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Shein oder Sein
Leere Schaufenster, sinkende Umsätze, lebendige Debatten: Die Innenstädte stehen unter Druck. Zwar bleiben sie Anziehungspunkt für viele Menschen – aber der wirtschaftliche Unterbau bröckelt. Warum wir darauf mehr Einfluss haben, als wir glauben, erklärt IHK-Wirtschaftsexperte Fabian Lauer.
Die Innenstädte sind lebendig – noch. Wiesbaden gewann 2024 den Vitality Award: höchste Passantenfrequenz in der Stadtkategorie. Cafés, Gastronomie und Dienstleistungsbetriebe melden stabile bis gute Lagen. Doch während auf den Plätzen Leben herrscht, kämpfen hinter den Schaufenstern viele Händler ums Überleben. Im aktuellen IHK-Konjunkturbericht sendet der Einzelhandel erneut SOS.
Ein Faktor sticht dabei hervor: Online-Handel, der nicht fair spielt. Die Namen sind bekannt: Shein und Temu. Zwei Plattformen, die mit Billigpreisen, Turbo-Luftfracht und steueroptimierten Strukturen Marktanteile in rasantem Tempo verschieben. Shein erzielte 2024 rund 1,1 Mrd. Euro Umsatz, Temu vervierfachte sich auf 3,4 Mrd. Euro – ohne deutsche Gesellschaften, ohne nennenswerte Steuern, aber mit enormer Wirkung auf unsere Innenstädte.
Bis zu 400.000 Pakete aus Drittstaaten erreichen täglich Deutschland – oft gestückelt, um unter der Zollfreigrenze zu bleiben. Deutsche Händler zahlen Zoll und Mehrwertsteuer, Shein und Temu oft nicht. Manche Sendungen sind zudem falsch deklariert – systematisch, nicht versehentlich.
Und das ist nur eine Seite der Medaille: mangelnde Produktsicherheit, fragwürdige Produktionsbedingungen, aggressive Werbung, Umweltbelastung durch Luftfracht. Während Innenstädte um Frequenz und Aufenthaltsqualität ringen, entstehen an Flughäfen neue Terminals – extra für den Paketstrom dieser Anbieter. Für 2-Euro-Tops aus Fernost werden Logistikzentren gebaut, während Innenstadtgeschäfte um Kunden kämpfen. Absurder kann ein System kaum sein.
Viele Händler berichten von Umsatzrückgängen bis 60 Prozent. Sie zahlen Steuern, erfüllen Auflagen, setzen Standards um – während ihre Online-Konkurrenz weder Schaufenster noch Sozialabgaben kennt. Der Wettbewerb ist nicht verzerrt, er ist karikiert.
Während in der EU noch diskutiert wird, haben die USA die Zollfreigrenze längst abgeschafft. Umso stärker fokussieren sich Online-Händler auf Europa. Hier soll lediglich eine pauschale Päckchengebühr von zwei Euro kommen – von Zöllen bleiben Kleinsendungen bis mindestens 2028 befreit.
Wir als IHK haben das Thema mehrfach adressiert – zuletzt mit unserer Resolution Level the playing field. Der Titel sagt alles: gleiche Regeln für alle. Denn bei der Zukunft der Innenstädte geht es nicht um Folklore, sondern um wirtschaftliche Substanz. Innenstädte sind Handelsplätze, Treffpunkte, Identitätsträger, Lebensadern. Wer hier faire Bedingungen schafft, schützt nicht nur Schaufenster – sondern Lebensqualität.
Kommunale Maßnahmen zur Belebung sind wichtig, aber teuer. Ein Federstrich in Brüssel oder Berlin könnte mit geringem Aufwand große Wirkung entfalten: gleiche Abgaben, gleiche Standards, gleiche Verantwortung.
Solange das nicht passiert, bestimmen nicht Qualität, Service oder Kreativität das Spiel – sondern der billigste Klick. Wer Innenstädte stärken will, muss den Wettbewerb fair machen. Manchmal braucht es keine Innenstadtstrategie mit 200 Seiten – sondern nur ein ordentliches Stück Zollrecht.
Auch künftig wirft Wirtschaftsexperte Fabian Lauer in seiner Kolumne einen Blick auf aktuelle Themen aus der Region – und darauf, wo wirtschaftliche Entwicklungen und politisches Handeln zusammenkommen.
Weitere Einschätzungen und aktuelle Themen postet Fabian Lauer auf LinkedIn: linkedin.com/in/fabian-lauer-wiesbaden
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Fabian Lauer
