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Wenn Zukunft verschwindet – und neu entsteht
Die Zukunft beginnt oft mit einem Zettel im Schaufenster: „Wir schließen.“ So war es im Juni bei der letzten Apotheke in Waldems, zwei Jahre zuvor beim letzten Metzger in Niedernhausen. Und auch viele Gewerbevereine stehen kurz vor der Auflösung. Immer öfter sind es die letzten ihrer Art, die leise verschwinden. Für viele ist das mehr als nur eine geschlossene Tür. Es fühlt sich an wie ein Stück verlorene Heimat. Doch was bedeutet es, wenn Traditionen verschwinden? Geht künftig alles nur noch digital – und mit künstlicher Intelligenz?
Fest steht: Zukunft heißt nicht nur Verlust, sondern auch Veränderung. Besonders sichtbar wird das auf dem Land. Wo früher fünf Metzger im Ort waren, gibt es heute keinen mehr. Stattdessen fünf Apps – fürs Einkaufen, fürs Ehrenamt, fürs Arztgespräch. Der Grund ist nicht nur die sinkende Nachfrage, es fehlen auch Nachfolger und Fachkräfte. Medikamente kommen längst per App, geliefert vom Paketdienst. Vereine ringen mit Nachwuchs. Der Vereinsabend? Wandert in WhatsApp-Gruppen.
Doch Zukunft ist nicht nur das, was verschwindet. Sie ist auch das, was neu entsteht. In Bad Schwalbach, Taunusstein und Idstein – und inzwischen an vielen weiteren Orten im Kreis – stehen Regiomaten. Rund um die Uhr gibt es dort frische Produkte von lokalen Höfen. Produzenten schließen sich zusammen, schaffen digitale Nähe – ohne Ladentür. Eine Nummer größer gehen vollautomatische Mini-Supermärkte wie Teguts „teo“ an den Start: Einkauf rund um die Uhr, Tante Emma 2.0.
Auch die Vermarktung verändert sich – digital. Das Portal „Direkt und Frisch“ bündelt Direktvermarkter aus Wiesbaden und dem Rheingau-Taunus-Kreis. „Made im Rheingau“, eine junge Markeninitiative aus Oestrich-Winkel, verkauft regionale Spezialitäten online wie offline – vom Rotweinsalz bis zum Rosenblüten-Riesling-Senf. Solche Initiativen zeigen, wie digitale Tools vor Ort Wirtschaft, Produktion und Vernetzung verändern.
Und Digitalisierung und KI sind längst nicht mehr nur eine Ergänzung: Telemedizin ersetzt Wege zum Arzt, On-Demand-Busse fahren im Untertaunus, das Landesprogramm „Digitale Dorflinde“ bringt kostenloses WLAN aufs Land. KI hilft bei Logistik, organisiert Ehrenamt, füllt Lücken. Zukunft braucht beides – digitale Intelligenz und menschliche Nähe. Ein virtueller Dorfplatz ersetzt keinen echten Treffpunkt.
Beim Thema Energie liegt das Land klar vorn: Photovoltaik, Windräder und Biomasse liefern weit höhere Anteile erneuerbarer Energien als in den Städten. Wer in Hohenstein, Heidenrod oder Aarbergen durchs Land fährt, sieht, wie Zukunft hier schon Realität ist – auf Dächern, Feldern und Hügeln. Was für die Städte eine Herausforderung bleibt, ist auf dem Land längst Alltag: Strom aus Sonne, Wärme aus Holz, kurze Wege von der Quelle bis zum Verbraucher.
Die letzten Metzger, Apotheken oder Vereinsabende markieren einen Einschnitt. Doch in jeder Lücke steckt Raum für Neues – und gerade unsere Region hat hier Chancen. Mit starken Betrieben, kreativen Tourismusideen, hoher Lebensqualität und einer guten Anbindung an Rhein-Main lässt sich Neues erproben. Zukunft wird nicht nur in den Städten geschrieben, sondern auch zwischen Weinbergen, Wald und Dorfplätzen.
Die Zukunft auf dem Land ist nicht leer, sondern anders gefüllt – zwischen Tradition und Innovation, zwischen Altem und Neuem. Entscheidend ist nur: womit.
Auch in nächster Zukunft berichtet Wirtschaftsexperte Fabian Lauer in seiner Kolumne über aktuelle Themen aus der Region. Für die IHK bleibt er dabei nah an den Entwicklungen, die Menschen und Betriebe im Rheingau-Taunus-Kreis bewegen.
Kontakt: f.lauer@wiesbaden.ihk.de
Weitere Einschätzungen und aktuelle Themen postet Fabian Lauer auf LinkedIn:
linkedin.com/in/fabian-lauer-wiesbaden
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Fabian Lauer
