HESSISCHE WIRTSCHAFT
Nr. 6839640
3 min Lesezeit

Wenn Kultur Ernst machte

Wer sich derzeit mit Kunst und Kultur in unserer Region auseinandersetzt, kommt am neuen Museum Reinhard Ernst nicht vorbei. Doch das „mre“ ist nur das jüngste Highlight in der Reihe kultureller Meilensteine unserer Region.
Ob nun eingefleischter Kunstliebhaber oder – wie IHK-Wirtschafts experte Fabian Lauer – Fan ausgeklügelter Standortpolitik: Hier kommt jeder auf seine Kosten.
Als Volkswirt liegt es in meiner DNA, die Welt durch Zahlen zu verstehen – das klappt selbst bei abstrakter Kunst: Nach fast fünf Jahren Bauzeit eröffnete am 23. Juni 2024 das Museum Reinhard Ernst. Das imposante Gebäude breitet sich über insgesamt 9.700 Quadratmeter aus, von denen 2.500 Quadratmeter als Ausstellungsfläche dienen. Die Baukosten? Rund 80 Millionen Euro. Die Sammlung des Mäzens Reinhard Ernst umfasst fast 2.000 Werke und wird auf mindestens 100 bis 140 Millionen Euro geschätzt. Doch die wirklich interessante Frage ist: Wie kommt das Museum bei den Menschen an?
Die Antwort lässt sich sehen: Bereits im ersten Monat strömten 20.000 Kunstfreunde in den „Zuckerwürfel“, wie ihn einige Wiesbadener liebevoll getauft haben. Allein am Eröffnungstag drängten sich 4.000 Besucher durch die Hallen des Museums. Zugegeben, Besucherzahlen lassen sich nicht eins zu eins in Euros ummünzen – zumal das Ehepaar Ernst dafür gesorgt hat, dass Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sowie Bildungseinrichtungen freien Eintritt genießen.
Es wäre unfair, das mre allein ins Rampenlicht zu stellen, schließlich hat unsere Region eine ganze Palette kultureller Höhepunkte zu bieten: Das Staatstheater Wiesbaden, den Schlachthof, das Rheingau Musik Festival mit traumhaften Spielorten wie dem Kloster Eberbach und Schloss Johannisberg. Und dann wäre da noch der Wein, diese flüssige Kultur im Glas, die besonders auf der Rheingauer Weinwoche ihre Vollendung findet.
Von all diesen kulturellen Trümpfen profitiert natürlich auch die lokale Wirtschaft. Gastronomie, Hotels und Einzelhandel können sich über den Zustrom von Kulturtouristen freuen. Die Brutto-Umsätze aus dem Tourismus in unserer IHK-Region belaufen sich auf über eine Milliarde Euro jährlich. Alles andere als brotlose Kunst: Kultur ist ein absolut ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor!
Aber: Damit Kultur gedeiht und Wirtschaftskraft entfalten kann, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Die „Kulturmeile Wiesbaden“, vom Schlachthof bis zum Kurhaus, ist bis heute nur eine vage Vision. Und dann ist da die Sache mit der Erreichbarkeit – Busse, die weder vor dem Landesmuseum noch vor dem mre halten, sind suboptimal.
Ein Lichtblick ist das neue Partnernetzwerk Tourismus, das gerade intensiv an einer besseren gemeinsamen Vermarktung arbeitet. Passend dazu startet im Herbst eine Kulturkampagne – ein vielversprechender Anfang. Doch ein echter Wermutstropfen bleibt: Der Umgang mit dem Walhalla. Seit 2007 ist das einstige kulturelle Kleinod in städtischer Hand, ohne dass auch nur ein Pinselstrich getan wurde. Immerhin, Mitte 2028 soll das Walhalla in neuem Glanz erstrahlen – wir werden sehen.
Ein Reinhard Ernst, der unserer Stadt ein Museum „schenkt“, ist ein Glücksfall, der nicht oft vorkommt. Umso wichtiger ist es, dass die Kommunen die richtigen Weichen stellen. Bei den anstehenden Haushaltsberatungen der Landeshauptstadt wird sich daher wieder einmal die Frage stellen: „Kunst oder Krempel?“ Ich hoffe, wir entscheiden uns für Ersteres.
Fabian Lauer berichtet in seiner Kolumne regelmäßig über aktuelle Themen aus der Wirtschaftsregion Wiesbaden.
In der 4. Klasse erhielt der gebürtige Franke die Note 1 im Fach Kunst – für „vorbildliches Stricken“. Es sollte die einzige in dieser Disziplin bleiben.
Kontakt: f.lauer@wiesbaden.ihk.de
Weitere Einschätzungen und aktuelle Themen postet Fabian Lauer auf LinkedIn:
linkedin.com/in/fabian-lauer-wiesbaden