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Es gibt Momente, in denen man beim Betreten eines Raumes spürt, dass hier jemand etwas anders macht als üblich. Nicht lauter, nicht spektakulärer, sondern menschlicher. Genau das ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn man die Tür eines der Tagestreffs von Marie Winter öffnet: Kaffee, Stimmen, Leben, keine Schwere, keine Distanz.
Dabei hätte alles auch anders kommen können. Winter ist gelernte Altenpflegerin. Ursprünglich wollte sie „ins Handwerk“, doch dann stolperte sie über ein soziales Jahr in ihren eigentlichen Beruf. Die Gründung ihres Unternehmens war weniger ein Masterplan als eine Konsequenz aus Beobachtung, aus Unzufriedenheit, aus dem Wunsch zu gestalten. „Unternehmerin zu sein bedeutet für mich, gestalten zu können – und diesen Freiraum zu nutzen“, erklärt sie. Und das tut sie: Im eigenen Unternehmen und als Teil der IHK-Vollversammlung auch darüber hinaus.
Ein Ort, an dem man leben kann
Vor zehn Jahren begann Winter im oberschwäbischen Birkenhard mit einer Idee, die so schlicht wie radikal war: Sie wollte eine Seniorentagespflege schaffen, die sich nicht wie ein Wartesaal fürs Altern anfühlt. Heute führt sie vier Tagestreffs im Landkreis Biberach und zeigt, dass die Pflege ein Wirtschaftsfeld ist, in dem Unternehmertum nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich relevant wird. Ihre Einrichtungen sind Orte, die auch spontan betreten werden dürfen. „Bei uns kannst du morgens reinkommen, die Tür aufmachen, kriegst einen Kaffee und bist mittendrin“, sagt sie. „Ich wollte einen Ort schaffen, an dem nicht nur gepflegt wird, sondern an dem man leben kann – trotz Alter, trotz Demenz, trotz Einschränkungen. Ein Ort, der nicht trennt, sondern verbindet.“
Ihre Geschichte beginnt also nicht mit einer großen Vision, sondern mit einem Gefühl: Es geht auch anders. Eine Tagespflege, die Menschen ankommen lässt; ein Raum, der Wärme ausstrahlt; ein Team, das weiß, was es gut kann, und das auch lebt. Wer Marie Winter reden hört, versteht schnell: Unternehmertum ist für sie kein Status, es ist eine Form von Verantwortung, ein Versprechen. „Es ist ein Tausch: Arbeitsentgelt gegen Lebenszeit“, sagt sie und fügt hinzu: „Und ich möchte verantwortungsvoll damit umgehen.“ Das gilt für ihre Gäste und für ihr Team.
Veränderung leben, Begegnungen ermöglichen
Zwar sind Winters Tage inzwischen „sehr PC-lastig“, doch Erfüllung entsteht immer dort, wo Begegnung möglich ist: im Austausch mit Gästen, in der Entwicklung neuer Formate oder dem Aufbrechen alter Muster. Kreativität im Dienst eines besseren Alltags ist für sie kein Bonus, sondern der Kern ihres Geschäftsmodells. „Ich liebe es, eine Idee weiterzuspinnen und im Team zu überlegen, wie wir sie umsetzen können.“
Marie Winter spricht viel von Begegnung, von Flow und von dem Moment, in dem jemand aufblüht, weil er seine Stärken einsetzen kann. Deshalb sucht sie immer wieder den Weg in die Einrichtungen. Dort, wo Menschen sich anschauen. Und dieser Anspruch endet nicht an der Gebäudetür: Die Tagestreffs kooperieren mit Kindergärten, Schulen und Vereinen. Projekte wie „Unter 7 über 70” zeigen, wie generationenübergreifende Begegnung funktionieren kann. Während bei dem Projekt Kinder alte Kinderfotos den Seniorinnen und Senioren zuordnen, verschwinden Hemmungen und die Neugier wächst. Genau das ist für Winter gesellschaftliche Verantwortung: Räume zu schaffen, in denen Verständnis entsteht.
Zeigen und fördern – ganz offen und ehrlich
Vielleicht ist das der Grund, warum sich Winter immer mehr für Mädchen und junge Frauen engagiert. Beim Girls’Day erarbeitet sie mit Schülerinnen eigene Geschäftsideen. Logo, Modell, Planung – mit Unterstützung durch KI, die für diese Generation selbstverständlich ist. Winter sieht in diesen Tagen mehr als nur Berufsorientierung. Sie sieht Erkenntnis: „Am Anfang konnten sie sich nicht vorstellen, Unternehmerin zu werden. Am Abend sagten einige: Eigentlich ganz cool.“ Eine Mutter berichtete, ihre Tochter sei „euphorisch“ nach Hause gekommen und habe erstmals verstanden, dass der Beruf der Unternehmerin eine echte Option ist. Für Winter ist das ein Schlüssel: Unternehmertum als greifbaren Beruf sichtbar machen.
Vorleben, was wichtig ist
Marie Winter kennt die damit verbundenen Unsicherheiten nur zu gut: fehlende Netzwerke, mangelnde Vorbilder und das Misstrauen gegenüber der eigenen Entscheidungskraft. „Viele Frauen glauben, sie müssten alles vorher durchdacht haben. Männer machen einfach mal“, sagt sie trocken. Sie weiß: Unternehmertum braucht Vorbilder, aber keine unantastbaren. Sondern solche, die sagen: „Ich wusste es auch nicht. Ich habe mich auch gefürchtet. Und ich bin trotzdem losgegangen.“ Und ja, Winter genießt diese Arbeit. „Es ist eigentlich ein egoistisches Motiv“, sagt sie lachend. „Ich fühle mich besser dadurch“ – Engagement als Energieressource.
„Unternehmertum braucht Vorbilder, aber keine unantastbaren."
– Marie Winter, Geschäftsführerin Tagestreff Winter
Dass Winter all das so selbstverständlich lebt – entscheiden, gestalten, zweifeln, neu denken – liegt vermutlich an ihrer Großmutter. Eine Frau, die flüchtete, neu anfing und Rektorin wurde. Eine Frau, die Werte lebte, statt über sie zu sprechen. Winter sagt, sie habe ihr Leben geprägt, „ohne dass man das als Jugendliche so bewusst merkt“. Es ist möglicher
weise diese Mischung aus Erfahrung und leiser Kraft, die Winter antreibt. Sie will Hürden abbauen – vor allem die im Kopf. Und sie will Normalität schaffen: für Mädchen, die Chefinnen werden wollen, für Senioren, die Teil einer Gemeinschaft bleiben möchten, für Teams, die in ihrer Arbeit aufgehen dürfen.
Ob in der Pflege, der Teamführung, der Bildung oder dem Engagement, bei Winter beginnt alles mit der Frage: Was braucht der Mensch? Und was braucht er, um aufzublühen? Vielleicht ist genau das die Besonderheit ihrer Arbeit: Sie verbindet Wirtschaftlichkeit mit einer Form des Humanismus, die nicht romantisiert, sondern praktisch ist. Pflege wird bei Winter nicht zum Geschäftsmodell, sondern zum Gestaltungsfeld.
Es gibt Momente, in denen man beim Betreten eines Raumes spürt, dass hier jemand etwas anders macht als üblich. Nicht lauter, nicht spektakulärer, sondern menschlicher. Genau das ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn man die Tür eines der Tagestreffs von Marie Winter öffnet: Kaffee, Stimmen, Leben, keine Schwere, keine Distanz.
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