Konjunkturbericht Frühjahr 2022

Absturz vermieden, Konjunkturerwartungen wegen Ukraine-Krieg auf Talfahrt

Der Ukraine-Krieg macht sich für die Unternehmen am Bayerischen Untermain insbesondere durch massiv gestiegene Energie- und Rohstoffpreise bemerkbar. In der aktuellen Konjunkturumfrage der IHK Aschaffenburg sehen darin 79 Prozent der regionalen Unternehmen ein Geschäftsrisiko. „Die sprunghaft gestiegenen Kosten für Energie und Rohstoffe sowie für Vorprodukte treffen somit nicht mehr nur energieintensive und produzierende Unternehmen, sondern die regionale Wirtschaft in ganzer Breite,“ sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Andreas Freundt.

  • Geschäftslage verbessert sich leicht
  • Geschäftserwartungen trüben sich hingegen weiter ein
  • Energie- und Rohstoffpreise größter Sorgentreiber
  • Aufatmen im Tourismussektor
  • Personalpläne weiterhin expansiv ausgerichtet
Trotz immens gestiegener Risikofaktoren sind die Auftragsbücher aber noch gut gefüllt. Die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage verbessert sich sogar etwas, mit einem Anstieg des Lageindikators von 120,2 Punkten zu Jahresbeginn auf nunmehr 125,1 Punkte. Dabei machen sich die Corona-Lockerungen positiv bemerkbar, wobei der besonders betroffene Tourismussektor aktuell Schritt für Schritt zur Normalität zurückkehrt.
„Ob durch gerissene Lieferketten Richtung Asien oder die Folgen des Ukraine-Kriegs in Europa, die Material- und Rohstoffknappheit bleibt auch weiterhin ein schwerwiegendes Problem für die Unternehmen im Baugewerbe, in der Industrie und im Handel. Dies wird sich künftig auch bei den Verbrauchern noch stärker bemerkbar machen,“ so Freundt. Aktuell sehen sich 32 Prozent der Unternehmen gezwungen, die Kostensteigerungen in den nächsten Monaten vollständig an die Kundschaft weiterzugeben, 50 Prozent werden die Steigerungen zumindest teilweise weitergeben.
Die Investitionsbereitschaft geht insgesamt leicht zurück, einen spürbaren Rückgang gab es dabei im Baugewerbe. Darin spiegelt sich auch die Sorge vor der künftigen Wirtschaftsentwicklung wider. Mit Ausnahme des Tourismussektors gehen die Geschäftserwartungen in allen Branchen spürbar zurück. Besonders pessimistisch ist der Ausblick im Handel. Branchenübergreifend halten sich Optimisten und Pessimisten derzeit aber noch die Waage. Jeweils ein Viertel erwartet eine Verbesserung bzw. eine Verschlechterung und die übrigen Umfrageteilnehmer erwarten keine Veränderung.
„Der Arbeitsmarkt hat sich aktuell etwas von den eingetrübten Geschäftserwartungen abgekoppelt. Die Personalpläne bleiben im Branchendurchschnitt weiterhin expansiv ausgerichtet, wobei vor allem die Industrie und das Baugewerbe kräftig Mitarbeiter einstellen wollen. Angesichts des Ukraine-Kriegs ist der Fachkräftemangel als Geschäftsrisiko etwas in den Hintergrund getreten. Die hohe Einstellungsbereitschaft zeigt mit Blick auf die eingetrübten Erwartungen aber auch auf, dass der Fachkräftemangel zu großen Lücken in den Unternehmen geführt hat, die noch immer geschlossen werden müssen,“ so IHK-Konjunkturexperte Andreas Elsner.
Angesichts der vielfältigen und gravierenden Risikofaktoren öffnet sich die Schere zwischen guter Geschäftslage und den von Unsicherheit geprägten Geschäftserwartungen wieder. Der Konjunkturklimaindikator, der sich aus der Beurteilung der aktuellen Lage und den Erwartungen zusammensetzt, fällt leicht von zuletzt 112,3 Punkten auf aktuell 111,8 Punkte. An der Umfrage haben sich 268 Unternehmen unterschiedlichster Wirtschaftszweige und Größenordnungen aus der Region Bayerischer Untermain beteiligt.
„Nach schwierigen Wochen und Monaten kehrt langsam, aber sicher die Normalität zurück. Wir freuen uns, dass sowohl die Privat- als auch Geschäftsreisenden wieder kommen – auch aus dem Ausland – und auch Tagungen wieder sehr gefragt sind. So blicken wir sehr zuversichtlich in die Zukunft, auch wenn mit den stark steigenden Preisen, egal ob Wareneinkauf oder Energiekosten, die nächste Herausforderung wartet.“
Alexandra Schleunung, Geschäftsführerin, Hotel Zeller & Emmas Weinbar, Kahl am Main

Die Geschäftszweie im Detail:

Tourismus

Der Tourismussektor lässt die Corona-Pandemie Schritt für Schritt hinter sich, es setzt ein deutlicher Aufwärtstrend ein. Im Gegensatz zu den übrigen Branchen verbessern sich dabei sowohl die Lage als auch die Geschäftserwartungen. Angesichts des Aufschwungs darf aber nicht vergessen werden, dass die zurückliegenden Einschnitte tief waren. Die Beurteilung der aktuellen Lage bleibt trotz kräftiger Verbesserung im Saldo derzeit noch negativ.  20 Prozent der Umfrageteilnehmer berichten wieder über gute Geschäfte, 43 Prozent sind zufrieden und 37 Prozent sind noch unzufrieden. Eine spürbare Erholung gab es zuletzt bei den Umsätzen mit Tagestouristen und Urlaubsreisenden. Es mehren sich sukzessive aber auch die Stimmen, dass die Geschäftsreisenden allmählich zurückkommen. Der Aufschwung ist auch nötig, denn eine deutliche Mehrheit der Betriebe sieht sich momentan noch nicht aus-reichend ausgelastet. Mit Blick auf die bevorstehende sonnige Jahres-zeit kehrt der Optimismus aber dann doch schwungvoll zurück. 60 Prozent der örtlichen Hotels und Gaststätten, der Reisebüros und Reiseveranstalter sowie der Omnibusunternehmen erwarten für die nächsten Monate eine Verbesserung der Geschäftslage, 28 Prozent keine Veränderung und nur 12 Prozent eine Verschlechterung. Dabei werden insbesondere gestiegene Umsätze mit Urlaubsreisenden sowie Tagestouristen erwartet. Noch etwas vorsichtiger, aber ebenfalls optimistisch bleibt man bei der erwarteten Normalisierung der Nachfrage durch Geschäftsreisende. Der Liquiditätsstatus hat sich wieder verbessert. Besonders der Anteil der Unternehmen, die sich durch mangelnde Liquidität in ihrer Existenz bedroht sehen, ist spürbar zurückgegangen. Dies ist auch ein Zeichen dafür, dass die staatlichen Überbrückungshilfen vielfach bei den Betrieben angekommen sind und Schlimmeres verhindert haben. Die Branche rechnet für die nächsten Monate mit einer konstanten Beschäftigtenanzahl.

„Aktuell ist die Hörnig Gruppe sehr gut ausgelastet. Durch die breite Aufstellung des Unternehmens im Infrastruktur- und Wirtschaftsbau, sehen wir auch die Zukunft als gesichert an. Die Bauwirtschaft kämpft zur Zeit jedoch mit einem Bündel von Problemen, wie steigende Energie- und Materialkosten, Lieferengpässe, entfallene Fördermittel und steigende Zinsen sowie dem andauernden Fachkräftemangel.“
Wolfgang Hörnig, Geschäftsführer, Adam Hörnig Baugesellschaft mbH & Co. KG

Bau

Noch ist das regionale Baugewerbe positiv gestimmt, 58 Prozent bewerten die aktuelle Geschäftslage mit gut und 42 Prozent mit befriedigend. In den vergangenen Monaten waren 65 Prozent der Befragten voll ausgelastet und auch mit Blick auf die nächsten Monate sind die Auftragsbücher noch gut gefüllt. Eine enorme Belastung ergibt sich für die gesamte Branche aber auch durch die massiv gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise. Neben den Preissprüngen stellt sich aber auch nach wie vor die Frage der Verfügbarkeit. Die Hälfte der Betriebe sieht das aktuelle Geschäft durch Material- und Rohstoffknappheit erheblich beeinträchtigt. Im Hinblick auf die Versorgung mit Stahl, der Verfügbarkeit von Dämmstoffen, der Ummantelung von Kabeln und Schaltern oder dem für den Straßenbau wichtigen Bitumen sorgen der Ukraine-Krieg, aber auch die Lockdowns in Asien für große Verunsicherung. Für die Mehrheit der Befragten ist deshalb auch nicht abschätzbar, wann sich die Versorgungslage verbessern könnte. Die Personalpläne sind expansiv ausgerichtet, allerdings bestehen weiterhin große Herausforderungen im Fachkräftemangel. Mit Blick auf die vielfältigen Risiken geht die Investitionsbereitschaft zurück und auch die Erwartungen an die Geschäfte der nächsten Monate trüben sich ein. 15 Prozent erwarten eine Verbesserung, 23 Prozent eine Verschlechterung und die Übrigen keine Veränderung.

Industrie

In der Industrie werden die laufenden Geschäfte gegenüber dem Jahresbeginn etwas besser bewertet. 49 Prozent benoten die aktuelle Geschäftslage mit gut, 41 Prozent mit befriedigend und 10 Prozent mit schlecht. Das Auftragsvolumen aus dem Inland hat kräftig zugelegt, aber auch beim Auftragsvolumen aus dem Ausland werden per Saldo Zuwächse gemeldet. Dementsprechend ist auch die Hälfte der Industrieunternehmen derzeit voll ausgelastet, nur jeder zehnte Umfrageteilnehmer berichtet von einer zu geringen Auslastung. Gut gefüllte Auftragsbücher können aber nicht die immensen Risikofaktoren überdecken. Der massive Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise wird inzwischen von 84 Prozent der regionalen Industrieunternehmen als Geschäftsrisiko gesehen. Für 43 Prozent stellt Material- und Rohstoffknappheit ein erhebliches Problem dar und ein Viertel hat nach wie vor große Probleme mit stockenden Lieferketten. Die Investitionsbereitschaft bleibt dennoch stabil und die Personalpläne sind weiterhin expansiv ausgerichtet. 24 Prozent der Industrieunternehmen planen mit steigenden Beschäftigtenzahlen und nur 3 Prozent mit einer sinkenden Anzahl. Der Blick auf die nächsten Monate lässt die Risikofaktoren aber nicht verschwinden - kommt es zu weiteren Preisexplosionen, verschärfen sich Materialengpässe oder reißen Lieferketten, bleibt die Energieversorgung gesichert? Ein Viertel der Umfrageteilnehmer rechnet mit einer Verbesserung der Geschäftslage, ein Viertel mit einer Verschlechterung und die Übrigen mit keiner Veränderung.

Dienstleistungen

Im Dienstleistungssektor wird die Beurteilung der laufenden Geschäfte auf hohem Niveau etwas zurückgenommen. 50 Prozent benoten die Lage mit gut, 38 Prozent mit befriedigend und 12 Prozent mit schlecht. Die Auslastung verbleibt ebenfalls auf hohem Niveau. Allerdings hat auch der Dienstleistungssektor mit Preissteigerungen bei Rohstoffen zu kämpfen, besonders betroffen ist der Verkehrs- und Transportsektor mit Blick auf die gestiegenen Treibstoffpreise. 29 Prozent der Dienstleister planen derzeit die gestiegenen Kosten vollständig an die Kunden weiterzugeben, 38 Prozent haben dies zumindest teilweise vor. Die Investitionsbereitschaft geht etwas zurück, bei den Investitionsmotiven haben Umweltschutzmaßnahmen und Rationalisierungsvorhaben an Bedeutung gewonnen, hingegen verlieren Produktinnovationen und Kapazitätserweiterungen als Investitionsmotiv derzeit an Bedeutung. Die Personalpläne bleiben per Saldo weiterhin expansiv. Die Geschäftserwartungen trüben sich mit Sicht auf die nächsten Monate aber ein. 19 Prozent erwarten eine Verbesserung, 28 Prozent eine Verschlechterung und die Übrigen keine Veränderung.

Handel

Im Handel prallen gerade zwei Sondereffekte aufeinander. Einerseits führen der Ukraine-Krieg und die Unsicherheit über die künftige Energieversorgung zu einer Verunsicherung der Verbraucher, dies mündet üblicherweise in Konsumzurückhaltung. Andererseits sorgt die zuletzt massiv gestiegene Inflation normalerweise dafür, dass die Konsumenten Anschaffungen tätigen, bevor das zur Verfügung stehende Kapital an Wert verliert. Jeder dieser Effekte würde einzeln betrachtet die Geschäftslage im Handel deutlich verändern. Zusammengenommen heben sich die Auswirkungen aber aktuell weitgehend auf und die Geschäftslage der Händler bleibt per Saldo annähernd konstant. 39 Prozent der Umfrageteilnehmer berichten daher von guten Geschäften, 39 Prozent sind zufrieden und 22 Prozent sehen sich mit einer schlechten Geschäftslage konfrontiert. Mit Blick auf die Zukunft rechnen die Händler aber dann doch damit, dass es zu einer deutlichen Abwärtsbewegung kommen wird. 36 Prozent erwarten eine Verschlechterung der Geschäftslage, 57 keine Veränderung und nur 7 Prozent eine Verbesserung. Die Preisspirale dreht sich auch in den nächsten Monaten weiter, 87 Prozent der Betriebe sehen sich daher zu einer Anhebung der Verkaufspreise gezwungen. Die Investitionsbereitschaft geht etwas zurück, wohingegen die Beschäftigungspläne konstant bleiben.