HESSISCHE WIRTSCHAFT
Nr. 6840310
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Die Stadt des ewigen Samstags

„Ein Heft über Fehler“ soll die Ausgabe der Hessischen Wirtschaft dieses Mal sein. IHK-Wirtschaftsexperte Fabian Lauer muss nicht lange überlegen,
welchem Thema er seine Kolumne in dieser Episode widmet.
Wer meine Kolumnen regelmäßig verfolgt, weiß, dass es mich mit meinem Umzug in die Rhein-Main-Region aufs Land verschlagen hat. In Oberjosbach, einem 2.200-Einwohner-Ortsteil von Niedernhausen, erwarte ich keinen perfekten ÖPNV. Dennoch nutze ich ihn regelmäßig zum Pendeln, allein schon, weil Autofahren auch keine ideale Option darstellt.
Das funktioniert bei mir normalerweise so: Die Linie 22 benötigt für die 28 Stopps bis zum Dernschen Gelände 44 Minuten Fahrzeit. Genau die Hälfte der Zeit bewegt sich der Bus leider nur in Niedernhausen. Der Bus dreht seine Schleifen, um möglichst viele Stationen anzubinden. Daher kann ich sogar am Niedernhausener Rathaus aussteigen und nach einem kurzen Spaziergang zum Bahnhof in denselben Bus zur Weiterfahrt nach Wiesbaden
wieder einsteigen. Immerhin: Von diesem freiwilligen „Umsteigen“ abgesehen fährt der Bus durch.
Mit dem Supergau namens „Samstagsfahrplan“ ist meine persönliche Pendel-Routine seit dem 5. September Geschichte. Für mich bedeutet das konkret: In der ohnehin dünnen Taktung entfällt morgens der einzige für mich praktisch nutzbare Bus, zur Rushhour abends käme ich mit 32 Minuten Umsteigezeit in Naurod noch am besten nach Hause. Kurzum: Der ÖPNV ist so keine Option mehr für mich.
Unter dem ewigen Samstag leiden wie ich seit über zwei Monaten
täglich tausende Pendler, Arbeitnehmer, Schüler, Eltern und Unternehmen. Fahrgäste finden kein passendes Angebot mehr, werden schlimmstenfalls stehen gelassen und versuchen auf andere Verkehrsträger auszuweichen.
Trotz kleiner Verbesserungen ist ein Ende des Schreckens derzeit nicht absehbar. 50 Busfahrer fehlen laut ESWE Verkehr täglich für den Regelbetrieb. Auch andere Verkehrsdienstleister beklagen Fahrermangel. Dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen zufolge müssen im ÖPNV bis 2030 rund 74.000 altersbedingt nachbesetzt und 110.000 neue Mitarbeiter gefunden werden.
Dennoch: Die Situation in Wiesbaden ist bundesweit beispiellos. Dazu kommt: Bereits zum 30. Mai wurde in unserer Landeshauptstadt das „meinRad“-Angebot für Leihräder eingestellt. Ein Nachfolgemodell lässt auf sich warten. Seit dem Aus für die City-Bahn vor fast zwei Jahren verharrt die Stadt im Stillstand. Doppelgelenkbusse, mehr Tangentiallinien – von den diskutierten Ansätzen ist derzeit nichts in Sicht. Auch die bis Ende 2022 geplante vollständige Elektrifizierung des ÖPNV wird klar verfehlt.
Um als Region für Einwohner, Besucher und Fachkräfte attraktiv zu bleiben, brauchen wir mehr statt weniger Mobilität. Das 9-Euro-Ticket hat gezeigt, dass
das Interesse an der Nutzung des ÖPNV grundsätzlich groß ist. Natürlich müssen die Rahmenbedingungen dafür stimmen. In Wiesbaden geht die viel geforderte Mobilitätswende derzeit nur in eine Richtung: Rückwärts.
Bei gutem Wetter überwindet Fabian Lauer seine 14 km Pendelstrecke bevorzugt mit dem E-Bike und freut sich dabei über einen Zeitvorteil gegenüber dem
ÖPNV. Privat erkundet der Leiter Wirtschaftspolitik die Region am liebsten zu Fuß.
Kontakt: f.lauer@wiesbaden.ihk.de