten während der Schulzeit und eine stärkere gesellschaftliche Wertschätzung der Dualen Ausbildung.
Marcus Butt, Geschäftsführer Produktion & Technik, Moll Marzipan GmbH
Zum Unternehmen
Die Moll Marzipan GmbH blickt auf eine über 160-jährige Unternehmensgeschichte zurück. Gegründet wurde sie 1860 vom Lübecker Konditormeister Rudolf Moll als „Berliner Marzipanmassenfabrik“. Heute zählt Moll Marzipan zu den ältesten Betrieben Berlins und beschäftigt rund 100 Mitarbeitende sowie sechs Auszubildende. Trotz dieser beeindruckenden Tradition kämpft das Unternehmen zunehmend um Sichtbarkeit bei jungen Menschen. Ausbildungsplätze, etwa zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik, bleiben unbesetzt.
In Berlin sind genügend Ausbildungsplätze für ausbildungswillige Jugendliche vorhanden. Mehrere Tausend Ausbildungsplätze konnten im vergangenen Jahr nicht besetzt werden. Es wird unnötigerweise ein neues Bürokratiemonster entstehen. Jährlich sollen Betriebe ihre Bruttolohnsumme melden, Beiträge eingezogen und ausgezahlt und die Kriterien ständig neu festgelegt werden – das verursacht einen enormen Verwaltungsaufwand.
Davon abgesehen: Ein Ausbildungsplatz in den technischen Berufen kostet in der Realität ca. 100.000 Euro pro Azubi und mehr. Die geplanten Rückflüsse decken diese Kosten bei Weitem nicht. Die Aussage, dass ausbildende Unternehmen nicht belastet würden, ist daher nicht haltbar. Statt neuer Abgaben braucht es gezielte Maßnahmen: bessere Berufsorientierung an allen Schulformen, passgenauere Vermittlung durch die Arbeitsagenturen, modern ausgestattete Schulen, mehr Berufsschullehrkräfte, bezahlbaren Wohnraum für Azubis und vor allem mehr Wertschätzung für die duale Ausbildung und die Ausbildungsbetriebe.
Gerd Woweries, Geschäftsführer, ABB Asea Brown Boveri Ltd
Zum Unternehmen
Das ABB Ausbildungszentrum Berlin ist ein etablierter Bildungsdienstleister mit über 65 Jahren Erfahrung in der dualen Ausbildung im Bereich Metall- und Elektrotechnik. Als Partner für Unternehmen und ABB-Gesellschaften übernimmt das Zentrum die Grundausbildung von Auszubildenden und begleitet sie auf ihrem Weg zur Fachkraft. Aktuell werden über alle Ausbildungsjahrgänge hinweg mehr als 1.200 Jugendliche und junge Erwachsene ausgebildet – davon rund 800 im Rahmen der Verbundausbildung für etwa 250 Partnerunternehmen.