HESSISCHE WIRTSCHAFT
Nr. 6840288
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Das Nahe liegt so fern

Unsere wunderschöne Region ist voller Leben und Bewegung. Aber Bewegung kann eine Herausforderung sein, insbesondere wenn es um den hiesigen ÖPNV geht. Der neue Nahverkehrsplan (NVP) für Wiesbaden und den Rheingau-Taunus-Kreis soll spürbare Verbesserungen bringen. Zeit, einen ersten Blick darauf zu werfen.
Dass mir beim aktuellen Thema unseres Magazins – Kreativität – der neue Nahverkehrsplan in den Sinn kommt, mag durchaus verwundern. Denn ein Nahverkehrsplan ist ein formelles Planwerk, das bestimmten gesetzlichen Anforderungen folgt und – nicht unbedingt kreativitätsverdächtig – eine Analyse des ISTZustands sowie einen Abgleich mit den formulierten Zielen beinhaltet.
Ein näherer Blick auf den Prozess fördert jedoch einiges an Kreativität zutage. So wird der Plan gemeinsam für die Landeshauptstadt Wiesbaden und den Rheingau- Taunus-Kreis aufgestellt. Interkommunale Zusammenarbeit ist immer noch kein Selbstläufer, daher: Daumen hoch, eine gemeinsame Planung ist der richtige Ansatz. Anders als in der Vergangenheit besteht bei der aktuellen Neuaufstellung zudem das Ziel, das vorhandene Liniennetz „umfangreich in Frage zu stellen“ und umzustrukturieren. Und das wiederum soll „nutzerzentriert“ geschehen. Man will also diejenigen fragen, die es betrifft. Für mich klingt das nach Mut zu Kreativität: In den Prozessen, den Zielen und den Wegen dorthin.
Das ist gut so und zeigt auch bereits erste Früchte. Bei der sechswöchigen Onlinebeteiligung wurden mehr als 1.500 Vorschläge, fast 1.200 Kommentare und rund 9.400 Bewertungen eingereicht. Dass so viele Menschen sich beteiligen, zeigt, wie sehr in unserer Region beim Thema Mobilität der Schuh drückt. Liest man die Beiträge, stößt man nur in den seltensten Fällen auf bissige Kommentare oder auf Spott und Häme z. B. mit Blick auf den unseligen Samstagsfahrplan, der seit September letzten Jahres die Pendler:innen gewaltig nervt (siehe Lauers Blick 04/2022).
Stattdessen überwiegen ganz klar konstruktive Vorschläge, insbesondere zu Linienführung, Taktung und der Optimierung von Haltestellen. Doch dabei
bleibt es nicht. Manche warten mit sehr konkreten (und kreativen!) Vorschlägen und Konzepten auf, etwa zur Reaktivierung und Einbindung der Aartalbahn, zur besseren Anbindung der Vororte inklusive des Einsatzes von Tangentiallinien und On-Demand-Shuttles oder zur multimodalen Integration von ausleihbaren Fahrrädern und E-Scootern in einer App.
Auch die Unternehmen der Region haben sich zu Wort gemeldet: Bei einer Unternehmensbefragung der IHK zum Nahverkehrsplan haben sie an erster Stelle mehr Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sowie eine bessere Anbindung der Gewerbegebiete gefordert. Die Ergebnisse unserer umfangreichen Befragung durfte ich im Rahmen eines Experteninterviews bereits in den Prozess einfließen lassen. Die IHK ist auch zukünftig eingebunden.
Was sich am Ende wiederfindet und welche Verbesserungen tatsächlich eintreten, bleibt natürlich abzuwarten. Die Qualität und Vielfalt der Einreichungen
machen aber auf jeden Fall Hoffnung. Bis dahin bleibt in unserer Region ein funktionierender Nahverkehr leider weiterhin ein ferner Traum.
Als Leiter für den Bereich Wirtschaftspolitik wirft Fabian Lauer einen Blick auf das, was die Region bewegt. Bei stabilem Wetter greift der gebürtige Franke für seinen Arbeitsweg von Niedernhausen nach Wiesbaden gern aufs E-Bike zurück.
Kontakt: f.lauer@wiesbaden.ihk.de