HESSISCHE WIRTSCHAFT
Nr. 6839540
3 min Lesezeit

Salzi, bist du es?

Mein Arbeitsweg gestaltet sich aktuell so: Start in Niedernhausen, nach knapp 5 Kilometern die erste Baustelle auf der B455, gleich mit Baustellenampel. Zum Glück ist der Bauabschnitt nicht lang und die Verzögerung beträgt meist nur 1 bis 2 Minuten. Allerdings: Bei einer Bauzeit von mindestens 14 Monaten werde ich allein durch das berufliche Pendeln am Ende einen Arbeitstag an dieser Ampel gestanden haben.
Weiter geht es in Richtung Wiesbaden, und zack – Baustelle Nummer zwei: die Kreuzung B455/Bierstadter Höhe. Darf ich hier noch in die Innenstadt abbiegen oder muss ich über Umwege ans Ziel? Und auch der Rückweg überrascht mich nahezu täglich mit neu verengten Fahrspuren und rätselhaft wechselnden Verkehrsführungen.
Kurz vor dem Ziel wartet dann der Endgegner: die Baustelle an der Kreuzung Wilhelmstraße/Friedrichstraße. Hier ist Geschick gefragt, wenn man sich den Weg in den IHK-Innenhof bahnen will. Noch schwieriger: Wie komme ich abends nach Hause, wenn die vorgeschriebenen Fahrtrichtungen in Friedrichstraße, Bahnhofstraße und Rheinstraße mich schnurstracks in die entgegengesetzte Richtung schicken? Auch hier multiplizieren sich die Baustellenmonate und täglichen Staus locker zu einem weiteren verlorenen Arbeitstag.
Geschichten wie diese könnte jeder der täglich 200.000 Pendlerinnen und Pendler in Wiesbaden erzählen. Die Nerven liegen blank wie selten, und mich erinnert die Situation nur allzu sehr an die Sperrung der Salzbachtalbrücke, die uns vor gar nicht allzu langer Zeit zehntausende zusätzliche Fahrzeuge auf den Straßen bescherte.
Natürlich ist niemand ernsthaft gegen Baustellen. Fahrbahnsanierungen, Kanalarbeiten, der Ausbau von Fernwärme – all das muss sein. Aber wie gehen wir damit um, dass gefühlt jede Straße gleichzeitig aufgerissen wird? Ich sehe vor allem drei Punkte, die dringend verbessert werden müssen:
Erstens: Kommunikation ist das A und O. Die Online-Baustellenkarte der Landeshauptstadt zeigt nur eine Auswahl, oft fehlen Angaben zu den Gründen der Sperrungen und zu Umleitungen. Ansprechpartner für Fragen und Anregungen sucht man vergebens. Der Rheingau-Taunus-Kreis hat gar keine Baustellenkarte. Auch die Pressedienste der Kommunen informieren nicht vollständig. Die Folge sind auch regelmäßige Beschwerden von betroffenen Gewerbetreibende. Das muss besser gehen!
Zweitens: Synergieeffekte bei Baumaßnahmen nutzen. Die Mehrheit im Wiesbadener Rathaus hat kürzlich einen Antrag verabschiedet, der genau das fordert. Das lässt allerdings den Rückschluss zu, dass bislang bei Straßenarbeiten, Fernwärme oder
Glasfaserausbau unzureichend koordiniert wurde. Hier ließen sich enorme Effizienzpotenziale heben – zum Vorteil aller
Drittens: Mehr und besseren ÖPNV statt weniger. Studien belegen, dass die Mehrheit der Menschen bereit wäre, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen – sofern er schnell, zuverlässig und gut getaktet ist. Es muss nicht jede Milchkanne angebunden werden, aber die Verbindungen sollten konkurrenzfähig sein. So könnte man auch den PKW-Verkehr und die damit verbundenen Staus reduzieren.
Die Baustellen werden uns noch lange beschäftigen. Eigentlich fände ich es reizvoll, in einer meiner nächsten Kolumnen über den Sinn und Unsinn von Tempo 30 bzw. 40 in der Innenstadt nachzudenken. Aber solange das Baustellenchaos so dominant bleibt, kommt das Thema sowieso nicht zum Tragen.
Fabian Lauer berichtet in seiner Kolumne regelmäßig über aktuelle Themen aus der Wirtschaftsregion Wiesbaden. Aus seiner Zeit im Ruhrgebiet war er
eigentlich der Meinung, ausreichend vertraut zu sein mit maroder Infrastruktur und Dauerbaustellen – doch dann zog er nach Wiesbaden. Kontakt:
f.lauer@wiesbaden.ihk.de Weitere Einschätzungen und aktuelle Themen postet
Fabian Lauer auf LinkedIn: linkedin.com/in/fabian-lauer-wiesbaden